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Krimis, die man 2015 lesen sollte (III)

(c) suhrkamp nova

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Schon über den Februar hatte ich geschrieben, er sei ein Krimi-Wonnemonat. Der März steht dem Vormonat aber kaum nach. Einerseits ist da gleich zu Beginn Adrian McKintys dritter Teil der Sean-Duffy-Serie erschienen. “Die verlorenen Schwestern” ist seit 7. März im Handel und bei mir Pflicht. Ich habe hier sowohl Teil 1 (“Der katholische Bulle”) als auch Teil 2 (“Die Sirenen von Belfast”) hymnisch besprochen. Trotzdem bin ich enttäuscht vom Verlag: Kamen die ersten beiden Bände als Hardcover heraus, ist “Die verlorenen Schwestern” bloß als Weder-Fisch-noch-Fleisch-Lösung herausgekommen: also als “großes” Taschenbuch (wie auch immer der Fachausdruck dafür sein mag). Sieht im Regal nicht so toll aus. Aber der Inhalt wird diesen Makel wohl wieder wettmachen. Der Verlag schreibt: “Nordirland, 1983. Als an einem Septembertag 38 IRA-Terroristen aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausbrechen, herrscht höchste Alarmbereitschaft: Unter den Flüchtlingen befindet sich der in Libyen ausgebildete Bombenspezialist Dermot McCann. Inspector Sergeant Sean Duffy drückte mit McCann die Schulbank, weshalb mit einem Mal der MI5 vor seiner Tür steht. Duffy soll McCann finden.”

(c) Heyne

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Sehr vielversprechend klingt auch Richard Lange düsterer Krimi “Angel Baby”  (9. März), der immerhin mit dem Hammett Prize ausgezeichnet wurde. Verlagstext: “Im Leben von Luz ist einiges schiefgelaufen: Sie hat ihre kleine Tochter in Los Angeles zurückgelassen, um in Tijuana einen mächtigen Drogenboss zu heiraten. Seither lebt sie wie eine Gefangene in Rolandos bizarrer Villa und ist seiner Willkür ausgeliefert. Doch heute ist der Tag, an dem Luz ihre Fehler wiedergutmachen wird. Sie schießt ihre Bewacher nieder, räumt den Tresor leer und flieht in Richtung Grenze. Alles oder nichts. Das Schicksal wird entscheiden, ob sie ihre Tochter findet oder beim Versuch draufgeht.” Eigentlich kann ich da nicht widerstehen. Und ich entdecke immer wieder gern neue Stimmen.

(c) Luchterhand

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Benjamin Percy hat seit “Wölfe der Nacht” und vor allem “Roter Mond” (das Werwolf-Drama habe ich ja zum besten Krimi 2014 gewählt) einen großen Stein bei mir im Brett. : Mit “Jemand wird dafür zahlen müssen” sind seit 23. März nun erstmals auf Deutsch Kurzgeschichten des jungen Autors erhältlich. Der Verlag schreibt: “Viele der jungen Männer in Benjamin Percys atemberaubenden Geschichten stammen aus zerbrochenen Familien, finden keinen Halt in ihren Freundeskreisen und müssen das Undenkbare tun, um sich – und allen – zu beweisen, dass sie stark genug sind, um sich dem Schmerz dieser Welt zu stellen. Percy siedelt seine Erzählungen im ländlichen Oregon an, seine Helden kämpfen, jeder für sich. Ihre Gegner sind höchst unterschiedlich: ein verrückter Bär, ein Haus mit einem Keller, der sich in eine Höhle öffnet, ein Unfall, der den geliebten Menschen das Leben kostet, eine Fehlgeburt, die ein Paar sprachlos zurücklässt und einander entfremdet. Eines haben all ihre Kämpfe gemeinsam: Immer sind es die Narben, die ihre Geschichten erzählen, selbst wenn sie unsichtbar sind.”

