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Simone Buchholz: River Clyde

(c) Suhrkamp Nova

Simone Buchholz hat mich zu einem anderen, offeneren Leser gemacht. Ich weiß nicht, ob ich ohne ihre Bücher für das zuletzt hier besprochene “Winter Traffic” bereit gewesen wäre. Wenn ich an meine erste Lese-Begegnung mit ihr zurückdenke, dann war ich nach der Lektüre von “Blaue Nacht” einigermaßen verwirrt. Das war kein klassischer Kriminalroman. Da war ich noch ein wenig skeptisch. Ich konnte mit dem Faller, Klatsche, Stepanovic und wie sie alle heißen nicht allzu viel anfangen. Doch spätestens seit dem nächsten Buch “Beton Rouge” würde ich mich als großen Fan bezeichnen.

Nun ist also der zehnte Chastity-Riley-Roman “River Clyde” erschienen – und wie ich leicht entsetzt feststellen musste, offenbar auch der letzte der Serie. Also noch einmal Zeit, darüber nachzudenken, was diese Bücher so großartig macht. Da ist natürlich dieser ganz ganz eigene Stil, den wohl nur wenige Verlage in einer Krimi-Serie zulassen würden. Dann diese beschädigte Hauptfigur Chastity Riley – beschädigt wie wir alle natürlich. Uns allen setzt das Leben zu – und dennoch ist es dieser ganz eigene Humor, mit dem Buchholz Verlust, Angst, Abschied, Schmerz und all die anderen bösen Dinge erträglich macht. Ihre Bücher sind Balsam. Wie Pflaster können wir sie über unsere Wunden legen. Und ganz nebenbei hat sie Hamburg für mich zu einem Sehnsuchtsort gemacht!

Das ist so echt, was Buchholz schreibt. Da ist in “River Clyde” zum Beispiel dieser wunderbar aus dem Leben gegriffene “Fortnite”-Dialog (kürzlich sehr ähnlich im Kinderzimmer gehört): “Handlanger, low, pass auf.” – “Denken, die können sich verstecken.” – “Hab einen. Der war lost.” Ganz großes Kino!

Normalerweise gab es eine schlüssig abgehandelte kriminalliterarische Handlung, wenn sie auch niemals im Vordergrund stand. Im abschließenden Band zerfällt allerdings Chastitys Welt endgültig in Stücke. Deshalb macht sie sich auf nach Glasgow, und spürt dort ihren Wurzeln nach. Es ist also logische Konsequenz, dass auch die Krimihandlung in diesem Buch auseinanderbröselt. Im Interview mit der “Presse” gibt die Autorin das auch unumwunden zu: “Ich habe immer wieder kleine Irritationen gesetzt, aber mich meistens zurückgehalten. Jetzt habe ich mir gedacht, es ist der letzte Band der Reihe, da kann ich mich trauen.”

Rein als Kriminalroman betrachtet ist “River Clyde” also eher vernachlässigbar – als konsequenter Abschluss einer außergewöhnliche Krimi-Serie um eine Frau, frei von Konventionen und Zwängen aber perfekt in Szene gesetzt.

3 (als Krimi) / 10 (als Abschluss einer genialen Serie) von 10 Punkten

Simone Buchholz: “River Clyde”, Suhrkamp Nova, 228 Seiten.

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Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders

Der Schotte Ian Rankin ist einer der besten Kriminalschriftsteller der Gegenwart. “Das Souvenir des Mörders” ist der achte Teil seiner Serie rund um Kult-Ermittler John Rebus. Und dennoch ist es nicht irgendein Teil, sondern vermutlich jener, der eine Art Initialzündung war, was seine Breitenwirksamkeit anbelangt. Bis zu diesem Buch war er einfach ein guter Krimiautor, einer von vielen. Doch mit diesem Buch erreichte Rankin ein anderes, höheres Level. Nicht zufällig hat das 1997 erschienene “Black and Blue” (Originaltitel) auch einen Platz in dem Kompendium “Books to die for”, in dem namhafte Krimiautoren ihre Lieblingskrimis empfehlen, gefunden.

Wie ich auf das Buch gestoßen bin? Ein Beitrag auf der crimealley hat mich neugierig gemacht: “Die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist.” Wer mehr über “Das Souvenir des Mörders” wissen will, sollte einfach Stefans Beitrag lesen – nirgendwo werdet ihr besser und umfassender informiert als an dieser Stelle.

Nichtsdestotrotz will ich meine persönlichen Eindrücke hier kurz wiedergeben. Beim Lesen fiel mir ein anderer genialer Autor ein: Jo Nesbø (wobei mir auch Michael Connellys Harry Bosch und James Lee Burkes Dave Robicheaux in den Sinn kamen). Dessen Kriminalroman “Der Erlöser” hat einen ähnlich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das sind wirklich in Worte gegossene Kunstwerke, mit starken Charakteren, eingebettet in überzeugende soziale Umfelder. Und ich habe beide Bücher geliebt, obwohl eine Krimi-Zutat darin vorkommt, die für mich oft ein Grund ist, die Finger davon zu lassen: Serienmörder (in Rankins Buch genau genommen sogar zwei!). Da schrillen bei mir normalerweise immer die Alarmglocken.

Gut-Böse-Schemata, die simple Suche nach einem Täter und am Ende des Rätsels Lösung: Das wird man in “Das Souvenir des Mörders” vergebens suchen. Politik, Polizei, Journalismus, Großkonzerne und Organisierte Kriminalität: Hier bestehen Abhängigkeiten und unerwartete Seilschaften. Sehr beeindruckt haben mich die Porträts der schottischen Städte Aberdeen, Glasgow und Edinburgh. Fesselnd waren auch die Szenen auf der Ölplattform in der rauen Nordsee.

