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Gerald Seymour: Vagabond

(c) Suhrkamp

Gerald Seymour und meine Leidenschaft für Krimis – da gibt es einen engen Zusammenhang. Der britische Thrillerautor hat mich in den 1990er Jahren mit seinen politischen Thrillern – “Aus nächster Nähe”, “Heimkehr in den Tod”, “Gesang im Morgengrauen” (einzig der Guatemala-Krimi “Tod der Schmetterlinge” hat mich nicht so ganz überzeugt) – sehr stark geprägt. Seine Schauplätze waren damals der Iran, Libanon und Südafrika.

Umso schlimmer, dass dieser Autor seit mehr als 15 Jahren nicht mehr ins Deutsche übersetzt wurde. Ich ließ mich davon nicht abhalten und habe “A Line in the Sand” sowie “Holding the Zero” im Original gelesen. Vor allem ersteres Buch ist für mich einer der besten Kriminalromane, die ich je gelesen habe.

Seymour blickt überall dorthin, wo niemand hinsehen will. Dorthin, wo es wehtut. Auf vergessene Krisenherde, die niemanden interessieren, sobald sie aus den Schlagzeilen verschwunden sind. Er steht stets auf der Seite der Menschen, die unter die Räder geraten. Denn im globalen Spiel der Geheimdienste gibt es nur Verlierer. Agenten sind entbehrlich. Verräter werden gebraucht und wieder fallen gelassen. Menschenleben sind egal, zählen nicht. Außer bei Seymour, der all den Vergessenen und Verratenen ein literarisches Denkmal setzt.

Seine Figuren haben oft Schuld auf sich geladen. Sie haben mit dieser Last zu leben. Sie sind keine guten, aber auch keine schlechten Menschen. Zermahlen, missbraucht und ausgespruckt von Behörden und Geheimdiensten.

Bei “Vagabond” lässt der Autor einen ehemaligen britischen Agenten für eine Mission zurückkehren. Ganz im Vorbeigehen erzählt Seymour dabei den Nordirland-Konflikt, der bis heute tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hat – besser als unzählige Sachbücher zusammen. Man weiß eigentlich von Beginn an, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird, für keinen der Beteiligten. Wer überlebt, wird tiefe seelische Schäden davontragen. Dennoch sind Seymours Bücher nicht trostlos, sondern zutiefst humanistisch.

Es bleibt zu hoffen, dass der Suhrkamp-Verlag den Mut besitzt, nun endlich zahlreiche Bücher des Autors zu übersetzen. Sie sind es definitiv wert.

9 von 10 Punkten

Gerald Seymour: “Vagabond”, übersetzt von Zoë Beck und Andrea O’Brien, Suhrkamp, 498 Seiten.

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Filed under Rezensionen

Vergessene Krimiautoren des 20. Jahrhunderts

(c) rororo

(c) rororo

Da glaubt man, man kennt seine Crime-Fiction-Welt im Internet und dann stößt man doch immer wieder auf geniale Seiten. flubow.ch ist so ein Phänomen. Auf den ersten Blick wirkt die Seite unscheinbar (da gibt es keine Bilder, kein Blinken, nur reinen Text, schwarz auf grau), doch dann entpuppt sie sich als perfekte Informationsquelle für alle, die Krimis abseits des Mainstreams suchen.

Es geht dort um die vergessenen, verschmähten, verhunzten und unterschätzten Krimiautoren des 20. Jahrhunderts: “Hier werden Krimiautoren gewürdigt, die im deutschsprachigen Raum unverdient ins Abseits geraten sind oder dieses gar nie verlassen haben. Vergessene und verschmähte Krimiautoren von Rang, deren Werke (oft, aber nicht immer) auch in ihrem Herkunftsland kaum mehr erhältlich sind.”

Hier nur ein paar Gedanken zu einigen der Krimiautoren, deren Namen ich bei flubow gefunden habe und die auch ich hier einfach mal in die Runde werfen will, weil sie nicht vergessen werden sollten.

Kenneth Abel: Ich habe vor vielen Jahren “Köder am Haken” gelesen, das für mich ein herausragendes Buch war. “Die Flut” spielt in New Orleans während der Zeit des Hurrikans Katrina und steht seit Jahren bei mir – leider ungelesen – im Regal.

“Daddy Cool” von Donald Goines habe ich erst kürzlich hier erwähnt.

(c) Verlag Antje Kunstmann

(c) Verlag Antje Kunstmann

Auch Thomas Adcocks “Hell’s Kitchen” habe ich vor langer Zeit gelesen. Ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

George Higgins “Ich töte lieber sanft”, das vom Verlag Antje Kunstmann wieder aufgelegt wird, habe ich gestern ausgelesen. Das Buch ist ab morgen im Handel erhältlich, ich werde dazu bald ausführlich hier schreiben.

Rick de Marinis “Götterdämmerung in El Paso” hat bei mir 9 von 10 Punkten erreicht. Mehr dazu…

Von Dan Fesperman ist nur sein Debüt “Lügen im Dunkeln” auf Deutsch erschienen. Eigentlich eine Schande.

(c) Pulp Masters

(c) Pulp Masters

Und dann fehlen mir persönlich noch zwei Namen: Gerald Seymour und Dave Zeltserman (der wohl genau genommen zu jung für die Liste ist). Seymour schreibt zwar eher Spionageromane, wird aber leider seit über zehn Jahren nicht mehr auf Deutsch übersetzt, obwohl fast im Jahrestakt neue Bücher erscheinen (unter fantasticfiction.co.uk gibt es mehr zu seinen Werken). Von Zeltserman sind “28 Minuten” und “Paria” auf Deutsch erhältlich. Aber ich bin sicher, die beiden Autoren werden bei flubow.ch auch noch ein Plätzchen finden.

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