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Krimis, die man 2017 lesen sollte (VII)

(c) Polar

Benjamin Whitmers “Nach mir die Nacht” ist vor nicht einmal einem Jahr im Polar-Verlag erschienen, nun gibt es mit “Im Westen nichts” Nachschub. Klingt stark nach Pflichtlektüre.

Das schreibt der Verlag: Gerade noch war Douglas Pike, ehemals gewalttätiger Berufsverbrecher, auf dem Weg der Resozialisierung im eisigen Abstellgleis der gottverlassenen Appalachen, da holt ihn die Nachricht ein, dass seine ihm entfremdete Tochter an einer Überdosis gestorben sein soll. Ihr einziges Vermächtnis ein 12 Jahre altes Mädchen, das ausgerechnet in Pikes Obhut landet. Dabei hat er alle Hände voll damit zu tun, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und mit hartem Suff die Dämonen vom Leib zu halten. Als die beiden langsam zueinanderfinden, kommt ihnen Derrick Kreiger, ein krummer Bulle aus Cincinnati, in die Quere, sodass Pike kein anderer Ausweg bleibt, als selbst herauszufinden, wer seine Tochter wirklich auf dem Gewissen hat. Dass er sich dabei mit Gott, der Welt, mit skrupellosen Gesetzeshütern und dem erbarmungslosen Winter Ohios anlegt, führt zu einer blutigen Suche in einer Vergangenheit, die ihn unausweichlich einholt.

(c) Suhrkamp

Zoë Beck steht mit “Die Lieferantin” auf Platz eins der aktuellen Krimi-Bestenliste. Viel mehr muss man da eigentlich nicht mehr dazu sagen. Noch dazu hat sie ein brisantes, in der nahen Zukunft liegendes Setting gewählt.

London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Ein Drogenhändler treibt tot in der Themse, ein Schutzgelderpresser verschwindet spurlos. Ellie Johnson weiß, dass auch sie in Gefahr ist – sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Sache hat nur einen Haken – die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will ›Die Lieferantin‹ tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen – ihre Gegner sind mächtig, und sie lauern an jeder Straßenecke.

 

(c) Btb

Von Robert Hültner habe ich bisher nichts gelesen, aber ihm eilt ein hervorragender Ruf voraus. “Lazare und der tote Mann am Strand” hat auch schon ein paar sehr überzeugende Kritiken eingeheimst.

Ein Toter am Strand: tragisch, aber im malerischen Sète, dem Venedig Südfrankreichs, kein seltener Unglücksfall. Wahrscheinlich hat es doch nur wieder etwas mit den internen Streitereien der Gitans zu tun, die hier schon seit Jahren am Stadtrand siedeln. Seltsam also, dass extra ein Kommissar aus Montpellier angefordert wird für diesen Fall. Die Behörden vor Ort sind konsterniert und empfangen Kommissar Lazare entsprechend. Sie ahnen nicht, dass Lazare angetreten ist, ein riesiges – und wenn es sein muss, mörderisches – Komplott aus Mauschelei, Korruption und Betrug aufzudecken, das die ganze Region im Würgegriff hat. Was andererseits Lazare nicht ahnt: dass zudem eine offene Rechnung aus Frankreichs jüngerer Vergangenheit darauf wartet, beglichen zu werden.

 

(c) Zsolnay

Eher zufällig bin ich auf Pascale Robert-Diards gerade einmal 160 Seiten dünnes Buch “Verrat” gestoßen. Diese “wahre” Geschichte klingt doch auch sehr spannend. Mal sehen.

1977 verschwindet Agnès Le Roux, die Tochter einer wohlhabenden Familie an der Côte d’Azur in Frankreich. Bald geht man von einem Verbrechen aus, und der Anwalt der Familie, Maurice Agnelet, gerät in Verdacht, ihr etwas angetan zu haben. Er ist Agnès’ verheirateter Liebhaber, ein Verführer, der es meisterhaft versteht, Menschen für seine Zwecke zu benutzen. Guillaume Agnelet ist noch ein Kind, als ihm sein Vater einen Mord gesteht, für den es keine Beweise gibt. Fast dreißig Jahre lang schweigt der Sohn und verteidigt den Vater sogar vor Gericht. Bis er nicht mehr kann. Pascale Robert-Diard hält auf unheimlich fesselnde Weise fest, wie eine Familie vor den Augen der Öffentlichkeit an ihren Geheimnissen zerbricht. Eine wahre Geschichte.

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Krimi-Bestenliste August: Ein Abgleich

(c) Suhrkamp

Die Krimi-Bestenliste vom August entspricht großteils meiner geplanten Leseliste der nächsten Wochen. Sowohl die neue Nummer eins, “Die Lieferantin”, als auch “Die Treibjagd”, “Hard Revolution”, “Beton Rouge” und “Alles so hell da vorn” stehen auf meinem kriminalliterarischen Speiseplan. In der Lektüre von Becks Buch stecke ich gerade und ich bin durchaus begeistert.

