Tag Archives: Simone Buchholz

Deutscher Krimipreis 2019 – und wie Männer über Literatur von Frauen schreiben

(c) Suhrkamp Nova

Simone Buchholz hat mit “Mexikoring” den Deutschen Krimipreis gewonnen. Gratulation! Auch ich hatte das Buch ganz weit vorn in der Liste meiner liebsten Kriminalromane 2018. Zuerst hatte ich Probleme, zu ihrem Stil Zugang zu finden. Da passt auch gut dazu, was die Autorin im “Zeit”-Interview anlässlich ihres Erfolges sagt: “Wenn man will, dass die Leute einem zuhören, muss man so schreiben, dass sie beim Lesen stolpern.” Ja genau, so ging es mir am Anfang. Ich bin gestolpert. “Es spielt mir aber auch in die Hände, dass ich eine merkwürdige Hauptfigur habe, mit einem eher komplizierten Zugang zu Gefühlen.” Und noch einmal: ganz genau! Längst bin ich schwer begeistert und freue mich echt auf jede Neuerscheinung.

Interessant ist das Interview mit Buchholz auch deshalb, weil sie offen thematisiert, auf welche unterschiedliche Art über Literatur von Frauen und Männern gesprochen wird. Ihre Bitte: “Ach Jungs, achtet doch auf die Feinheiten! Beziehungsweise die Grobheiten.” Als Beispiel nennt sie, dass man ihr Buch als “lichte Unterhaltung” bezeichnet, während beim männlichen Preisträger von “existenzialistischer Literatur” die Rede ist. Darüber sollte jeder einmal einem Moment (oder besser noch länger) nachdenken. Ich tue das jedenfalls.

Darum schreibe ich diesmal einfach auch nur über die zwei Preisträgerinnen – die ausgezeichneten Krimiautoren werden das aushalten.

(c) Ariadne

“Es muss nicht immer ein schockierender Tabubruch sein, um zu fesseln. Manchmal reicht ein klarer Blick auf die Realität – und der von Denise Mina ist gestochen scharf”, habe ich über Denise Minas “Blut Salz Wasser” geschrieben. Soviel auch zu dem Klischee, dass nur Männer realistische Kriminalromane schreiben können. Jurorin Sonja Hartl sieht das im “Deutschlandfunk” ganz ähnlich: Sie sieht im Preis für Mina “eine längst überfällige Anerkennung von einer wirklich großartigen Schriftstellerin, die seit Jahren sozialkritische, spannende, unglaublich präzise beobachtete Krimis schreibt.”

Die Preisträger im Überblick:

Kategorie national

  1. Simone Buchholz: “Mexikoring”
  2. Matthias Wittekindt: “Tankstelle von Courcelles”
  3. Max Annas: “Finsterwalde”

Kategorie international

  1. Hideo Yokoyama: “64”
  2. Tom Franklin: “Krumme Type, krumme Type”
  3. Denise Mina: “Blut Salz Wasser”
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Simone Buchholz: Beton Rouge

(c) Suhrkamp Nova

Chastity Riley ist ein ungewöhnlicher Name für eine Hamburger Staatsanwältin. So gesehen ist der Name Programm bei der Krimi-Reihe von Simone Buchholz, aus der nun Band sieben, “Beton Rouge”, vorliegt. Denn vieles ist ungewöhnlich im Universum von Riley, die es diesmal mit einem besonderen Fall zu tun bekommt: Vor einem Verlagsgebäude steht eines Morgens ein Käfig. Darin liegt nackt, misshandelt und betäubt ein Manager des Verlags. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist gewiss. Nur so viel sei verraten: Es wird nicht der letzte Käfig sein.

Es ist meine zweite Begegnung mit Chastity Riley, deren literarische Bekanntschaft ich erstmals mit “Blaue Nacht” (dem sechsten Teil) machen durfte. Damals war ich noch ein wenig verhaltener in meiner Kritik, ich hatte das Phänomen noch nicht so ganz erfasst. Ein Buch später sehe ich das aber schon besser.

Der Autorin gelingt es immer wieder auf faszinierende Weise, gesellschaftliche Phänomene aufzugreifen und dann mit einer wilden, eigenwilligen, ausufernden Geschichte zu vermischen. Ihre Bücher leben vor allem von dem nicht immer ganz verständlichen, oft widersprüchlichen und daher sehr authentischen Innenleben der Hauptfigur. Chastity Riley ist eine völlig unangepasste, eigenwillige Frau, die sich in keine der üblichen Schubladen einordnen lässt.

Es steckt auch sehr viel Witz in den Kriminalromanen der Autorin. Diesmal bekommen etwa die Bayern – Riley muss dienstlich in den Süden Deutschlands – etliche bissige Seitenhiebe ab. Man könnte natürlich auch Plot-Schwächen kritisieren, das wäre aber kleinlich. Riley-Romane funktionieren nun mal so. Man kann sich dem Sog dieser ganz eigenen Welt, die Buchholz erschafft, nur schwer entziehen.

Falls ich es hier nicht schon erwähnt habe: Das Cover zählt für mich zu einem der besten des heurigen Krimijahres. Sehr stimmungsvoll. Auch in Kombination mit dem ungewöhnlichen Titel.

