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Krimis, die man 2017 lesen sollte (I)

Zwei im Jänner erschienenen Krimis habe ich bereits gelesen und hier vorgestellt: Bernhard Aichners “Totenrausch” und Jerome Charyns “Winterwarnung”. Daher ist die Liste diesmal eher kurz.

(c) Penguin

(c) Penguin

Stephan R. Meier geht mit einem dystopischen Krimi an den Start. “Now. Du bestimmst, wer überlebt” zeigt, was passieren kann, wenn Algorithmen über unser Leben bestimmen.

Der Verlag schreibt: Ein Mann streunt durch dichte Wälder, immer auf der Flucht vor herannahenden Drohnen, die seinen Tod bedeuten können. Sein Name ist Spark. Noch vor Kurzem wurde sein Leben von dem intelligenten Algorithmus NOW geregelt, und Spark hatte alles: Gesundheit, Sex, Nahrung. Doch dann entdeckte er, was hinter dem Tod seines Vaters steckt. Wie gefährlich die Allmacht NOWs ist. Und dass die Frau, die er liebt, verstoßen wurde – dorthin, wo jeden Tag das nackte Überleben auf dem Spiel steht. Damit beginnt Sparks Kampf. Für die Zukunft der Welt. Für die Liebe seines Lebens.

(c) Emons

(c) Emons

Larry Beinharts Roman-Erstling “No one rides for free” (aus dem Jahr 1986) ist endlich wieder auf Deutsch erhältlich. Das Buch erhielt den Edgar Allan Poe Award für den besten Erstling eines Krimiautors. Applaus für den Emons-Verlag!

Privatdetektiv Tony Cassella soll die Aussage eines Anwalts aufnehmen, der über die miesen Machenschaften seines eigenen Berufsstands auspacken will. Doch dazu kommt es nicht, denn der Mann liegt tot auf einem Parkplatz. Tony muss die Lügen der Vergangenheit aufdecken und die ehrenwerten Männer, die jeden Preis zu zahlen bereit sind, um die Vergangenheit ruhen zu lassen, aus dem von ihnen bevorzugten Halbdunkel ans Licht der Öffentlichkeit zerren.

(c) Zsolnay

(c) Zsolnay

Peter May ist für mich ein blinder Fleck. Dieser Autor gilt als außergewöhnlich gut. Ich möchte mich mit “Moorbruch” davon überzeugen. Achtung: Das Buch ist das Ende seiner Lewis-Trilogie, Teil eins und zwei kenne ich nicht.

Siebzehn Jahre sind vergangen, seit Roddy Mackenzie, Leader der Band Amran, mit seinem Flugzeug verunglückte und verschollen blieb. Ein halbes Leben später ist Fin Macleod, früher Roadie der Band, zurück auf der Hebrideninsel Lewis. Im Auftrag eines Gutsbesitzers bekämpft er Wilderer. Doch der Erste, den Fin zur Strecke bringen soll, ist ausgerechnet sein alter Freund Whistler. Die beiden werden Zeugen eines Moorbruchs, der das Wrack von Roddys Flugzeug zu Tage befördert. Fin erkennt an Whistlers Reaktion sofort, dass etwas nicht stimmt. Dabei ahnt er noch nicht, dass es gar nicht Roddys Leiche ist, die sie gefunden haben … Ein packender literarischer Krimi aus Schottland.

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Der Krimi im digitalen Zeitalter

(c) KiWi

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Der Kriminalroman in Zeiten der Digitalisierung. Was lässt sich darüber sagen? Ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht.

Tom Hillenbrand hat 2014 mit “Drohnenland” einen der besten deutschen Kriminalromane der letzten Jahre geschrieben. Vieles, was mir darin vor zwei Jahren noch allzu futuristisch erschien, erscheint zwei Jahre später schon allzu vorstellbar (dass er damals bereits den Brexit thematisierte sei auch erwähnt). Am meisten hat mich an Hillenbrands Buch aber fasziniert, dass er aufzeigt, dass es selbst in einer perfekt überwachten, durchdigitalisierten Welt immer Schlupflöcher geben wird. Dass irgendwann alle Verbrechen verhinder- oder lösbar sein werden, das ist eine Illusion. Gut so, sonst könnte man den Kriminalroman abschaffen oder nur mehr in historischem Setting spielen lassen!

