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Krimis, die man 2014 lesen sollte (IX)

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Der September startet gleich mit einer besonders interessanten Neuerscheinung: “Der Schwimmer” von Joakim Zander (seit 1. September). Das Buch gilt als eine der großen Thriller-Neuentdeckungen des Jahres. Zander erzählt darin über die Welt der Geheimdienste und die Politik sowie Lobbyisten in der EU. Günter Keil hat übrigens ein interessantes Interview mit Zander geführt, das auf seinem Blog zu lesen ist. Zander hat sich demnach ein Beispiel an Stephen King genommen: “Mein Ziel war, jeden Tag tausend Wörter zu schreiben, egal, welche Aufgaben ich sonst noch hatte. Wenn meine Frau früh ins Bett ging, schrieb ich oft bis in die Nacht. Und nicht selten stellte ich mir den Wecker auf 5 Uhr morgens, um noch schreiben zu können, bevor ich unsere Kinder wecken musste.” Zander, der als Anwalt für die EU-Kommission und das Europäische Parlament arbeitet, gibt zu, dass er sogar in Meetings in Brüssel geschrieben hat.

(c) Manhattan

(c) Manhattan

Ian Rankin habe ich ja erst voriges Jahr sehr spät für mich entdeckt. “Mädchengrab”, Teil 18 seiner Serie um den Ermittler John Rebus, hat mich damals überzeugt: “Ich bin begeistert. Das Buch mag sich zwar nicht genial auflösen, aber ich habe selten ein derart atmosphärisch dichtes Werk gelesen, das auch mit gekonnter Charakterzeichnung auftrumpft”, schrieb ich. Nun folgt Band 19, “Schlafende Hunde” (seit 8. September). Der interne Ermittler Malcolm Fox, der Rebus nicht über den Weg traut, spielt wieder eine wichtige Rolle. Die beiden müssen wohl miteinander auskommen – ob sie wollen oder nicht. Klingt spannend. Übersetzt übrigens erneut von Conny Lösch.

(c) Kunstmann

(c) Kunstmann

Mit William McIlvanney “Laidlaw” (seit 10. September) werde ich eine weitere Lücke schließen. Das Buch ist ja ein Klassiker und erstmals im Jahr 1977 erschienen. McIlvanney gilt als Begründer des schottischen Noir. Der Verlag schreibt über die Kultfigur des Detective Jack Laidlaw: “William McIlvanneys Romane um den legendären Ermittler Jack Laidlaw sind in Großbritannien schon lange Kult und gehören schlicht zum Besten, was Kriminalliteratur zu bieten hat.” Und der oben erwähnte Ian Rankin meint: “Ohne McIlvanney wäre ich wohl kein Krimiautor geworden. Da war dieser literarische Schriftsteller, der sich dem urbanen, zeitgenössischen Krimi zugewandt hatte und zeigte, dass das Genre große moralische und soziale Fragen angehen konnte.” Übersetzt übrigens ebenfalls von Conny Lösch.

(c) Diaphanes

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Ganz besonders freue ich mich auf Nathan Larsons “Boogie Man” (ab 24. September). Erst im April habe ich hier Teil eins seiner Trilogie, “2/14”, um Dewey Decimal besprochen. Dieser Future Noir hatte mich damals echt aus den Socken gehauen. Mein Urteil damals: “Es ist ein schrilles, abgefahrenes und witziges Buch – mit stillen und tiefen Momenten. Eine ganz wild Mischung eben.” Ich freue mich darauf, Dewey Decimal erneut ein Stück auf seiner abgedrehten Reise begleiten zu dürfen.

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KrimiZeit-Bestenliste August: Ein Abgleich

(c) Blessing

(c) Blessing

Wow, die KrimiZeit-Bestenliste im August wartet gleich mit sechs Neueinsteigern auf. Während sich Olen Steinhauer mit “Die Kairo-Affäre” weiter an der Spitze gehalten hat, ist Mike Nicol mit “Black Heart” auf Platz zwei vorgestoßen. Nicol ist für mich noch immer ein blinder Fleck. Dass sein Buch nun der abschließende Band einer “Rache-Trilogie” ist, bedeutet aber auch, dass ich wohl mit Teil eins, “Payback”, starten sollte.

Tja, bei Adrian McKinty plagt mich gleich das schlechte Gewissen. Ich habe sein Buch schon vor längerer Zeit ausgelesen und bin bis jetzt nicht dazu gekommen, hier über diesen Volltreffer zu schreiben. Über Nathan Larsons “2/14” habe ich hingegen schon im April geschwärmt. Faszinierend, wie lange es gedauert hat, bis dieses Buch endlich entsprechend gewürdigt wird. Auch “Drohnenland” hat mich sehr beeindruckt.

Mit “Der Krake auf meinem Kopf” hat es ein Buch in die Liste geschafft, das auf meinem Unbedingt-zu-lesen-Bücherstapel ganz oben liegt. Eigentlich ist ja fast jede der raren Neuerscheinung im Pulp-Master-Verlag Pflichtlektüre.

Bei Lee Child bin ich mir da nicht so sicher. Ich habe einen Jack-Reacher gelesen (weiß leider nicht mehr welchen, es muss einer seiner ersten gewesen sein) und der hat mir gereicht. Eigentlich mag ich ja Geschichten um einzelgängerische Kriegsheimkehrer, die sich nur ungern ans Gesetz halten. Aber irgendwas hat mir damals bei der Lektüre (vor wohl schon über zehn Jahren) nicht getaugt. Ob ich nun ausgerechnet ins “Wespennest” stochern soll? Vielleicht hat ja jemand einen Child-Tipp: Welches Buch würdet ihr mir empfehlen?

