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Vergessene Krimiautoren des 20. Jahrhunderts

(c) rororo

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Da glaubt man, man kennt seine Crime-Fiction-Welt im Internet und dann stößt man doch immer wieder auf geniale Seiten. flubow.ch ist so ein Phänomen. Auf den ersten Blick wirkt die Seite unscheinbar (da gibt es keine Bilder, kein Blinken, nur reinen Text, schwarz auf grau), doch dann entpuppt sie sich als perfekte Informationsquelle für alle, die Krimis abseits des Mainstreams suchen.

Es geht dort um die vergessenen, verschmähten, verhunzten und unterschätzten Krimiautoren des 20. Jahrhunderts: “Hier werden Krimiautoren gewürdigt, die im deutschsprachigen Raum unverdient ins Abseits geraten sind oder dieses gar nie verlassen haben. Vergessene und verschmähte Krimiautoren von Rang, deren Werke (oft, aber nicht immer) auch in ihrem Herkunftsland kaum mehr erhältlich sind.”

Hier nur ein paar Gedanken zu einigen der Krimiautoren, deren Namen ich bei flubow gefunden habe und die auch ich hier einfach mal in die Runde werfen will, weil sie nicht vergessen werden sollten.

Kenneth Abel: Ich habe vor vielen Jahren “Köder am Haken” gelesen, das für mich ein herausragendes Buch war. “Die Flut” spielt in New Orleans während der Zeit des Hurrikans Katrina und steht seit Jahren bei mir – leider ungelesen – im Regal.

“Daddy Cool” von Donald Goines habe ich erst kürzlich hier erwähnt.

(c) Verlag Antje Kunstmann

(c) Verlag Antje Kunstmann

Auch Thomas Adcocks “Hell’s Kitchen” habe ich vor langer Zeit gelesen. Ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

George Higgins “Ich töte lieber sanft”, das vom Verlag Antje Kunstmann wieder aufgelegt wird, habe ich gestern ausgelesen. Das Buch ist ab morgen im Handel erhältlich, ich werde dazu bald ausführlich hier schreiben.

Rick de Marinis “Götterdämmerung in El Paso” hat bei mir 9 von 10 Punkten erreicht. Mehr dazu…

Von Dan Fesperman ist nur sein Debüt “Lügen im Dunkeln” auf Deutsch erschienen. Eigentlich eine Schande.

(c) Pulp Masters

(c) Pulp Masters

Und dann fehlen mir persönlich noch zwei Namen: Gerald Seymour und Dave Zeltserman (der wohl genau genommen zu jung für die Liste ist). Seymour schreibt zwar eher Spionageromane, wird aber leider seit über zehn Jahren nicht mehr auf Deutsch übersetzt, obwohl fast im Jahrestakt neue Bücher erscheinen (unter fantasticfiction.co.uk gibt es mehr zu seinen Werken). Von Zeltserman sind “28 Minuten” und “Paria” auf Deutsch erhältlich. Aber ich bin sicher, die beiden Autoren werden bei flubow.ch auch noch ein Plätzchen finden.

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Rick de Marinis: Götterdämmerung in El Paso

marinis

US-Autor Rick de Marinis ist hierzulande beinahe unbekannt – zu Unrecht. Mit “Götterdämmerung in El Paso” ist nun nach “Kaputt in El Paso” ein weiterer Pulp-Krimi von ihm auf Deutsch erschienen. Dem Verlag pulp master sei Dank. Nur die Rückentext-Beschreibung, wonach der Autor “Hardcore mit Metaphysik versöhnt” hätte man sich sparen sollen. Denn die Geschichte rund um Detektiv J.P. Morgan (ja, er heißt wie die US-Bank) ist überzeugend. De Marinis liefert ein messerscharfes Porträt der US-Gesellschaft ab. Dabei geizt er auch nicht mit einer guten Portion trockenen Humors.

Eindrucksvoll beweist de Marinis, dass der überragende Don Winslow kein Privileg auf das Schreiben über die problembeladene Grenzregion zwischen den USA und Mexiko besitzt. “Todos somos ilegales” – wir sind alle Illegale, heißt es an einer Stelle. Der Spruch steht auf der mexikanischen Seite einer Brücke an der Grenze und soll die “Gringos” daran erinnern, dass auch sie nur Besetzer sind, “die das Land nördlich des Flusses mit Gewalt oder Waffen oder Geld genommen hatten”.

Wenn er bissig über den Bewässerungswahn der Bevölkerung der Wüstenstadt El Paso lästert, läuft er zu Hochform auf. Dann wird J.P. Morgan zum selbsgerechten Kämpfer gegen die Wasserverschwendung: “Sie ziehen hierher, ihre im Norden geprägten Vorstellungen von einer Landschaft im Umzugskarton. Sie begreifen es nicht: Im Südwesten ist Wasser der kostbarste Schatz.” Auch seine Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb machen Spaß. Dass Morgans Mutter gegen ihren Willen in staatliche Obsorge gesteckt werden soll, macht wiederum nachdenklich. Die entsprechenden Szenen sind einfühlsam geschrieben. Auch was diesen Wechsel zwischen Ernsthaftigkeit und Verspieltheit betrifft, steht de Marinis seinem Kollegen Winslow kaum nach.

Wie es sich für einen ordentlichen Pulp-Krimi gehört, fließt natürlich auch eine ganze Menge Blut. De Marinis weidet sich aber nicht darin, er handelt die Szenen lakonisch ab. Und er bietet einen versöhnlichen Schluss.

Alles in allem: Hut ab und 9 von 10 Punkten.

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