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Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes

(c) rororo

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Dieses Buch ist ein Jahr älter als ich, denn McCarthy hat “A Child of God” bereits 1973 geschrieben. Nun ist es erstmals auf Deutsch erschienen. “Ein Kind Gottes” ist ein typischer McCarthy, auch wenn es ein Frühwerk ist: Wieder einmal zeigt der Autor, wie dünn der Mantel der Zivilisation ist. Seine Hauptfigur, der Außenseiter Lester Ballard, ist ein unsympathischer und nekrophiler Mörder. “Es ist der Abstieg eines Mannes von ganz unten nach ganz ganz unten”, schreibt die Frankfurter Rundschau sehr treffend.

Teilweise ist es wirklich schwer erträglich, was McCarthy schreibt. Aber gerade dazu muss Literatur auch da sein. Es sind unvorstellbare Dinge, die seine Figuren tun. Und McCarthy erzählt davon so nüchtern, dass es weh tut. Er findet Worte für Dinge, die eigentlich unaussprechlich sind – ohne dabei nur eine Sekunde lang Splatter- und Horrorelemente zu bedienen.

Am eindringlichsten in Erinnerung ist mir die Szene mit dem Rotkehlchen geblieben, dem ein kleines, geistig zurückgebliebenes Kind die Füße abbeißt. “Er wollte, dass er nicht weglaufen kann”, sagt Ballard angesichts dieser Situation, die sogar ihm unbehaglich ist.

James Franco hat das Buch kürzlich verfilmt. Ganz ehrlich: Ich will diesen Film eigentlich nicht sehen. Die Bilder, die beim Lesen entstanden sind, reichen mir vollkommen. Ich will die explizite Darstellung all dieser Grausamkeiten nicht sehen.

“Glauben Sie, die Menschen waren damals schlechter als heute?”, fragt einmal ein Deputy Sheriff. “Nein (…), glaube ich nicht. Ich glaube, die Menschen sind immer die Gleichen gewesen, seit Gott den ersten geschaffen hat”, erhält er als Antwort. Das sagt viel über McCarthys Buch aus: Denn Lester Ballard ist ein Kind Gottes – wie wir alle anderen auch.

Nach der eher enttäuschenden Drehbuchvorlage “Der Anwalt” (zum Ridley-Scott-Film “The Counselor”) bin ich froh, dass sein Verlag nun dieses Buch übersetzt hat. Es war McCarthys dritter Roman. Sein Debütroman “The Orchard Keeper” (1965) ist übrigens bis heute nicht übersetzt worden, vielleicht geschieht dies ja nun doch. Seinen zweiten Roman, das Inzucht-Drama “Draussen im Dunkel” (1968), habe ich vor vielen Jahren gelesen. Ich kann mich erinnern, ich war damals ziemlich verstört, weil ich bis dahin nichts Ähnliches gelesen hatte. Angefühlt hat sich das so ähnlich wie die Lektüre von “Ein Kind Gottes”. Tja, und über McCarthys mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Meisterwerk “Die Straße” habe ich schon einmal geschrieben, dass es zu jenen fünf Büchern zählt, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde.

8 von 10 Punkten

Cormac McCarthy: “Ein Kind Gottes”, übersetzt von Nikolaus Stingl, 191 Seiten, rororo.

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Krimis, die man 2014 lesen sollte (XI)

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Der November hat aus meiner Sicht nur wenige interessante Krimi-Neuerscheinungen gebracht. Mit einer Ausnahme: Cormac McCarthys “Ein Kind Gottes” (seit 28. November im Handel) ist im Original bereits 1973 erschienen und wird nun erstmals auf Deutsch publiziert. Im Zentrum der Geschichte steht Lester Ballard – ein von der Gesellschaft Verstoßener. Er ist einsam und gewalttätig. Das erinnert mich sehr an Bruce Holberts Western-Krimi “Einsame Tiere”, über den ich hier in Kürze schreiben werde. Ballard sei ein “asoziales, nekrophiles, mörderisches Monster”, schreibt dazu Hans Jörg Wangner in der Kolumne “Killer & Co” der Stuttgarter Zeitung. Und dennoch gelinge McCarthy ein außergewöhnliches Kunststück: “Sein Lester Ballard ist alles andere als eine unsympathische Figur.” Das macht in der Tat neugierig.

(c) Dumont

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Und jetzt mach ich mal etwas, was ich sonst nicht tue: Ich habe soeben ein spannend klingendes Buch entdeckt, das allerdings schon Anfang Oktober 2013 erschienen ist. “Bienensterben” von Lisa O’Donnell hat eine laut Verlagstext ziemlich geniale Ausgangssituation: Heiligabend in Glasgow. Die fünfzehnjährige Marnie und ihre kleine Schwester Nelly haben gerade ihre toten Eltern im Garten vergraben. Allzu viel Geld verdient Marnie als Gelegenheits-Dealerin nicht – so ist es ihnen ganz recht, als ihr alter Nachbar Lennie, stadtbekannter (vermeintlicher) Perversling, sich plötzlich für sie interessiert. Er nimmt sich ihrer an und gibt ihnen so etwas wie ein Zuhause. Das klingt nach schräger Lektüre – eventuell auch empfehlenswert als Gabe unter dem Weihnachtsbaum für Krimifans mit Vorliebe abseits des Mainstreams.

 

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