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Benjamin Percy: Wölfe der Nacht

(c) Luchterhand

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Einige der besten Bücher, die ich heuer gelesen habe, spielen in der US-Provinz: Egal ob Wiley Cashs “Fürchtet euch”, Joe R. Lansdales “Dunkle Gewässer”, Pete Dexters “Paperboy” oder Donald Ray Pollocks “Knockemstiff”. Nun muss ich mit Benjamin Percys Romandebüt “Wölfe der Nacht” ein weiteres Buch dieser Liste hinzufügen. Der 1979 geborene Autor stammt aus dem US-Bundesstaat Oregon und schreibt in seinem Werk, will man dieses auf vier Worte reduzieren, über “Männer in der Wildnis”. Die eigentliche Hauptrolle spielt daher auch der Wald, in den sich Justin (Vater), Graham (Sohn) und Paul (Großvater) für ein Jagdwochenende begeben. Gleichzeitig streift auch Irakheimkehrer Brian durch die Wälder und hat ein Auge auf Justins Frau Karen geworfen. Das mag nun banal klingen, ist es aber nicht.

Denn Percy schreibt vor allem über Beziehungen: Vater-Sohn (Justin-Graham, Paul-Justin), Ehemann-Ehefrau. Und das gekonnt. Er hat ein feines Gefühl für die kleinen alltäglichen Dinge, die es manchmal so schwer machen, miteinander auszukommen. Das wird auch im Prolog klar:

“Dreißig Jahre – und in dieser ganzen Zeit hat sich zwischen Justin und seinem Vater wenig verändert, obwohl um sie herum Oregon sich sehr verändert hat.”

Nur eine Seite später macht Percy klar, dass, obwohl wir uns durch den Fortschritt der Technik oft in Sicherheit wiegen, diese nur eine trügerische ist. Vielmehr zeigt er die Welt als eine zerbrechliche. Obwohl Karen, die das zweite Mal schwanger ist, keinen Tropfen Alkohol trinkt und sich von Fisch und rotem Fleisch fern hält und “nicht wenig Geld für biologische, freilaufende Hühnchen” ausgibt, kann sie eine Fehlgeburt nicht verhindern.

Kriegsheimkehrer und Schlüsseldienstbetreiber Brian wiederum, der von den Geistern der Vergangenheit geplagt wird, fühlt sich nirgends heimisch, außer in den Wäldern: “Die hohe Wüstenlandschaft machte es auch nicht gerade besser, denn dieses Central Oregon erinnerte ihn zu sehr an den Irak. Die sandige Erde, die in Wolken hochwirbelte und auf der Haut, in den Ohren klebte.”

Percy hat aber auch ein Auge für das Land und seine Leute. Er beschreibt, wie sich die Gegenden durch monströse Immobilienprojekte verändern und schildert ungeschminkt die Ressentiments der Landbewohner gegenüber Menschen aus Städten wie Portland, Eugene und Bend. “Sie sind aus Bend. Das erklärt alles”, sagt einmal der Besitzer eines Mini-Marts zu Justin. Der Mann lästert über die vielen Häuser mit Whirlpools, zwischen denen dann irgendwann ein Golfplatz auftauchen würde, “jede Bahn zu perfekten, langen Streifen aus hellem und dunklem Rasen gemäht und beständig gewässert, so dass das Gras nicht verwelkt zu dem kränklichen Gelb, das hier der natürliche Bewuchs ist.”

In Percys Roman wird der Mensch wieder klein. Bildgewaltig erzählt er vom Kampf des ungleichen Trios mit sich selbst und vor allem gegen die Natur. Er vermeidet dabei jegliche Klischees. Daher verstehe ich auch den Vorwurf nicht, den ihm “Zeit”-Rezensentin Dana Buchzik macht: “Für sensible Mägen und Freunde des Genderns ist er allerdings schwer zu ertragen. Zu inbrünstig wird hier das angeblich typisch Männliche besungen, das sich in schwerer körperlicher Arbeit, handwerklichem Geschick und natürlich Freude an Blut und Grausamkeit manifestiert.” Denn meiner Meinung nach stilisiert Percy genau diese Männlichkeitsrituale nicht hoch, sondern stellt sie bloß und handelt sie mit einer gewissen Ironie ab.

9 von 10 Punkten

Benjamin Percy: “Wölfe der Nacht”, übersetzt von: Klaus Berr, Luchterhand, 367 Seiten.

