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Wer braucht in Pandemie-Zeiten Seuchenthriller?

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Chinesische Wissenschaftler entwickeln ein tödliches Virus zur Auslöschung der Feinde Chinas. Sein Name: Wuhan-400. Eh klar, denkt man, der erste Coronavirus-Thriller konnte ja nicht lang auf sich warten lassen. Doch weit gefehlt, Autor Dean Koontz hat diesen Virus bereits vor fast 40 Jahren in seinem Thriller “Die Augen der Finsternis” erfunden, der nun im Ullstein-Verlag neu übersetzt und aufgelegt wurde.

Auch der südafrikanische Krimiautor Deon Meyer hat mit seinem vor zweieinhalb Jahren auf Deutsch erschienenen Endzeit-Thriller “Fever” die aktuelle Pandemie vorweggenommen. Allerdings verläuft sie in seinem Buch viel tödlicher: 95 Prozent der Weltbevölkerung sterben. In dem 700 Seiten dicken Buch überträgt sich ein Coronavirus von einer Fledermaus auf den Menschen und breitet sich in Folge rasend schnell global aus. Zahlreiche Regierungen schließen ihre Grenzen, doch das nützt in dem Thriller nichts mehr. “Fever” ist aber nicht bloß irgendein Weltuntergangsthriller. Spannend liest sich vor allem, wie unterschiedlich die wenigen Überlebenden mit der Situation umgehen: Von kooperativen, demokratischen Modellen bis hin zu mordenden Räuberbanden ist hier alles vertreten.

Zwei aktuelle, solide Seuchenthriller

Tatsächlich gibt es aber auch Thriller, deren erstmaliges Erscheinen rein zufällig mit der aktuellen Krise zusammentrifft. Ebenfalls bei Ullstein ist soeben “Patient Null” von Daniel Kalla erschienen. Als in Genua die Pest ausbricht, begeben sich Experten auf die Suche nach dem Ursprung der Seuche. Kalla spannt einen Bogen zurück ins Jahr 1348. Die Parallelen zur Corona-Realität sind frappierend: Thematisiert wird die Suche nach dem ersten Patienten sowie die prekäre Lage in Spitälern.

In Uwe Laubs “Leben” (Heyne Verlag) – das mir übrigens deutlich besser gefallen hat als sein Vorgänger “Sturm” – wiederum wird eine Pandemie, bei der Menschen plötzlich rasend schnell altern, mit Artensterben und Klimawandel in Verbindung gebracht. Auch das macht nachdenklich.

Auch Sachbücher können fesseln

Bloß stellt sich die Frage, wer in Pandemie-Zeiten tatsächlich Seuchenthriller lesen will? Ist die momentane Realität nicht beängstigend genug? Also wenn schon, warum nicht gleich zum Klassiker aller Klassiker, “Die Pest” von Albert Camus, greifen?

Oder zum Sachbuch? Wer sich mit solider Spannungsliteratur nicht zufrieden geben will, sollte einfach Laura Spinneys “1918. Die Welt im Fieber” (Hanser Verlag) lesen. Sie hat bereits vor zwei Jahren darüber geschrieben, wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Selten war ein Sachbuch so fesselnd.

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Südafrikanische Kriminacht in Wien (I): Andrew Brown

(c) Kriminacht

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Am Dienstag fand in Wien die 10. Kriminacht statt. Mein diesjähriger Besuch war eines der großen Highlights dieses Events, obwohl ich wieder einmal enttäuscht feststellen musste, wie wenige fundierte Krimileser es in Wien zu geben scheint. Dass sich gerade einmal 100 Leute (sehr optimistische Schätzung) bei der Lesung der beiden südafrikanischen Autoren Andrew Brown und Mike Nicol in der Hauptbücherei (Moderation: Antje Deistler vom WDR, deutsche Lesung von Burg-Schauspieler Robert Reinagl) einfinden würden, hat mich doch sehr gewundert. Noch dazu entpuppte sich ein nicht unbeträchtlicher Teil des Publikums als eine Schülergruppe, die offenbar als Aufgabe über die Kriminacht berichten sollte. Noch ehe Mike Nicol zu lesen begann, reduzierte sich die Zuhörerschar also um weitere 20 Personen.

