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Krimis, die man 2016 lesen sollte (VIII)

(c) Blessing

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Bereits seit August sind die folgenden Krimis im Handel erhältlich. Sehr interessant vor allem aus Genre-Sicht ist Jack Londons “Mord auf Bestellung”, das anlässlich des 100. Todestags des Autors erschienen ist. Denn bei diesem Agententhriller handelt es sich zweifellos um einen der ersten seiner Art. Eigentlich darf man sich das nicht entgehen lassen.

Der Verlag schreibt: «Sie zahlen, wir morden!» lautet die Devise einer New Yorker Attentatsagentur. Einzige Bedingung: Die Liquidation des Opfers muss sozial nützlich und legitim sein … Mit «Mord auf Bestellung» brilliert der weltbekannte Abenteuerautor im Suspense-Genre. Nun erstrahlt sein wiederentdeckter Agententhriller aus dem Jahr 1910 in Eike Schönfelds Neuübersetzung.

10.000 $ für einen Polizeichef; 100.000 $ für einen zweitrangigen Monarchen; eine halbe Million für Seine Majestät, den König von England – Diskretion garantiert! Die Geschäfte der mordenden Moralfanatiker laufen prächtig, bis ein schwerreicher Philanthrop Verdacht schöpft und sie beauftragt, ihren eigenen Chef zu eliminieren: Auftakt einer Verfolgungsjagd quer durch die USA. Vor einer hawaiianischen Insel kommt es zum nalen Showdown … Dieser Agententhriller fesselt mit Dramatik, Action und spektakulären Wendungen. Zugleich wirft er hochbrisante Fragen auf: Welche Opfer darf ein Mensch im Namen einer höheren Moral in Kauf nehmen? Welcher Zweck heiligt welche Mittel? Und nicht zuletzt: Wie lässt sich eskalierende Gewalt eindämmen?

(c) Edition Nautilus

(c) Edition Nautilus

Alan Carters Krimi “Prime Cut” habe ich im Vorjahr verpasst. Mit “Des einen Freud” bietet sich nun aber erneut die Möglichkeit, diesen australischen Krimiautor kennenzulernen.

Es ist heiß in Westaustralien, und es wird noch heißer: Gordon Wellard, verdächtig des Mordes an einer vermissten 15-Jährigen, scheucht Cato Kwong durch Fremantle. Statt der angeblich vergrabenen Leiche findet Cato jedoch nur einen mit Zimmermannsnägeln gespickten Schweinekadaver. Kurz darauf wird ein Restaurantbesitzer, der kein Schutzgeld mehr zahlen wollte, mit ähnlichen Nägeln im Rücken tot aufgefunden. Der schnell ermittelte Täter kommt offenbar bei einem Buschbrand ums Leben. Doch als Cato kurz darauf entführt und mit einer Nagelpistole bedroht wird, offenbart sich, wie sehr die Polizei selbst bedroht – und verstrickt ist.

Zur gleichen Zeit untersucht Catos Kollegin Lara Sumich den Mord an dem Undercover-Cop Santo Rosetti, dem nach einem Blowjob auf der Toilette eines Nachtclubs die Kehle durchgeschnitten wurde. Ihre Ermittlungen werden jedoch manipuliert, und auch Lara selbst wird überfallen …

(c) Liebeskind

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US-Autorin Ottessa Moshfegh dürfte eine ganz besondere Neuentdeckung sein. Während es sich bei dem dünnen Büchlein “McGlue” eher um ein Alkoholikerdrama handeln soll, wurde ihr zweites Buch “Eileen” sogar für die Short List des renommierten Man Booker Prize nominiert. Vielleicht kein Krimi im klassischen Sinn, aber spannende Literatur.

Salem, Massachusetts. Im Jahr des Herrn 1851. Der Seemann McGlue ist schwerer Trinker und sitzt im Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, vor Sansibar seinen besten Freund Johnson ermordet zu haben. Nur kann er sich an nichts erinnern. Was daran liegt, dass sein Schädel gespalten ist, seitdem er vor Monaten aus einem fahrenden Zug gesprungen ist, um nicht als blinder Passagier entdeckt zu werden. McGlue will sich auch an nichts erinnern, er will nur trinken. In der Nähe von New Haven hatte Johnson ihn einst auf der Straße aufgelesen und so vor dem Erfrieren gerettet. Er war es, der nach seinem Sturz für ihn sorgte, der ihn zur Handelsmarine brachte und mit ihm um die Welt segelte. Warum also sollte McGlue ihn umgebracht haben?

