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Denise Mina: Das Vergessen

(c) Heyne

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Denise Mina stand schon lange auf meiner persönlichen Muss-ich-endlich-lesen-Liste. Nachdem mich ihre männlichen schottischen Kollegen (Brookmyre, McIlvanney, Mackay) zuletzt fast alle begeisterten, war es wirklich dringend an der Zeit, endlich die wohl beste schottische Krimiautorin kennenzulernen. Val McDermid bezeichnet sie zumindest als die “ungekrönte Königin des schottischen Thrillers”.

Mina konstruiert dabei eine faszinierende Geschichte, die mit dem Todestag einer anderen ungekrönten Königin, jenem von Prinzessin Diana, beginnt. In Dianas Todesnacht verändert sich auch das Leben der 14-jährigen Rose, die zwei schreckliche Verbrechen begeht. Mina verwebt diese zurückliegende Geschichte mit der Jetzt-Zeit, in der an einem Tatort die Fingerabdrücke eines amtsbekannten Straftäters gefunden werden. Normalerweise wäre dann alles klar, doch Michael Brown sitzt im Gefängnis – er kann also nicht der Täter sein.

Mina erzählt in “Das Vergessen” aus vielen Perspektiven: Polizisten, Täter, Opfer. Im Zentrum steht aber Polizistin Alex Morrow, die im Zuge ihrer Ermittlungen ernüchtert feststellen muss, dass der richtige Weg für viele Betroffene oft schlimmere Folgen hat, als wenn sie nichts tun würde. Mina erzählt von starken Frauen, die sich in einer männerdominierten Welt durchsetzen müssen – egal ob im Polizeiapparat oder auf der anderen Seite des Gesetzes.

Andere Meinungen:

“Mina gelingt es wunderbar, Recht und Unrecht miteinander zu verweben und dabei besonders die Graubereiche menschlicher Motive zu beleuchten”, schreibt Krimimimi.

Und Thomas Wörtche meint: “Vermutlich ist es dieser mangelnde Kuschelfaktor, die sie bei uns zur noch eher unbekannten Autorin macht. Alle ihre Romane, so wie “Das Vergessen” auch, jedoch sind sehr seriöse, sehr gute Kriminalromane auf der Höhe der Zeit.”

7 von 10 Punkten

Denise Mina: “Das Vergessen”, übersetzt von Heike Schlatterer, 352 Seiten, Heyne.

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Glasgow-Krimis beginnen mit Wetterberichten

In dem Crime-and-Thriller-E-Zine “Shots” spricht der irische Thriller-Autor William Ryan über viele spannende Dinge. Darin sagt er auch, dass er zwar Elmore Leonards goldene Regel, Dialoge nur mit dem Verb “sagte” zu schreiben (um die Dynamik nicht zu stören), akzeptiert. Er selbst findet das aber zu plump. Zumal Leonard-Klone diese Regel auf die Spitze treiben würden (“they follow them a lot more closely than he does”). Jeder solle die ihm zur Verfügung stehenden Mittel ausnutzen.

Dazu zählt Ryan auch die Beschreibung von Wetter. “I come from a country that’s obsessed with weather – well, mainly with rain – so for me not to look up at the sky and say, ‘ah, more rain coming, I see’ would be odd.” Sein Thriller “Die Informantin” beginnt daher wenig überraschend mit dem Satz “Wie Rauch wirbelte Schnee oder Schneeregen oder irgendetwas dazwischen um sie herum und schien bei der Berührung mit Stoff sofort festzufrieren, denn auf ihren Kleidern bildete sich ein weißer Guss”.

Als ich Ryans Aussage las, kamen mir zwei Krimis in Erinnerung, die ich im letzten halben Jahr gelesen habe. Craig Robertsons “Snapshot” und Christopher Brookmyres “Wer schlafende Hunde weckt”. Beide Bücher spielen in Glasgow.

Robertsons Thriller beginnt so: “Es regnete. Natürlich regnete es. Glasgow halt. Für das satte Grün, mit dem in den Reisekatalogen geworben wurde, brauchte es eben ein bisschen Regen.” Und Brookmyre startet folgendermaßen: “Es wirkte überhaupt nicht wie Glasgow. Die Luft war schwül, obwohl am klaren Himmel kein Wölkchen den Mond und die Sterne verdeckte.”

Ich finde das sehr interessant und werde daher auch eine eigene Rubrik einführen, die sich den ersten Seiten von Krimis widmet. Ich bin gespannt, was sich da noch alles entdecken lässt…

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