Am stärksten geht der Future Noir auf die digitale Entwicklung ein – in dystopischen Szenarien wie in “Drohnenland”, aber auch in Adam Sternberghs “Feindesland”, Nathan Larsons “2/14” oder Gudrun Lerchbaums “Lügenland”. Natürlich gibt es auch viele Techno-Thriller, hier seien besonders die Bücher von Marc Elsberg zu erwähnen – “Blackout”, “Zero” und nun “Helix”.

Natürlich spielen Soziale Medien, Smartphones und sich ständig verändernde Alltagswelten zunehmend auch in vielen Kriminalromanen immer öfter eine Rolle. Da kommt auch Dinosaurier Jack Reacher nicht aus. Mein Eindruck mag täuschen, aber gleichzeitig gibt es auch einen Boom historischer Kriminalromane, die man als eine Art Gegentrend deuten kann. Während man also auf der einen Seite fasziniert von den technischen Neuerungen ist, steigt offenbar auch das Bedürfnis, frühere Welten ohne all den digitalen Firlefanz zu verstehen.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wie war das damals in den 1980er Jahren – oder auch in den 1880er Jahren? Auch hier hat der moderne Kriminalroman viel anzubieten. Erwähnt seien die Trilogien von William Shaw (“Abbey Road Murder Song”, “Kings of London”, “History of Murder”) und Lyndsay Faye (“Der Teufel von New York”, “Die Entführung der Delia Wright”, “Das Feuer der Freiheit”). Philipp Kerr sei hier ebenfalls nicht vergessen. Und auch “Der Kaffeedieb” von dem bereits erwähnten Tom Hillenbrand, ein historischer Krimi, der Ende des 17. Jahrhunderts spielt.

Vielleicht erklärt sich auch der aktuelle Trend zum Country Noir ein wenig damit. Hier hält die Technik nur langsam Einzug, thematisiert wird das etwa in Benjamin Whitmers Krimi “Nach mir die Nacht”. Wo lässt sich besser unauffällig morden? Wo verschwinden Menschen einfach spurlos und werden womöglich irgendwo vergraben? Am besten geht das halt am Land, wo es nicht um jede Ecke einen unliebsamen Zeugen gibt. Mit Idylle ist es da nicht weit her. So gesehen ist der Country Noir so etwas wie die Wiege des modernen Kriminalromans. Hier sind die Uhren der Zeit stehen geblieben und die menschlichen Triebe bleiben immer die gleichen. Abseits des Lichts der Großstadt stirbt es sich so düster, hinterhältig, banal, schmutzig und brutal wie sonst nirgendwo.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Zeit der klassischen Großstadt-Krimis ein wenig vorbei ist. Natürlich gibt es da immer noch Michael Connellys L.A.-Krimis, aber dann wird es recht rasch dünn (vielleicht lese ich aber auch nur das falsche Zeugs!).

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Noch ein Rückblick auf 2016: Krimis, die man lesen sollte

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Mit meinen Tipps zu den Neuempfehlungen bin ich ziemlich ins Strudeln gekommen. Daher versammeln sich hier die vielversprechendsten Krimis der Monate Oktober bis Dezember. Ach ja, und in Kürze gibt es hier natürlich meine persönliche Krimi-Jahresbestenliste für das Jahr 2016.

Kein Weg vorbei führt dabei wieder einmal an Liza Cody. Ihr “Miss Terry” taucht wenig verwunderlich auch in fast allen Krimi-Jahresbestenliste auf, die mir bisher untergekommen sind.