8 von 10 Punkten

Simone Buchholz: “Beton Rouge”, Suhrkamp Nova, 227 Seiten.

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Krimi-Bestenliste September: Ein Abgleich

(c) Suhrkamp Nova

Was für eine coole Krimi-Bestenliste gibt es da im September: Gleich drei Frauen stehen an der Spitze. Ottessa Moshfeghs “Eileen” (sprachlich toll, aber manchmal ziemlich redundant) und Zoë Becks “Die Lieferantin” (überzeugend) habe ich bereits gelesen, auf “Beton Rouge” (schon jetzt eines meiner Krimi-Lieblings-Cover 2017, vor allem auch in Kombination mit dem Titel) freue ich mich ziemlich. Und auch “Alles so hell da vorn” von Monika Geier ist fix eingeplant.

Außerdem habe ich Sven Heucherts “Dunkels Gesetz” (naja, hat mich nicht ganz so begeistert) schon gelesen und stecke gerade in der Lektüre von Antonin Varennes “Die Treibjagd” (nach knapp einem Drittel sage ich nur: Wow!).

“Giftflut” klingt nach Thomas Wörtches aktuellem Leichenberg dann ebenfalls ziemlich interessant.

Die Liste im Überblick:

1. Simone Buchholz: Beton Rouge (5)
2. Ottessa Moshfegh: Eileen (-)
3. Zoë Beck: Die Lieferantin (1)
4. Antonin Varenne: Die Treibjagd (2)
5. Sven Heuchert: Dunkels Gesetz (-)
6. Graeme Macrae Burnet: Das Verschwinden der Adèle Bedeau (8)
7. Lisa Sandlin: Ein Fall für Delpha (-)
8. Robert Hültner: Lazare und der tote Mann am Strand (10)
9. Monika Geier: Alles so hell da vorn (6)
10. Christian v. Ditfurth: Giftflut (-)

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Simone Buchholz: Blaue Nacht

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

“Blaue Nacht” ist bereits der sechste Krimi der deutschen Autorin Simone Buchholz, der sich um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley dreht. Für mich war es allerdings die erste Begegnung mit Autorin und Hauptfigur. Bemerkenswert ist nicht nur der außergewöhnliche Name der Heldin, der auch immer wieder thematisiert wird, sondern vor allem deren eigensinnige, unbequeme und auch nicht immer ganz nachvollziehbare Art. Ich mag das, das hat etwas wunderbar Unangepasstes.

Dass dann ausgerechnet ein schweigsamer Österreicher eine wichtige Rolle spielt, passt perfekt in diese stimmungsvolle, stark vom Lokalkolorit lebende Krimi-Melange. Das Buch stand zwei Mal in Folge auf Platz eins der KrimiZeit-Bestenliste. Das war mir persönlich zwar zu hoch, dennoch hat das Buch viel Spaß gemacht.

7 von 10 Punkten

Simone Buchholz: “Blaue Nacht”, Suhrkamp Nova, 238 Seiten, 15,50 Euro.

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KrimiZeit-Bestenliste im Mai: Ein Abgleich

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Was lerne ich von der aktuellen KrimiZeit-Bestenliste? Simone Buchholz, die Erstplatzierte, ist mir unbekannt. Das wird sich nun aber bald ändern. “Blaue Nacht” klingt vielversprechend. Das könnte eine schräge Mischung ganz nach meinem Geschmack sein.

“Bitter Wash Road”, “Porkchoppers” und “Die Toten schauen zu” habe ich gelesen. Immerhin drei von zehn – und alle drei sind wirklich sehr gut. Gerald Kershs Buch ist nur im weitesten Sinn ein Kriminalroman, aber auf alle Fälle außergewöhnliche Literatur, die ich nur jedem ans Herz legen kann. Dieser Roman über Dudicka (gemeint ist das reale Lidice, das die Nationalsozialisten vernichteten) bleibt lange haften.

“The Big O” habe ich zu lesen begonnen, aber irgendwie hat sich das zunächst witzige und sprühende Buch ein wenig totgelaufen, sodass ich bis jetzt den Lesefaden nicht wieder aufgenommen habe. Declan Burke und ich haben noch nicht wirklich zusammengefunden. Ähnlich geht es mir übrigens mit Dominique Manotti, der französischen Crime-Grande-Dame. Vielleicht klappt es mit “Schwarzes Gold” endlich.

Urbain Waites “Wüste der Toten” steht bei mir immer noch ungelesen im Regal, daher werde ich vorerst bei “Keine Zeit für Gnade” nicht zuschlagen.

James Lee Burkes Robicheaux-Krimi “Mississippi Jam” werde ich ebenfalls auslassen, aber dafür seinen vor Kurzem erschienenen Krimi “Fremdes Land” lesen.

Die Liste im Überblick:

1 (-) Simone Buchholz: Blaue Nacht
2 (2) Andreas Pflüger: Endgültig
3 (1) Garry Disher: Bitter Wash Road
4 (4) Ahmed Mourad: Vertigo
5 (3) Ross Thomas: Porkchoppers
6 (10) James Lee Burke: Mississippi Jam
7 (-) Urban Waite: Keine Zeit für Gnade
8 (8) Declan Burke: The Big O
9 (-) Dominique Manotti: Schwarzes Gold
10 (-) Gerald Kersh: Die Toten schauen zu

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