Benjamin Percy: Roter Mond

(c) Penhaligon

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Ich habe schon vor Kurzem angekündigt, dass ich hier wieder 10 von 10 Punkten vergeben werde. Das lässt mich nun ein wenig an meinem Bewertungssystem zweifeln (waren jetzt wirklich alle 10 Punkte gerechtfertigt? habe ich “Tage des letzten Schnees” und “Der Teufel von New York” zu hoch bewertet?) – aber eigentlich ist es ja egal: Es sind letztlich immer nur Momentaufnahmen, die nicht unwesentlich von der eigenen Stimmungslage abhängen.

So, bevor ich jetzt zu schwafeln beginne: Bei diesen 10 Punkten bin ich mir absolut sicher. Und ein zähneknirschendes Ja: Wahrscheinlich waren die beiden anderen 10er eigentlich doch nur 9er… Denn Benjamin Percys Werwolf-Epos (in dem er übrigens kein einziges Mal das Wort Werwolf verwendet) “Roter Mond” ist ein absolutes Meisterwerk. Eigentlich kommt es nicht einmal überraschend. 2013 war ich schon von Percys Wildnis-Drama “Wölfe der Nacht” sehr angetan. Mein Urteil damals: “In Percys Roman wird der Mensch wieder klein. Bildgewaltig erzählt er vom Kampf des ungleichen Trios mit sich selbst und vor allem gegen die Natur. Er vermeidet dabei jegliche Klischees.” Percy erwies sich schon damals als begnadeter Erzähler.

Jetzt mögen viele einwenden: Werwölfe? Meint er das ernst? Ja, absolut. Abseits von all dem Vampir- und Werwolf-Kitsch am Buchmarkt hat Percy ein dystopisches Buch der Sonderklasse geschrieben. “Roter Mond” ist ein spannendes Buch, das in keine Schublade (weder in die Fantasy- noch in die Krimischublade) gesteckt gehört, weil es einfach großartige Literatur ist. Ich habe das unter dem Titel “Werwölfe sind auch nur Menschen” ausführlich beschrieben: “Er hat ein fesselndes und aufrüttelndes Buch geschrieben, das den Leser mit den zentralen Fragen des Menschseins konfrontiert. Denn Percys Lykaner könnte man immer wieder durch Muslime, Schwarze, Aidskranke, Homosexuelle sowie jede Art von Minderheit ersetzen. „Roter Mond“ ist daher wohl auch einer der wichtigsten Post-9/11-Romane, die bisher geschrieben wurden.” Mein Fazit: Percy hält uns einen Spiegel vor, in den wir nicht sehen wollen, aber unbedingt sehen sollten. Und ich liebe einfach seine bildhafte Sprache.

Nur hier eine Warnung für Zartbesaitete: Das Buch hat wirklich blutige Szenen. Das liest sich dann unter anderem so: “Auf einer Bank sitzt eine Frau ohne Schädeldecke (…) Blut rinnt ihr übers Gesicht und durchtränkt ihren Anorak. Sie scheint die Verletzung nicht zu spüren und blickt auf das Display ihres Smartphones als überlege sie, jemanden anzurufen.” Ein Werwolf-Roman ohne solche wäre aber auch irgendwie absurd. Zudem setzt Percy die Gewalt wohlüberlegt ein. Percy sagt dazu: “Unsere Aufgabe als Schriftsteller ist es, so unangenehm das auch sein mag, gelegentlich das Licht auf die dunklen Ecken der menschlichen Existenz zu richten.”

Ausdrücklich empfehlen muss ich hier unbedingt auch Alf Mayers umfassende Rezension auf culturmag. Damit ist dann wirklich alles gesagt. Und jetzt meine Empfehlung: Kauft dieses Buch, lest es und lasst es nachwirken!

10 von 10 Punkten

Benjamin Percy: “Roter Mond”, übersetzt von Michael Pfingstl, 638 Seiten, Penhaligon.

 

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4 Comments

Filed under Krim(i)skrams, Rezensionen

4 responses to “Benjamin Percy: Roter Mond

  1. Du weißt einem den Mund wässrig zu machen!

  2. Danke dafür und danke für den Link zum culturmag. Buch steht schon bereit.

  3. My Crime Time

    Ist ja gut! Ich gehe nachher in die Buchhandlung und hole es mir! Zufrieden? 😉

  4. Pingback: Krimigehäckseltes (6) | My Crime Time

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