Der Verlagstext: Die Londoner Grundschullehrerin Nita Tehri hat sich von ihren Ersparnissen eine kleine Eigentumswohnung zugelegt, wo sie ein leises Leben führt. Sie sucht keinen Streit, ist freundlich zu Nachbarn und Kolleginnen, unterrichtet. Buchstabiert geduldig ihren Namen, wenn man sie Miss Terry nennt.
Eines Morgens wird genau gegenüber von Nitas Haus ein Müllcontainer abgestellt, leicht angerostet und verbeult, gedacht für den Bauschutt einer Sanierung. Er bleibt dreieinhalb Minuten leer, von da an landet alles Mögliche darin: Fastfoodverpackungen, Rigipsplatten, Altbautüren, Weihnachtsbäume, Abfallsäcke, Öfen … Manches verschwindet über Nacht wieder, manches bleibt. Sobald er voll ist, wird der Container ausgetauscht, und der wundersame Reigen des Mülls beginnt von vorn.
Dann steht nach Feierabend ein Polizist vor Nitas Tür. Stellt ihr Fragen, die zunehmend unverschämter werden. Ob ihr jemand aufgefallen ist, der in aller Heimlichkeit Dinge im Container entsorgt hat? Warum sie so oft aus dem Fenster späht? Ob es zutrifft, dass sie bis vor Kurzem deutlich dicker war?

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Wieder ein Krimi aus Australien. Jane Harpers “The Dry” klingt ziemlich vielversprechend, erste Rezensionen lassen aber darauf schließen, dass es sich leider doch um eher konventionelle Krimiware handelt.

Die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten lastet wie heißes Blei auf dem ländlichen Städtchen Kiewarra mitten im Nirgendwo. Das Vieh der Farmer stirbt, die Menschen fürchten um ihre Existenz.  Als Luke Hadler, seine Frau und ihr Sohn Billy erschossen aufgefunden werden, glauben alle, dass der Farmer durchgedreht ist und erweiterten Suizid begangen hat. Aber Sergeant Raco hat seine Zweifel. Aaron Falk kehrt nach zwanzig Jahren zum ersten Mal nach Kiewarra zurück – zur Beerdigung seines Jugendfreundes Luke. Bald brechen alte Wunden wieder auf; das Misstrauen wirft seine langen Schatten auf die Kleinstadt. Und in der Hitze steigt der Druck immer mehr…

(c) Blanvalet

(c) Blanvalet

Der österreichische Meister spannender Wissenschaftsthriller ist wieder zurück. Diesmal beschäftigt sich Marc Elsberg mit Gentechnik. “Helix” ist ein erhellendes Buch.

Der US-Außenminister stirbt bei einem Staatsbesuch in München. Während der Obduktion wird auf seinem Herzen ein seltsames Zeichen gefunden – von Bakterien verursacht? In Brasilien, Tansania und Indien entdecken Mitarbeiter eines internationalen Chemiekonzerns Nutzpflanzen und –tiere, die es eigentlich nicht geben kann. Zur gleichen Zeit wenden sich Helen und Greg, ein Paar Ende dreißig, die auf natürlichem Weg keine Kinder zeugen können, an eine Kinderwunschklinik in Kalifornien. Der Arzt macht ihnen Hoffnung, erklärt sogar, er könne die genetischen Anlagen ihres Kindes deutlich verbessern. Er erzählt ihnen von einem – noch inoffiziellen – privaten Forschungsprogramm, das bereits an die hundert solcher »sonderbegabter« Kinder hervorgebracht hat, und natürlich wollen Helen und Greg ihrem Kind die besten Voraussetzungen mitgeben, oder? Doch dann verschwindet eines dieser Kinder, und alles deutet auf einen Zusammenhang mit sonderbaren Ereignissen hin – nicht nur in München, sondern überall auf der Welt …

(c) Tropen

(c) Tropen

Philip Kerr ist an meiner wiederentfachten Liebe für den Fußball hauptschuldig. Seine beiden Fußball-Thriller “Der Wintertransfer” und “Die Hand Gottes” haben mich sehr begeistert. Bei “Die falsche Neun” kann da wohl auch nichts schiefgehen.

