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Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Mit “Sommer bei Nacht” hat der deutsche Krimiautor Jan Costin Wagner ein außergewöhnliches Buch über Trauer, Verlust und Ängste geschrieben.

Ben Neven ist Polizist. Der Vater einer Tochter ermittelt im Fall eines verschwundenen Kindes. Nach einem stressigen Tag sitzt der Ermittler vor seinem Notebook. Er ruft einschlägige Videos auf, um sich Erleichterung zu verschaffen – und onaniert. So weit ist das nicht ungewöhnlich. Doch er betrachtet dabei zwei kleine Buben, die nackt am Strand spielen.

Ein pädophiler Ermittler? Darf das sein? Ja, denn Jan Costin Wagners “Sommer bei Nacht” ist ein außergewöhnlicher Kriminalroman. Es geht ihm nicht darum, eine sensationalistische Geschichte geschmacklos auszuschlachten. Multiperspektivisch erzählt er davon, was passiert, wenn sich die heile Welt von einem Moment auf den nächsten in Luft auflöst: aus Sicht der Eltern des Entführten, dessen Schwester, diverser Ermittler und auch des Täters sowie eines Mitwissers. Hier hat wirklich jede Figur ihre ganz eigene Stimme.

Dem Autor geht es nicht darum, Gut-gegen-Böse-Stereotype zu befördern, vielmehr versucht er, allen Beteiligten gerecht zu werden – ohne zu verurteilen. Er erzählt von Menschen, nicht von Monstern. Es sind anrührende kleine Szenen, die er schildert und für die im Krimi-Genre sonst kaum Platz ist.

Auch deshalb bezeichnet man ihn gern als den Literaten unter den deutschsprachigen Kriminalschriftstellern (“Tage des letzten Schnees”). Wie auch immer: Trauer, Verlust und Ängste – kaum jemand versteht es so gut wie Wagner, diese Gefühle literarisch abzuhandeln.

8 von 10 Punkten

Jan Costin Wagner: “Sommer bei Nacht”, Galiani Berlin Verlag, 312 Seiten.

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Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees

(c) Galiani

(c) Galiani

Ich werde jetzt nicht lange um den heißen Brei herumschreiben: Jan Costin Wagners “Tage des letzten Schnees” ist der erste Krimi, der in meinem Blog – nach rund 50 gelesenen Büchern – 10 von 10 Punkten erhält. Das Buch hat alles, was ich brauche. Glaubwürdige Figuren und eine wunderbar erzählte, wirklich berührende Geschichte (wäre ich bei einer Stelle nicht gerade im McDonalds gesessen, hätte mich die Geschichte tatsächlich zu Tränen gerührt).

Meine – zugegeben gewagte – Empfehlung: Wer 2014 nur einen Krimi lesen will, der soll hier zugreifen! Denn “Tage des letzten Schnees” ist eine literarische Wucht, die einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Der deutsche Autor erzählt leichtfüßig und stimmig. Man spürt auf jeder Seite, dass er seine Charaktere mag. In dem Buch liegen Tod, Trauer und Glück so unglaublich nah zusammen. Das tut beim Lesen manchmal richtig weh, befreit gleichzeitig aber auch immens.

Es ist Wagners Gespür für das Detail, das seine große Könnerschaft ausmacht. Etwa, als sich der Banker Markus nach einer Liebesnacht zu verlieben beginnt und gedankenverloren zu Cornflakes und Milch greift: “Er fragte sich, was er mit Cornflakes wollte. Er aß nie Cornflakes. Ville (sein Sohn, Anm.) aß Cornflakes zum Frühstück, aber er nicht.” Das mag jetzt nicht das beste Beispiel sein – aber es sind genau solche seltsamen Dinge, die Menschen tun, wenn sie sich verlieben, trauern oder leiden. Und Wagner beschreibt viele kleine Momente, die so viel über uns und unser Leben aussagen. Die mehr über uns verraten als große Taten oder Untaten.

Zur Handlung Es ist der fünfte Fall für den finnischen Polizisten Kimmo Joentaa. Dass ich die vier Teile davor nicht gelesen habe, macht überhaupt nichts. Das Buch liest sich perfekt – Serie hin oder her. Die Suche nach dem Mörder ist nur zweitrangig, was aber überhaupt nichts macht. Vielmehr ist man dankbar, an den Leben der feinfühlig gezeichneten Figuren des Romans teilhaben zu dürfen. Dabei streift Wagner brisante Themen wie den Breivik-Amoklauf, Sexmigration und Finanzkrise. Er macht das aber in einem erfrischend stillen, unaufgeregten Stil. Das wird an keiner Stelle plakativ oder voyeuristisch.

“Dies ist ein Roman wie eine perfekte Schneeflocke”, schreibt Elmar Krekeler in seiner Krimi-Kolumne “Krekeler killt”. Und Sonja hat es in ihrem Zeilenkino-Blog wunderschön formuliert: “Die stille Traurigkeit und einsame Ruhe der Figuren fasst Jan Costin Wagner in eine präzise und klare Sprache, die niemals aufgesetzt wirkt, sondern sich in aller Lakonie den Seelenzuständen der Charaktere widmet. Sein Roman ist durchzogen von stummen Schmerz und leiser Melancholie, seine Welt ist voller Grautöne, in denen die hellen, strahlenden Momente umso deutlicher zu erkennen sind.” Nicht weniger treffend beschreibt Bloggerin Klappentexterin ihren Einsteig in das Buch: “Stille. Und lange Zeit nichts. Der Lärm schrumpft zu einem kleinen Häufchen zusammen und verlässt fliegend meinen Körper. Dies geschieht während ich die ersten Sätze in Tage des letzten Schnees von Jan Costin Wagner lese. Das Buch umschließt mich wie ein Vakuum.”