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (VI)

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Der Juni wartet mit hochklassigen Krimis in Hülle und Fülle auf. Der Wermutstropfen: Ich werde nicht alle lesen können. Den Anfang macht jedenfalls “Ein seltsamer Ort zu sterben” von Derek Miller, der ab 1. Juni erhätlich ist. Der 82-jährige Sheldon Horowitz steht im Zentrum der Geschichte. Er ist aus den USA zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er trauert um seine verstorbene Frau und den in Vietnam gefallenen Sohn, sein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Da befindet er sich auf einmal mit einem Kind auf der Flucht. Er weiß nur eines: Er muss das Kind beschützen. Klingt vielversprechend und steht weit oben auf meiner Leseliste.

(c) Heyne

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Am 10. Juni erscheint dann “Der letzte Wille” von Denise Mina. Das Buch wurde von Conny Lösch übersetzt, was mich ehrlich gesagt erst auf die Autorin aufmerksam gemacht hat – denn ich habe bislang noch kein von Lösch übersetztes Spannungsbuch (Howard Linskey: “Crime Machine”, Ian Rankin: “Mädchengrab”, Don Winslow: “Zeit des Zorns” & “Kings of Cool”, Frank Bill: “Cold Hard Love”) gelesen, dass nicht auf irgendeine Art und Weise außergewöhnlich war. Zudem mag ich Krimis, die in Glasgow spielen. Und dieses Buch beginnt nicht einmal mit einem Wetterbericht!

(c) Argument Verlag

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An den Start geht auch die Französin Dominique Manotti mit “Zügellos” (17. Juni). Diesmal zeigt die Ausnahme-Autorin den Zusammenhang zwischen Drogenhandel und Immobilienspekulation auf. Und wieder einmal dürfte sie einen Finger auf die offene Wunde Korruption, also kriminelle Verbindungen zwischen Politk und Wirtschaft, legen.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Auch in Simon Mocklers “Das Midas-Kartell” (17. Juni) geht es um dubiose Finanzgeschäfte. Der Verlagstext dazu: Während der Überprüfung einer angesehenen Londoner Bank kommt Daniel Wiseman dubiosen Geldtransaktionen auf die Spur. Als der Mitarbeiter einer Wirtschaftskanzlei die Wahrheit ans Licht bringen will, wird er gefeuert. In Zeiten, in denen Geldwäsche und Steuerflucht die Schlagzeilen dominieren, vielleicht genau das Richtige. Nur die Aufmachung lässt allzu Reißerisches befürchten.

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Am meisten gespannt bin ich allerdings auf Adrian McKintys “Der katholische Bulle” (17. Juni), den Auftakt zu seiner Serie rund um Detective Sergeant Sean Duffy. Seit seiner “Dead”-Trilogie und “Ein letzter Job” steht der Autor bei mir ganz hoch in der Gunst. Und wer McKintys Meinung über “15 Dinge, die nichts in einem Krimi verloren haben” wissen will: Hier geht es zu meinem entsprechenden Beitrag.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Von meinem absoluten Lieblingsautor Don Winslow erscheint ein älteres Werk wieder auf Deutsch (erstmals 1997 mit dem Titel Manhattan Blues auf Deutsch publiziert). “Manhattan” (17. Juni) erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1958 rund um JFK, CIA und Intrigen. Vor 15 Jahren kannte den Autor im deutschen Sprachraum kaum jemand. Mal sehen, wie sein Buch in der zweiten Runde ankommt.

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Und dann wäre da noch Donald Ray Pollock, von dem nach dem gefeierten “Das Handwerk des Teufels” nun “Knockemstiff” (24. Juni) erscheint. Das Buch ist Pollocks eigentlicher Debütroman, weil sich der deutsche Verlag nicht an die Reihenfolge gehalten hat. Für mich ist diese Crime-Saga absolute Pflicht. Das vielklingende “Knockemstiff” ist übrigens ein 400-Seelen-Kaff in Ohio. Ich habe das Buch seit heute und mir haben die ersten zwei Sätze gereicht, um meine Neugier deutlich zu steigern:

“Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte.”

(c) Luchterhand

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Ähnlich knochenhart dürfte es in Benjamin Percys “Wölfe der Nacht” (24. Juni) zugehen. Der Verlagstext verrät dabei, dass es hier Existenziell zugeht: Die Natur überlässt den modernen Zeiten ihr Terrain nicht kampflos. Und die grausamste Wildnis lauert im Menschen selbst. Na mal schauen: Das klingt, als würden Daniel Woodrell und der oben erwähnte Pollock grüßen lassen.

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