Zum Glück habe ich den Abend aufgenommen, denn beiden Autoren haben sehr spannende Dinge über ihre Heimat erzählt, die ich hier nicht verschweigen will. Ich beginne mit Andrew Brown, der als Erster an der Reihe war:

Andrew Browns Lebenslauf spricht für sich. Der 1966 in Kapstadt geborene Autor war während der Apartheid im Widerstand aktiv und wurde auch mehrmals verhaftet. Er entging einer mehrjährigen Gefängnisstrafe nur knapp – erst im Berufungsverfahren. Mittlerweile ist Brown an diesem Gericht als Anwalt tätig. Nach dem Ende der Apartheid ging er nicht in die Politik, sondern meldete sich freiwillig bei der Reservepolizei. Seitdem ist er als Polizist jede Woche auf den Straßen Kapstadts und in den Townships im Einsatz. Er weiß also gut, worüber er schreibt. (In seinem erst Anfang der Woche auf Deutsch erschienenen Buch “Trost”, aus dem vorgelesen wurde, setzt er sich aber mehr mit Religionsproblemen als Rassenproblemen auseinander.)

“Before 1994 policing was done by violence”

(c) btb

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“Vieles, was wir in unseren Kriminalromanen schreiben, passiert tatsächlich”, sagt Brown über die südafrikanische Kriminalliteratur. Er ist bei der Polizei Mitglied einer “Gang Unit”, die versucht die Bandenkriminalität unter Kontrolle zu bekommen. Die meiste Zeit seien Polizisten in Südafrika aber “armed social workers”, als bewaffnete Sozialarbeiter. Man arbeite mit jeder Art von menschlichen Konflikten. Man habe daher auch nicht ständig mit gefährlichen Situationen zu tun, sondern mit sehr schwierigen menschlichen Situationen. Brown genießt gerade diese zwischenmenschlichen Kontakte.

Brown gewährt also eine unvergleichliche Innensicht in das Leben südafrikanischer Polizeieinheiten. Da prallen alte Polizisten auf junge Rekruten, die das alte Regime nicht miterlebt haben, politische Einflussnahme, Vetternwirtschaft und Korruption stehen an der Tagesordnung. Man erhält seinen Job also oft nicht aufgrund von Qualifikation. Aber gerade alte Polizisten mussten Polizeiarbeit wiedererlernen: “Before 1994 policing was done by violence”, sagt Brown. Wenn man ein Geständnis wollte oder Dinge herausfinden, war Gewalt akzeptiert. Die Polizeiveteranen mussten erst mit Demokratie und Verfassung umzugehen lernen.

Auch Brown musste dabei schwierige Erfahrungen machen. Als er Steine auf die Polizisten warf, befand sich sein Lehrmeister auf der anderen Seite und feuerte Tränengas in die Menge, wie Brown später feststellte. “We still work together”, sagt er darüber. Aber dies sei vielleicht das Wunder von Südafrika, dass die Menschen gelernt haben, einander zu vergeben, wie schwer dies auch sein möge. Sie hätten gelernt miteinander zu arbeiten und einander zu vertrauen.

Deon Meyers Charakter Benny Griessel taucht in “Trost” auf

Brown gewährte aber auch noch einen ganz anderen interessanten Einblick: Auf Seite 31 von “Trost” taucht die Figur des Benny Griessel auf. Leser der südafrikanischen Krimiikone Deon Meyer kennen ihn nur allzu gut. Es ist eine von Meyer erfundene Figur. “I stole him without telling Deon Meyer”, erzählt Brown schmunzelnd. Brown habe dann Meyer das Manuskript zu lesen gegeben, ohne ihm zu sagen, dass einer seiner eigenen Charaktere in dem Buch erscheinen werde. Meyer entdeckte es erst beim Lesen. Für Brown sei das ein großer Spaß gewesen, zumal es auch Meyer “very funny” fand. Brown erzählte weiter, dass Griessel im letzten Buch Meyers ein Alkoholproblem gehabt habe, über das er hinweggekomme sei. In Browns Buch hat Griessel nun aber wieder ein Problem damit: “‘Er hat gesagt, Benny würde wieder trinken?’ Eberard lief es kalt den Rücken hinunter.”

Für Brown-Fan gibt es zudem eine gute Nachricht: Es wird bald mehr von ihm auf Deutsch zu lesen geben. Einen entsprechenden Vertrag habe er erst vor wenigen Tagen unterzeichnet. Sein neues Buch spielt diesmal im Sudan. Für mich persönlich war die Kriminacht schon deshalb sehr aufschlussreich, weil ich Brown – im Gegensatz zu Mike Nicol oder dem erwähnten Deon Meyer – bisher gar nicht kannte. “Trost” steht nun aber fix am Leseplan.

So, das war das wichtigste von Teil eins der Lesung. Mehr über seinen südafrikanischen Kollegen Mike Nicol, den “literarischen Antichristen Südafrikas”, gibt es hier in Kürze.

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