Was ist Noir?

(c) Distel Literaturverlag

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Es ist mal wieder Zeit, ein wenig über das Krimigenre nachzudenken, genauer gesagt über den Roman noir. Was versteht man darunter überhaupt? Veranlasst hat mich dazu das Nachwort von Gunter Blank im Kriminalroman “Galveston” von Nic Pizzolatto. Blank erzählt darin “eine kurze Geschichte des Noir”:

Das Schöne an einer Noir-Reihe ist, dass vieles in ihr Platz findet, denn eigentlich gibt es das Genre – so zumindest der renommierte Film-Theoretiker Steve Neale – überhaupt nicht. Niemand habe es je definieren, geschweige denn einen präzisen Kanon erstellen können.

Das ist natürlich wenig hilfreich. Kurz darauf zitiert Blank aber den französischen Kritiker Nino Frank, der nach dem Zweiten Weltkrieg Blank zufolge den Begriff Noir geprägt hat. Frank zählte demnach die Zurückweisung “sentimentalen Humanismus, sozialer Phantasterei und die Dynamik des gewaltsamen Todes” zu den Hauptmerkmalen des Noir.

“I specifically reject the private eye story as a form of noir”

Das ist zwar schon einmal ein Anfang, kann aber noch immer sehr viel beinhalten. Nach kurzer Recherche stieß ich dann aber zum Glück auf Alf Mayers Text zum Buch “Film Noir. 100 All-Time Favorites” auf crimemag. Er zitiert den Verleger Otto Penzler, der sich mit einer Definition ebenfalls schwertut – meiner Meinung nach das Genre aber ganz gut eingrenzt:

„Like art, love, and pornography, noir is hard to define, but you know it when you see it. Noir stories are bleak, existential, alienated, pessimistic tales about losers-people who are so morally challenged that they cannot help but bring about their own ruin.“

Spannend ist dabei, dass Penzler laut Mayer eine klare Linie zum Privatdetektiv zieht:

„I specifically reject the private eye story as a form of noir because the two subgenres of crime fiction could not be more diametrically opposed from a philosophical point of view. The characters, especially the protagonists, in noir fiction are fatally flawed by their greed, lust, or jealousy. They are so egotistical that they will do anything at all to get the money or the girl or the revenge they seek, eschewing honor, decency and legality in their blind quest for their selfish goal. (…) In the private detective story, the central figure is a hero who will go to extreme lengths to see justice done, to protect his client, or to simply do his job. Characters in noir fiction have no idea what is right and what is wrong. Private eyes always do.”

Sind die Privatdetektive doch noir?

Demnach haben Chandler und Hammett also keine Noir-Romane geschrieben. Der Franzose Jean-Patrick Manchette sieht das in seinen “Essays zu Roman noir” allerdings wieder anders. Für ihn sind die beiden die Gründerväter des Roman noir. “Der Privatdetektiv ist der große moralische Held jener Zeit”, so Manchette:

Der Privatdetektiv ist verbittert und langmütig und ziemlich verzweifelt, weil ein Scheißchaos herrscht und er wohl sieht, dass er ihm alleine nicht beikommt; und außerdem weil das Leben in der Scheiße und im Blut und der Kampf gegen die Widerlinge ihn verändert, es macht ihn unsensibel und hart, was auch eine Form der Niederlage ist.

Manchette ist der Meinung, dass  ein guter Roman noir “ein gesellschaftskritischer Roman” ist, “der zwar Geschichten von Verbrechen erzählt, der aber zugleich versucht, die Gesellschaft an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit abzubilden.”

Ich weiß, das alles ist jetzt ein bisschen viel und vor allem widersprüchlich, dadurch gleichzeitig aber auch immens spannend. Wie man sieht ist es also gar nicht so einfach, Noir zu definieren. Allerdings ist das meiner Meinung nach auch gar nicht so wichtig. Aber darüber nachzudenken, tut gut.

Zum Schluss will ich ein paar Namen aufzählen, die mir spontan einfallen: Nathan Larson, Jim Nisbet, Rick deMarinis, Nic Pizzolatto, James Sallis, Daniel Woodrell, Patricia Melo und Donald Ray Pollock. Diese Namen stehen für Noir und sie stehen für Qualität.

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7 Comments

Filed under Krim(i)skrams

7 responses to “Was ist Noir?

  1. Philipp Elph

    ita est!

  2. gracchus

    Nach diesem zweiten Zitat von Penzler dürften 99% der Noir Romane keine Noir Romane seinen. Alles ist hoffnungslos, düster und alle sind Fieslinge und es gibt nie ein Happy End. Das ist aber nicht die praktische Tatsache der meisten Noir Romane. Sie haben Rick deMarinis erwähnt. In einem seiner Noir Romane “Kaputt in El Paso” ist der Held eine Verlierer Type aber durchaus sympathisch. Letzendlich verliert er zwar alles was er hat, aber rettet sein Leben, bringt einen seiner Gegner um und kann bei einem Freund und seiner Frau Unterschlupf finden und einen Neuanfang machen. Dieser Roman schildert die kaputte Realität an der Grenze Mexikos, zeigt die Leute so wie sie sind, also oft die dummen, kalten, berechnenden und verzweifelten Seiten, man spürt aber auch positive Noten. Ich stimme eher mit dem Zitat von Manchette überein. Schade finde ich, das es kaum ein Verlag wagt seinen Büchern die Stempel Noir und Hardboiled (Schwarze Serie) aufzudrücken.

    • Ja, Noir hat es tatsächlich ziemlich schwer – vor allem seit die Schwarzer Serie bei Dumont ein rasches und unrühmliches Ende fand. Bisher kämpfte da Pulp Masters (Rick deMarinis) fast allein um Leser. Ich sehe aber Hoffnung: Der Polar-Verlag und auch Metrolit (“Galveston”) dürften versuchen, künftig vermehrt Noir-Romane zu publizieren.

  3. Pingback: In Bewegung bleiben | Kaffeehaussitzer

  4. Bei den Noir-Verlagen darf zudem Ariadne nicht fehlen, die mit Dominique Manotti eine der großen Noir-Autorinnen im Programm hat. Oder der Distel Verlag, der mit seiner Série Noire durchaus Noir deutlich auf die Bücher schreibt. Es sind eben nur nicht die großen Verlagshäuser.

  5. gracchus

    Ich lese vorrangig ebooks ohne harten Kopierschutz. Distel hat nur Papierbücher, aber Ariadne hat ebooks ohne harten Kopierschutz im Programm. Danke für den Tipp.

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