Scott Mansons Karriere als Fußballtrainer in der Premier League ist vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Nach einem Skandal bei London City und einem kurzen Intermezzo bei einem chinesischen Verein, dessen Eigentümer ein windiger Geschäftsmann ist, scheint Scotts Ruf endgültig ruiniert. Da erhält er einen Hilferuf vom FC Barcelona: Stürmerstar Jérôme Dumas ist nicht zum Training erschienen und wird seit einem Urlaub auf seiner Heimatinsel vermisst. Scott hat nur wenige Wochen Zeit, den Kicker zu finden. Auf seiner Spurensuche von Paris bis auf die Antillen begegnet Scott einem mörderischen System, das den Kampf um junge Talente auf ein anderes, tödliches Spielfeld verlegt hat.

(c) Droemer

(c) Droemer

Mechtild Borrmann habe ich schon länger im Fokus, bisher bin ich aber nicht dazu gekommen, sie zu lesen. “Trümmerkind” möchte ich aber unbedingt lesen, das passt perfekt zu meinem Faible für zeithistorische Krimis.

Der kleinen Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel – das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist …

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

Im Vorjahr kam Newton Thornburgs vergessener Krimiklassiker “Cutter und Bone” wieder auf den Markt. Danke, lieber Polar Verlag! Heuer legt der Verlag mit seinem Krimi “Schwarze Herde” nach. Auch dieses Buch klingt nach einer Pflichtlektüre.

Ex-Werbefachmann Bob Blanchard ist vor Jahren mit seiner Familie in die Missouri Ozarks aufs Land gezogen, um Rinder zu züchten. Seine Frau fühlt sich dort nicht wohl und schottet den chronisch erkrankten Tommy von der Umwelt ab. Seit seiner Geburt hat er einen Hirnschaden. Als seine Frau ihn wegen der drohenden Zwangsversteigerung verlässt und zurück nach St Louis zieht, kommt Blanchards Leben ins Rutschen. Von der Bank wegen drückender Schulden verfolgt, droht die Zwangsschlachtung und der Verkauf zu einem ruinierenden Preis. So dass er vor der Entscheidung steht, die kranken Rinder zu verkaufen und die Herde als gestohlen zu melden, um die Versicherungssumme zu kassieren. Widerstrebend lässt Blanchard sich auf einen zum Scheitern verurteilten Plan ein und muss mit ansehen, wie er verraten wird.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Fast übersehen hätte ich “IQ” von Joe Ide. Das ist mir irgendwie durch all meine Neuerscheinungs-Radare gerutscht 😉 Erst als dieses Buch plötzlich in der Jahres-Bestenliste des Blogs Buch-Haltung auftauchte, wurde mein Interesse geweckt.

Q. nennt man Isaiah Quintabe in den schwarzen Hoods von Los Angeles. Weil er ein Genie ist und weil er als eine Art Nachbarschaftsdetektiv ohne Lizenz den »kleinen Leuten« zu ihrem Recht verhilft. Oder wenn das schwierig ist, immerhin zu Gerechtigkeit, Genugtuung und Entschädigung. Zusammen mit seinem sidekick, dem schlagfertigen Gangsta Dodson, wird er wider Willen von dem Top-Rapper Black the Knife angeheuert, um Mordanschläge auf dessen Leben aufzuklären. Das führt ins finstere Herz des Rap-Business, wo sich jede Menge wunderliche und tödliche Gestalten tummeln: Gangsta Rapper, Bitches, Anwälte, Auftragskiller, Drogenbosse, Big-Business-Leute und Medienvolk.

