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11 Wege, zu guten Krimis zu kommen (IV): Die Macht der Übersetzer

(c) Arrow Books

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Eine Diskussion hat vor wenigen Wochen die Krimi-Welt bestimmt: Sollen Blogger die Übersetzer von Krimis erwähnen oder nicht? Ich muss da jetzt nicht besonders leidenschaftlich werden, um zu sagen: Ja, keine Frage. Das ist eine Frage der Fairness. Ich will mich jetzt aber nicht in diese Diskussion einmischen (mehr dazu hier), sondern die Gelegenheit nutzen, meine “11 Wege, zu guten Krimis zu kommen”-Serie endlich fortzusetzen. Ich wollte gerade diesen Teil schon seit langer Zeit schreiben, nun habe ich endlich einen guten Anlass. Es ist ein Plädoyer für Übersetzer.

Ich will das am Beispiel von Conny Lösch festmachen, die tatsächlich ein Garant für gute – nein, für außergewöhnlich gute – Krimis ist. Spannungsliteratur, die sie übersetzt, steht für Qualität (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sowohl Don Winslow, William McIlvanney, Ian Rankin, Howard Linskey, Denise Mina und William Shaw zählen zu den echten Könnern des Genres und meinen persönlichen Lieblingsautoren. Ich gebe alle paar Woche mit Vorfreude den Namen dieser Übersetzerin ein, um nach Neuerscheinungen zu suchen.

Wer mehr über “Die Frau hinter den großen Namen” wissen will, sollte auf den Link klicken. Dann wird auch nachvollziehbar, warum sie vor allem Briten übersetzt. Als Beatles-Liebhaberin muss ihr die Übersetzung von William Shaw ja ein besonderes Anliegen gewesen sein. Sie selbst sagt in einem Interview: “Am liebsten übersetze ich gute Bücher, wobei ein Buch natürlich aus ganz unterschiedlichen Gründen gut sein kann. Nur für die Miete mache ich eigentlich nichts. Aber da ich die Bücher vorher nicht lese, kann auch mal eine Niete dabei sein. Ich hatte bisher aber großes Glück: von den inzwischen über vierzig Büchern, die ich übersetzt habe, fand ich nur zwei richtig schlecht.”

Ähnlich verhält es sich übrigens mit Peter Torberg, der etwa Adrian McKinty oder Daniel Woodrell übersetzt. Oder Daniel Ray Pollock. In meiner intensiven Thriller-Phase bin ich andererseits immer wieder bei Büchern gelandet, die von Wulf Bergner (z.b. Jack-Reacher-Serie von Lee Child) übersetzt wurden. Das ist bestimmt kein Zufall.

Welch außergewöhnliche Arbeit Übersetzer leisten, zeigt auch das Beispiel Don Winslow, der nicht nur von der genialen Conny Lösch übersetzt wird, sondern auch von Chris Hirte. Hirte hat etwa “Tage der Toten”, “Frankie Machine” und “Die Sprache des Feuers” übersetzt, während Lösch “Zeit des Zorns”, “Kings of Cool” sowie die Surfer-Krimis rund um Boone Daniels und neuerdings die Serie um Neal Carey übersetzt hat. Beide Übersetzer werden Winslow absolut gerecht.

Ich habe gerade Winslows “Tage der Toten” zum zweiten Mal gelesen, um mich auf “Das Kartell” einzustimmen – abwechselnd ein paar Seiten auf Deutsch, dann wieder auf Englisch. Und da sieht man schon, dass das große Kunst ist. Der Übersetzer kann ja nicht einfach nur zusammenhangslos einen Satz nach dem anderen ins Deutsche übersetzen, sondern muss viel mehr leisten. Er muss die Atmosphäre transportieren, muss das einzigartige Gefühl zwischen den Zeilen vermitteln, muss dem Original-Autor gerecht werden. Natürlich kann man jetzt diskutieren, wie originär die Leistung des Übersetzers ist. Aber eines steht fest: Ein schlechter Übersetzer kann ein wirklich gutes Buch zerstören. Dann wirkt alles unrund, passt nicht so ganz, die Atmosphäre fehlt.