(c) Fischer

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Auch Malcolm Mackay hat mich mit seinem Debüt “Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter” überzeugt. Nun ist “Der Killer hat das letzte Wort” erschienen (26. März), der zweite Teil seiner Glasgow-Trilogie. Der Verlag schreibt: “Frank MacLeod war der beste in seinem Fach. Überlegt. Effektiv. Skrupellos. Aber ist er immer noch der beste? Er bekommt einen neuen Auftrag. Ein Ziel. Aber diesmal wird etwas furchtbar schiefgehen. Der zweite Thriller nach ›Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter‹ nimmt die Leser mit auf die dunkle Seite von Glasgow. Wer zwischen die Fronten gerät, darf sich keinen Fehler erlauben. Denn Fehler sind tödlich.” Interessant ist, dass offenbar die Erzähperspektive wechselt. Denn der alternde Frank MacLeod spielte in Teil eins nur eine Nebenrolle, im Zentrum stand da der jüngere Killer Calum MacLean. Klingt ein wenig nach Don Winslows “Frankie Machine”.

(c) Heyne Hardcore

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Von Ryan David Jahn habe ich bereits “Der Cop” gelesen. Das war aus meiner Sicht ein solider und äußerst spannender Thriller um einen Cop, dessen Tochter vor sieben Jahren verschwand und vor vier Monaten für Tod erklärt wurde. Dann plötzlich erhält er einen Anruf von ihr… “Der letzte Morgen” (30. März) verspricht nun klassische Unterwelt-Lektüre: “Los Angeles. Zwei Morde in derselben Nacht bringen den Unterweltboss James Manning in Bedrängnis. Ein Sündenbock muss her. Eugene Dahl, ein einfacher Mann, der morgens Milch ausliefert und abends Barhocker wärmt, ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Doch er weigert sich, zum Spielball des organisierten Verbrechens zu werden. Um seine Haut zu retten, wird er Dinge tun müssen, die weit schlimmer sind als alles, was man ihm vorwirft.” Ich mag zwar mittlerweile Serien, aber ich weiß es immer noch sehr zu schätzen, wenn Krimiautoren sich ständig neu erfinden. Ryan David Jahn dürfte zu dieser Kategorie zählen. Denn sein Debütroman “Ein Akt der Gewalt” handelt wieder von etwas ganz anderem.

sturmueberneworleansJames Lee Burkes “Sturm über New Orleans” ist eigentlich schon Mitte Februar erschienen, ich habe sein Buch offenbar übersehen. Mittlerweile stecke ich allerdings gerade in der Lektüre und ich bin begeistert. “Hurrikan Katrina trifft New Orleans mit voller Wucht. In der überfluteten Stadt treiben Leichen umher, und die Menschen versuchen panisch, ihr Hab und Gut zu retten. Die Häuser sind verlassen, der Strom ist weg und keine Spur mehr von Recht und Ordnung. Ein tiefer Graben des Misstrauens trennt die weiße und die schwarze Bevölkerung, während Hilfe der Behörden auf sich warten lässt.” Und mittendrin ermittelt Burkes Kultfigur Dave Robicheaux. Für alle, die es noch nicht wissen sollten: Burke hat ja mit “Regengötter” den Deutschen Krimipreis 2015 gewonnen und auch die KrimiZeit-Jahresliste 2014 angeführt. Es feiert also im deutschsprachigen Raum eine kleine Wiederauferstehung. Sehr fein, dass da der feine Kleinverlag Pendragon nachlegt – noch dazu mit Burkes wütendstem Buch, wie er im Vorwort selbst sagt: “Was damals in New Orleans geschah, das war nicht nur eine Naturkatastrophe, das war das größte Versagen einer Regierung, der denkbar größte Verrat an der eigenen Bevölkerung. Es war ein Verbrechen. Eine nationale Schande.”

