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Ken Bruen: Kaliber

(c) Polar Verlag

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Beinahe hätte ich einen der besten Krimis des Jahres 2015 verpasst. Ken Bruens “Kaliber” ist vor allem eine Hommage – eine Hommage an den Krimiklassiker “Der Mörder in mir” von Jim Thompson, aber auch an das Krimigenre an sich. Den ersten drei Kapiteln ist jeweils ein Zitat aus “Der Mörder in mir” vorangestellt, im ersten Kapitel selbst verbeugt sich ein durchgeknallter Killer vor dem klassischen Stück Hard-boiled Noir aus der Feder von Thompson.

Für Fans des gepflegten Kriminalromans ist dieser 180 Seiten dünne wahnwitzige Trip eigentlich Pflicht. So etwas habe ich noch nicht gelesen. Ich musste mir auch die Frage stellen, ob sich der große Don Winslow nicht für seine beiden Meisterwerke “Zeit des Zorns” und “King of Cool” wesentlich von Bruen inspirieren hat lassen. Dieser geniale stakkatoartige Stil, da gibt es schon große Ähnlichkeiten. Winslow selbst führt ja auch Bruens “Jack Taylor fliegt raus” immer wieder in seiner persönlichen Top-5-Krimi-Liste an. Und bereits in diesem 2001 erschienen Buch taucht dieser markante Stil, den Winslow zugegebenermaßen auf die Spitze getrieben hat, auf.

Aber ganz egal, dieses sich nicht um irgendwelche Konventionen und Geschmäcker scherende Büchlein beschert großes Lesevergnügen. Es ist zum Niederknien komisch und schräg, gleichzeitig wunderbar gesellschaftskritisch und durch diese wilde Mischung schlicht genial.

Der irische Autor zeigt sich also von seiner bitterbösen Seite. Moral ist ein Fremdwort für nahezu alle Figuren dieses Romans, vor allem aber für Polizisten. Da ist es mehr als bezeichnend, dass ausgerechnet ein Serienkiller unsympathischen Menschen, die ihm begegnen, eine letale Lektion Manieren erteilt, um in Südlondon eine “kleine Insel der Höflichkeit” zu schaffen. “Kaliber” hat definitiv das Zeug, dereinst selbst als Krimiklassiker eingestuft zu werden.

10 von 10 Punkten

Ken Bruen: “Kaliber”, übersetzt von Karen Witthuhn, Polar, 183 Seiten.

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Krimis, die man 2015 lesen sollte (V)

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Es ist fast eine sichere und daher unfaire Wette, davon auszugehen, dass Merle Krögers “Havarie” (seit 4. Mai im Handel) die KrimiZeit-Bestenliste im Juni anführen wird. Ich hoffe das auch sehr. Denn “Havarie” ist das Buch zur aktuellen Flüchtlingsmisere Europas. Kröger beleuchtet aus vielen verschiedenen Perspektiven die kaum wahrgenommenen dramatischen Geschehnisse im Mittelmeer – ohne dabei jemals anzuklagen. Mehr dazu hier in Kürze.

Der Verlagstext: “In einer windigen Nacht steigen zwölf Männer in ein Boot, versuchen Cartagena zu erreichen. Unter dem hohen Sternenhimmel zieht majestätisch ein Kreuzfahrtschiff dahin. Ein deutscher Frachter verlässt den algerischen Hafen mit Kurs auf Dublin. Und die spanische Küstenwache hält sich bereit. – Ein Meer, vier Schiffe, verschiedene Perspektiven: Merle Krögers Roman ist ein seetüchtiger Actionthriller und ein messerscharfes Porträt Europas.”

(c) Metrolit

(c) Metrolit

Der Metrolit-Verlag legt endlich in seiner Noir-Serie nach. Als Auftakt dieser Reihe war Nic Pizzolattos “Galveston” erschienen, das mich sehr begeistert hat. Harry Crews “Florida Forever” (seit 18. Mai im Handel) klingt nun ebenfalls vielversprechend.

Der Verlagstext: “Mit seiner einzigartigen Mischung aus überdrehter Südstaaten-Gothik und libertär-anarchistischem Existenzialismus vereint Harry Crews die schonungslose Seelenausweidung eines James M. Cain mit der Abgeklärtheit eines Norman Mailer und dem Sarkasmus des frühen Tom Wolfe. »Florida Forever« entwirft in grellen Farben den Mikrokosmos einer zwischen Senilität und Aufbegehren schwankenden Gemeinschaft, in der schwer auszumachen ist, was bedrohlicher ist: das Elend des Alterns oder das Diktat der Jugend.”

(c) C. Bertelsmann

(c) C. Bertelsmann

Meine Vorliebe für historische Stoffe hat mich auf Antonin Varennes “Die sieben Leben des Arthur Bowman” (ebenfalls seit 18. Mai erhältlich) aufmerksam gemacht. Das klingt nach einem Krimi mit einmaligem historischen Setting.

Der Verlagstext: “1852: Arthur Bowman, einer der härtesten Söldner der Ostindienkompanie in Birma, hat eine gefährliche Expedition tief in indigenes Gebiet geführt; ein Himmelfahrtskommando, das mit der Gefangensetzung der zehn Überlebenden endet. Sechs Jahre später ist er ein gebrochener Mann im viktorianischen London während der Jahrhunderthitze. Alkohol- und opiumsüchtig verdingt er sich als Polizist. Da wird in der Kanalisation eine verstümmelte Leiche entdeckt – und Bowman des Mordes verdächtigt. Denn der Tote trägt Narben wie er – Folge der Folter in Birma. Also bricht er auf, die neun Mitinhaftierten zu finden.”

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

Zum Schluss ein üblicher Verdächtiger: Ken Bruens “Kaliber” (seit 1. Mai im Handel) ist im Polar-Verlag erschienen. Dieser junge Verlag steht ja wie kaum ein anderer für Qualität und hat bereits einige wahre Crime-Fiction-Highlights (z.b. “Stadt der Ertrinkenden” von Ben Atkins) aus dem Hut gezaubert.

Der Verlagstext: “Der Südosten Londons wird vom „Manners Killer“ heimgesucht, der seinen Opfern eine Lektion in Anstand beibringen will. Sein Pech, dass die Ermittlungen ausgerechnet Inspector Brant übernimmt, der gerade einen Kriminalroman schreibt und in bester „The Killer Inside Me“-Manier von Jim Thompson der Meinung ist, dass, wenn schon jemand in seinem Revier ungestraft mit einem Mord davonkommt, er das doch bitteschön selbst ist. „Now here is a serial killer for modern times.“ Und ein Inspector der alten Schule.”

 

 

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