Meine Meinung: Winslow statt Whodunit

Die britische Zeitung “The Independent” widmet sich in einem aktuellen Beitrag dem beliebten Genre des Whodunit. Mein Fall sind diese “Wer hat es getan?”-Krimirätsel ja nicht so ganz. Hat man mal ein paar davon gelesen, wird diese Puzzlespiel doch langweilig. Der Hauptverdächtige war es letztlich nie. Denn letztlich ist immer jemand der Mörder, mit dem man nicht gerechnet hat. Da sind mir echte Thriller schon lieber, wo man durchaus auch mal mit dem Täter mitzittert, ober er entkommt. 1929 hat Ronald Knox sogar “zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman” (was immer das sein soll?) aufgestellt. Regel Nummer eins lautet etwa “The criminal must be someone mentioned in the early part of the story, but must not be anyone whose thoughts the reader has been allowed to follow”. Naja…

Kathryn Johnson von der British Library sagt daher auch dazu: “In the 1920s and 30s the prevalent form of detective fiction was the puzzle, which was presented almost like an intellectual exercise. It’s no accident that the heyday of the puzzle mystery was at the same time as crosswords became extremely popular.” Johnson ist jedoch überzeugt, dass sich das klassische “Whodunit” weiterentwickelt hat: “It’s became a whydunit or a howdunit.”

Stav Sherez, der sich mit “A Dark Redemption” auf der Shortlist für den CWA John Creasy Dagger befindet, ist aber überzeugt, dass das klassische Whodunit auch heute noch Platz hat: “That can work very well in modern fiction as it is an essential puzzle that drives us through the text. It also creates a nice claustrophobic atmosphere and makes you suspect every character that appears. But, unlike in the past, it has to be counter-balanced by psychology and good prose.”

Auf krimi-couch.de habe ich dazu übrigens auch einen interessanten Beitrag von Dieter Paul Rudolph gefunden. Er vergleicht darin Angelika Lauriels Whodunit-Krimi “Bei Tränen Mord” mit Merle Krögers “Grenzfall” – das Whodunit-Elemente beinhaltet (geehrt mit dem Deutschen Krimipreis 2013): “Bei Lauriel sind die Opfer Opfer, weil die Geschichte Opfer braucht, während sie bei Kröger Opfer sind, weil das Leben sie zu Opfern gemacht hat. In Bei Tränen Mord haben sie keine andere Aufgabe als die, möglichst effektvoll zu sterben oder wenigstens zu Schaden zu kommen.” Und: “Hier der nach Freizeitgesichtspunkten gebaute Kriminalroman, dessen Geschichte nur dazu dient, einen »echten« Whodun(n)it zu inszenieren, gewissermaßen das Sahnehäubchen auf dem Ratelustmord; dort der Kriminalroman als Mittel zur Beobachtung von Mensch und Gesellschaft, wobei das Whodun(n)it-Element lediglich eine Hilfskonstruktion sein soll.”

Dazu passt auch Don Winslows Aussage im “DiePresse.com”-Interview. Der erfolgreiche US-Autor (“Tage der Toten”, “Zeit des Zorns”, “Kings of Cool”) wird ständig mit dem Vorwurf konfrontiert, über Gewalt zu anschaulich zu schreiben. Er sagt dazu: “Entweder man befreit sich von der Gewalt oder man schreibt anschaulich darüber. Zu einem großen Teil habe ich mich für die zweite Option entschieden, weil ich will, dass der Leser die ungeschminkte Welt sieht. Das ist sehr verstörend für manche Leser – und ich verstehe das. Gleichzeitig habe ich Morde nie wirklich als eine Art von Gesellschaftsspiel verstanden. Ich denke, das ist anstößiger.”

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