(c) dtv

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Tja, und ein Buch hätte ich jetzt fast übersehen. Ich dachte, es würde erst im April erscheinen. Lyndsay Faye legt mit “Die Entführung der Delia Wright” ihren zweiten historischen Roman rund um den New Yorker Polizisten Timothy Wilde vor. Band eins, “Der Teufel von New York”, hat mich vor einem Jahr ziemlich begeistert. “1846. Vor einem halben Jahr wurde die Polizei von New York gegründet. Timothy hat sich als sehr talentiert für die Polizeiarbeit erwiesen. Und er glaubt sich ganz gut auszukennen mit dem Verbrechen in seiner Stadt. Dann erscheint die schöne Blumenverkäuferin Lucy Adams in seinem Amtszimmer: Ihr kleiner Sohn Jonas und ihre Schwester Delia sind entführt worden. Tims Ermittlungen führen ihn in ungeahnte Abgründe. Denn Lucys Familie ist »gemischter«, also nicht rein weißer Abstammung. Freie schwarze Bürger im Norden der USA sind Freiwild für Verbrecherbanden, die sie in ihre Gewalt bringen und als Sklaven in die Südstaaten verkaufen. Der Einzige, der Tim jetzt helfen kann, ist sein schillernder Bruder Valentine, seines Zeichens Polizei-Captain, korrupter Politiker, Frauenheld und noch einiges mehr. Als aber in Valentines Bett eine Leiche gefunden wird, muss Tim seinem ungeliebten Bruder beistehen …”

 

 

 

 

 

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KrimiZeit-Bestenliste Juni: Ein Abgleich

(c) Dumont

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Die KrimiZeit-Bestenliste für den Juni ist da – und ich bin begeistert. Ein Applaus für die Jury! Zwei Neueinsteiger habe ich im Mai gelesen und den dritte Neueinsteiger habe ich gerade zu lesen begonnen. An der Spitze hat sich nichts verändert: Oliver Bottini ist mit “Ein paar Tage Licht” noch immer die Nummer eins. Auch auf den Plätzen zwei und drei hat sich nichts getan: Ross Thomas liegt mit “Fette Ernte” weiter auf Platz zwei und die Französin Dominique Manotti reiht sich mit “Ausbruch” erneut auf Rang drei ein.

Ich wende mich daher gleich den Neueinsteigern zu: Auf Platz fünf liegt Tom Hillenbrand mit “Drohnenland”. Das Buch habe ich eher zufällig in der Buchhandlung gekauft, weil es thematisch ein wenig an Marc Elsbergs “Zero” erinnert. Ich stehe zudem im Moment auf futuristische Krimis. Und “Drohnenland” liest sich ein wenig wie eine Fortsetzung von “Minority Report”. Das Buch ist fesselnd, faszinierend und einfach gut geschrieben – mehr dazu in Kürze. Tja, Neueinsteiger Benjamin Percy (Platz sechs) hat mich mit “Roter Mond” in meinem letzten Eintrag Lobeshymnen singen lassen – zur Kritik hier. Und André Georgi ist mit “Tribunal” auf Rang zehn eingestiegen. Da kann ich noch nicht viel sagen, weil ich gerade mal 20 Seiten absolviert habe. Stilistisch gefällt es mir aber bisher gut.

Fazit: 4 von 10 Bücher habe ich gelesen bzw. lese ich gerade.

Die Liste im Überblick:

  1. Oliver Bottini: “Ein paar Tage Licht” (1)
  2. Ross Thomas: “Fette Ernte” (2)
  3. Dominique Manotti: “Ausbruch” (3)
  4. Leonardo Padura: “Ketzer” (5)
  5. Tom Hillenbrand: Drohnenland (-)
  6. Benjamin Percy: “Roter Mond” (-)
  7. Mukoma wa Ngugi: “Nairobi Heat” (10)
  8. Daniel Woodrell: “In Almas Augen” (9)
  9. Sascha Arango: “Die Wahrheit und andere Lügen” (-)
  10. André Georgi: “Tribunal” (-)

 

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Benjamin Percy: Roter Mond

(c) Penhaligon

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Ich habe schon vor Kurzem angekündigt, dass ich hier wieder 10 von 10 Punkten vergeben werde. Das lässt mich nun ein wenig an meinem Bewertungssystem zweifeln (waren jetzt wirklich alle 10 Punkte gerechtfertigt? habe ich “Tage des letzten Schnees” und “Der Teufel von New York” zu hoch bewertet?) – aber eigentlich ist es ja egal: Es sind letztlich immer nur Momentaufnahmen, die nicht unwesentlich von der eigenen Stimmungslage abhängen.