John Rebus ist in gewisser Weise auch ein Seelenverwandter von Sean Duffy, der Hauptfigur der Kriminalromane von Adrian McKinty. Beide Männer sind Raubeine mit einer sentimentalen Ader. Vor allem eines eint sie: Sie sehen auch dann noch hin, wenn es niemanden mehr interessiert und ihrer Karriere abträglich ist. Sie sind auf der Suche nach der Wahrheit und haben einen fast schon zwanghaften Sinn für Gerechtigkeit.

>>> Zu meiner Besprechung von “Mädchengrab” (John Rebus, Band 18)

10 von 10 Punkten

Ian Rankin: “Das Souvenir des Mörders”, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Goldmann Verlag, 614 Seiten.

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Denise Mina: Das Vergessen

(c) Heyne

(c) Heyne

Denise Mina stand schon lange auf meiner persönlichen Muss-ich-endlich-lesen-Liste. Nachdem mich ihre männlichen schottischen Kollegen (Brookmyre, McIlvanney, Mackay) zuletzt fast alle begeisterten, war es wirklich dringend an der Zeit, endlich die wohl beste schottische Krimiautorin kennenzulernen. Val McDermid bezeichnet sie zumindest als die “ungekrönte Königin des schottischen Thrillers”.

Mina konstruiert dabei eine faszinierende Geschichte, die mit dem Todestag einer anderen ungekrönten Königin, jenem von Prinzessin Diana, beginnt. In Dianas Todesnacht verändert sich auch das Leben der 14-jährigen Rose, die zwei schreckliche Verbrechen begeht. Mina verwebt diese zurückliegende Geschichte mit der Jetzt-Zeit, in der an einem Tatort die Fingerabdrücke eines amtsbekannten Straftäters gefunden werden. Normalerweise wäre dann alles klar, doch Michael Brown sitzt im Gefängnis – er kann also nicht der Täter sein.

Mina erzählt in “Das Vergessen” aus vielen Perspektiven: Polizisten, Täter, Opfer. Im Zentrum steht aber Polizistin Alex Morrow, die im Zuge ihrer Ermittlungen ernüchtert feststellen muss, dass der richtige Weg für viele Betroffene oft schlimmere Folgen hat, als wenn sie nichts tun würde. Mina erzählt von starken Frauen, die sich in einer männerdominierten Welt durchsetzen müssen – egal ob im Polizeiapparat oder auf der anderen Seite des Gesetzes.

Andere Meinungen:

“Mina gelingt es wunderbar, Recht und Unrecht miteinander zu verweben und dabei besonders die Graubereiche menschlicher Motive zu beleuchten”, schreibt Krimimimi.

Und Thomas Wörtche meint: “Vermutlich ist es dieser mangelnde Kuschelfaktor, die sie bei uns zur noch eher unbekannten Autorin macht. Alle ihre Romane, so wie “Das Vergessen” auch, jedoch sind sehr seriöse, sehr gute Kriminalromane auf der Höhe der Zeit.”

7 von 10 Punkten

Denise Mina: “Das Vergessen”, übersetzt von Heike Schlatterer, 352 Seiten, Heyne.

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Glasgow-Krimis beginnen mit Wetterberichten

In dem Crime-and-Thriller-E-Zine “Shots” spricht der irische Thriller-Autor William Ryan über viele spannende Dinge. Darin sagt er auch, dass er zwar Elmore Leonards goldene Regel, Dialoge nur mit dem Verb “sagte” zu schreiben (um die Dynamik nicht zu stören), akzeptiert. Er selbst findet das aber zu plump. Zumal Leonard-Klone diese Regel auf die Spitze treiben würden (“they follow them a lot more closely than he does”). Jeder solle die ihm zur Verfügung stehenden Mittel ausnutzen.

Dazu zählt Ryan auch die Beschreibung von Wetter. “I come from a country that’s obsessed with weather – well, mainly with rain – so for me not to look up at the sky and say, ‘ah, more rain coming, I see’ would be odd.” Sein Thriller “Die Informantin” beginnt daher wenig überraschend mit dem Satz “Wie Rauch wirbelte Schnee oder Schneeregen oder irgendetwas dazwischen um sie herum und schien bei der Berührung mit Stoff sofort festzufrieren, denn auf ihren Kleidern bildete sich ein weißer Guss”.

Als ich Ryans Aussage las, kamen mir zwei Krimis in Erinnerung, die ich im letzten halben Jahr gelesen habe. Craig Robertsons “Snapshot” und Christopher Brookmyres “Wer schlafende Hunde weckt”. Beide Bücher spielen in Glasgow.

Robertsons Thriller beginnt so: “Es regnete. Natürlich regnete es. Glasgow halt. Für das satte Grün, mit dem in den Reisekatalogen geworben wurde, brauchte es eben ein bisschen Regen.” Und Brookmyre startet folgendermaßen: “Es wirkte überhaupt nicht wie Glasgow. Die Luft war schwül, obwohl am klaren Himmel kein Wölkchen den Mond und die Sterne verdeckte.”

Ich finde das sehr interessant und werde daher auch eine eigene Rubrik einführen, die sich den ersten Seiten von Krimis widmet. Ich bin gespannt, was sich da noch alles entdecken lässt…

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