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Albert Ostermaier: Seine Zeit zu sterben

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Hmm, im ganzen Jahr 2013 habe ich nur einmal vier Punkte vergeben. Und jetzt liege ich nach nur zwei Büchern bei einmal 3 (hier zu lesen) und einmal 4 Punkten. Was ist im Fall von “Seine Zeit zu sterben” passiert? Der Verlag preist Albert Ostermaiers Roman immerhin als packenden sprachmächtigen Thriller aus der Glitzerwelt Kitzbühels an. Tatsächlich ist daraus aus meiner Sicht aber eine über weite Strecken spannungsfreie Sprachlawine geworden, unter der Handlung und Charakterzeichnung erstickt werden, wie ich in meiner Besprechung “Eingefädelt im Metaphern-Slalom” geschrieben habe.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt beim Lesen so genervt war. Kurzzeitig wollte ich das Buch wirklich weglegen. All diese erzwungenen Ski-, Berg- und Sportmetaphern haben mich teilweise richtig geärgert. Für mich der Gipfel: “Mit meinem Großvater, sagte er unvermittelt dem Pater, war es wie mit einem Skischuh”. Wer spricht im echten Leben so? Wer kommt auf so ein Bild, so einen Vergleich? Was müsste passieren, damit ich meinen Großvater mit einem Skischuh vergleiche? Ehrlich, mir zieht es da als Leser die (Ski-)Schuhe aus.

Warum erzählt Ostermaier nicht einfach seine Geschichte? Und ein weiteres Hauptproblem: Obwohl sich viele Figuren in seinem Roman tummeln, wird man das Gefühl nicht los, dass alle diese Figuren gleich denken. Sie unterscheiden sich nicht wirklich.

Ostermaier ist ein gefeierter Lyriker. Dass er die Sprache liebt, merkt man natürlich. Aber irgendwie wollte er zu viel. Und meine Erkenntnis ist wieder einmal: Weniger ist mehr. James Sallis, Pete Dexter, Daniel Woodrell und Donald Ray Pollock machen es vor. Da sitzt jedes Wort genau. Und wenn ich einen Meister der Metaphern, wahnwitziger Dialoge und schräger Bilder lesen will: Dann nehme ich Don Winslows “Zeit des Zorns” oder “Kings of Cool” zur Hand. Der beherrscht sein Handwerk im Schlaf.

Nicht alle beurteilen das Buch so negativ wie ich: “Die Metaphorik der Lawine etwa wird in seinem Text ziemlich überstrapaziert”, schreibt zwar auch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”. “Wie in diesem Buch die Hansi-Hinterseer-Idylle Tirols zerlegt wird, ist dagegen stark und bereitet perfiden Lesegenuss. Österreichischer Nationalismus wird ebenso aufgespießt wie eine Gesellschaft aus ‘aufgespritzten Herzen’ und ‘Schwänzen mit Geld-Chip'”, heißt es aber weiter. Gerade diese “Zerlegung” hätte ich gerne gelesen, stattdessen haben sich für mich die Klischees (vor allem was das Bild der reichen Russen betrifft) aber eher manifestiert.

Auch der “Standard” hat mehr Freude und dreht die Kritik um: Zu holzschnittartig seien die Figuren, zu schwülstig die Sprachbilder, zu abgedroschen die “Handlung”. Gerade dies aber sind die Vorzüge dieses Purgatoriums. Es ist egal, wer am Schluss gut oder böse ist – und wer warum nicht oder doch gerettet werden muss. Ein besseres Leben ist für die Menschen, die schon tot sind, nicht mehr zu haben – aber niemand ist da, um es ihnen zu sagen.”

Schön, dass man Bücher so unterschiedlich lesen kann. Mein Fall war “Seine Zeit zu sterben” leider nicht.

3 von 10 Punkten

Albert Ostermaier: “Seine Zeit zu sterben”, 305 Seiten, Suhrkamp Verlag.

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