So, bevor ich jetzt zu schwafeln beginne: Bei diesen 10 Punkten bin ich mir absolut sicher. Und ein zähneknirschendes Ja: Wahrscheinlich waren die beiden anderen 10er eigentlich doch nur 9er… Denn Benjamin Percys Werwolf-Epos (in dem er übrigens kein einziges Mal das Wort Werwolf verwendet) “Roter Mond” ist ein absolutes Meisterwerk. Eigentlich kommt es nicht einmal überraschend. 2013 war ich schon von Percys Wildnis-Drama “Wölfe der Nacht” sehr angetan. Mein Urteil damals: “In Percys Roman wird der Mensch wieder klein. Bildgewaltig erzählt er vom Kampf des ungleichen Trios mit sich selbst und vor allem gegen die Natur. Er vermeidet dabei jegliche Klischees.” Percy erwies sich schon damals als begnadeter Erzähler.

Jetzt mögen viele einwenden: Werwölfe? Meint er das ernst? Ja, absolut. Abseits von all dem Vampir- und Werwolf-Kitsch am Buchmarkt hat Percy ein dystopisches Buch der Sonderklasse geschrieben. “Roter Mond” ist ein spannendes Buch, das in keine Schublade (weder in die Fantasy- noch in die Krimischublade) gesteckt gehört, weil es einfach großartige Literatur ist. Ich habe das unter dem Titel “Werwölfe sind auch nur Menschen” ausführlich beschrieben: “Er hat ein fesselndes und aufrüttelndes Buch geschrieben, das den Leser mit den zentralen Fragen des Menschseins konfrontiert. Denn Percys Lykaner könnte man immer wieder durch Muslime, Schwarze, Aidskranke, Homosexuelle sowie jede Art von Minderheit ersetzen. „Roter Mond“ ist daher wohl auch einer der wichtigsten Post-9/11-Romane, die bisher geschrieben wurden.” Mein Fazit: Percy hält uns einen Spiegel vor, in den wir nicht sehen wollen, aber unbedingt sehen sollten. Und ich liebe einfach seine bildhafte Sprache.

Nur hier eine Warnung für Zartbesaitete: Das Buch hat wirklich blutige Szenen. Das liest sich dann unter anderem so: “Auf einer Bank sitzt eine Frau ohne Schädeldecke (…) Blut rinnt ihr übers Gesicht und durchtränkt ihren Anorak. Sie scheint die Verletzung nicht zu spüren und blickt auf das Display ihres Smartphones als überlege sie, jemanden anzurufen.” Ein Werwolf-Roman ohne solche wäre aber auch irgendwie absurd. Zudem setzt Percy die Gewalt wohlüberlegt ein. Percy sagt dazu: “Unsere Aufgabe als Schriftsteller ist es, so unangenehm das auch sein mag, gelegentlich das Licht auf die dunklen Ecken der menschlichen Existenz zu richten.”

Ausdrücklich empfehlen muss ich hier unbedingt auch Alf Mayers umfassende Rezension auf culturmag. Damit ist dann wirklich alles gesagt. Und jetzt meine Empfehlung: Kauft dieses Buch, lest es und lasst es nachwirken!

10 von 10 Punkten

Benjamin Percy: “Roter Mond”, übersetzt von Michael Pfingstl, 638 Seiten, Penhaligon.

 

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Ich.möchte.unbedingt.lesen

So, da nehme ich schon wieder ein Bloggerstöckchen auf, das ich diesmal aber nicht weitergeben werde. Zugeflogen ist es mir vom feinen Blog Kaffeehaussitzer. Danke! Die Aufgabe: Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein.

