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Donald Ray Pollock: Knockemstiff

(c) liebeskind

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Vor zwei Wochen habe ich in der “Presse am Sonntag” einen Beitrag über das Genre “Country Noir” geschrieben. Als einer der wichtigsten Vertreter gilt neben Daniel Woodrell (“Winters Knochen”, “Der Tod von Sweet Mister”) und Frank Bill (“Cold Hard Love”, “Der Geschmack der Gewalt” – erscheint im Oktober) vor allem ein Autor: Donald Ray Pollock. Sein soeben auf Deutsch erschienenes Buch “Knockemstiff” war eigentlich sein Debüt, obwohl der Verlag liebeskind seinen Nachfolger “Das Handwerk des Teufels” im Jahr 2012 zuerst publiziert hat.

“Knockemstiff”, das 18 lose miteinander verbundene Geschichten umfasst, beginnt ohne Vorgeplänkel: “Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut.” Was auf knapp 250 Seiten folgt, tut oft sehr weh. Denn Pollock schreibt realistisch – bis zur Unerträglichkeit. Sein Werk kann man auch als Antithese zu den boomenden Regiokrimis verstehen. Da bleibt kein Platz für Nostalgie, Harmonie und Tourismus-Idylle.

Der Autor stammt übrigens selbst aus dem titelgebenden Ort im US-Bundesstaat Ohio. Er weiß also genau worüber er schreibt. Und das ist auch eine Besonderheit seines Buches. Er schreibt schonungslos mitten aus seiner Welt über seine Welt. Jürgen Priester hat bei krimicouch.de über “Das Handwerk des Teufels” folgendes geschrieben: “Ebenso unprätentiös ist seine Sprache. Da ist nichts Kalkül, nichts Showelement. Seine teilweise drastischen Bilder von Mord und Totschlag wirken wie ein Teil des Alltags, der Normalität.” Das trifft auch auf “Knockemstiff” hundertprozentig zu.

Ein Beispiel gefällig: “Als ich aufwachte, dachte ich erst, ich hätte mal wieder ins Bett gepisst, aber da war nur eine feuchte Stelle, wo Sandy und ich in der Nacht gevögelt hatten.” Das ist wahrlich nicht schön zu lesen, aber sehr authentisch. Kurz darauf schreibt Pollock über ein blaues Knockemstiff-Ohio-Straßenschild, das sich die erwähnte Sandy auf den Hintern hat tätowieren lassen. Der Ich-Erzähler kommentiert das so:

“Warum manche Leute Tinte brauchen, um sich daran zu erinnern, woher sie kommen, wird mir stets ein Rätsel bleiben.”

Pollock ist kein Illusionist. Im Kapitel “Von vorn anfangen” schreibt er: “Ich träume manchmal nachts davon, noch mal ganz von vorn anzufangen. Dann wache ich auf, und die Werbemusik bohrt mir Löcher ins Herz. Wie schon gesagt, alles Schwachsinn.” Aus Pollocks Welt gibt es kein Entkommen. Träume sind sentimentaler Luxus, der nur Kraft kostet.

Ich ziehe jedenfalls den Hut. In knappen Sätzen erzählt er mehr als viele “Literaten” in hundertseitigen Büchern. Und manchmal empfiehlt es sich auch, das Buch nach einem Kapitel wegzulegen. Um durchzuatmen und sich in seiner eigenen Welt wohlzufühlen. Pollock ist aber unbestritten ein echter Könner. Dabei hat Pollock (geboren 1954) erst im Alter von 45 Jahren zu schreiben begonnen, nachdem er über 30 Jahre in einer Papiermühle gearbeitet und spät aber doch seinen Schulabschluss nachgeholt hatte.

8 von 10 Punkten

Donald Ray Pollock: “Knockemstiff”, übersetzt von Peter Torberg, 256 Seiten, liebeskind.

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (VI)

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Der Juni wartet mit hochklassigen Krimis in Hülle und Fülle auf. Der Wermutstropfen: Ich werde nicht alle lesen können. Den Anfang macht jedenfalls “Ein seltsamer Ort zu sterben” von Derek Miller, der ab 1. Juni erhätlich ist. Der 82-jährige Sheldon Horowitz steht im Zentrum der Geschichte. Er ist aus den USA zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er trauert um seine verstorbene Frau und den in Vietnam gefallenen Sohn, sein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Da befindet er sich auf einmal mit einem Kind auf der Flucht. Er weiß nur eines: Er muss das Kind beschützen. Klingt vielversprechend und steht weit oben auf meiner Leseliste.

