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Ottessa Moshfegh: Eileen

(c) liebeskind

Ottessa Moshfeghs außergewöhnlicher Kriminalroman “Eileen” befand sich im Vorjahr sowohl auf der Short List für den John Creasey (New Blood) Dagger Award (also als bester Kriminalroman eines Neulings) als auch für den Man Booker Prize. Das ist äußerst beachtlich. Genau genommen handelt es sich aber auch nicht unbedingt um einen Kriminalroman, nennen wir es einfach ein Stück Noir.

Was mir sofort aufgefallen ist: Diese relativ junge Autorin (geb. 1981), sehr fein von Anke Caroline Burger übersetzt, ist sprachlich sehr beeindruckend. Sehr stilsicher, jeder Satz scheint wohl überlegt. Man taucht schneller als einem lieb ist in die triste Welt der titelgebenden Eileen ein:

“Wohnzimmer, Esszimmer und die Schlafzimmer benutzten wir kaum. Alles stand einfach da und staubte ein; jahrelang lag eine Zeitschrift aufgeklappt auf der Sofalehne, in einer Bonbonschale sammelten sich tote Ameisen.”

Allein diese beiden Sätze erzählen mehr als viele Autoren auf unzähligen Seiten ausrollen. Moshfegh liefert ein einfühlsames Porträt einer jungen Frau, die mit ihrem alkoholkranken, boshaften Vater zusammenlebt. Wir schreiben das Jahr 1964. Eileen arbeitet im lokalen Gefängnis für Jugendstraftäter als Sekretärin. Sonderlich aufregend ist das nicht. Sie schwärmt allerdings für einen der Aufseher.

Moshfegh blickt Eileen ganz tief in die Seele, sie lässt den Leser aus ihren Augen die Welt sehen. Das hat mich vor allem zu Beginn sehr beeindruckt. Die Autorin hat mich in ihr Buch hineingezogen. Allerdings wird mit der Zeit alles ein wenig redundant. Die ständigen, kritischen Selbstbetrachtungen hätte man auch kürzer fassen können. 200 Seiten statt knapp über 300 und es wäre aus meiner Sicht die perfekte Lektüre gewesen.

“Eileen” ist ein düsteres Leseerlebnis, dessen Spannung sich wie nebenbei durch die intensive Auseinandersetzung mit dieser nicht sonderlich sympathischen, aber auch nicht sonderlich unsympathischen Hauptfigur entwickelt. Und hier kommen wir vielleicht zu dem entscheidenden Punkt: Eileen ist nicht bloß eine Figur, sie ist mit all ihren Stärken und Schwächen ein echter Mensch. Nicht immer ganz nach vollziehbar, aber eben darum sehr glaubwürdig. Das geschieht ohne Effekthascherei, sehr reduziert.

8 von 10 Punkten

Ottessa Moshfegh: “Eileen”, übersetzt von Anke Caroline Burger, liebeskind, 334 Seiten.

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Krimis, die man 2016 lesen sollte (VIII)

(c) Blessing

(c) Blessing

Bereits seit August sind die folgenden Krimis im Handel erhältlich. Sehr interessant vor allem aus Genre-Sicht ist Jack Londons “Mord auf Bestellung”, das anlässlich des 100. Todestags des Autors erschienen ist. Denn bei diesem Agententhriller handelt es sich zweifellos um einen der ersten seiner Art. Eigentlich darf man sich das nicht entgehen lassen.

Der Verlag schreibt: «Sie zahlen, wir morden!» lautet die Devise einer New Yorker Attentatsagentur. Einzige Bedingung: Die Liquidation des Opfers muss sozial nützlich und legitim sein … Mit «Mord auf Bestellung» brilliert der weltbekannte Abenteuerautor im Suspense-Genre. Nun erstrahlt sein wiederentdeckter Agententhriller aus dem Jahr 1910 in Eike Schönfelds Neuübersetzung.

10.000 $ für einen Polizeichef; 100.000 $ für einen zweitrangigen Monarchen; eine halbe Million für Seine Majestät, den König von England – Diskretion garantiert! Die Geschäfte der mordenden Moralfanatiker laufen prächtig, bis ein schwerreicher Philanthrop Verdacht schöpft und sie beauftragt, ihren eigenen Chef zu eliminieren: Auftakt einer Verfolgungsjagd quer durch die USA. Vor einer hawaiianischen Insel kommt es zum nalen Showdown … Dieser Agententhriller fesselt mit Dramatik, Action und spektakulären Wendungen. Zugleich wirft er hochbrisante Fragen auf: Welche Opfer darf ein Mensch im Namen einer höheren Moral in Kauf nehmen? Welcher Zweck heiligt welche Mittel? Und nicht zuletzt: Wie lässt sich eskalierende Gewalt eindämmen?