Bei all meiner Euphorie will ich aber nicht verschweigen, dass man das Buch auch anders lesen kann. Wie etwa der Kritiker der FAZ: “Es fehlt Wagner diesmal verblüffenderweise an lokalem Einfühlungsvermögen.” Und auch wenn “Spiegel Online” das eine Haar in der Suppe findet, das auch mich stören könnte (“Die ‘Tage des letzten Schnees’ enthalten so viele Schicksalswendungen, vor allem zum Schluss, dass die Tragik albern zu werden droht”), es ändert nichts daran, dass dieses Buch das perfekte Lesevergnügen bietet. Das ist einfach große Literatur! Daher:

10 von 10 Punkten

Jan Costin Wagner: “Tage des letzten Schnees”, 314 Seiten, Galiani.

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KrimiZeit-Bestenliste März: Ein Abgleich

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Diesmal ist mir ein Doppelschlag gelungen: Ich habe zwei Bücher gelesen/zu lesen begonnen, die sich auf der aktuellen KrimiZeit-Liste befinden, noch bevor sie dort aufgetaucht sind! Über Daniel Woodrells Neueinsteiger (5) “In Almas Augen” habe ich hier erst vor wenigen Tagen geschrieben. Ich war sehr begeistert. In David Peaces “GB84”, das es als Neueinsteiger gleich auf Platz eins geschafft hat, stecke ich gerade. Die KrimiZeit-Jury fasst das Buch fein zusammen: “Das Ende der Kohlewelt: kolossal noir”. Großbritannien erscheint in diesem Roman, der im Jahr 1984 spielt, wie ein Bürgerkriegsland, ein Land im Ausnahmezustand.

Tja, Dennis Lehanes “In der Nacht”, über das ich ja auch geschrieben habe, lässt sich nicht aus der Liste schütteln. Gut so. Gelesen habe ich mittlerweile auch Jan Costin Wagners geniales Buch “Tage des letzten Schnees”, über das ich hier schon bald schreiben werde.

Meine KrimiZeit-Ausbeute lässt sich also sehen: Vier von zehn Büchern habe ich gelesen bzw. lese ich gerade.

Die Liste im Überblick:

  1. David Peace: “GB84” (-)
  2. Jan Costin Wagner: “Tage des letzten Schnees” (7)
  3. Jesper Stein: “Unruhe” (3)
  4. Zoe Beck: “Brixton Hill” (6)
  5. Daniel Woodrell: “In Almas Augen” (-)
  6. Dennis Lehane: “In der Nacht” (2)
  7. Martin Cruz Smith: “Tatjana” (5)
  8. Uta-Maria Heim: “Wem sonst als dir” (10)
  9. Friedrich Ani: M” (4)
  10. Karim Miské: “Entfliehen kannst du nie” (-)

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KrimiZeit-Bestenliste Februar: Ein Abgleich

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Diesmal melde ich mich mit meinem allmonatlichen KrimiZeit-Abgleich ein wenig verspätet. In meinem Ski-Urlaub bin ich zwar zum Lesen gekommen – Computer und sonstige elektronische Geräte habe ich aber nicht nur wegen stundenlanger Stromausfälle gemieden.

Tja, der Spionage-Altmeister John le Carré ist mit “Empfindliche Wahrheit” vom Spitzenrang nicht zu verdrängen. Ich werde sein neuestes Buch aber wohl trotzdem nicht lesen. Ich habe im Moment keine rechte Lust darauf. Dennis Lehane rückt mit “In der Nacht” auf Platz zwei vor, da wäre meine Prognose aus dem Dezember ja doch noch fast wahr geworden. Damals hatte ich prophezeit, dass er die Liste im Jänner anführen wird.

Fein finde ich den Einstieg von Jan Costin Wagner mit “Tage des letzten Schnees”. Ich habe den Krimi heute geliefert bekommen und bin schon sehr gespannt.

Und dann wieder einmal ein Lob an die KrimiZeit-Jury. Auf Gary Victors “Schweinezeiten” wäre ich wohl nie gestoßen. Dieser Haiti-Krimi klingt nach einer außergewöhnlichen Lesekost.

Über Garry Dishers “Dirt Old Town” werde ich hier in Kürze endlich etwas schreiben. Zu meinem Entsetzen habe ich gerade gesehen, dass ich das bereits vor einem Monat angekündigt habe. Entschuldigung dafür!

Die Liste im Überblick:

  1. John Le Carré: “Empfindliche Wahrheit” (3)
  2. Dennis Lehane: “In der Nacht” (3)
  3. Jesper Stein: “Unruhe” (9)
  4. Friedrich Ani: M” (2)
  5. Martin Cruz Smith: “Tatjana” (4)
  6. Zoe Beck: “Brixton Hill” (8)
  7. Jan Costin Wagner: “Tage des letzten Schnees” (-)
  8. Gary Civtor: Schweinezeiten (-)
  9. Garry Disher: “Dirty Old Town” (5)
  10. Uta-Maria Heim: “Wem sonst als dir” (-)

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