Tag Archives: Florian Scheuba

Don Winslow Spezial (II): Wien ist peinlich

Wenn Don Winslow in Wien liest, ist das etwas Besonderes. Bloß die Veranstalter der “Buch Wien” hatten den Krimiautor als lieblosen Lückenfüller zwischen der heimischen Band Attwenger und dem heimischen Erfolgsautor Daniel Glattauer eingeplant. Kabarettist und Moderator Florian Scheuba hatte keine Ahnung, mit welchem Ausnahmeautor es da zu tun hatte. Das offenbarte er gleich mit seiner dümmlichen Einstiegsfrage: Ob Winslows Hauptfigur Frank Decker in seinem Buch “Missing. New York” eine “Referenz an Phil Decker von Jerry Cotton” sei – “oder kennen Sie den nicht?” Von Kriminalliteratur weiß Scheuba offenbar nichts, wenn seine erste Assoziation die Jerry-Cotton-Billighefte sind.

Frage zwei war auch nicht viel besser: Was habe Winslow dazu getrieben nach Neal Carey nun erneut eine neue Seriefigur zu erfinden – als hätte es all die anderen genialen Bücher seit 1996, damals endete nämlich die Neal-Carey-Reihe, nicht gegeben. Scheuba hat wohl noch nie etwas von “Tage der Toten”, “Satori”, “Zeit des Zorns”, “Kings of Cool”, “Frankie Machine”, “Death and Life of Bobby Z” sowie “Sprache des Feuers” gehört.

Winslow antwortete, er habe einen Noir-Krimi mit Ich-Erzähler – der “classic voice of noir fiction” – schreiben wollen. Seiner Ansicht stamme der moderne Detektivroman in den USA aus der Tradition des Western. Daher wollte er eine Figur erschaffen, die aus dem Mittleren Westen der USA komme. Sein Buch sei daher auch eine Hommage an diese beiden Traditionen. Interessant auch, dass Winslow meinte, bereits sechs Geschichten rund um Frank Decker entwickelt zu haben.

“Character ist just about everything in Crime Fiction”

Dann wurde es leider erst so richtig peinlich. Die Übersetzerin verstand Winslow falsch. “When I start out, i don’t start out with story, i start out with character”, erklärte Winslow. “I won’t start writing the character until he starts talking to me. So I think that character is just about everything in crime fiction.” Er wolle Charaktere schaffen, mit denen die Leute “wanna be with, wanna hang out with”. Er beginne also nicht zu schreiben, solange er seinen Charakter nicht kenne.

Und was machte die Übersetzerin daraus? “Er fängt erst mit dem Charakter seiner Hauptfigur an, wenn er die Story schon hat. Er fängt also eigentlich mit der Story an und der Charakter komme erst dann raus.” Uff, Sprachlosigkeit – nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Zuhörern im Publikum.

Und dann legte Scheuba erneut nach. Da in Winslows Buch ein weißer Van vorkommt, wolle er wissen, ob Winslow auch in Österreich recherchiert habe – in Anspielung auf den Fall Kampusch. “No”, sagte der verwirrte Autor. “Wir sind sehr froh darüber, dass Sie beim Thema Kindesmissbrauch nicht an Österreich denken”, meinte daraufhin Scheuba fast scherzend. Unprofessioneller geht es eigentlich kaum. Hier einen künstlichen Österreich-Bezug herzustellen, grenzt an Geschmacklosigkeit. Als wäre Kindesmissbrauch kein globales Phänomen…

Und mit der nächsten Frage offenbarte sich Scheuba endgültig als unwissend: “Kämpft man manchmal gegen die Wirklichkeit an und sagt: Ich will sie aber so darstellen, wie ich sie mir vorstelle und nicht wie ich weiß das sie ist?” Lieber Herr Scheuba, lesen Sie einmal “Tage der Toten”, dann wissen Sie was Realismus ist. Winslows Antwort überraschte daher auch nicht: “I try to write as close to reality as i can.” Sein Buch “Tage der Toten” sei so nah an einer Dokumentation gewesen, wie es nur gehe.

Wo sind die Thomas Wörtches und Tobias Gohlis Österreichs? Gibt es hierzulande überhaupt irgendwelche fundierten Krimikenner? Zum Glück konnte Don Winslow nicht verstehen, was da ablief, aber eigentlich war das wirklich erschreckend. Das hat er nicht verdient.

Mein Fazit: Wien ist und bleibt eine Provinzstadt, zumindest was Kriminalliteratur betrifft.

4 Comments

Filed under Krim(i)skrams