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George V. Higgins: Ich töte lieber sanft

(c) Verlag Antje Kunstmann

(c) Verlag Antje Kunstmann

Am 8. Jänner habe ich hier meinen allerersten Blog-Eintrag dem vergessenen George V. Higgins gewidmet. Umso schöner ist es nun, dass gerade Higgins nicht einmal zehn Monate später wiederentdeckt wird. Das nun erstmals auf Deutsch erschienene “Ich töte lieber sanft”, das der 1999 verstorbene Higgins bereits 1974 geschrieben hat, wurde übrigens im Vorjahr von Andrew Dominik mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt (mehr dazu…). Lob gilt vor allem dem Antje Kunstmann Verlag, dem ich viel Erfolg mit diesem mutigen Schritt wünsche.

Besonders interessant ist auch, dass der im August verstorbene Krimi-Großmeister Leonard Higgins als seinen Lehrmeister bezeichnet hat. Higgins habe ihm gezeigt, wie man direkt in Szenen einsteige, ohne Zeit zu vergeuden. Seine Lehre: Es sei nicht notwendig, jedes Mal die Örtlichkeiten zu beschreiben, die Position der Charaktere sowie deren Aussehen zu erklären.

Vor allem eines hat Leonard aber von Higgins gelernt: Dialoge. Beide gelten wenig überraschend auch als “Meister des Dialogs”. Bei Higgins ist der Einsatz von Dialogen fast schon zwanghaft. Sie machen zwischen 70 bis 90 Prozent seiner Bücher aus. Das mag nicht jedermanns Sache und durchaus gewöhnungsbedürftig sein. Und man darf sich nicht täuschen lassen: Natürlich wird da auch viel “geplappert”, doch dadurch werden Higgins Figuren so unglaublich lebendig. Das wirkt absolut authentisch. So reden die Leute einfach. Da gibt es Gedankensprüngen, Belangloses wechselt sprungartig mit Bedeutungsvollem ab.

Inhaltlich geht es um zwei Kleinganoven, die eine illegale Pokerrunde ausnehmen und hoffen, damit durchzukommen. Denn Amato, der in der kriminellen Hierarchie eine Stufe höher steht, hat einen bombensicheren Plan, wie er glaubt: “Ich weiß, wie diese Leute ticken. Sie werden gar nicht auf die Idee kommen, dass wir oder sonst jemand dahintersteckt. Sie werden an einen ganz bestimmten Typen denken, und sie werden ihn sich vornehmen und durch die Mühle drehen, und das wars dann.” Natürlich läuft die Sache nicht so ab. Denn Higgins Kriminelle sind keine superschlauen Gauner, die geniale Tricks auf Lager haben. Sie sind normale Menschen, die allzu oft einen Fehler machen: Sie glauben, sie seien schlau.

“Ich töte lieber sanft” kann man auch als Aufwärmübung verstehen. Denn im Jänner 2014 wird beim Verlag Antje Kunstmann Higgins “Die Freunde von Eddie Coyle” erscheinen. Niemand geringerer als US-Kultkrimiautor Don Winslow (“Tage der Toten”, “Kings of Cool”) zählt das Buch zu den besten fünf Kriminalromanen. Und Elmore Leonard hat überhaupt gesagt, es sei „der beste Kriminalroman, der je geschrieben wurde“.

7 von 10 Punkten

George V. Higgins: “Ich töte lieber sanft”, Antje Kunstmann Verlag, 239 Seiten.

