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Stephen Greenall: Winter Traffic

(c) Suhrkamp

Stephen Greenalls “Winter Traffic” ist definitiv der außergewöhnlichste Kriminalroman des Jahres 2021. Ich weiß, das ist eine gewagte Behauptung, wir haben ja gerade einmal Anfang April – aber schon allein die leidenschaftliche Kontroverse um dieses Buch zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Culturmag-Autor Alf Mayer sucht ihresgleichen. Während FAZ-Autor Kai Spanke an “Winter Traffic” und dem “Möchtegernpoeten” Greenall kein gutes Haar lässt, verteidigt Mayer den australischen Autor in einer wütenden Replik. Mayer nennt Spanke einen “empörten Spießer”. Ein Krimi rund um einen Krimi also.

Nachdem ich kurz zuvor bereits Mayers exzellentes Interview mit Greenall gelesen hatte, war mein Interesse also endgültig geweckt. Und eines vorweg – Mayer schreibt ganz richtig: “This is not your normal Kriminalroman”. Man kann überhaupt darüber diskutieren, was “Winter Traffic” eigentlich ist. Ein Thriller, so wie es auf dem Cover steht? Oder doch ein klassischer Kriminalroman? Gar hohe Literatur (Fans griechischer Mythologie werden mit diesem Buch eine wahre Freude haben)?

Das Etikett “Thriller” tut dem Buch jedenfalls nicht gut. Da erwartet man sich dann doch etwas anderes. Einen Pageturner. Das ist “Winter Traffic” nicht. Es ist vielmehr ein kriminalliterarisches Vexierspiel im besten Sinne. Es ist ein Gedulds- und Verwirrspiel, eine Scharade folgt auf die andere. Gerade zu Beginn weiß man nicht, wohin diese Reise geht. Wird hier nach vorn oder rückwärts erzählt? Die Kapitel jedenfalls zählen wie ein Countdown nach unten (und sogar darüber hinaus). So gesehen könnte man dieses Buch durchaus auch als eine moderne, raue, verwegene Art Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie sehen.

Einer Illusion sollte man sich nicht hingeben: dass man alles verstehen wird. Übersetzerin Conny Lösch hat es Mayer gegenüber folgendermaßen ausgedrückt: “Du, ich hab auch nicht alles verstanden. Mit jedem Durchgehen erschließt sich mir mehr, aber es wird immer Reste geben. Schattenzonen. Es muss sich nicht immer alles in Wohlgefallen auflösen. In der Literatur gibt es kein Recht dazu.” Das ist ein Punkt, der mir gut gefällt. Ich selbst liebe es, von guten Autoren eine schlüssige Geschichte erzählt zu bekommen. Ich ziehe das immer noch vor, denn auch das ist große Kunst: mit klarer Sprache zu erzählen. Aber: Ich muss nicht immer alles verstehen. Das ist eine Erkenntnis, die ich nach der Lektüre von “Winter Traffic” mitnehme.

Und ja, die Lektüre war zwischendurch echt anstrengend. Das ist kein Buch zum fröhlichen Aufschnupfen, das ist mitunter echte Lesearbeit. Aber es war sie wert. Man muss sich allerdings darauf einlassen, sonst sollte man es lieber sein lassen. Da war auch Frustration dabei: Bin ich echt so daneben, dass ich keine Ahnung habe, wo das nun hinführt? Aus wessen Sicht wird da gerade erzählt? Lese ich hier wirklich aus der Sicht eines Hundes? Und was zum Teufel ist ein Inkrementaler?

Somit wäre “Winter Traffic” wohl das perfekte Buch für die Frage: “Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?”. Denn wie oft man dieses Werk wohl lesen mag, man würde immer wieder neue Dinge entdecken. Würde vermeintliches Wissen wieder über den Haufen werfen, weil doch alles anders ist.

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, eine Inhaltsangabe zu versuchen. Die Geschichte spielt in Sydney im Jahr 1994. Im Zentrum der Handlung stehen zwei vom Leben gebeutelte Männer: Der korrupte Polizist Rawson und sein Kumpel Sutton, der Verbrecher. Und dann wäre da noch Karen Millar. Aber welche Rolle spielt diese aufstrebende Polizistin eigentlich? Hatte sie nun mal etwas mit Rawson oder nicht? Will sie Rawson, den alten Haudegen in Uniform, nun zu Fall bringen oder steht sie doch auf seiner Seite?

Teilweise fühlt man sich so, als würde man ständig alle Möglichkeiten der Geschichte abwägen. Man sucht als Leser immerfort nach gültigen Bedeutungen des soeben Gelesenen. Es ist fast so, als würden die Figuren ständig vor Wegkreuzungen stehen und alles wäre offen. Gehe ich nach links oder rechts oder doch geradeaus? Greenall führt mit seinem Text vor Augen, dass es so etwas wie “die eine Wahrheit” nicht gibt. Diese liegt im Auge des Betrachters.