Also gut, hier sind meine (wahrscheinlich) nächsten fünf Bücher:

(c) dtv

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“Mirage” von Matt Ruff

Meine Nummer eins auf der Leseliste. Da führt eigentlich kein Weg daran vorbei. Ich habe ein Faible für dystopische bzw. Parallelwelt-Thriller entwickelt. Nach “Spademan” und “2/14” ist “Mirage” da nur eine logische Konsequenz. “Mirage” fällt dabei in die Kategorie 9/11-Parallelwelt-Thriller. Ich habe hier ja voriges Jahr schon über den Parallelwelt-Krimi “Osama” geschrieben. Dieses Spiel von Realität mit Fiktion, Wissen und Halbwissen und Was-wäre-wenn ist unheimlich spannend.

(c) Penhaligon

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“Roter Mond” von Benjamin Percy

Tja, dann kommt gleich der nächste dystopische Roman. Benjamin Percy, von dessen Buch “Wölfe der Nacht” ich voriges Jahr schwer begeistert war, legt einen Werwolf-Roman vor, der aber weit über kitschige Vampir- und Werwolf-Fantasien hinausgehen dürfte und sehr sozialkritisch sein soll. John Irving sagt über dieses Buch laut Klappentext: “Hätte George Orwell sich eine Zukunft mit Werwölfen ausgemalt, dann wäre genau dieser Roman dabei herausgekommen.” Wenn das nur annähernd stimmt …

(c) dtv premium

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“Der Teufel von New York” von Faye Lyndsay

Mit diesem Buch würde ich dann wieder ein wenig aus meinem futuristischen Trend ausbrechen und eine Reise in das New York des Jahres 1845 wagen. In diesem Jahr wird die Polizeitruppe von New York gegründet, ihr erste richtige Bewährungsprobe steht an, als ein verstörtes Mädchen einem Polizisten auf der Straße in die Arme läuft. Sie hat ein mit Blut getränktes Nachthemd an und kann nicht sagen wie sie heißt, oder was ihr passiert ist. Kurz darauf werden 19 Kinderleichen gefunden.

(c) Fischer Taschenbuch

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“Der unvermeidliche Tod von Lewis Winter” von Malcolm Mackay

Ich habe erstmals vor zwei Jahren von dem Buch gehört und war begeistert, als bekannt wurde, dass es ins Deutsche übersetzt wird. Hauptfigur ist ein Killer in Glasgow. Er soll den titelgebenden Lewis Winter töten. Schottische Krimis zählen momentan zu meinen Lieblingsbüchern. Zuletzt haben mich Howard Linskey (“Crime Machine”) und Christopher Brookmyre (“Die hohe Kunst des Bankraubs”) so richtig vom Hocker gehauen. Bin schon mal gespannt, ob Mackay, der angeblich eine Glasgow-“Trilogie” schreibt, mich auch überzeugen kann.

(c) ariadne

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“Ausbruch” von Dominique Manotti

Mit der französischen Ausnahmeautorin habe ich noch eine Rechnung offen. Mit ihrem hochgelobten Buch “Letzte Schicht” (KrimiWelt-Bestenliste Rang 3, Deutscher Krimipreis Rang 3) bin ich vor zwei Jahren einfach nicht zurecht gekommen. Das lag wohl auch an meiner damaligen Stimmung, ich habe immer nur ein paar Seiten auf einmal gelesen und habe nie einen Zugang gefunden. Was mich besonders reizt: Das Buch soll politischer Roman noir und Reflexion über den literarischen Schöpfungsakt zugleich sein.

 

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Benjamin Percy: Wölfe der Nacht

(c) Luchterhand

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Einige der besten Bücher, die ich heuer gelesen habe, spielen in der US-Provinz: Egal ob Wiley Cashs “Fürchtet euch”, Joe R. Lansdales “Dunkle Gewässer”, Pete Dexters “Paperboy” oder Donald Ray Pollocks “Knockemstiff”. Nun muss ich mit Benjamin Percys Romandebüt “Wölfe der Nacht” ein weiteres Buch dieser Liste hinzufügen. Der 1979 geborene Autor stammt aus dem US-Bundesstaat Oregon und schreibt in seinem Werk, will man dieses auf vier Worte reduzieren, über “Männer in der Wildnis”. Die eigentliche Hauptrolle spielt daher auch der Wald, in den sich Justin (Vater), Graham (Sohn) und Paul (Großvater) für ein Jagdwochenende begeben. Gleichzeitig streift auch Irakheimkehrer Brian durch die Wälder und hat ein Auge auf Justins Frau Karen geworfen. Das mag nun banal klingen, ist es aber nicht.