Bald haben es I.Q. und Dodson mit verfeindeten Gangs, schießwütigen Narcos und gierigen Musikproduzenten zu tun. Gut, dass I.Q. ein Weltmeister der Deduktion ist, und gut auch, dass er notfalls genauso viel kriminelle Energien hat wie seine Widersacher. Oder noch mehr …

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Live By Night – Der beste Film des Jahres 2017?

Dennis Lehanes Krimi “In der Nacht” war einer der besten des Jahres 2013. Lehane erzählt darin eine bereits oft erzählte Geschichte so fesselnd, dass man niemals meint, er wandere auf abgetretenen Pfaden. Er versucht nicht, zwanghaft innovativ zu sein, sondern Altbekanntem neue Seiten abzugewinnen.

Tja, und nun die gute Nachricht für alle Lehane-, Krimi- und Filmfreunde. Ben Affleck hat dieses Buch verfilmt. “Live By Night” startet Ende 2016 in ausgewählten US-Kinos und im Jänner regulär. Das ist normalerweise ein guter Hinweis, dass hier jemand Oscars abräumen will.

Und der vor Kurzem erschienene Trailer lässt tatsächlich Großes erwarten. Seht doch selbst. Ich kann es jedenfalls kaum erwarten!

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“Lust am Verbrechen” oder warum wir Krimis lieben

(c) Arte (Beall Productions)

(c) Arte (Beall Productions)

Seit Sonntag läuft auf Arte die dreiteilige Dokumentation “Lust am Verbrechen”, die auch in der Mediathek des Senders abrufbar ist. Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, die ich auch in einem umfassenden Artikel auf “DiePresse.com” zusammengefasst habe. Nur kurz: Ich fand den ersten Teil durchaus gelungen, weil er dem Krimigenre in all seiner Vielseitigkeit gerecht wird.

Störend waren nur manche Sprüche des Erzählers, die tief aus irgendwelchen Klischeeschubladen gezogen wurden. Beispiele: “Wer beim Krimi an Bord geht, lässt sich auf eine mörderische Reise ins schwarze Herz der Welt ein.” Oder: “Der Krimi ist eine Maschine zur Herstellung von Leichen und ihr Motor läuft im Zweitakt von Wut und Gewalt.”

Abgesehen davon erfuhr man aber viele interessante Dinge. Namhafte Autoren wie Michael Connely und Jo Nesbo gewährten ebenso spannende Einblicke ins Genre wie US-Regisseur Michael Mann. Wer also Krimis liebt und Zeit hat, sollte sich das nicht entgehen lassen. Teil zwei folgt am 20. März.

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11 Wege, zu guten Krimis zu kommen (IV): Die Macht der Übersetzer

(c) Arrow Books

(c) Arrow Books

Eine Diskussion hat vor wenigen Wochen die Krimi-Welt bestimmt: Sollen Blogger die Übersetzer von Krimis erwähnen oder nicht? Ich muss da jetzt nicht besonders leidenschaftlich werden, um zu sagen: Ja, keine Frage. Das ist eine Frage der Fairness. Ich will mich jetzt aber nicht in diese Diskussion einmischen (mehr dazu hier), sondern die Gelegenheit nutzen, meine “11 Wege, zu guten Krimis zu kommen”-Serie endlich fortzusetzen. Ich wollte gerade diesen Teil schon seit langer Zeit schreiben, nun habe ich endlich einen guten Anlass. Es ist ein Plädoyer für Übersetzer.

Ich will das am Beispiel von Conny Lösch festmachen, die tatsächlich ein Garant für gute – nein, für außergewöhnlich gute – Krimis ist. Spannungsliteratur, die sie übersetzt, steht für Qualität (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sowohl Don Winslow, William McIlvanney, Ian Rankin, Howard Linskey, Denise Mina und William Shaw zählen zu den echten Könnern des Genres und meinen persönlichen Lieblingsautoren. Ich gebe alle paar Woche mit Vorfreude den Namen dieser Übersetzerin ein, um nach Neuerscheinungen zu suchen.

