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Nic Pizzolatto: Galveston

(c) Metrolit

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Wenn jemand wie der grandiose US-Krimiautor Dennis Lehane (“Mystic River”, “Shutter Island”, zuletzt “In der Nacht”) über ein Buch sagt, es sei von “unerträglicher Schönheit” (zu seiner Rezension in der “New York Times”), dann heißt das etwas. Zum Beispiel: Es zu lesen. Das habe ich nun getan und ich stimme Lehane hundertprozentig zu.

“Galveston”, der bereits 2010 in den USA erschienene Noir-Krimi des damals noch unbekannten Nic Pizzolatto, ist nun auf Deutsch erschienen. Typisch, könnte man jetzt sagen, denn seit er die TV-Serie “True Detective” erschaffen hat, ist Pizzolatto in aller Munde. Doch Misstrauen ist in diesem Fall keines angebracht. Der kleine Metrolit-Verlag sicherte sich die Rechte noch ehe der durchschlagende “True Detective”-Erfolg absehbar war. Ein Glücksgriff, wie Herausgeber Gunter Blank im lesenswerten Nachwort, “einer kurzen Geschichte des Noir”, zugibt. Pizzolattos Debütroman verleihe dem Genre des Noir noch einmal eine Wucht, die man lange Jahre hat vermissen müssen.

Man kann froh sein, dass Blank dieses Buch entdeckt hat. Denn “ohne diese Wucht hätte es die Noir-inspirierte Reihe, die Metrolit mit ‘Galveston’ beginnt und die künftig mit ein, zwei Titeln pro Saison fortgesetzt wird, vielleicht nicht gegeben”, schreibt Blank.

Zwar beginnt Pizzolatto seine Geschichte ein wenig klischeehaft, wie auch Lehane schreibt: Er jage seine zwei Hauptfiguren zu hastig durch blut- und eingeweidespritzende Szenen (“Heißes Blut sprudelte mir über Gesicht und Mund”) und lasse harte Kerle zu sehr ihre Harte-Kerle-Blicke aufsetzen. Nach diesen vielleicht 15 ersten Seiten befreit sich Pizzolatto aber von diesem Genre-Ballast und erzählt die außergewöhnliche Geschichte des Berufverbrechers Roy Cady, der sich mit der fast noch minderjährigen Prostituierten Rocky und kurz darauf auch noch mit deren vierjähriger Schwester Tiffany auf die Flucht begibt. Diese literarische Reise hat sich bei mir wie kaum eine andere eingeprägt.

Das Leben, fair wie eine Lotterie

Es beginnt fast wie in “Breaking Bad” (damit enden diesbezügliche Vergleiche aber auch gleich wieder): Cady erhält die ärztliche Prognose, dass er nicht mehr lang zu leben habe. Ab da verändert sich sein Leben – zuerst kaum merkbar, dann aber doch Stück für Stück. Das darf man jetzt nicht missverstehen: Er wird deswegen nicht zu einem Engel, aber zu einem etwas weniger großen Kotzbrocken.

Der skrupellose Cady ist es gewohnt, in einer Welt der Gewalt zu überleben. Pizzolatto unterstreicht das geschickt durch düstere, feindselige Landschaftsbilder: “Abseits der Städte verwandelt Texas sich in eine grüne Wüste, die darauf angelegt ist, dich mit ihrer unermesslichen Weite zu erschlagen. Ein mit Himmel gefüllter Granatwerfer.” Kurz darauf sprenkelt die Sonne den Golf von Mexiko “mit Napalm” und die Luft flirrt so stark, “dass sie die Sonne vergrößerte und ihre Strahlen zu Schwerterklingen zusammenschob.”

“Galveston” ist ein Noir-Krimi. Happyend ist somit keines zu erwarten – damit ist hier nicht zu viel verraten. Ein bisschen Optimismus ist dennoch erlaubt. Denn Roy klärt seiner Begleiterin Rocky zwischendurch darüber auf, dass letztlich doch alles gerecht ist, was einem im Leben widerfährt:

“Es kommt einem unfair vor, weil alles zufällig passiert. Aber genau deshalb ist es fair. Verstehst du? Fair wie eine Lotterie.”

Das ist doch irgendwie tröstlich.

Nun wird “Galveston” bereits als eine Art Neuerfindung des Noir gefeiert. Ich weiß nicht, ob man Büchern immer einen Gefallen tut, indem man zu Superlativen greift. Pizzolatto hat schlicht einen sehr, sehr feinen Noir-Krimi geschrieben, der lange nachwirkt und ans Herz geht. Punkt.

Das Leben vor dem Tod tut meist verdammt weh

Das meinen andere:

Marcus Münteferings Schlusswort seiner lesenswerten Kritik auf “Spiegel Online” will ich hier extra hervorheben: “Es gibt ein Leben vor dem Tod. Auch wenn es meistens verdammt wehtut.” Wirklich schön formuliert.

Und auch Nicole war in ihrem Blog My Crime Time schwer begeistert: “Zum Glück ist Nic Pizzolatto ein Meister seines Fachs: Er lässt Roy niemals irgendwelche markigen Sprüche absondern oder mit geschwollenen Eiern in der Hose durch die Gegend stolzieren. Er lässt ihn aber auch nicht rührselig zusammenbrechen, damit er seicht mit seinem Schicksal hadern kann.”

9 von 10 Punkten

Nic Pizzolatto: “Galveston”, übersetzt von Simone Salitter und Gunter Blank, 253 Seiten, Metrolit.