Denn Percy schreibt vor allem über Beziehungen: Vater-Sohn (Justin-Graham, Paul-Justin), Ehemann-Ehefrau. Und das gekonnt. Er hat ein feines Gefühl für die kleinen alltäglichen Dinge, die es manchmal so schwer machen, miteinander auszukommen. Das wird auch im Prolog klar:

“Dreißig Jahre – und in dieser ganzen Zeit hat sich zwischen Justin und seinem Vater wenig verändert, obwohl um sie herum Oregon sich sehr verändert hat.”

Nur eine Seite später macht Percy klar, dass, obwohl wir uns durch den Fortschritt der Technik oft in Sicherheit wiegen, diese nur eine trügerische ist. Vielmehr zeigt er die Welt als eine zerbrechliche. Obwohl Karen, die das zweite Mal schwanger ist, keinen Tropfen Alkohol trinkt und sich von Fisch und rotem Fleisch fern hält und “nicht wenig Geld für biologische, freilaufende Hühnchen” ausgibt, kann sie eine Fehlgeburt nicht verhindern.

Kriegsheimkehrer und Schlüsseldienstbetreiber Brian wiederum, der von den Geistern der Vergangenheit geplagt wird, fühlt sich nirgends heimisch, außer in den Wäldern: “Die hohe Wüstenlandschaft machte es auch nicht gerade besser, denn dieses Central Oregon erinnerte ihn zu sehr an den Irak. Die sandige Erde, die in Wolken hochwirbelte und auf der Haut, in den Ohren klebte.”

Percy hat aber auch ein Auge für das Land und seine Leute. Er beschreibt, wie sich die Gegenden durch monströse Immobilienprojekte verändern und schildert ungeschminkt die Ressentiments der Landbewohner gegenüber Menschen aus Städten wie Portland, Eugene und Bend. “Sie sind aus Bend. Das erklärt alles”, sagt einmal der Besitzer eines Mini-Marts zu Justin. Der Mann lästert über die vielen Häuser mit Whirlpools, zwischen denen dann irgendwann ein Golfplatz auftauchen würde, “jede Bahn zu perfekten, langen Streifen aus hellem und dunklem Rasen gemäht und beständig gewässert, so dass das Gras nicht verwelkt zu dem kränklichen Gelb, das hier der natürliche Bewuchs ist.”

In Percys Roman wird der Mensch wieder klein. Bildgewaltig erzählt er vom Kampf des ungleichen Trios mit sich selbst und vor allem gegen die Natur. Er vermeidet dabei jegliche Klischees. Daher verstehe ich auch den Vorwurf nicht, den ihm “Zeit”-Rezensentin Dana Buchzik macht: “Für sensible Mägen und Freunde des Genderns ist er allerdings schwer zu ertragen. Zu inbrünstig wird hier das angeblich typisch Männliche besungen, das sich in schwerer körperlicher Arbeit, handwerklichem Geschick und natürlich Freude an Blut und Grausamkeit manifestiert.” Denn meiner Meinung nach stilisiert Percy genau diese Männlichkeitsrituale nicht hoch, sondern stellt sie bloß und handelt sie mit einer gewissen Ironie ab.

9 von 10 Punkten

Benjamin Percy: “Wölfe der Nacht”, übersetzt von: Klaus Berr, Luchterhand, 367 Seiten.

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (VI)

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Der Juni wartet mit hochklassigen Krimis in Hülle und Fülle auf. Der Wermutstropfen: Ich werde nicht alle lesen können. Den Anfang macht jedenfalls “Ein seltsamer Ort zu sterben” von Derek Miller, der ab 1. Juni erhätlich ist. Der 82-jährige Sheldon Horowitz steht im Zentrum der Geschichte. Er ist aus den USA zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er trauert um seine verstorbene Frau und den in Vietnam gefallenen Sohn, sein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Da befindet er sich auf einmal mit einem Kind auf der Flucht. Er weiß nur eines: Er muss das Kind beschützen. Klingt vielversprechend und steht weit oben auf meiner Leseliste.