Ottessa Moshfegh erzählt die abgründige Geschichte eines Mannes, dessen Hass auf die Welt zu groß ist, als dass er unversehrt sein Dasein fristen kann. »McGlue« ist ein stimmgewaltiges, eindringliches Buch über das immerwährende Scheitern des Menschen, den eigenen Unzulänglichkeiten Herr zu werden. Denn zwischen Schuld und Gerechtigkeit steht immer das Leben.

(c) Wunderlich

(c) Wunderlich

Horst Eckert hat mit “Schwarzer Schwan” aus meiner Sicht einen der besten Krimis rund um die internationale Finanzkrise geschrieben. “Schwarzlicht”, der Auftakt seiner Reihe um Ermittler Vincent Veih hat mich zwar nicht ganz so überzeugt, aber dennoch ist Eckert zweifellos einer der besten Krimiautoren Deutschlands, der auch immer zeit- und gesellschaftskritisch schreibt. “Wolfsspinne” dürfte ein spannender Politthriller sein.

Ein hochbrisanter Politthriller vor dem Hintergrund von Flüchtlingszuwanderung und Pegida, der die offizielle Version zum Thema NSU infrage stellt. Es ist niemals vorbei.

Eisenach, 2011: Zwei Männer liegen tot in ihrem Wohnmobil. Sie waren Teil eines rechtsextremistischen Terror-Trios, das Deutschland Jahre lang unerkannt in Angst und Schrecken versetzt hat.
Aber was passierte wirklich? Ein Mann hat den “Nationalistischen Untergrund” für den Verfassungsschutz beobachtet. Er kennt die Wahrheit. Doch er muss schweigen.

Jahre später ermittelt der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih im Mordfall der Promiwirtin Melli Franck. Die Spur führt ins Drogenmilieu. Aber als weitere Morde geschehen, stößt Vincent auf eine Fährte, die in die Vergangenheit weist: zur “Aktion Wolfsspinne”, die eng mit dem NSU verknüpft ist…

(c) Deuticke

(c) Deuticke

Iain Levisons außergewöhnlicher Krimi “Hoffnung ist Gift” habe ich leider nie gelesen. Mit “Gedankenjäger” hat er nun aber einen weiteren Krimi verfasst, der ganz lässig Genregrenzen sprengt. Dazu hier bald mehr.

Der Polizist Jared Snowe bemerkt bei einem Einsatz plötzlich, dass er Gedanken lesen kann. Während ihn das bei interessanten Frauen oft eher deprimiert – er weiß nun leider sofort, wenn er keine Chance hat –, profitiert er beruflich von seiner Fähigkeit und löst deutlich mehr Fälle als seine Kollegen. Nun soll er den geflohenen Mörder Brooks Denny aufspüren und zurück in die Todeszelle bringen. Snowe findet Denny mühelos, doch als sich die beiden treffen, machen sie eine überraschende Entdeckung: Sie haben beide das gleiche Schlangen-Tattoo auf der linken Schulter. Ein packender Thriller aus den USA, in dem sich die Grenzen zwischen Gut und Böse beständig verschieben.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Eine neue vielversprechende Stimme ist auch S. Craig Zahler. “Die Toten der North Ganson Street” klingt nach interessanter Krimikost.

Die Bewohner nennen ihre Stadt Shitopia, weil es seit Langem nur bergab geht, die Kriminalitätsrate mit jedem Tag steigt und nicht einmal die Tauben sie lebenswert finden. Kein Detective tritt hier freiwillig seinen Dienst an. Hierhin wird man strafversetzt. Denn es ist die Hölle auf Erden.

Weil seine Vorgesetzten ihn für den Selbstmord eines Geschäftsmannes verantwortlich machen, muss Jules Bettinger das sonnige Arizona verlassen und mit seiner Familie ins eiskalte Missouri ziehen. Sein neuer Einsatzort ist Victory, doch die Stadt ist alles andere als ein Gewinn. Die Polizeibehörde ist sträflich unterbesetzt, auf jeden Ermittler kommen gefühlt siebenhundert Straftäter. Dennoch wird Bettinger von den neuen Kollegen alles andere als willkommen geheißen. Um mit ihnen warmzuwerden, bleibt ihm allerdings kaum Zeit: Einer nach dem anderen wird auf grausame Art ermordet …

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Sowohl William Shaws Debüt “Abbey Road Murder Song” als auch “Kings of London”, Teil zwei seiner Trilogie, haben mich begeistert. Was soll also bei “History of Murder” schiefgehen?