Mit “Taxibar” und “Die Istanbul-Passage” sind zudem zwei Bücher eingestiegen, die ich in den vergangenen Monaten in meiner Rubrik “Krimis, die man 2014 lesen sollte” empfohlen habe. Auch bei “Taxibar” hat der Einstieg lange gedauert: Das Buch ist bereits im April erschienen.

Die Liste im Überblick:

  1. Olen Steinhauer: “Die Kairo-Affäre” (1)
  2. Mike Nicol: “Black Heart” (-)
  3. Adrian McKinty: “Die Sirenen von Belfast” (4)
  4. Nathan Larson: “2/14” (-)
  5. Tom Hillenbrand: Drohnenland (2)
  6. Jim Nisbet: “Der Krake auf meinem Kopf” (-)
  7. Lee Child: “Wespennest” (6)
  8. Leonardo Padura: “Ketzer” (6)
  9. Jörg Juretzka: “Taxibar” (-)
  10. Joseph Kanon: “Die Istanbul-Passage” (-)

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Nathan Larson: 2/14

(c) Diaphanes

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Meine Enttäuschung über Adam Steinberghs “Spademan” habe ich hier vor Kurzem geäußert. Nun habe ich aber ein ähnlich angelegtes Buch gelesen, das meiner Meinung nach tatsächlich die Kategorisierung Future Noir verdient. Denn Nathan Larson ist mit “2/14” ein großer Wurf gelungen. Das Buch ist ein besonderes Lesevergnügen, denn es spielt gekonnt mit all den Genre-Klischees (Stichwort: Cherchez la femme), ohne dabei zwanghaft und gekünstelt zu sein. “2/14 zitiert, ohne Zitat zu sein”, formuliert es Thomas Wörtche treffend in seinem Nachwort. Und er beschreibt das Buch als “ein Hybrid, irgendetwas zwischen Science-Fiction und Privatdetektivroman und Politthriller mit leichter Tendenz zum Ego-Shooter”. Auch das trifft den Kern ganz gut. Es ist ein schrilles, abgefahrenes und witziges Buch – mit stillen und tiefen Momenten. Eine ganz wild Mischung eben.

Zum Inhalt: Am 14. Februar (daher der Titel) ist New York von Anschlägen erschüttert worden, die Welt ist seitdem eine andere. Hauptfigur Dewey Decimal, ein ehemaliger Soldat – mehr weiß er nicht (“Ich bin nämlich überzeugt, dass Teile meiner Erinnerung gelöscht wurden (…). Ich bin sogar überzeugt, dass man mir falsche Erinnerungen implantiert hat”) – haust in der öffentlichen Bibliothek, an der niemand mehr interessiert zu sein scheint. Decimal wird von der Stadtverwaltung auf einen Ukrainer angesetzt, den er beseitigen soll. Damit nimmt die turbulente Geschichte ihren Lauf.

Auch eine Pandemie hat die Menschen heimgesucht (“H1N1? Das Ding war die komplette Niete unter den Viren”). Denn “die Große Böse Mutter Erde lernt aus ihren Fehlern, dreht an ein paar Schrauben und kommt das nächste Mal mit einem besseren Modell daher”. Dewey Decimal lebt in dieser kaputten Welt nach seinem eigenen Kodex – auch das ist typisch für Noir. Er erledigt zwar Aufträge für Geld, käuflich ist er deshalb noch lange nicht. Ein Guter ist er aber ebensowenig: “Dan, ich bin das böse schwarze Ungeheuer unter deinem Bett. Ich bin ein eiskalter irrer Babykiller”, denkt Decimal etwa, nachdem er einen Mann getötet hat, dessen letzte Worte “Sie sind kein. Ungeheuer” waren.

Das klingt jetzt etwas wirr und aus dem Zusammenhang gerissen. Daher ist meine Begeisterung vielleicht nicht ganz nachvollziehbar. Denn es ist eine ziemlich blutige Geschichte, die Larson da serviert. Im Gegensatz zu “Spademan” hat mich das aber nicht gestört. Die Gewaltorgien sind aus meiner Sicht bei Larson comicartig überhöht, nicht so platt plakativ wie bei Steinberghs Buch. Es sind dieses Diffuse und die sich zerlegende Realität (welche Erinnerungen Decimals sind echt? Welche sind ihm hinzugefügt?), die den Reiz des Buches ausmachen. Ich kann das gar nicht in eigene Worte fassen. Das muss man einfach lesen.

“2/14” ist übrigens der Auftakt einer Trilogie, wie Larson auch auf seiner Homepage nathanlarson.net schreibt. Band zwei (“The Nervous System”) ist in den USA bereits erschienen, Band drei soll im Frühjahr 2015 auf den Markt kommen. Ein Detail am Rande hat mich überrascht und gefreut: Larson hat die Filmmusik für “Margin Call – Der große Crash” geschrieben. Für mich ist das der bisher beste fiktive Film über die aktuelle Finanzkrise, wie ich hier zu erklären versucht habe. Und Larson hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

9 von 10 Punkten

Nathan Larson: “2/14”, übersetzt von Adrea Stumpf, 255 Seiten, Diaphanes.

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