Jérôme Leroy: Der Block

(c) Nautilus

“Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden”. Mit diesem Satz beginnt und schließt Jérôme Leroys aufwühlender Kriminalroman “Der Block”. Naja, Kriminalroman ist das zwar eigentlich keiner, auch wenn es explizit am Cover steht. Es ist ein sehr spannender politischer Roman, der im Original bereits 2011 geschrieben wurde, aber aktueller als je zuvor ist. Krimi-Handlung hat er allerdings nur mit sehr viel Phantasie. Egal, es ist ein wichtiges Buch.

Der erste Satz ist auch ein Statement. Denn der Autor verweigert sich einfachen Antworten. “Die klassischen, antifaschistischen Denkmuster allein genügen nicht mehr, um ein Phänomen zu verstehen, dass auf dem gesamten europäischen Kontinent ein solches Ausmaß angenommen hat”, schreibt er dazu im Nachwort.

Worum es geht? Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand. Egal, bei welchem TV-Sender man zu den Nachrichten zappt, immer ist da dieser rote Balken oder ein schwarzes Rechteck, in dem eine Zahl steht: “756” – diesmal sind es nicht mehr nur abgefackelte Autos wie noch vor einigen Jahren, die da gezählt werden. Nein, es ist ein Leichenzähler. “Der Erste, der sich entschieden hat, diesen Zähler einzublenden, hat damit zugleich, ob er sich dessen nun bewusst war oder nicht, gesagt: Es ist soweit, dieses Mal ist es wie im Krieg, ein schleichender Krieg, aber ein Krieg.”

“Verpixelte” Version der Realität

Es ist zugleich die Stunde des fiktiven rechtsradikalen Bloc Patriotique. Der Block verhandelt der in Bedrängnis geratenen Regierung über Ministerien. Zehn sollen es werden. Dafür sind die Fädenzieher der Partei auch bereit, einen der ihren, den Chef des Ordnerdiensts des Blocks, über die Klinge springen zu lassen. Natürlich erinnert der Block an Marine Le Pens Front National, doch der Autor sah sich gezwungen eine “verpixelte” Version der Realität schreiben, um nicht Gefahr zu laufen, verklagt zu werden.

“Du fragst dich in dieser Nacht wirklich, was eher deinen Respekt oder dein Opfer verdient: eine Gesellschaft, in der neun von zehn Paaren, wenn sie aus dem Kino kommen, zuerst ihr Handy wieder einschalten, bevor sie miteinander sprechen, oder eine Gesellschaft, in der eine junge, verschleierte Frau fähig ist, sich an einem Grenzposten selber in die Luft zu jagen, im Namen ihres Volkes und ihres Glaubens?”

Leroy erzählt seine Geschichte aus der Perspektive zweier Blockisten, die auch miteinander befreundet sind. Der eine, der Intellektuelle Antoine, ist der Ehemann der Block-Vorsitzenden Agnes. Der andere ist der in Ungnade gefallene Sicherheitschef Stanko. Der Autor lässt die beiden Figuren in einer einzigen Nacht als Ich-Erzähler die fast 40-jährige Geschichte des Aufstiegs der extremen Rechten in Frankreich schildern.

Riskante Entscheidung des Autors

Im Nachwort erklärt er, dass das eine riskante Entscheidung gewesen sei, weil es “den Leser zur Empathie mit den Protagonisten” verleite. Andererseits wäre er aber Gefahr gelaufen, “in eine Moralpredigt zu verfallen”, hätte er die Geschichte aus der sicheren dritten Person erzählt.

Auffällig ist, dass es Leroy wesentlich leichter gefallen ist, in die Rolle des Intellektuellen Antoine zu schlüpfen. Die Kapitel aus seiner Sicht sind wesentlich umfassender, deutlich ausufernder. Die Zeichnung der Proletarierkindes Stanko ist weniger authentisch. Überhaupt fiel es mir manchmal schwer, die beiden Figuren zu unterscheiden. Ich musste mir immer wieder in Erinnerung rufen, wer denn nun gerade erzählte. Sie sprechen also mit einer sehr ähnlichen Stimme, obwohl sie doch aus ziemlich unterschiedlichen Milieus stammen.

Obwohl Leroy die Dämonisierung der Rechten vermeidet, kann er meiner Meinung nach nicht jedes Klischee umschiffen. So ist gefühlt jeder zweite Block-Soldat schwul. Die eigene Weltsicht des Autors blitzt unterschwellig an der einen oder anderen Stelle durch. Und diese verhehlt er im Nachwort nicht: Er sieht sich in der Tradition des Neo-Polar, “der eine zeitgemäße Form der Geschichtsschreibung” ist und “für eine politisch linke Orientierung” steht.

Der Kriminalroman als politische Bühne?

Das führt mich zu einem Punkt zurück, den ich hier kürzlich schon einmal kurz angesprochen habe: Ein Kriterium, um als Krimi gut rezensiert zu werden, ist immer häufiger, dass er mit eindeutigen politischen Botschaften aufwartet. Diese Tendenz halte ich für diskussionswürdig. Ich finde, dass gute Kriminalliteratur per se immer auch (sozial)kritisch ist. Nun ist es gut, dass Leroy in seinem Nachwort klar Stellung bezieht, sich selbst politisch verortet – das finde ich auch vorbildlich transparent. Und Hut ab vor seinem Mut, ein derart brisantes Buch zu schreiben. Ich kann mir leider gut vorstellen, dass er dafür auch bedroht wird.

Aber ich hoffe doch, dass der Kriminalroman künftig auch weiterhin das sein darf, was er im Idealfall immer ist: Spannende Unterhaltung.

7 von 10 Punkten

Jérôme Leroy: “Der Block”, übersetzt von Cornelia Wend, Edition Nautilus, 320 Seiten.

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