1969. Helen Tozer hat ihren Job bei der Polizei aufgegeben und kehrt gemeinsam mit dem schwer verletzten Detective Sergeant Cathal Breen auf die Farm ihrer Familie in Südengland zurück. Ein Ort mit einer furchtbaren Vorgeschichte: Fünf Jahre zuvor wurde Alexandra Tozer, Helens Schwester, hier ermordet. Breen, dem ursprünglich Nichtstun und Erholung verordnet wurden, verbeißt sich in den ungelösten Fall, und er entdeckt schnell, dass die Tozers nie die ganze Wahrheit über Alexandras Tod erfahren haben …

William Shaws packender Krimi führt uns ins England der 60er Jahre. Eigentlich sucht das Ermittlerduo Helen Tozer und Cathal Breen Ruhe auf dem Land, doch als Breen einen alten Mordfall wieder aufrollt, stört er damit den Täter von damals auf. Der schreckt vor nichts zurück, und schon bald ist Helen spurlos verschwunden …

(c) carl's books

(c) carl’s books

Zum Schluss noch ein Thriller aus deutscher Feder. “Zwei Sekunden” klingt nach einem spannenden, kritischen Buch über unsere durch Terror geprägte Welt.

Terroranschlag beim Staatsbesuch in Berlin. Nur um zwei Sekunden verpasst die Bombe die deutsche Bundeskanzlerin und den russischen Präsidenten. Die Russen behaupten, dass tschetschenische Terroristen hinter dem Anschlag stecken – doch eine Bekennerbotschaft gibt es nicht. Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Berliner Polizei tappen im Dunkeln. Öffentlichkeit und Politik fordern Ergebnisse. Der Druck wächst. Widerwillig akzeptiert das BKA, dass Hauptkommissar Eugen de Bodt eigene Ermittlungen anstellt. Vor allem in höheren Polizeikreisen ist de Bodt unbeliebt bis verhasst. Doch will sich niemand nachsagen lassen, nicht alles unternommen zu haben. De Bodt und seine Mitarbeiter suchen verzweifelt eine Spur zu den Tätern. Aber erst, als er alle Gewissheiten in Frage stellt, bekommt de Bodt eine Idee, wer die Drahtzieher sein könnten. Doch um sie zu entlarven, muss er mehr einsetzen, als ihm lieb ist: das eigene Leben.

 

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William Shaw: Kings of London

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

William Shaws “Abbey Road Murder Song” war für mich eines der Krimi-Highlights des Jahres 2013. Mit Cathal Breen und Helen Tozer hat Shaw eines der charmantesten Ermittlerpaare der modernen Kriminalliteratur erschaffen.

Was mich am Nachfolger “Kings of London” am meisten beeindruckt: Der Autor geht sehr einfühlsam mit all seinen Figuren um – sie sind bis zur letzten Randfigur extrem differenziert und glaubwürdig gezeichnet. Da gibt es kein Schwarz und Weiß. Das mag wieder einmal auch an der genialen Übersetzung durch Conny Lösch liegen.

In “Kings of London” wird nun in einem abgebrannten Haus die Leiche eines Mannes gefunden. Schon bald stellt sich heraus, dass es sich um den Sohn eines einflussreichen Politikers handelt. Breen und Tozer begeben sich wieder auf die Suche nach der Wahrheit, die nach den Wünschen vieler nicht ans Licht kommen soll. Zwischendurch verliert Shaw die Ermittlungen auch ein wenig aus dem Auge. Er lässt vor allem Cathal Breen, der nach dem Tod seines Vater nur schwer zurecht kommt, alle möglichen privaten Erfahrungen machen. Das schmälert den Lesegenuss aber nicht, im Gegenteil. Seine feine Art der Beschreibung, sein ganz feiner Humor geben dem Buch die richtige Würze. “Kings of London” ist so auch ein gelungener Gesellschaftsroman.