(c) Edition Nautilus

(c) Edition Nautilus

Alan Carters Krimi “Prime Cut” habe ich im Vorjahr verpasst. Mit “Des einen Freud” bietet sich nun aber erneut die Möglichkeit, diesen australischen Krimiautor kennenzulernen.

Es ist heiß in Westaustralien, und es wird noch heißer: Gordon Wellard, verdächtig des Mordes an einer vermissten 15-Jährigen, scheucht Cato Kwong durch Fremantle. Statt der angeblich vergrabenen Leiche findet Cato jedoch nur einen mit Zimmermannsnägeln gespickten Schweinekadaver. Kurz darauf wird ein Restaurantbesitzer, der kein Schutzgeld mehr zahlen wollte, mit ähnlichen Nägeln im Rücken tot aufgefunden. Der schnell ermittelte Täter kommt offenbar bei einem Buschbrand ums Leben. Doch als Cato kurz darauf entführt und mit einer Nagelpistole bedroht wird, offenbart sich, wie sehr die Polizei selbst bedroht – und verstrickt ist.

Zur gleichen Zeit untersucht Catos Kollegin Lara Sumich den Mord an dem Undercover-Cop Santo Rosetti, dem nach einem Blowjob auf der Toilette eines Nachtclubs die Kehle durchgeschnitten wurde. Ihre Ermittlungen werden jedoch manipuliert, und auch Lara selbst wird überfallen …

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

US-Autorin Ottessa Moshfegh dürfte eine ganz besondere Neuentdeckung sein. Während es sich bei dem dünnen Büchlein “McGlue” eher um ein Alkoholikerdrama handeln soll, wurde ihr zweites Buch “Eileen” sogar für die Short List des renommierten Man Booker Prize nominiert. Vielleicht kein Krimi im klassischen Sinn, aber spannende Literatur.

Salem, Massachusetts. Im Jahr des Herrn 1851. Der Seemann McGlue ist schwerer Trinker und sitzt im Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, vor Sansibar seinen besten Freund Johnson ermordet zu haben. Nur kann er sich an nichts erinnern. Was daran liegt, dass sein Schädel gespalten ist, seitdem er vor Monaten aus einem fahrenden Zug gesprungen ist, um nicht als blinder Passagier entdeckt zu werden. McGlue will sich auch an nichts erinnern, er will nur trinken. In der Nähe von New Haven hatte Johnson ihn einst auf der Straße aufgelesen und so vor dem Erfrieren gerettet. Er war es, der nach seinem Sturz für ihn sorgte, der ihn zur Handelsmarine brachte und mit ihm um die Welt segelte. Warum also sollte McGlue ihn umgebracht haben?

Ottessa Moshfegh erzählt die abgründige Geschichte eines Mannes, dessen Hass auf die Welt zu groß ist, als dass er unversehrt sein Dasein fristen kann. »McGlue« ist ein stimmgewaltiges, eindringliches Buch über das immerwährende Scheitern des Menschen, den eigenen Unzulänglichkeiten Herr zu werden. Denn zwischen Schuld und Gerechtigkeit steht immer das Leben.

(c) Wunderlich

(c) Wunderlich

Horst Eckert hat mit “Schwarzer Schwan” aus meiner Sicht einen der besten Krimis rund um die internationale Finanzkrise geschrieben. “Schwarzlicht”, der Auftakt seiner Reihe um Ermittler Vincent Veih hat mich zwar nicht ganz so überzeugt, aber dennoch ist Eckert zweifellos einer der besten Krimiautoren Deutschlands, der auch immer zeit- und gesellschaftskritisch schreibt. “Wolfsspinne” dürfte ein spannender Politthriller sein.

Ein hochbrisanter Politthriller vor dem Hintergrund von Flüchtlingszuwanderung und Pegida, der die offizielle Version zum Thema NSU infrage stellt. Es ist niemals vorbei.

Eisenach, 2011: Zwei Männer liegen tot in ihrem Wohnmobil. Sie waren Teil eines rechtsextremistischen Terror-Trios, das Deutschland Jahre lang unerkannt in Angst und Schrecken versetzt hat.
Aber was passierte wirklich? Ein Mann hat den “Nationalistischen Untergrund” für den Verfassungsschutz beobachtet. Er kennt die Wahrheit. Doch er muss schweigen.

Jahre später ermittelt der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih im Mordfall der Promiwirtin Melli Franck. Die Spur führt ins Drogenmilieu. Aber als weitere Morde geschehen, stößt Vincent auf eine Fährte, die in die Vergangenheit weist: zur “Aktion Wolfsspinne”, die eng mit dem NSU verknüpft ist…

(c) Deuticke

(c) Deuticke

Iain Levisons außergewöhnlicher Krimi “Hoffnung ist Gift” habe ich leider nie gelesen. Mit “Gedankenjäger” hat er nun aber einen weiteren Krimi verfasst, der ganz lässig Genregrenzen sprengt. Dazu hier bald mehr.