Kann also der Übersetzer sogar das Originalwerk verbessern? Diese Frage stellte die Deutsche Welle 2006 dem Umberto-Eco-Übersetzer Burkhart Kroeber. Dieser hat meiner Meinung nach eine sehr schöne Antwort gegeben: “Denn wie Umberto Eco es selbst einmal so schön beschrieben hat: Ein Autor, der einen Roman schreibt, muss zunächst eine ganze Welt erfinden – nicht nur die Sprache, in der sich diese Welt ausdrückt, sondern das gesamte Konstrukt. Erst wenn die Architektur dieser Welt vollständig entwickelt ist, wenn das Gebäude steht, erst dann kann er sich der Fassade – der Sprache – widmen. Wir Übersetzer müssen kein ganzes Haus neu bauen, wir können uns gleich voll und ganz der Fassade widmen. Insofern kann es durchaus in bestimmten Konstellationen dazu kommen, dass ein für sich wunderbarer Roman in einer übersetzten Fassung sprachlich eine kleine Spur gelungener erscheinen mag.”

Ich finde das auch nicht anmaßend, es ist ein wunderbares Bild für die Arbeit des Übersetzers.

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Adrian McKinty: Der katholische Bulle

(c) Suhrkamp Nova

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Neun Monate sind um und müsste ich heute den besten Krimi des Jahres küren, würde mir die Wahl leicht fallen: “Der katholische Bulle” von Adrian McKinty hat die Nase vorn. Mit Sean Duffy, den wahrscheinlich einzigen katholischen Polizisten im Nordirland des Jahres 1981, hat er wieder einen Charakter erschaffen, den man nicht so schnell vergisst. McKinty schreibt wie bei seiner “Dead”-Trilogie und dem Vorgänger “Ein letzter Job” atmosphärisch äußerst dicht.

Schon auf den ersten Seiten offenbart sich die große Erzählkunst des Iren, der mittlerweile in Australien lebt. Gleich zu Beginn stirbt IRA-Mitglied Frankie Hughes beim Hungerstreik, was Unruhen in Nordirland auslöst. Allerdings sind diese verhältnismäßig verhalten. Woran das liegt? “Ist nicht lustig, der Zweite zu sein, der bei einem Hungerstreik abkratzt”, sagt da ein Polizist. “Alle erinnern sich an den Ersten. Der Zweite hat die Arschkarte gezogen. Für den werden sie keine Lieder schreiben.” Und Hughes hat doppeltes Pech: Er stirbt nur wenige Stunden vor dem Attentat auf den Papst. Baldige Vergessenheit ist ihm sicher: Märtyrer wird, wer zur richtigen Zeit stirbt.

Diese Szene steht für viele in dem Buch. Immer wieder erzählt McKinty in nur wenigen Zeilen viele kleine Geschichten, ohne aber die eigentliche Geschichte aus dem Auge zu verlieren. Seine Charaktere berühren, weil sie lebensecht sind. Da gibt es keine Superhelden und keine Superschurken – kein simples Gut und Böse. Besonders gefällt mir auch, wie McKinty mit dem Serienmörder-Subgenre spielt. Denn hinter zwei Mordfällen wird ein Zusammenhang vermutet. Duffy könnte also dem ersten Serienmörder Irlands auf der Spur sein. Aber ist tatsächlich alles wie es scheint?

Die gute Nachricht für Fans lautet: “Der katholische Bulle” ist nur der Auftakt zu einer neuen Serie. Im Original ist Teil zwei bereits erschienen, Teil drei kommt im März 2014.

9 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Der katholische Bulle”, übersetzt von Peter Torberg, suhrkamp nova, 383 Seiten.

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