Pete Dexter: Unter Brüdern

(c) liebeskind

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Seit “Paperboy” liebe ich Pete Dexters Erzählstil: ruhig, unaufgeregt, präzise und schnörkellos. Das verhält sich auch bei “Unter Brüdern” nicht anders. Besonders im ersten Teil des Buchs erzählt Dexter sehr einfühlsam vom Ende einer Kindheit. Als Peter Flood im Alter von acht Jahren mitansehen muss, wie seine Schwester bei einem Autounfall stirbt, ist mit einem Schlag nichts mehr wie zuvor. Von einem Moment auf den anderen bleibt er sich selbst überlassen. Seine Mutter zerbricht am Verlust der Tochter. Sein Vater, ein gewichtiger lokaler Gewerkschaftsboss mit Verbindungen zur Mafia, sinnt nur mehr auf Rache. Er will seinen Nachbarn (der noch dazu ein Polizist ist), der seine Tochter getötet hat, ebenfalls unter der Erde sehen. Um Peter Flood kümmert sich niemand.

In der Folge erzählt Dexter vom Erwachsenwerden von Peter. Was mir eigentlich erst nach der Lektüre bewusst wurde, ist die tiefe Einsamkeit und Verlorenheit, die Dexter nie im Worte fasst, die aber zwischen den Zeilen ständig mitschwingt. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, das mir irgendwas fehlt. Es ist wohl dieses leere Gefühl, das beim Lesen ensteht, diese Emotionslosigkeit, die im ersten Moment ein wenig enttäuscht. Doch dieser Peter Flood wird von der Welt vergessen, er wird nach dem traumatischen Ereignissen nie mehr in dieser Welt verankert sein. Er hat nur mehr sich selbst. Er lebt bloß, um weiterzuleben, verliert dabei aber nie seinen eigenen moralischen Kompass. Das ist wohl auch der Grund – ohne hier mehr zu verraten – der ihn alternativlos auf den Abgrund zuführt.

Sonja hat das bei zeilenkino auch sehr schön formuliert:

„Unter Brüdern“ erfordert aufmerksames und konzentriertes Lesen, damit sich die Einsichten in die Charaktere entfalten. Es ist ein stilles, aufwühlendes und düsteres Buch, in dem die Resignation eines Kindes schmerzlich nachvollzogen und weiterentwickelt wird. Daneben liefert es Inneneinsichten in das Leben in einer Gemeinschaft, in der die Kontrolle über Arbeitsplätze gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Macht und Skrupellosigkeit ist.

“Unter Brüdern” fällt im Vergleich zu “Paperboy” ein wenig ab. Es fehlt vielleicht das Besondere, das Außergewöhnliche. Aber könnten bloß alle Autoren so fein erzählen…

7 von 10 Punkten

Pete Dexter: “Unter Brüdern”, übersetzt von Götz Pommer, 303 Seiten, liebeskind.

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