Frederick Forsyth: Die Todesliste

(c) C. Bertelsmann

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Frederick Forsyth schreibt Bücher für Männer. Sein neuester Thriller “Die Todesliste” bildet da keine Ausnahme. Immer wieder verliert er sich seitenweise in Details aus der Welt des Militärs bzw. der Geheimdienste. Die Entwicklung von Charakteren ist bei ihm nur zweitrangig, dafür wird jede verwendete Waffe genau beschrieben.

Furchtbar also? Na ja, wie man es nimmt. Wenn man sich auf seinen trockenen, distanzierten, mitunter extrem technik- und waffenverliebten Stil einlässt, entpuppt sich der 75-jährige Autor mit seinem neuen Thriller durchaus als Augenöffner, wie ich auch in meinem Artikel in der “Presse” geschildert habe: Egal, ob NSA-Lauschangriffe, Drohnenattacken gegen Terroristen, Piratenüberfälle vor der Küste Somalias – Forsyth fügt diese scheinbar belanglosen Einzelereignisse zu einem akribisch recherchierten Spannungsroman zusammen. Dabei verliert er sich zwar mitunter seitenweise in Details, gleichzeitig steigert er damit die Authentizität. Das liest sich besser als jedes Sachbuch.

Wer also mit der machomäßigen, männerdominierten Forsyth-Welt – die es ja zweifellos auch gibt – zurecht kommt, kann also viel darüber erfahren, wie es in der Post-9/11-Welt mit all ihren Traumata so zugeht. In diesem Zusammenhang möchte ich auch den Film “Captain Phillips” mit Tom Hanks in der Hauptrolle empfehlen. Regisseur Paul Greengrass (“Bourne Verschwörung”, “Bourne Ultimatum”, “Flug 92”) hat “eine Geiselnahme auf hoher See als Actionfilm-Passion rekonstruiert”, wie es mein Kollege Christoph Huber treffend formuliert hat.

Bekannt wurde Forsyth ja mit seinem Ausnahme-Thriller “Der Schakal”, der ihn 1972 auch mit einem Schlag bekannt machte. Das Buch wurde übrigens zweimal verfilmt. Einmal 1973 von Fred Zinnemann mit Edward Fox in der Hauptrolle des Killers und ein weiteres Mal 1997 mit Bruce Willis. Wer sich nur einen der beiden Filme ansehen will, sollte unbedingt die Zinnemann-Version wählen, der Willis-Abklatsch hat lange nicht die Qualität des ersten, sehr nah am Buch gehaltenen Films.

Bei mir hat Forsyth einen Bonus, ist er doch mitverantwortlich, dass ich ein großer Fan von Spannungsliteratur wurde. Vor fast zwanzig Jahren habe ich “Die Faust Gotttes” (1994) und “Das schwarze Manifest” (1996) richtiggehend verschlungen. Seine akribisch recherchierten Geschichten lassen den Leser immer wieder an Randschauplätzen der Weltgeschichte teilhaben – fast so, als wäre man dabei gewesen. Da “verzeihe” ich gern auch einmal schwächere Bücher wie “Der Rächer” (2003).

Interessant ist auch, dass Forsyth oft zum gleichen Zeitpunkt seine neuen Romane publiziert wie sein Kollege John LeCarré. “Der Spiegel” hatte daher 2010 auch von einem “Duell der Altmeister” geschrieben. Forsyth kommt darin mit seinen “Allmachtsphantasien” eher schlecht weg. Hans-Peter Schwarz hat in seinem Buch “Phantastische Wirklichkeit. Das 20. Jahrhundert im Spiegel des Polit-Thrillers” ebenfalls von einem gegensätzlichen Konzept des Thrillers geschrieben, ohne allerdings zu werten. “LeCarré brilliert mit Psycho-Thrillern. Seine durch die Bank traumatisierten Geheimdienstfiguren sind vorrangig damit beschäftigt, mit den Abgründen ihrern komplizierten Seelen fertig zu werden und sich aneinander abzuarbeiten”, hat Schwarz über LeCarré geschrieben. Anders seien die Helden Forsyths: “Sie sind nüchterne Realisten – zweckorientiert, entschieden, ausgeprägte Machos, eigenwillige Gegner der trägen Bürokratie, der finassierenden Politiker und des bequemen Establishments der britischen Oberschicht, dafür aber absolut zuverlässige Kameraden.”

Ich persönlich finde beide Autoren gut, die sich in ihrem Werk nahezu ideal ergänzen. Ich nehme mir gern das Beste aus beiden Welten.

7 von 10 Punkten

Frederick Forsyth: “Die Todesliste”, übersetzt von Rainer Schmidt, C. Bertelsmann, 318 Seiten.

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2 Comments

Filed under Rezensionen

2 responses to “Frederick Forsyth: Die Todesliste

  1. schreibprozesse

    Nur fürs Protokoll: die “Schakal”-Verfilmung habe ich geliebt. Das lag wohl aber eher an Richard Gere. *räusper* Und ja, Forsyth schreibt ganz eindeutig für Männer. Deswegen können meine Eierstöcke selbst nach mehreren Versuchen mit fast allen seinen Büchern nichts anfangen. Fast. Denn da gibt es ja diese eine Ausnahme, die “Das Phantom von Manhattan” heißt und die Fortsetzung von Leroux’ “Das Phantom der Oper ist”. Wobei Forsyth da eher das Material von Andrew Lloyd Webber (Musical) und Susan Kay (Roman) genommen hat, um diese Fortsetzung zu schreiben. Nicht umsonst ist sein Phantom-Buch dann auch die Grundlage für das Phantom-Musical-Sequel “Love Never Dies” von Andrew Lloyd Webber (wundervolle Musik, bekloppte Story). Das lässt Weiberherzen höher schlagen. *östrogengelaber ende*

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