(c) Heyne

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Am 10. Juni erscheint dann “Der letzte Wille” von Denise Mina. Das Buch wurde von Conny Lösch übersetzt, was mich ehrlich gesagt erst auf die Autorin aufmerksam gemacht hat – denn ich habe bislang noch kein von Lösch übersetztes Spannungsbuch (Howard Linskey: “Crime Machine”, Ian Rankin: “Mädchengrab”, Don Winslow: “Zeit des Zorns” & “Kings of Cool”, Frank Bill: “Cold Hard Love”) gelesen, dass nicht auf irgendeine Art und Weise außergewöhnlich war. Zudem mag ich Krimis, die in Glasgow spielen. Und dieses Buch beginnt nicht einmal mit einem Wetterbericht!

(c) Argument Verlag

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An den Start geht auch die Französin Dominique Manotti mit “Zügellos” (17. Juni). Diesmal zeigt die Ausnahme-Autorin den Zusammenhang zwischen Drogenhandel und Immobilienspekulation auf. Und wieder einmal dürfte sie einen Finger auf die offene Wunde Korruption, also kriminelle Verbindungen zwischen Politk und Wirtschaft, legen.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Auch in Simon Mocklers “Das Midas-Kartell” (17. Juni) geht es um dubiose Finanzgeschäfte. Der Verlagstext dazu: Während der Überprüfung einer angesehenen Londoner Bank kommt Daniel Wiseman dubiosen Geldtransaktionen auf die Spur. Als der Mitarbeiter einer Wirtschaftskanzlei die Wahrheit ans Licht bringen will, wird er gefeuert. In Zeiten, in denen Geldwäsche und Steuerflucht die Schlagzeilen dominieren, vielleicht genau das Richtige. Nur die Aufmachung lässt allzu Reißerisches befürchten.

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Am meisten gespannt bin ich allerdings auf Adrian McKintys “Der katholische Bulle” (17. Juni), den Auftakt zu seiner Serie rund um Detective Sergeant Sean Duffy. Seit seiner “Dead”-Trilogie und “Ein letzter Job” steht der Autor bei mir ganz hoch in der Gunst. Und wer McKintys Meinung über “15 Dinge, die nichts in einem Krimi verloren haben” wissen will: Hier geht es zu meinem entsprechenden Beitrag.

(c) Suhrkamp

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Von meinem absoluten Lieblingsautor Don Winslow erscheint ein älteres Werk wieder auf Deutsch (erstmals 1997 mit dem Titel Manhattan Blues auf Deutsch publiziert). “Manhattan” (17. Juni) erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1958 rund um JFK, CIA und Intrigen. Vor 15 Jahren kannte den Autor im deutschen Sprachraum kaum jemand. Mal sehen, wie sein Buch in der zweiten Runde ankommt.

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Und dann wäre da noch Donald Ray Pollock, von dem nach dem gefeierten “Das Handwerk des Teufels” nun “Knockemstiff” (24. Juni) erscheint. Das Buch ist Pollocks eigentlicher Debütroman, weil sich der deutsche Verlag nicht an die Reihenfolge gehalten hat. Für mich ist diese Crime-Saga absolute Pflicht. Das vielklingende “Knockemstiff” ist übrigens ein 400-Seelen-Kaff in Ohio. Ich habe das Buch seit heute und mir haben die ersten zwei Sätze gereicht, um meine Neugier deutlich zu steigern:

“Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte.”

(c) Luchterhand

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Ähnlich knochenhart dürfte es in Benjamin Percys “Wölfe der Nacht” (24. Juni) zugehen. Der Verlagstext verrät dabei, dass es hier Existenziell zugeht: Die Natur überlässt den modernen Zeiten ihr Terrain nicht kampflos. Und die grausamste Wildnis lauert im Menschen selbst. Na mal schauen: Das klingt, als würden Daniel Woodrell und der oben erwähnte Pollock grüßen lassen.

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