Tag Archives: Sabina Naber

Sabina Naber: Leopoldstadt

(c) Emons Verlag

“Mein Kind is ein deppertes, in seinem Hirn, da scheppert es.” Ich muss zugeben, dieser Satz, zugleich der erste in Sabina Nabers Kriminalroman “Leopoldstadt”, war der Grund, warum ich dieses Buch impulsiv gekauft habe. Es ist ein typisch wienerischer Spruch, den ich aus meiner Kindheit kenne.

Manchmal sind solche impulsiven Entscheidungen nicht die besten, in diesem Fall hat sich der Kauf aber echt gelohnt. Ich war schon immer wieder knapp davor, zu einem Buch der Autorin zu greifen. Irgendetwas hielt mich aber immer zurück. Doch dieser Satz, der auch ein wenig Heimat bzw. Kindheit bedeutet, hat mich endlich dazu bewegt.

Zum Glück! Denn auch wenn Naber nicht ganz so weit zurückreist, wie ihre Schriftstellerkollegin Alex Beer, die Leser und Kritiker mit ihren in den 1920er-Jahren in Wien angesiedelten Kriminalromanen (“Der zweite Reiter”, “Die rote Frau”) überzeugt, so bietet auch sie eine überzeugende Zeit- bzw. Lesereise an, wenn sie Chefinspektor Wilhelm Fodor 1966 im Fall eines ermordeten ehemaligen Besatzungssoldaten ermitteln lässt.

Sie schafft es, ein Wien vergangener Zeit wiederauferstehen zu lassen – mit viel Schmäh, Lokalkolorit und Charme. Manchmal haben mir die Protagonisten zwar zu oft eine Zeitung in der Hand, um das Zeitgeschehen von damals zu vermitteln, aber letztlich ist Naber nicht die erste, die diesen Stilgriff macht.

Mutig finde ich, dass sie auch nicht davor zurückschreckt, den Begriff “Neger” zu verwenden – aus Gründen der Authentizität, wie sie im Nachwort erklärt. Der Begriff war in den 1960er Jahren in Wien allgemein gebräuchlich, “er wurde von Befürwortern der Gleichberechtigung Schwarzer und von Rassisten gleichermaßen verwendet”.

Nach “Eine Melange für den Schah” ist das vorliegende Buch übrigens Fodors zweiter Fall, was Hoffnung auf eine weitere außergewöhnliche Krimiserie macht. Einen Folgeband werde ich sicher lesen.

7 von 10 Punkten

Sabine Naber: “Leopoldstadt”, Emons Verlag, 319 Seiten.

Leave a comment

Filed under Rezensionen

Marathon-Krimis

(c) Gmeiner

(c) Gmeiner

Mit Marathon-Krimis meine ich in diesem Fall keine tausendseitigen Krimi-Wälzer, sondern Krimis, in denen es um den Lauf-Marathon geht, also die Absolvierung von 42,195 km im Laufschritt. Gestern fand in Wien die 30. Ausgabe des “Vienna City Marathons” statt. Ich bin dabei meinen insgesamt vierten Halbmarathon gelaufen. Aber das nur am Rande. Im Zuge der Vorbereitungen habe ich auch wieder einmal einen Thriller aus meinem Bücherregal gezogen, der einen geplanten Terroranschlag beim Londoner Marathon als Ausgangssituation nimmt: “Der Marathon-Killer” von Jon Stock. Die Amazon-Kritiken dazu sind eher vernichtend. Mir hat der Thriller vor zwei Jahren, als ich ihn gelesen habe, aber eigentlich ganz gut gefallen – möglicherweise auch deshalb, weil man also Krimileser und Lauffan kaum gut kombiniertes Lesefutter findet.

Zumindest der erste Satz des Thrillers drückt genau das aus, was ich gestern im Startbereich empfunden habe: “Es war ein klarer Morgen in Blackheath und sehr heiß, viel zu heiß für zweiundvierzig Kilometer.” Für mich halt umgelegt auf 21 Kilometer. Das Buch selbst bot für mich über 400 Seiten Spannung, wobei es sich eigentlich um einen soliden und fesselnden Geheimdienst-Thriller handelt, wie der englische Originaltitel “Dead Spy Running” klar macht. Das Unglaubwürdigste ist leider wirklich der unrealistische Einstieg mit der Marathon-Szene.

Davon abgesehen ist für alle Wien-, Krimi- und Marathonfans aber im Februar ein passendes Buch erschienen: “Marathonduell” von Sabina Naber. Ich selbst habe das Buch noch nicht gelesen, verweise aber an dieser Stelle auf die Rezension von Ingeborg Sperl im “Standard”. “Die geografischen Fixpunkte des Marathonlaufs sorgen für eine unaufdringliche Wien-Atmosphäre”, schreibt sie. Neugierig macht mich auch ihre Conclusio: “Dass Naber die Gedanken und Aggressionen unterschiedlicher Läufer während des Marathons einbaut, hält die Spannung aufrecht – und bestätigt die Vorstellung des Nichtläufers, dass da eine ganz schöne Portion Masochismus dahintersteckt.”

“Läufer werden mit den Marathonepisoden ihre Freude haben”, urteilte übrigens auch “Die Presse am Sonntag” vor einer Woche in einer Kurzkritik.

Erwähnen will ich hier auch die beiden Bücher “Trans-Amerika” und “Finish” von Tom McNab, der selbst Spitzensportler war. Das sind zwar keine klassischen Krimis, als Spannungsliteratur würde ich die Bücher aber auf alle Fälle bezeichnen. Nie zuvor habe ich Laufen so spannend empfunden…

Leave a comment

Filed under Erste Seiten, Krim(i)skrams