Man könnte “Winter Traffic” auch als eine nette Zitatesammlung für alle mögliche Gelegenheiten verstehen. Hier nur zwei Beispiele:

“Überall befindet sich ein Tatort, man muss nur weit genug in der Zeit zurückgehen.”

“Menschen müssen sich gegenseitig Etiketten aufkleben, sich gegenseitig auf eine Art Essenz einkochen. Aber du hast die Vorstellung immer gehasst, auf den ersten Blick durchschaubar zu sein.”

Puuh, ich merke, ich könnte endlos weiterschreiben. So gesehen hat der Australier irgendwas wohl verdammt richtig gemacht. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich vor einigen Jahren nichts mit diesem Buch hätte anfangen können. Jetzt aber hat es mir wirklich Spaß gemacht. Wer Krimi sehr eng definiert (also: am Ende steht die Lösung des Falls), sollte wohl tunlichst die Finger davon lassen. Greenall zeigt jedenfalls, wozu gute Kriminalliteratur fähig ist.

Die übliche Punkte-Bewertung unterlasse ich diesmal bewusst. Dieses Buch entzieht sich jeder Art von Kategorie.

Stephen Greenall: “Winter Traffic”, übersetzt von Conny Lösch, Suhrkamp Verlag, 493 Seiten.

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Zurück zu meinen Suspense-Wurzeln (I): Stephen Hunter

(c) Festa

(c) Festa

Alf Mayers Beiträge im crimemag sind meist absolute Highlights. Der vielwissende Mayer schreibt über Spannungsliteratur in einer Art und Weise, die mir das Wasser im Mund zusammenrinnen lässt. Er widmet sich da schon mal Phänomenen wie der Kulturgeschichte des Scharfschützen (begonnen hatte er mit einer dreiteiligen Serie über den politisch unkorrekten Thrillerautor Stephen Hunter – Teil 1, Teil 2, Teil 3 – aus der dann acht Teile wurden) oder der Militarisierung der amerikanischen Polizei (hier). Wo kann man so etwas sonst noch lesen? Er ordnet ein und erklärt Zusammenhänge. Kriminalliteratur ist bei Mayer kein singuläres Phänomen, das man wie üblich von Neuerscheinung zu Neuerscheinung beschreibt, sondern eine kleine Wissenschaft mit eigener Geschichte.

Und Mayer führt mich, wie ich zunehmend verwundert feststellen muss, immer wieder zu meinen eigenen Suspense-Fiction-Wurzeln zurück. Mit Stephen Hunter begann ich vor vielen Jahren Thriller auch regelmäßig im Original zu lesen. Ohne Hunter hätte ich also wohl auch Don Winslows “Power of the Dog” nie im Original gelesen – und das wäre im Bereich der Spannungsliteratur fast so wie nach Amerika zu reisen und New York nicht gesehen zu haben. Hierzulande ist Hunter eigentlich nur wegen einem Buch bekannt: “Im Fadenkreuz der Angst” (im Original “Point of Impact”), besser bekannt als Vorlage des Hollywood-Films “Shooter” mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle des Scharfschützen Bob Lee Swagger. “Lange vor Lee Child und dessen Jack Reacher hat er den knarzigen, aus der Zeit gefallenen Ex-Soldaten und Niemals-Zivilisten als Thriller-Protagonisten etabliert”, schreibt Mayer dazu. Dieses Buch habe ich ebenso wie das blutgetränkte White-Trash-Drama “Die Gejagten” auf Deutsch gelesen.

Im Original gelesen habe ich hingegen das 2.Weltkriegs-Scharfschützendrama “The Master Sniper”, “The Second Saladin” sowie den Bob-Lee-Swagger-Thriller “Black Light” (im Dezember ist das Buch unter dem Titel “Nachtsicht” im Festa-Verlag auf Deutsch erschienen). Bob Lee Swagger spielt in einigen der wichtigsten Hunter-Romane die Hauptrolle, in anderen wiederum dessen Vater Earl, der selbst Scharfschütze war. Wer sich jetzt wundert: Ja, die Swaggers sind „natural-born people oft he gun“, wie es im Bob-Lee-Swagger-Roman “I, sniper” heißt. Und ja: Stephen Hunter ist ein absoluter Waffennarr, der das Recht auf Tragen von Waffen vehement verteidigt. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Wer Amerika besser verstehen will, sollte unbedingt einen dieser präzisen und waffenstrotzenden Hunter-Thriller lesen.

Zumal sie nicht einfach nur hirnlose Waffenorgien-Phantasien sind. Hunter ist laut Mayer “ein Master des Pulp, des keinen Blutspritzer scheuenden Thrillers. Keine Dumpfbacke, kein Flachschreiber a la Clancy oder (inzwischen) Forsyth, von Brad Thor, Dale Brown und unzähligen Holzschnitzern mehr zu schweigen, sondern ein Autor intelligenter, komplexer, moralisch fordernder (morally challenged, könnte man sagen) und begeisternder Spannungsliteratur feinster Sorte.”

