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Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees

(c) Galiani

(c) Galiani

Ich werde jetzt nicht lange um den heißen Brei herumschreiben: Jan Costin Wagners “Tage des letzten Schnees” ist der erste Krimi, der in meinem Blog – nach rund 50 gelesenen Büchern – 10 von 10 Punkten erhält. Das Buch hat alles, was ich brauche. Glaubwürdige Figuren und eine wunderbar erzählte, wirklich berührende Geschichte (wäre ich bei einer Stelle nicht gerade im McDonalds gesessen, hätte mich die Geschichte tatsächlich zu Tränen gerührt).

Meine – zugegeben gewagte – Empfehlung: Wer 2014 nur einen Krimi lesen will, der soll hier zugreifen! Denn “Tage des letzten Schnees” ist eine literarische Wucht, die einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Der deutsche Autor erzählt leichtfüßig und stimmig. Man spürt auf jeder Seite, dass er seine Charaktere mag. In dem Buch liegen Tod, Trauer und Glück so unglaublich nah zusammen. Das tut beim Lesen manchmal richtig weh, befreit gleichzeitig aber auch immens.

Es ist Wagners Gespür für das Detail, das seine große Könnerschaft ausmacht. Etwa, als sich der Banker Markus nach einer Liebesnacht zu verlieben beginnt und gedankenverloren zu Cornflakes und Milch greift: “Er fragte sich, was er mit Cornflakes wollte. Er aß nie Cornflakes. Ville (sein Sohn, Anm.) aß Cornflakes zum Frühstück, aber er nicht.” Das mag jetzt nicht das beste Beispiel sein – aber es sind genau solche seltsamen Dinge, die Menschen tun, wenn sie sich verlieben, trauern oder leiden. Und Wagner beschreibt viele kleine Momente, die so viel über uns und unser Leben aussagen. Die mehr über uns verraten als große Taten oder Untaten.

Zur Handlung Es ist der fünfte Fall für den finnischen Polizisten Kimmo Joentaa. Dass ich die vier Teile davor nicht gelesen habe, macht überhaupt nichts. Das Buch liest sich perfekt – Serie hin oder her. Die Suche nach dem Mörder ist nur zweitrangig, was aber überhaupt nichts macht. Vielmehr ist man dankbar, an den Leben der feinfühlig gezeichneten Figuren des Romans teilhaben zu dürfen. Dabei streift Wagner brisante Themen wie den Breivik-Amoklauf, Sexmigration und Finanzkrise. Er macht das aber in einem erfrischend stillen, unaufgeregten Stil. Das wird an keiner Stelle plakativ oder voyeuristisch.

“Dies ist ein Roman wie eine perfekte Schneeflocke”, schreibt Elmar Krekeler in seiner Krimi-Kolumne “Krekeler killt”. Und Sonja hat es in ihrem Zeilenkino-Blog wunderschön formuliert: “Die stille Traurigkeit und einsame Ruhe der Figuren fasst Jan Costin Wagner in eine präzise und klare Sprache, die niemals aufgesetzt wirkt, sondern sich in aller Lakonie den Seelenzuständen der Charaktere widmet. Sein Roman ist durchzogen von stummen Schmerz und leiser Melancholie, seine Welt ist voller Grautöne, in denen die hellen, strahlenden Momente umso deutlicher zu erkennen sind.” Nicht weniger treffend beschreibt Bloggerin Klappentexterin ihren Einsteig in das Buch: “Stille. Und lange Zeit nichts. Der Lärm schrumpft zu einem kleinen Häufchen zusammen und verlässt fliegend meinen Körper. Dies geschieht während ich die ersten Sätze in Tage des letzten Schnees von Jan Costin Wagner lese. Das Buch umschließt mich wie ein Vakuum.”

Bei all meiner Euphorie will ich aber nicht verschweigen, dass man das Buch auch anders lesen kann. Wie etwa der Kritiker der FAZ: “Es fehlt Wagner diesmal verblüffenderweise an lokalem Einfühlungsvermögen.” Und auch wenn “Spiegel Online” das eine Haar in der Suppe findet, das auch mich stören könnte (“Die ‘Tage des letzten Schnees’ enthalten so viele Schicksalswendungen, vor allem zum Schluss, dass die Tragik albern zu werden droht”), es ändert nichts daran, dass dieses Buch das perfekte Lesevergnügen bietet. Das ist einfach große Literatur! Daher:

10 von 10 Punkten

Jan Costin Wagner: “Tage des letzten Schnees”, 314 Seiten, Galiani.

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KrimiZeit-Bestenliste März: Ein Abgleich

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Diesmal ist mir ein Doppelschlag gelungen: Ich habe zwei Bücher gelesen/zu lesen begonnen, die sich auf der aktuellen KrimiZeit-Liste befinden, noch bevor sie dort aufgetaucht sind! Über Daniel Woodrells Neueinsteiger (5) “In Almas Augen” habe ich hier erst vor wenigen Tagen geschrieben. Ich war sehr begeistert. In David Peaces “GB84”, das es als Neueinsteiger gleich auf Platz eins geschafft hat, stecke ich gerade. Die KrimiZeit-Jury fasst das Buch fein zusammen: “Das Ende der Kohlewelt: kolossal noir”. Großbritannien erscheint in diesem Roman, der im Jahr 1984 spielt, wie ein Bürgerkriegsland, ein Land im Ausnahmezustand.

Tja, Dennis Lehanes “In der Nacht”, über das ich ja auch geschrieben habe, lässt sich nicht aus der Liste schütteln. Gut so. Gelesen habe ich mittlerweile auch Jan Costin Wagners geniales Buch “Tage des letzten Schnees”, über das ich hier schon bald schreiben werde.

Meine KrimiZeit-Ausbeute lässt sich also sehen: Vier von zehn Büchern habe ich gelesen bzw. lese ich gerade.

Die Liste im Überblick:

  1. David Peace: “GB84” (-)
  2. Jan Costin Wagner: “Tage des letzten Schnees” (7)
  3. Jesper Stein: “Unruhe” (3)
  4. Zoe Beck: “Brixton Hill” (6)
  5. Daniel Woodrell: “In Almas Augen” (-)
  6. Dennis Lehane: “In der Nacht” (2)
  7. Martin Cruz Smith: “Tatjana” (5)
  8. Uta-Maria Heim: “Wem sonst als dir” (10)
  9. Friedrich Ani: M” (4)
  10. Karim Miské: “Entfliehen kannst du nie” (-)

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