Wer mehr über “Die Frau hinter den großen Namen” wissen will, sollte auf den Link klicken. Dann wird auch nachvollziehbar, warum sie vor allem Briten übersetzt. Als Beatles-Liebhaberin muss ihr die Übersetzung von William Shaw ja ein besonderes Anliegen gewesen sein. Sie selbst sagt in einem Interview: “Am liebsten übersetze ich gute Bücher, wobei ein Buch natürlich aus ganz unterschiedlichen Gründen gut sein kann. Nur für die Miete mache ich eigentlich nichts. Aber da ich die Bücher vorher nicht lese, kann auch mal eine Niete dabei sein. Ich hatte bisher aber großes Glück: von den inzwischen über vierzig Büchern, die ich übersetzt habe, fand ich nur zwei richtig schlecht.”

Ähnlich verhält es sich übrigens mit Peter Torberg, der etwa Adrian McKinty oder Daniel Woodrell übersetzt. Oder Daniel Ray Pollock. In meiner intensiven Thriller-Phase bin ich andererseits immer wieder bei Büchern gelandet, die von Wulf Bergner (z.b. Jack-Reacher-Serie von Lee Child) übersetzt wurden. Das ist bestimmt kein Zufall.

Welch außergewöhnliche Arbeit Übersetzer leisten, zeigt auch das Beispiel Don Winslow, der nicht nur von der genialen Conny Lösch übersetzt wird, sondern auch von Chris Hirte. Hirte hat etwa “Tage der Toten”, “Frankie Machine” und “Die Sprache des Feuers” übersetzt, während Lösch “Zeit des Zorns”, “Kings of Cool” sowie die Surfer-Krimis rund um Boone Daniels und neuerdings die Serie um Neal Carey übersetzt hat. Beide Übersetzer werden Winslow absolut gerecht.

Ich habe gerade Winslows “Tage der Toten” zum zweiten Mal gelesen, um mich auf “Das Kartell” einzustimmen – abwechselnd ein paar Seiten auf Deutsch, dann wieder auf Englisch. Und da sieht man schon, dass das große Kunst ist. Der Übersetzer kann ja nicht einfach nur zusammenhangslos einen Satz nach dem anderen ins Deutsche übersetzen, sondern muss viel mehr leisten. Er muss die Atmosphäre transportieren, muss das einzigartige Gefühl zwischen den Zeilen vermitteln, muss dem Original-Autor gerecht werden. Natürlich kann man jetzt diskutieren, wie originär die Leistung des Übersetzers ist. Aber eines steht fest: Ein schlechter Übersetzer kann ein wirklich gutes Buch zerstören. Dann wirkt alles unrund, passt nicht so ganz, die Atmosphäre fehlt.

Kann also der Übersetzer sogar das Originalwerk verbessern? Diese Frage stellte die Deutsche Welle 2006 dem Umberto-Eco-Übersetzer Burkhart Kroeber. Dieser hat meiner Meinung nach eine sehr schöne Antwort gegeben: “Denn wie Umberto Eco es selbst einmal so schön beschrieben hat: Ein Autor, der einen Roman schreibt, muss zunächst eine ganze Welt erfinden – nicht nur die Sprache, in der sich diese Welt ausdrückt, sondern das gesamte Konstrukt. Erst wenn die Architektur dieser Welt vollständig entwickelt ist, wenn das Gebäude steht, erst dann kann er sich der Fassade – der Sprache – widmen. Wir Übersetzer müssen kein ganzes Haus neu bauen, wir können uns gleich voll und ganz der Fassade widmen. Insofern kann es durchaus in bestimmten Konstellationen dazu kommen, dass ein für sich wunderbarer Roman in einer übersetzten Fassung sprachlich eine kleine Spur gelungener erscheinen mag.”

Ich finde das auch nicht anmaßend, es ist ein wunderbares Bild für die Arbeit des Übersetzers.