Vor allem mag ich aber Shaws in den 1960er Jahren angesiedeltes Setting in London. Es sind einzigartige Zeitreisen, auf die er den Leser mitnimmt. Frauen im Polizeidienst taugten aus Sicht der Männer damals eigentlich nur zum Befragen von Kindern, sie durften nicht einmal ans Steuer des Dienstwagens. Viele Probleme oder zeitgeistige Erscheinungen der Jetzt-Zeit tauchten schon damals auf: Drogen, Arbeitsmigration und Veganismus.

Seine Wurzeln als Musikjournalist kann Shaw nicht verleugnen. Wie schon im Vorgänger taucht auch hier John Lennon wieder als Randfigur auf – allerdings ohne dass es erzwungen wirkt. Shaw trifft bei mir einen Nerv, ich folge jedem seiner Sätze mit Begeisterung. Da ist wirklich ein großer Könner am Werk.

8 von 10 Punkten

William Shaw: “Kings of London”, übersetzt von Conny Lösch, 472 Seiten, Suhrkamp Nova.

 

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Krimis, die man 2015 lesen sollte (VII)

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

William Shaw hat mich 2013 mit seinem Beatles-Krimi “Abbey Road Murder Song”, seinem Debüt, beeindruckt. Nun gibt es mit “Kings of London” (seit 7. Juli im Handel) endlich die Fortsetzung. Auf dieses Buch freue ich mich echt schon. Mit Cathal Breen und Helen Tozer hat er meiner Meinung nach eines der charmantesten Ermittlerpaare der modernen Kriminalliteratur geschaffen und auch eine wunderbare Zeitreise ins London des Jahres 1968 gewährleistet. Eine Frau im Polizeidienst war in Großbritannien damals noch ziemlich exotisch.

Der Verlag: London, November 1968: Hippiekommunen besetzen Häuser, in der Royal Albert Hall feiern John Lennon und Yoko Ono »alchemistische Hochzeit«, und in den Galerien hängen Bilder, die den Blick des Betrachters mächtig herausfordern. In diese so bunte wie nebulöse Welt gerät Detective Sergeant Breen, als in einem niedergebrannten Haus die Leiche eines jungen Mannes gefunden wird. Die Todesumstände sind mysteriös und der Tote nicht nur ein stadtbekannter Playboy und Kunstsammler, sondern auch Sohn eines angehenden Ministerpräsidenten. Und dieser tut so einiges, um Breen bei der Ermittlung Steine in den Weg zu legen. Das ist aber bei Weitem nicht Breens einziges Problem: Fast täglich erhält er Morddrohungen, und er wüsste endlich gern, woran er mit Tozer ist – bevor sie den Polizeidienst quittiert und die Stadt für immer verlässt. Auch der neue Fall von Breen und Tozer führt das ungleiche Paar unter die bunte Oberfläche Swinging Londons.

diemoeglichkeiteinesverbrechensNoch ein zweiter Teil. Dror Mishani hat mit seinem Debüt “Vermisst” (seit 27. Juli auf dem Markt) 2013 die Kritiker beeindruckt. “Israel ist – nach dem Tod von Batya Gur – wieder da auf der Landkarte der Kriminalliteratur”, meint etwa Elmar Krekeler. Ich habe Teil eins rund um Inspektor Avraham verpasst,  ich hoffe diesmal Zeit zu finden, obwohl mein Bücherstapel schon ziemlich hoch ist.

In Cholon, Israel, wird eine Kindergärtnerin bedroht und brutal zusammengeschlagen. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie den Täter identifizieren – alle Fragen scheinen beantwortet. Doch der Fall lässt Inspektor Avraham keine Ruhe, er ermittelt auf eigene Faust. Sein Hauptverdächtiger: der Cateringunternehmer Chaim Sara. Warum hatte Sara behauptet, seine philippinische Frau sei nach Hause geflogen? Wozu fliegt Sara jetzt mit seinen beiden Kindern nach Manila? Warum lügt er? Oder geht die Ermittlerfantasie mit Avraham durch? Schlimmer als das, was passiert, ist das, was passiert sein könnte …

(c) rowohlt polaris

(c) rowohlt polaris

Sehr vielversprechend klingt auch das folgende Buch: “Freedom’s Child” (ab 31. Juli erhältlich) von Jax Miller könnte so ganz nach meinem Geschmack sein. Die New Yorkerin Jax Miller ist erst 28 und schaffte es mit dem Buch auf die Shortlist für den CWA Debut Dagger. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der Verlag mit der Beschreibung nicht übertreibt.