Jetzt ist dieser Text zu Stephen Hunter umfassender geworden als gedacht. Denn eigentlich wollte ich über einen ganz anderen Autor schreiben, dem sich Mayer gewidmet hat und der in meiner Suspense-Leser-Werdung eine vielleicht noch wichtigere Rolle spielt: Gerald Seymour. Dazu in Kürze mehr.

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Was ist Noir?

(c) Distel Literaturverlag

(c) Distel Literaturverlag

Es ist mal wieder Zeit, ein wenig über das Krimigenre nachzudenken, genauer gesagt über den Roman noir. Was versteht man darunter überhaupt? Veranlasst hat mich dazu das Nachwort von Gunter Blank im Kriminalroman “Galveston” von Nic Pizzolatto. Blank erzählt darin “eine kurze Geschichte des Noir”:

Das Schöne an einer Noir-Reihe ist, dass vieles in ihr Platz findet, denn eigentlich gibt es das Genre – so zumindest der renommierte Film-Theoretiker Steve Neale – überhaupt nicht. Niemand habe es je definieren, geschweige denn einen präzisen Kanon erstellen können.

Das ist natürlich wenig hilfreich. Kurz darauf zitiert Blank aber den französischen Kritiker Nino Frank, der nach dem Zweiten Weltkrieg Blank zufolge den Begriff Noir geprägt hat. Frank zählte demnach die Zurückweisung “sentimentalen Humanismus, sozialer Phantasterei und die Dynamik des gewaltsamen Todes” zu den Hauptmerkmalen des Noir.

“I specifically reject the private eye story as a form of noir”

Das ist zwar schon einmal ein Anfang, kann aber noch immer sehr viel beinhalten. Nach kurzer Recherche stieß ich dann aber zum Glück auf Alf Mayers Text zum Buch “Film Noir. 100 All-Time Favorites” auf crimemag. Er zitiert den Verleger Otto Penzler, der sich mit einer Definition ebenfalls schwertut – meiner Meinung nach das Genre aber ganz gut eingrenzt:

„Like art, love, and pornography, noir is hard to define, but you know it when you see it. Noir stories are bleak, existential, alienated, pessimistic tales about losers-people who are so morally challenged that they cannot help but bring about their own ruin.“

Spannend ist dabei, dass Penzler laut Mayer eine klare Linie zum Privatdetektiv zieht:

„I specifically reject the private eye story as a form of noir because the two subgenres of crime fiction could not be more diametrically opposed from a philosophical point of view. The characters, especially the protagonists, in noir fiction are fatally flawed by their greed, lust, or jealousy. They are so egotistical that they will do anything at all to get the money or the girl or the revenge they seek, eschewing honor, decency and legality in their blind quest for their selfish goal. (…) In the private detective story, the central figure is a hero who will go to extreme lengths to see justice done, to protect his client, or to simply do his job. Characters in noir fiction have no idea what is right and what is wrong. Private eyes always do.”

Sind die Privatdetektive doch noir?

Demnach haben Chandler und Hammett also keine Noir-Romane geschrieben. Der Franzose Jean-Patrick Manchette sieht das in seinen “Essays zu Roman noir” allerdings wieder anders. Für ihn sind die beiden die Gründerväter des Roman noir. “Der Privatdetektiv ist der große moralische Held jener Zeit”, so Manchette:

Der Privatdetektiv ist verbittert und langmütig und ziemlich verzweifelt, weil ein Scheißchaos herrscht und er wohl sieht, dass er ihm alleine nicht beikommt; und außerdem weil das Leben in der Scheiße und im Blut und der Kampf gegen die Widerlinge ihn verändert, es macht ihn unsensibel und hart, was auch eine Form der Niederlage ist.

Manchette ist der Meinung, dass  ein guter Roman noir “ein gesellschaftskritischer Roman” ist, “der zwar Geschichten von Verbrechen erzählt, der aber zugleich versucht, die Gesellschaft an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit abzubilden.”

Ich weiß, das alles ist jetzt ein bisschen viel und vor allem widersprüchlich, dadurch gleichzeitig aber auch immens spannend. Wie man sieht ist es also gar nicht so einfach, Noir zu definieren. Allerdings ist das meiner Meinung nach auch gar nicht so wichtig. Aber darüber nachzudenken, tut gut.

Zum Schluss will ich ein paar Namen aufzählen, die mir spontan einfallen: Nathan Larson, Jim Nisbet, Rick deMarinis, Nic Pizzolatto, James Sallis, Daniel Woodrell, Patricia Melo und Donald Ray Pollock. Diese Namen stehen für Noir und sie stehen für Qualität.

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