Der Polizist Jared Snowe bemerkt bei einem Einsatz plötzlich, dass er Gedanken lesen kann. Während ihn das bei interessanten Frauen oft eher deprimiert – er weiß nun leider sofort, wenn er keine Chance hat –, profitiert er beruflich von seiner Fähigkeit und löst deutlich mehr Fälle als seine Kollegen. Nun soll er den geflohenen Mörder Brooks Denny aufspüren und zurück in die Todeszelle bringen. Snowe findet Denny mühelos, doch als sich die beiden treffen, machen sie eine überraschende Entdeckung: Sie haben beide das gleiche Schlangen-Tattoo auf der linken Schulter. Ein packender Thriller aus den USA, in dem sich die Grenzen zwischen Gut und Böse beständig verschieben.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Eine neue vielversprechende Stimme ist auch S. Craig Zahler. “Die Toten der North Ganson Street” klingt nach interessanter Krimikost.

Die Bewohner nennen ihre Stadt Shitopia, weil es seit Langem nur bergab geht, die Kriminalitätsrate mit jedem Tag steigt und nicht einmal die Tauben sie lebenswert finden. Kein Detective tritt hier freiwillig seinen Dienst an. Hierhin wird man strafversetzt. Denn es ist die Hölle auf Erden.

Weil seine Vorgesetzten ihn für den Selbstmord eines Geschäftsmannes verantwortlich machen, muss Jules Bettinger das sonnige Arizona verlassen und mit seiner Familie ins eiskalte Missouri ziehen. Sein neuer Einsatzort ist Victory, doch die Stadt ist alles andere als ein Gewinn. Die Polizeibehörde ist sträflich unterbesetzt, auf jeden Ermittler kommen gefühlt siebenhundert Straftäter. Dennoch wird Bettinger von den neuen Kollegen alles andere als willkommen geheißen. Um mit ihnen warmzuwerden, bleibt ihm allerdings kaum Zeit: Einer nach dem anderen wird auf grausame Art ermordet …

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Sowohl William Shaws Debüt “Abbey Road Murder Song” als auch “Kings of London”, Teil zwei seiner Trilogie, haben mich begeistert. Was soll also bei “History of Murder” schiefgehen?

1969. Helen Tozer hat ihren Job bei der Polizei aufgegeben und kehrt gemeinsam mit dem schwer verletzten Detective Sergeant Cathal Breen auf die Farm ihrer Familie in Südengland zurück. Ein Ort mit einer furchtbaren Vorgeschichte: Fünf Jahre zuvor wurde Alexandra Tozer, Helens Schwester, hier ermordet. Breen, dem ursprünglich Nichtstun und Erholung verordnet wurden, verbeißt sich in den ungelösten Fall, und er entdeckt schnell, dass die Tozers nie die ganze Wahrheit über Alexandras Tod erfahren haben …

William Shaws packender Krimi führt uns ins England der 60er Jahre. Eigentlich sucht das Ermittlerduo Helen Tozer und Cathal Breen Ruhe auf dem Land, doch als Breen einen alten Mordfall wieder aufrollt, stört er damit den Täter von damals auf. Der schreckt vor nichts zurück, und schon bald ist Helen spurlos verschwunden …

(c) carl's books

(c) carl’s books

Zum Schluss noch ein Thriller aus deutscher Feder. “Zwei Sekunden” klingt nach einem spannenden, kritischen Buch über unsere durch Terror geprägte Welt.

Terroranschlag beim Staatsbesuch in Berlin. Nur um zwei Sekunden verpasst die Bombe die deutsche Bundeskanzlerin und den russischen Präsidenten. Die Russen behaupten, dass tschetschenische Terroristen hinter dem Anschlag stecken – doch eine Bekennerbotschaft gibt es nicht. Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Berliner Polizei tappen im Dunkeln. Öffentlichkeit und Politik fordern Ergebnisse. Der Druck wächst. Widerwillig akzeptiert das BKA, dass Hauptkommissar Eugen de Bodt eigene Ermittlungen anstellt. Vor allem in höheren Polizeikreisen ist de Bodt unbeliebt bis verhasst. Doch will sich niemand nachsagen lassen, nicht alles unternommen zu haben. De Bodt und seine Mitarbeiter suchen verzweifelt eine Spur zu den Tätern. Aber erst, als er alle Gewissheiten in Frage stellt, bekommt de Bodt eine Idee, wer die Drahtzieher sein könnten. Doch um sie zu entlarven, muss er mehr einsetzen, als ihm lieb ist: das eigene Leben.

 

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