Niemand weiß, dass sie noch lebt. Nicht mal ihre Kinder. Doch die sind nun in höchster Gefahr. Sie raucht, sie flucht, sie trinkt. Und lässt sich von niemandem was sagen. Jeder in der Stadt schätzt – oder fürchtet – Freedom Oliver. Keiner kennt ihren wahren Namen, ihr altes Leben: ausgelöscht. Das Leben, in dem sie ihren Mann erschoss, den Schwager ans Messer lieferte und ihre Kinder verlor. Das Leben, das sie für das Zeugenschutzprogramm hinter sich ließ. Nur spät in der Nacht verfolgt Freedom per Facebook, wie Mason und Rebekah erwachsen werden. Und dann kommt der Tag. Der Tag, an dem ihre Feinde Rache schwören. An dem Rebekah verschwindet. Und Freedom weiß: Sie kann sich nicht länger verstecken, sie muss handeln …

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William Shaw: Abbey Road Murder Song

(c) suhrkamp

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“Mit weniger Verstrickungen und Komplikationen wäre ‘Abbey Road Murder Song’ ein sehr guter Kriminalroman geworden”, urteilt Sonja von zeilenkino über William Shaws Debütroman “Abbey Road Murder Song”. Wir sind ja sehr oft ähnlicher Meinung, aber hier weiche ich dann doch ab. Ich finde, das Buch ist definitv ein guter Kriminalroman geworden. Shaw schreibt atmosphärisch dicht und hat mit Cathal Breen und Helen Tozer eines der charmantesten Ermittlerpaare der modernen Kriminalliteratur geschaffen. Das auch in Serie geht, wie dem Klappentext zu entnehmen ist.

Shaw hat mich auf eine Zeitreise in das London des Jahres 1968 mitgenommen. Die Beatles stehen stellvertretend für jenen Umbruch, zu dem viele Menschen noch nicht bereit sind. Bei der Polizeiarbeit stehen Rassismus und Frauenfeindlichkeit auf der Tagesordnung. Besonders heftig fand ich, dass Frauen im London von damals im Polizeidienst eigentlich nicht ermitteln durften und ihre Meinung am besten für sich behalten sollten. Sie durften nicht einmal das Dienstfahrzeug lenken. Unvorstellbar, dass das nicht einmal 50 Jahre her ist.

Wer sich einen Krimi rund um die “Fab Four” John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr erwartet, wird aber enttäuscht sein. Die Ermittlungen führen den Polizisten Cathal Breen – der selbst ein Außenseiter innerhalb des Polizeiapparats ist – zwar in die Szene der Beatles-Fans, interessanterweise spielt aber auch der Biafra-Konflikt eine wichtige Rolle. Interessant auch deshalb, weil William Boyds James-Bond-Roman “Solo” sich ebenfalls sehr stark auf diesen längst vergessenen Bürgerkrieg bezieht.

Dennoch werden auch Beatles-Fans auf ihre Kosten kommen. Denn immer wieder fließen interessante die Beatles betreffende Details in die Handlung ein – etwa die Verhaftung von John Lennon wegen Drogenbesitzes.

Gestoßen bin ich auf “Abbey Road Murder Song” eigentlich deshalb, weil ich danach gesucht habe, welche Bücher meine Lieblingsübersetzerin Conny Lösch in letzter Zeit übersetzt hat. Ich glaube, sonst hätte ich das Buch nicht unbedingt gekauft. So viel zur Macht einer guten Übersetzung.

Ach ja, seht euch doch mal an, was Karo vom Blog deep read für eine nette Cover-Variation gestaltet hat. Gefällt mir!

8 von 10 Punkten

William Shaw: “Abbey Road Murder Song”, übersetzt von Conny Lösch, 475 Seiten, Suhrkamp Nova.