(c) Heyne

(c) Heyne

Am 10. Juni erscheint dann “Der letzte Wille” von Denise Mina. Das Buch wurde von Conny Lösch übersetzt, was mich ehrlich gesagt erst auf die Autorin aufmerksam gemacht hat – denn ich habe bislang noch kein von Lösch übersetztes Spannungsbuch (Howard Linskey: “Crime Machine”, Ian Rankin: “Mädchengrab”, Don Winslow: “Zeit des Zorns” & “Kings of Cool”, Frank Bill: “Cold Hard Love”) gelesen, dass nicht auf irgendeine Art und Weise außergewöhnlich war. Zudem mag ich Krimis, die in Glasgow spielen. Und dieses Buch beginnt nicht einmal mit einem Wetterbericht!

(c) Argument Verlag

(c) Argument Verlag

An den Start geht auch die Französin Dominique Manotti mit “Zügellos” (17. Juni). Diesmal zeigt die Ausnahme-Autorin den Zusammenhang zwischen Drogenhandel und Immobilienspekulation auf. Und wieder einmal dürfte sie einen Finger auf die offene Wunde Korruption, also kriminelle Verbindungen zwischen Politk und Wirtschaft, legen.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Auch in Simon Mocklers “Das Midas-Kartell” (17. Juni) geht es um dubiose Finanzgeschäfte. Der Verlagstext dazu: Während der Überprüfung einer angesehenen Londoner Bank kommt Daniel Wiseman dubiosen Geldtransaktionen auf die Spur. Als der Mitarbeiter einer Wirtschaftskanzlei die Wahrheit ans Licht bringen will, wird er gefeuert. In Zeiten, in denen Geldwäsche und Steuerflucht die Schlagzeilen dominieren, vielleicht genau das Richtige. Nur die Aufmachung lässt allzu Reißerisches befürchten.

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Am meisten gespannt bin ich allerdings auf Adrian McKintys “Der katholische Bulle” (17. Juni), den Auftakt zu seiner Serie rund um Detective Sergeant Sean Duffy. Seit seiner “Dead”-Trilogie und “Ein letzter Job” steht der Autor bei mir ganz hoch in der Gunst. Und wer McKintys Meinung über “15 Dinge, die nichts in einem Krimi verloren haben” wissen will: Hier geht es zu meinem entsprechenden Beitrag.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Von meinem absoluten Lieblingsautor Don Winslow erscheint ein älteres Werk wieder auf Deutsch (erstmals 1997 mit dem Titel Manhattan Blues auf Deutsch publiziert). “Manhattan” (17. Juni) erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1958 rund um JFK, CIA und Intrigen. Vor 15 Jahren kannte den Autor im deutschen Sprachraum kaum jemand. Mal sehen, wie sein Buch in der zweiten Runde ankommt.

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Und dann wäre da noch Donald Ray Pollock, von dem nach dem gefeierten “Das Handwerk des Teufels” nun “Knockemstiff” (24. Juni) erscheint. Das Buch ist Pollocks eigentlicher Debütroman, weil sich der deutsche Verlag nicht an die Reihenfolge gehalten hat. Für mich ist diese Crime-Saga absolute Pflicht. Das vielklingende “Knockemstiff” ist übrigens ein 400-Seelen-Kaff in Ohio. Ich habe das Buch seit heute und mir haben die ersten zwei Sätze gereicht, um meine Neugier deutlich zu steigern:

“Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte.”

(c) Luchterhand

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Ähnlich knochenhart dürfte es in Benjamin Percys “Wölfe der Nacht” (24. Juni) zugehen. Der Verlagstext verrät dabei, dass es hier Existenziell zugeht: Die Natur überlässt den modernen Zeiten ihr Terrain nicht kampflos. Und die grausamste Wildnis lauert im Menschen selbst. Na mal schauen: Das klingt, als würden Daniel Woodrell und der oben erwähnte Pollock grüßen lassen.

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