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Wenn der Fußballklub-Präsident mit der Waffe auf den Platz stürmt

(c) Tropen

Es sind unvorstellbare Dinge, die sich da momentan auf griechischen Fußballplätzen abspielen. “Präsident stürmt mit Revolver auf das Fußballfeld”, schreibt etwa “Die Presse”. Zuerst wurde das Spiel zwischen Paok Saloniki und AEK Athen abgebrochen, dann der ganze Ligabetrieb eingestellt.

Tja, hätte ich nicht vor eineinhalb Jahren Philip Kerrs “Die Hand Gottes” gelesen, hätte ich mir wahrscheinlich mehr gewundert, aber so war mir bereits bekannt, dass es im griechischen Fußball anders zugeht.

“Verglichen mit Silvertown Dock und dem Karaiskakis-Stadion war das Apostolos-Nikolaidis eine Dritte-Welt-Ruine”, schrieb Kerr in seinem Roman zwar nicht über das Paok-Stadion, aber jenes vom Rivalen Panathinaikos. “Kein Wunder, dass die Olympiakos hassen”, sagt daraufhin eine Figur der Romans.

Kerr arbeitet diese Fangruppen-Feindschaften in Griechenland gut heraus, gegen die etwa das Wiener Derby Austria-Rapid “wie ein Kindergeburtstag” anmutet.

“Panathinaikos und Olympiakos – das sind Erzfeinde, wie Sie wissen. Seit dem Peloponnesischen Krieg 400 vor Christus hat sich da zwischen Athen und Piräus nichts gändert”, heißt es an einer anderen Stelle von “Die Hand Gottes”.

Und da sage noch einer, Kriminalromane würden nicht die Welt beschreiben …

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Kriminacht in Wien: Philip Kerr und der Fußball

(c) Kriminacht

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Auch die 11. Kriminacht hat wieder einen hochkarätigen internationalen Krimiautor nach Wien gelockt: Den Briten Philip Kerr. Bekannt ist er vor allem für seine Bernie-Gunther-Serie (seine ursprüngliche Berlin-Noir-Trilogie ist mittlerweile auf elf Bände angewachsen). Fast schon vergessen sind seine Wissenschaftsthriller “Game over” und “Das Wittgensteinprogramm”, für die er den “Deutschen Krimipreis” (1995 und 1997) gewann. Nun hat er in Wien seinen ersten Fußball-Thriller “Der Wintertransfer” rund um Co-Trainer Scott Manson präsentiert (auf Englisch sind übrigens bereits zwei weitere Bände erschienen, mal schauen, ob hier der Tropen-Verlag nachlegt). Eine ausführliche Kritik zu “Der Wintertransfer” gibt es hier in Kürze.

Der Fußball- und Arsenal-Fan Kerr hat die Arbeit an seinem Buch jedenfalls hör- und spürbar genossen. Gelte es bei seinen historischen Krimis, chronologische Fehler sowie solche bei Straßennamen etc. zu vermeiden, sei es sehr angenehm gewesen, endlich einmal wieder über etwas in Zeiten von Twitter und Facebook zu schreiben. Interessant: Kerr vermisst in Europa gute Sportbücher – damit meint er keine Sachbücher, sondern Romane. Es sei bezeichnend, dass eine der besten Sportpassagen ausgerechnet Ian Fleming in “Goldfinger” geschrieben habe: 60 Seiten über ein Golfduell zwischen James Bond und Goldfinger. Es gebe so viele furchtbare Sportbücher, nahezu jeder Fußballer habe eines geschrieben. Er wisse, wovon er spreche, denn er habe sie alle gelesen.

(c) Tropen Verlag

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Die Recherche im Fußball-Bereich sei einfach gewesen. Es gebe viele gute journalistische Texte. Man müsse nicht stundenlang Fußballer interviewen. Es sei überhaupt ein Irrglaube, die größtmögliche Authentizität dadurch zu erzeugen, dass man die involvierten Persönlichkeiten interviewe. Er erinnere sich an ein Gespräch mit einem der größten Autoren von Kriminalromanen überhaupt: Elmore Leonard. “Dutch (so lautete Leonards Spitzname), du bist doch sicher mit einer Menge Cops und Kriminellen abgehangen”, habe er ihn gefragt. “Nein”, habe dieser geantwortet. Er habe fast all seine Informationen aus dem TV, vorwiegend der “Jerry Springer Show”.

Mit kleinen Geschichten die große Geschichte begreifbar machen

Aber auch für seine historischen Krimis sitze er nicht stundenlang in der Bibliothek und in den Archiven. Er gehe vielmehr zu den Orten und versuche, eine Vision zu erhalten – ein wenig wie ein “Method Actor”. Er liebe es bei seinen Recherchetätigkeiten, die “Gaps” der Geschichte zu finden. Kleine Geschichten, die die große Geschichte erst begreifbar machen. Er führte als Beispiel an, dass die Menschen, die etwa in Obersalzberg lebten, alle Hitler hassten, weil ihre Höfe und Villen von Martin Bormann enteignet wurden.

Eine Aufgabe seiner Romane sei es auch, die Briten von ihrem hohen Ross der moralischen Unfehlbarkeit zu holen. Das britische Empire basiere auf vielen Holocausts – das erzähle er auch immer wieder in Vorträgen. Man müsse sich nur ansehen, was die Briten in den 1850er Jahren in Indien angerichtet haben: 50.000-60.000 Inder seien massakriert worden. Keine große Zivilisation in der Geschichte sei sauber geblieben. Er habe über 30 Jahren über die SS und die Verbrechen der Nazis geschrieben, da sei das Schreiben eines Fußball-Krimi nun eine echte Befreiung gewesen. Das Schreiben generell sei für ihn so etwas wie eine Sucht. Er erfinde Geschichten und erschaffe sein Leben lang Figuren – das sei fast schon krankhaft, wie er zugeben müsse. Zu seiner Schreibweise erklärte er, dass er all jenen Autoren misstraue, die jedes Kapitel ihrer Bücher strikt durchgeplant haben.

Aus der fast krankhaften Kommerzialisierung des Fußballs sieht er nur einen Ausweg. Doch die Gesetze der EU stünden diesem im Weg. Die Vereine müssten Obergrenzen für Spielergehälter vereinbaren. Das widerspreche allerdings dem Gedanken des freien Markts, des freien Preises. Das käme einer Kartellbildung gleich.

Ich persönlich bin nun schon sehr gespannt auf Band zwei, “Hand of God”. Denn der Fußball-Auftakt war die perfekte Unterhaltung. Dass die Krimihandlung ein wenig zu wünschen übrig lässt, hat mich in diesem Fall gar nicht gestört. Ich habe meine Liebe zum Fußball wiederentdeckt, danke dafür, Philip Kerr! Der fiktive Verein London City wird dann in Athen gegen Olympiacos spielen. Ich gebe zu, ich bin angefixt.

 

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