Larry Browns “Fay” werde ich wohl schon angesichts des Umfangs, 656 Seiten, eher ausschließen. Und auch Carsten Jensens Buch “Der erste Stein” hat über 600 Seiten…

Die restlichen Krimis sprechen mich inhaltlich jetzt nicht so ganz an, aber ich werde mal erste Rezensionen abwarten, ob ich hier nicht irgendetwas verpasse.

Die Liste im Überblick:

1. Zoë Beck: Die Lieferantin (9)
2. Antonin Varenne: Die Treibjagd (-)
3. Larry Brown: Fay (-)
4. George Pelecanos: Hard Revolution (10)
5. Simone Buchholz: Beton Rouge (-)
6. Monika Geier: Alles so hell da vorn (1)
7. Carsten Jensen: Der erste Stein (2)
8. Graeme Macrae Burnet: Das Verschwinden der Adèle Bedeau (-)
9. Donato Carrisi: Der Nebelmann (-)
10. Robert Hültner: Lazare und der tote Mann am Strand (-)

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“Nur ein Krimi …”

Ich will hier wieder einmal ein wenig nachdenken über jenes Genre, das ich liebe. Vor kurzem bin ich bei culturmag auf Zoë Becks Beitrag “… nur ein Krimi?” gestoßen. Sie hat ein Problem damit, dass Iris Radisch in einem Interview sagt, man müsse die Latte bei Sibylle Lewitscharoffs “Killmousky” etwas niedriger hängen, da es sich nur um einen Krimi handele. Ich habe dieses Problem auch, weil man immer noch manchmal als Crime-Fiction-Fan das Gefühl hat, als Groschenhefte- oder 08/15-Whodunnit-Leser abgetan zu werden.

Ich will daher Beck hier zitieren, weil sie mir aus der Seele spricht: “Der Krimi also. Ein putziges Ding, eine Entspannungsübung für den Hochliteraten (m/w). Nach schwergewichtigen Themen kann man beim Krimi endlich mal ein bisschen locker werden. Wüsste der Hochliterat (oder der dazu gehörige Kritiker (m/w)) um die Bandbreite innerhalb der Genres, gäbe es solche Interviews wie das mit Radisch nicht. Dann wäre klar, dass es mindestens ebenso viele grandiose Meisterwerke von Weltrang im Krimigenre gibt, wie es Schund, Unfug und Banalitätenschwurbel in der nichtgenrekategorisierten Literatur gibt.”

Und: “Texte kann man daraufhin lesen, ob sie gut gemacht sind. Figurenzeichnung, Dialoge, Spannungsaufbau, Sprache etc. Ich möchte deshalb die von Radisch tiefer gehängte Latte bitte gern abschrauben und Texte von egal wem danach beurteilen bzw. beurteilt wissen, ob sie gut sind oder nicht – egal welches Etikett sie haben.”

Das ist meiner Meinung nach genau der Punkt: Texte sind gut oder schlecht, egal welches Etikett sie haben.

Auf krimi-couch.de habe ich dazu passend ein Interview mit Thomas Wörtche wiederentdeckt, der ebenfalls weise Worte sagt: “Ich bin fest der Meinung, wer nur von Krimis was versteht, versteht auch von Krimis nichts.”

Wörtche, gern als deutscher Krimikritiker Nummer eins bezeichnet, meint zu seinem ihm aufgedrängten Status kritisch: “Das Etikett bekommt man, wenn man lange genug dabei ist und hin und wieder ein paar schlaue Dinge an möglichst prominente Stelle geschrieben hat. Das wiederum ist gar nicht so schwer, weil sehr vieles, was man sonst über Kriminalliteratur et al an prominenter Stelle lesen muss, von herzlicher Ahnungslosigkeit ist. Vermutlich habe ich »Krimis« (und Verwandtes) einfach ein bisschen ernster genommen und das auch formulieren können. Dabei war ich nicht der erste und nicht der einzige. Und Krimi ist nur eine Variante von erzählender Literatur, die ich spannend finde.”

Tja, ich selbst bin ja gerade auf so einem dystopischen Lese-Trip: Zuerst habe ich “Spademan” und “2/14” gelesen, dann “Mirage” und zuletzt den Werwolf-Roman “Roter Mond”. Sind das für irgendwelche selbsternannten Krimi-Puristen überhaupt Genre-Werke? Mir ist das eigentlich egal. Es sind teilweise exzellente (“2/14”, “Roter Mond”), teilweise eher banale (“Spademan”, “Mirage”) Spannungsromane. Und das bringt mich zu einem wesentlichen Punkt: Für mich muss ein gutes Buch spannend sein. Deshalb muss es aber nicht zwingend ein Thriller oder Krimi sein. Mark Twains “Huckleberry Finn” ist etwa so ein Buch, das bei vielen noch dazu den Makel eines “Kinderbuches” hat.

Ich wiederhole mich daher: Genre hin, Etikettierung her – Bücher sind gut oder schlecht (oder irgendwas dazwischen) – und natürlich oft auch nur Geschmackssache.

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