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Krimis, die man 2014 lesen sollte (VIII)

(c) Metrolit

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Es freut  mich besonders, dass ausgerechnet mein Geburtsmonat August viele wirkliche Crime-Fiction-Highlights zu bieten hat. Gleichzeitig zeigt sich an folgenden Bücher auch wieder einmal, wie vielseitig dieses Genre ist. Nic Pizzolatto ist mit “Galveston” (ab 18. August erhältlich) ein absolutes Pflichtbuch für mich. Der Drehbuchautor der HBO-TV-Serie “True Detective” hat diesen Noir – der Noir angeblich neu definiert – kurz vor seinem großen TV-Erfolg geschrieben. Dem Metrolit-Verlag ist da ein großer Coup gelungen, denn offenbar sicherte er sich die Rechte bereits vor dem großen Hype.

toetedeinenchefUnd wieder einmal vertraue ich auf die Übersetzerin Conny Lösch. Sie hat Shane Kuhns “Töte deinen Chef” (ab 20. August im Handel) übersetzt. Der Verlagstext: “Als Killer ist John Lago einer der besten. Angestellt ist er bei einer »Personalagentur«, die ihre Leute in Firmen einschleust, um dort die richtig dicken Fische auszuschalten. Für ihre Aufträge haben die Killer die beste Tarnung – sie sind Praktikanten. So kommt man an Informationen, erhält Zugang zu den wichtigen Bereichen und kann nach Erledigung des Jobs spurlos verschwinden. Denn wer wird sich schon an den Namen des unscheinbaren Praktikanten erinnern? Mit fünfundzwanzig ist John nun im Rentenalter seiner Profession und soll seinen letzten Auftrag in einer von Manhattans renommiertesten Anwaltskanzleien erledigen.” Klingt vielversprechend, kann aber auch genial scheitern…

(c) Tropen

(c) Tropen

Wo der Name Joe R. Lansdale draufsteht, kann eigentlich nichts schiefgehen. Ab 23. August ist sein neues Buch “Das Dickicht” erhältlich. Der Verlagstext: “Allein in einer gewalttätigen Welt, muss Jack schnell erwachsen werden, wenn er seine Schwester retten will. Und er braucht dringend Hilfe, die beste, die er kriegen kann. Aber die einzigen Kopfgeldjäger, die zur Verfügung stehen, sind Shorty, der Zwerg, und Eustace, der Sohn eines ehemaligen Sklaven. Zusammen mit Jimmie Sue, einer genauso klugen wie käuflichen Dame, nehmen sie die Verfolgung in eine berüchtigte Gegend auf: das Dickicht. Dort sprudelt aus den ersten windschiefen Bohrtürmen illegal das flüssige Gold, doch Jack ist fest davon überzeugt: Blut ist dicker als Öl.” Das klingt nach einer spannenden Ausgangssituation.

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

Dazu passend erscheint von Bruce Holbert “Einsame Tiere” (ab 25. August). Der Verlagstext: “Okanogan County, Anfang der 1930er Jahre. Eigentlich hat sich Sheriff Russel Strawl zur Ruhe gesetzt. Er ist müde geworden, seine Hände zittern beim Schießen. Doch dann kommt es im Indianerreservat zu einer Reihe grausamer Ritualmorde, und Strawl soll ermitteln. Ein letztes Mal noch steigt er in den Sattel – und begibt sich in einen Abgrund der Gewalt. Dort holt ihn auch seine eigene Vergangenheit ein.” Das klingt jetzt nicht weniger spannend und könnte eine feine Abrundung zu Lansdales Buch sein.

(c) Kriminalroman Nautilus

(c) Kriminalroman Nautilus

Declan Burke hat sich als Mitherausgeber von “Books to die for” für mich ohnehin fast unsterblich gemacht. Nun erscheint sein Krimi “Absolute Zero Cool” (ab 27. August), der perfekt mit dem Genre spielt. Der Verlag schreibt: “Absolute Zero Cool stellt alle Traditionen des Krimigenres auf den Kopf und begeistert und verstört in gleichem Maße. Der Roman ist ein witziger selbstreflexiver Angriff auf das Genre selbst, eine einfallsreiche Story über die Fähigkeit des menschlichen Geistes, nicht nur schöpferisch, sondern auch zerstörerisch zu sein.” Und noch so ein Pflichtbuch 😉

(c) Polar

(c) Polar

Und auch um das letzte Buch, das ich hier vorstelle, werde ich nicht herumkommen. Gene Kerrigans “Die Wut” (ab 25. August) wurde 2012 mit dem “Golden Dagger Award” ausgezeichnet. Das allein wäre Grund genug, das Buch zu lesen. Ein anderer gewichtiger Grund ist der Verlag Polar, der in den nächsten Monaten (zur Verlagsvorschau) eine Reihe spannender Bücher herauszugeben scheint. Nicht vorenthalten will ich ein Zitat von Polar-Verleger Wolfgang Franßen, weil es ziemlich gut meinen momentanen Lesegeschmack trifft:

“Wir suchen keine reinen Whodunitautoren, bei denen der Kniff, der Clou, das Rätsel im Mittelpunkt steht. Keine kriminell aufgehübschte Comedy. Keine Dörfer, um zu zeigen wie schön es auf dem Land doch ist. Keine Ideologie, keine Morde auf Rezept, keine Weinprobe mit anschließendem Ersticken. Kein Schwelgen in Melancholie, Sehnsüchten oder Happy Ends, die das Jetzt ausklammern Auch keinen Soziokrimi, kein ödes Nachstellen der realen Ereignisse, keine Kolportage und keine Agitprop. Der Polar erzählt von den Umständen eines Verbrechens, nicht vom bloßen Töten als Blutorgie. Der Polar ist und bleibt die Literatur der Krise.”

 

 

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