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Filed under Altmeister, Rezensionen

Krimis, die man 2013 lesen sollte (IX)

(c) Rütten & Loening

(c) Rütten & Loening

Der September bietet wieder eine interessante Mischung an Krimi-Neuerscheinungen. Wobei das eigentliche Highlight eine Neuauflage ist, aber dazu gleich mehr. Ab 9. September ist mit “Racheengel” von Stuart Neville der dritte Teil der Reihe rund um den Belfaster Ermittler Jack Lennon erhältlich. Diesmal muss er sich mit der gesamten Unterwelt der Stadt anlegen. Ich habe es bisher leider nicht geschafft, ein Buch Nevilles zu lesen, mittlerweile steht aber Teil eins (“Die Schatten von Belfast”) der Serie in meinem Regal. Neville (zur Homepage des Autors) ist übrigens mit “Ratlines”, das im Irland des Jahres 1963 spielt und in dem sich ehemalige Nazis tummeln, für den Ian Fleming Steel Dagger Award nominiert. Zeit wäre es also eigentlich…

(c) Verlag Antje Kunstmann

(c) Verlag Antje Kunstmann

In meiner Leseliste ganz vorne befindet sich aber “Ich töte lieber sanft” von George V. Higgins (1939-1999). Wenn es um Higgins geht, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Er war als “Meister des Dialogs” ein großes Vorbild des kürzlich verstorbenen Krimi-Großmeisters Elmore Leonard. Zudem habe ich am 8. Jänner meinen allerersten Blogeintrag zu Higgins verfasst. Damals noch unter dem Titel “Der vergessene George Higgins”. Nun macht sich aber der Verlag Antje Kunstmann um die Wiederauflage des Autors verdient. Über die Hollywood-Verfilmung (mit Brad Pitt in der Hauptrolle) seines am 11. September wieder erscheinenden Buches habe ich ebenfalls einen Artikel geschrieben. Und die ganz tolle Nachricht: Im Jänner 2014 wird auch “Die Freunde von Eddie Coyle” (von Elmore übrigens als bester Kriminalroman aller Zeiten bezeichnet) vom Verlag publiziert. Von Vergessen also doch keine Spur.

(c) Wunderlich

(c) Wunderlich

Am 20. September, zwei Tage vor der Bundestagswahl in Deutschland, kommt “Schwarzlicht” von Horst Eckert auf den Markt. Auch auf den deutschen Krimiautor und seine außergewöhnlichen Qualitäten habe ich hier schon verwiesen. Sein Buch zählt ebenfalls zu meinem Pflichtprogramm. Die Ausgangssituation klingt auch diesmal vielversprechend: “Walter Castorp ist tot. Der Ministerpräsident von NRW, ertrunken in seinem Swimmingpool. Sechs Tage vor der Wahl.” Ich erwarte Hochwertiges.

(c) Kindler

(c) Kindler

Damit wären wir auch schon bei Buch Nummer vier angelangt, das ebenfalls ab 20. September erhältlich ist. “Polivka hat einen Traum” des österreichischen Autors Stefan Slupetzky. Ich habe Slupetzky mit “Lemmings Zorn” kennengelernt und das humorvolle Buch hat mich sehr begeistert. Ich bin nun schon sehr gespannt auf diesen Krimi außerhalb der Lemming-Reihe. Zum Appetitanregen ein kurzes Stück aus dem Verlagstext: “Für den verschrobenen Wiener Bezirksinspektor Polivka steht von Anfang an fest: Der Mann, der sich infolge einer Notbremsung in einem Zugwaggon den Hals gebrochen haben soll, ist tatsächlich brutal ermordet worden.” Klingt schon mal sehr nach Slupetzky.

(c) diaphanes

(c) diaphanes

Mein fünfter Tipp lautet “Unter dem Auge Gottes” von Jerome Charyn. Das Buch ist der letzte Teil der elfteiligen Isaac-Sidel-Serie. Seit 1974 ist der Cop aus der Bronx immer höher aufgestiegen: Er ist inzwischen Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Das Buch wird vom Verlag diaphanes als Teil der neuen “Penser Pulp”-Serie herausgegeben. Ich muss zu meiner Schande gestehen, noch nichts von Charyn gelesen zu haben. Aber ich werde wohl ähnlich wie bei Ian Rankins Kultfigur John Rebus (mehr dazu…) die Reihe von hinten aufrollen. Denn zu spät ist es nie.

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