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Melissa Scrivner Love: Lola

(c) Suhrkamp

Melissa Scrivner Loves “Lola” weist die üblichen Zutaten eines Mainstream-Thrillers auf – rasant, ein wenig oberflächlich und klischeemäßig, ein übertriebener Showdown. Eigentlich wenig verwunderlich, denn die Autorin hat sich bereits als Drehbuchautorin für TV-Serien wie “CSI Miami” und “Person of Interest” einen Namen gemacht.

“Lola” ist definitiv ein Versprechen für die Zukunft. Eine junge Drogendealerin als Heldin, das gibt es nicht oft. Überhaupt sind es hier die Frauen, die die Richtung vorgeben, die Männer sind eher Marionetten (oft, ohne es zu wissen).

Seltsam sauberes Ghetto

Bei allem Wohlwollen kann ich aber über gewisse Schwächen – auch handwerklich – nicht hinwegsehen. So steht Lola in mindestens zwei Szenen am Rande des Geschehens und kann dennoch den Dialogen der in Entfernung stehenden Personen problemlos und perfekt folgen. Das ist unrealistisch. Zu oft gibt es auch Formulierungen wie “sie verliebte sich auf Anhieb in diese Frau” – wann immer Lola Sympathie für irgendjemanden hegt.

“Lola” wirkt bei aller Spannung auch ein wenig gekünstelt. Das Ghetto spürt man hier nicht, zu sauber geht es hier zu. Ja, die kaputte Mutter darf nicht fehlen, aber irgendwie stinkt es hier nicht. Hier ist es nicht wirklich grindig. Zumindest ist das nicht spürbar. Es ist ein wenig so, als schreibe ein weißes Mädchen über eine Latina-Gang. Lola, die kalt kalkulierende Gangster-Queen schreckt auch vor Mord nicht zurück. Das ist auch literarisch zu kalkuliert. Wow, eine Frau, die tötet. Das alleine sollte nicht schockieren.

Die größte Schwäche der jungen Autorin ist es aber wohl, dass sie sich immer wieder bemüßigt fühlt, das Handeln ihrer Figur rechtzufertigen. Es wirkt fast so, als müsse man die Handlungen einer Frau, die Dinge tut, die für Männer normal sind, besonders begründen.

Überzeugend ist es allerdings, wie sie ihre Rolle als Frau nutzt. Sie wird lange nur als die hübsche Frau an der Seite des Drogengangsters gesehen. Diese Schwäche des männlichen Geschlechts nutzt sie eiskalt aus.

Fortsetzung folgt

“Capitana”, die Fortsetzung der Schilderung des Überlebenskampfes einer schlauen Frau in einer Machowelt, wird übrigens im Mai 2020 erscheinen. Ich bin gespannt, ob die Autorin noch zulegen kann.

7 von 10 Punkten

Melissa Scrivner Love: “Lola”, übersetzt von Sven Koch und Andrea Stumpf, Suhrkamp, 391 Seiten.

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