Südafrikanische Kriminacht in Wien (I): Andrew Brown

(c) Kriminacht

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Am Dienstag fand in Wien die 10. Kriminacht statt. Mein diesjähriger Besuch war eines der großen Highlights dieses Events, obwohl ich wieder einmal enttäuscht feststellen musste, wie wenige fundierte Krimileser es in Wien zu geben scheint. Dass sich gerade einmal 100 Leute (sehr optimistische Schätzung) bei der Lesung der beiden südafrikanischen Autoren Andrew Brown und Mike Nicol in der Hauptbücherei (Moderation: Antje Deistler vom WDR, deutsche Lesung von Burg-Schauspieler Robert Reinagl) einfinden würden, hat mich doch sehr gewundert. Noch dazu entpuppte sich ein nicht unbeträchtlicher Teil des Publikums als eine Schülergruppe, die offenbar als Aufgabe über die Kriminacht berichten sollte. Noch ehe Mike Nicol zu lesen begann, reduzierte sich die Zuhörerschar also um weitere 20 Personen.

Zum Glück habe ich den Abend aufgenommen, denn beiden Autoren haben sehr spannende Dinge über ihre Heimat erzählt, die ich hier nicht verschweigen will. Ich beginne mit Andrew Brown, der als Erster an der Reihe war:

Andrew Browns Lebenslauf spricht für sich. Der 1966 in Kapstadt geborene Autor war während der Apartheid im Widerstand aktiv und wurde auch mehrmals verhaftet. Er entging einer mehrjährigen Gefängnisstrafe nur knapp – erst im Berufungsverfahren. Mittlerweile ist Brown an diesem Gericht als Anwalt tätig. Nach dem Ende der Apartheid ging er nicht in die Politik, sondern meldete sich freiwillig bei der Reservepolizei. Seitdem ist er als Polizist jede Woche auf den Straßen Kapstadts und in den Townships im Einsatz. Er weiß also gut, worüber er schreibt. (In seinem erst Anfang der Woche auf Deutsch erschienenen Buch “Trost”, aus dem vorgelesen wurde, setzt er sich aber mehr mit Religionsproblemen als Rassenproblemen auseinander.)

“Before 1994 policing was done by violence”

(c) btb

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“Vieles, was wir in unseren Kriminalromanen schreiben, passiert tatsächlich”, sagt Brown über die südafrikanische Kriminalliteratur. Er ist bei der Polizei Mitglied einer “Gang Unit”, die versucht die Bandenkriminalität unter Kontrolle zu bekommen. Die meiste Zeit seien Polizisten in Südafrika aber “armed social workers”, als bewaffnete Sozialarbeiter. Man arbeite mit jeder Art von menschlichen Konflikten. Man habe daher auch nicht ständig mit gefährlichen Situationen zu tun, sondern mit sehr schwierigen menschlichen Situationen. Brown genießt gerade diese zwischenmenschlichen Kontakte.

Brown gewährt also eine unvergleichliche Innensicht in das Leben südafrikanischer Polizeieinheiten. Da prallen alte Polizisten auf junge Rekruten, die das alte Regime nicht miterlebt haben, politische Einflussnahme, Vetternwirtschaft und Korruption stehen an der Tagesordnung. Man erhält seinen Job also oft nicht aufgrund von Qualifikation. Aber gerade alte Polizisten mussten Polizeiarbeit wiedererlernen: “Before 1994 policing was done by violence”, sagt Brown. Wenn man ein Geständnis wollte oder Dinge herausfinden, war Gewalt akzeptiert. Die Polizeiveteranen mussten erst mit Demokratie und Verfassung umzugehen lernen.

Auch Brown musste dabei schwierige Erfahrungen machen. Als er Steine auf die Polizisten warf, befand sich sein Lehrmeister auf der anderen Seite und feuerte Tränengas in die Menge, wie Brown später feststellte. “We still work together”, sagt er darüber. Aber dies sei vielleicht das Wunder von Südafrika, dass die Menschen gelernt haben, einander zu vergeben, wie schwer dies auch sein möge. Sie hätten gelernt miteinander zu arbeiten und einander zu vertrauen.

Deon Meyers Charakter Benny Griessel taucht in “Trost” auf

Brown gewährte aber auch noch einen ganz anderen interessanten Einblick: Auf Seite 31 von “Trost” taucht die Figur des Benny Griessel auf. Leser der südafrikanischen Krimiikone Deon Meyer kennen ihn nur allzu gut. Es ist eine von Meyer erfundene Figur. “I stole him without telling Deon Meyer”, erzählt Brown schmunzelnd. Brown habe dann Meyer das Manuskript zu lesen gegeben, ohne ihm zu sagen, dass einer seiner eigenen Charaktere in dem Buch erscheinen werde. Meyer entdeckte es erst beim Lesen. Für Brown sei das ein großer Spaß gewesen, zumal es auch Meyer “very funny” fand. Brown erzählte weiter, dass Griessel im letzten Buch Meyers ein Alkoholproblem gehabt habe, über das er hinweggekomme sei. In Browns Buch hat Griessel nun aber wieder ein Problem damit: “‘Er hat gesagt, Benny würde wieder trinken?’ Eberard lief es kalt den Rücken hinunter.”

Für Brown-Fan gibt es zudem eine gute Nachricht: Es wird bald mehr von ihm auf Deutsch zu lesen geben. Einen entsprechenden Vertrag habe er erst vor wenigen Tagen unterzeichnet. Sein neues Buch spielt diesmal im Sudan. Für mich persönlich war die Kriminacht schon deshalb sehr aufschlussreich, weil ich Brown – im Gegensatz zu Mike Nicol oder dem erwähnten Deon Meyer – bisher gar nicht kannte. “Trost” steht nun aber fix am Leseplan.

So, das war das wichtigste von Teil eins der Lesung. Mehr über seinen südafrikanischen Kollegen Mike Nicol, den “literarischen Antichristen Südafrikas”, gibt es hier in Kürze.

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5 Comments

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5 responses to “Südafrikanische Kriminacht in Wien (I): Andrew Brown

  1. Philipp Elph

    Mit diesem Post hast du mir Andrew Brown “schmackhaft” gemacht. Von Mike Nicol (zuletzt black heart) und Deon Meyer (zuletzt Cobra) habe ich einiges gelesen. Bin von beiden sehr angetan.

  2. Bin schon sehr gespannt auf den Beitrag über Mike Nicol. Bin erst neulich über ihn gestolpert und der erste Teil liegt bei mir auf dem SUB. Da wird sich jetzt bald wohl auch Andrew Brown hinzugesellen.
    Wie schade, dass nur so wenig Zuhörer da waren – womöglich kommen die Autoren dann gar nicht mehr, da sie sich denken, das lohnt sich nicht. Schade, dass Wien doch ein bißchen weiter weg von mir ist. Ich wäre gerne dabei gewesen.

    • Ja, internationale Krimiautoren haben es in Wien leider schwer. Hier wird vor allem auf die einheimischen Kapazunder gesetzt, glaube ich. Aber gerade Mike Nicol ist ja international nicht gerade Irgendjemand… Und für die “Weltstadt” Wien finde ich das schon ein bissl peinlich, so sehr ich es auch gut finde, die eigenen Autoren zu pflegen.

  3. Interessanter Bericht. Da ich bisher nur Deon Meyers Bücher kenne, bin ich auf die anderen beiden Südamerikaner sehr gespannt.

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