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“Nur ein Krimi …”

Ich will hier wieder einmal ein wenig nachdenken über jenes Genre, das ich liebe. Vor kurzem bin ich bei culturmag auf Zoë Becks Beitrag “… nur ein Krimi?” gestoßen. Sie hat ein Problem damit, dass Iris Radisch in einem Interview sagt, man müsse die Latte bei Sibylle Lewitscharoffs “Killmousky” etwas niedriger hängen, da es sich nur um einen Krimi handele. Ich habe dieses Problem auch, weil man immer noch manchmal als Crime-Fiction-Fan das Gefühl hat, als Groschenhefte- oder 08/15-Whodunnit-Leser abgetan zu werden.

Ich will daher Beck hier zitieren, weil sie mir aus der Seele spricht: “Der Krimi also. Ein putziges Ding, eine Entspannungsübung für den Hochliteraten (m/w). Nach schwergewichtigen Themen kann man beim Krimi endlich mal ein bisschen locker werden. Wüsste der Hochliterat (oder der dazu gehörige Kritiker (m/w)) um die Bandbreite innerhalb der Genres, gäbe es solche Interviews wie das mit Radisch nicht. Dann wäre klar, dass es mindestens ebenso viele grandiose Meisterwerke von Weltrang im Krimigenre gibt, wie es Schund, Unfug und Banalitätenschwurbel in der nichtgenrekategorisierten Literatur gibt.”

Und: “Texte kann man daraufhin lesen, ob sie gut gemacht sind. Figurenzeichnung, Dialoge, Spannungsaufbau, Sprache etc. Ich möchte deshalb die von Radisch tiefer gehängte Latte bitte gern abschrauben und Texte von egal wem danach beurteilen bzw. beurteilt wissen, ob sie gut sind oder nicht – egal welches Etikett sie haben.”

Das ist meiner Meinung nach genau der Punkt: Texte sind gut oder schlecht, egal welches Etikett sie haben.

Auf krimi-couch.de habe ich dazu passend ein Interview mit Thomas Wörtche wiederentdeckt, der ebenfalls weise Worte sagt: “Ich bin fest der Meinung, wer nur von Krimis was versteht, versteht auch von Krimis nichts.”

Wörtche, gern als deutscher Krimikritiker Nummer eins bezeichnet, meint zu seinem ihm aufgedrängten Status kritisch: “Das Etikett bekommt man, wenn man lange genug dabei ist und hin und wieder ein paar schlaue Dinge an möglichst prominente Stelle geschrieben hat. Das wiederum ist gar nicht so schwer, weil sehr vieles, was man sonst über Kriminalliteratur et al an prominenter Stelle lesen muss, von herzlicher Ahnungslosigkeit ist. Vermutlich habe ich »Krimis« (und Verwandtes) einfach ein bisschen ernster genommen und das auch formulieren können. Dabei war ich nicht der erste und nicht der einzige. Und Krimi ist nur eine Variante von erzählender Literatur, die ich spannend finde.”

Tja, ich selbst bin ja gerade auf so einem dystopischen Lese-Trip: Zuerst habe ich “Spademan” und “2/14” gelesen, dann “Mirage” und zuletzt den Werwolf-Roman “Roter Mond”. Sind das für irgendwelche selbsternannten Krimi-Puristen überhaupt Genre-Werke? Mir ist das eigentlich egal. Es sind teilweise exzellente (“2/14”, “Roter Mond”), teilweise eher banale (“Spademan”, “Mirage”) Spannungsromane. Und das bringt mich zu einem wesentlichen Punkt: Für mich muss ein gutes Buch spannend sein. Deshalb muss es aber nicht zwingend ein Thriller oder Krimi sein. Mark Twains “Huckleberry Finn” ist etwa so ein Buch, das bei vielen noch dazu den Makel eines “Kinderbuches” hat.

Ich wiederhole mich daher: Genre hin, Etikettierung her – Bücher sind gut oder schlecht (oder irgendwas dazwischen) – und natürlich oft auch nur Geschmackssache.

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