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (X)

(c) Berlin Verlag

(c) Berlin Verlag

Vor einigen Tagen habe ich hier bereits berichtet, dass der neue James-Bond-Roman “Solo” (Berlin Verlag) am 1. Oktober erschienen ist. Ich habe das Buch mittlerweile gelesen und werde dazu in Kürze hier schreiben. Nur kurz: William Boyd schließt mit seinem 007 an jene Geheimagenten-Figur an, die Erfinder Ian Fleming ursprünglich geschaffen hat. In ersten Rezensionen zu dem neuen Buch konnte ich eine besondere Problematik erkennen: Viele Rezensenten dürften vor allem den Film-Bond kennen, aber nicht die Ian-Fleming-Romane. Und dann sind Vergleiche tatsächlich wie Äpfel mit Birnen. Dazu aber bald mehr.

(c) dtv Premium

(c) dtv Premium

Ebenfalls am 1. Oktober erschienen ist “Rückkehr nach Killybegs” (dtv Premium) von Sorj Chalandon. Zum Inhalt schreibt der Verlag: Tyrone Meehan ist zurückgekehrt, in das Cottage seines Vaters, im irischen Killybegs. Hier wartet er auf die Rache seiner Landsleute, auf seine Erschießung. Er hat sein Land verraten, die IRA, seine Familie 2006 wurde er, ein ranghoher IRA-Kämpfer, als Spion des britischen Geheimdienstes enttarnt. Er hatte einst im Kampfgetümmel einen Gefährten erschossen. Seine Männer bemerkten dies nicht, kürten ihn sogar zum Helden. Der MI 5 aber kannte den wahren Sachverhalt – und erpresste Meehan. Aber Achtung! Es dürfte sich dabei nicht um einen klassischen Krimi handeln, wie auch Hammett-Krimis schreibt: “Ein Kriminalroman ist dies hier nur am Rand und im weitesten Sinne.” Mich wird das nicht vom Lesen abhalten. Das Buch ist fix eingeplant.

(c) rororo

(c) rororo

Sehr vielversprechend dürfte auch ein anderes Buch sein, das gestern den Weg in mein Regal gefunden hat. “Cash Out” (rororo), ebenfalls am 1. Oktober erschienen, von Greg Bardsley wird als Thriller tituliert, doch auch der Humor dürfte darin nicht zu kurz kommen. Der Verlag verspricht “eine wahnwitzige Jagd durchs Silicon Valley: Der Held brüllt vor Schmerzen, der Leser vor Lachen.” Bei solchen Empfehlungen muss man ja immer vorsichtig sein, aber ich hoffe auf das Beste. Das Buch beginnt übrigens mit der Sterilisation von Dan Jordan, der Hauptfigur: “Gott, was würde meine Frau dafür geben, mich so zu sehen.”

(c) suhrkamp

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Am 21. Oktober erscheint “Der Geschmack der Gewalt” von Frank Bill (suhrkamp). Von Bill ist im Vorjahr der Kurzgeschichtenband “Cold Hard Love” erschienen. “Southern Indiana präsentiert sich in seinen Kurzgeschichten als jene Gegend, um die man bei einem USA-Trip einen weiten Bogen machen sollte. Bei aller Gewalt erweist sich Bill aber auch als sprachgewaltiger Erzähler”, habe ich damals geurteilt. Nun wird also sein erster Roman veröffentlicht. Schon das Cover macht deutlich, dass Zartbesaitete von Bill wohl weiterhin die Finger lassen sollten. “Wo zur Hölle kommt dieser Kerl her? Geht ab wie ein verdammtes Raumschiff und erwischt einen hart wie der Stiel einer Axt am Hinterkopf”, soll auch Country-Noir Autor Donald Ray Pollock (Autor von “Knockemstiff”) laut Verlag über Bill gesagt haben.

(c) suhrkamp

(c) suhrkamp

Und ebenfalls am 21. Oktober erscheint mein letzter Tipp: “Abbey Road Murder Song” (suhrkamp) von William Shaw. Der Autor entführt in das London des Jahres 1968, das ganz im Zeichen der Beatles steht. Die Ermittlungen führen Detective Cathal Breen und seine Kollegin Helen Tozer vom Fan-Club der Fab Four zu einer Gerichtsverhandlung gegen John Lennon und zu George Harrisons Haus. Übersetzt wurde das Buch übrigens von Conny Lösch, was für mich wie eine Kaufempfehlung zählt. Sie hat etwa Don Winslow, Elmore Leonard und Howard Linskey übersetzt.

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