Tag Archives: Donald Ray Pollock

Deutscher Krimi Preis 2017: Max Annas und Donald Ray Pollock siegen

(c) rororo

(c) rororo

Die Deutschen Krimi Preise 2017 sind vergeben. Wie schon in den Jahren zuvor gab es keine großen Überraschungen. Vier der sechs ausgezeichneten Kriminalromane habe ich gelesen: Zwei der Kategorie national und zwei der Kategorie International.

“Die Mauer” hat mich dabei nicht so begeistert wie den Großteil der Krimikritiker- und blogger. Irgendetwas hat mir gefehlt, um mich restlos zu begeistern. Der Krimi ist flüssig erzählt, immer spannend und auch fein gezeichnete Charaktere. Aber ein wenig hatte ich das Gefühl, nicht wirklich tiefer einzutauchen, nur an der Oberfläche zu bleiben. “Blaue Nacht” war ebenfalls eine kurzweilige Lektüre. Hier begeisterte mich vor allem die ungewöhnliche Heldin Chastity Riley – vor allem deren eigensinnige, unbequeme und auch nicht immer ganz nachvollziehbare Art.

Sehr gespannt bin ich auf die neuen Krimis von Annas (“Illegal”, ab März) und Buchholz (“Beton Rouge”, ab August), die heuer erscheinen werden.

Sieger National:

  1. Max Annas: Die Mauer
  2. Simone Buchholz: Blaue Nacht
  3. Franz Dobler: Ein Schlag ins Gesicht

In der Kategorie International hat die Jury eine gute Wahl getroffen. Ich habe zwar Donald Ray Pollocks aktuelles Werk “Die himmlische Tafel” noch immer nicht gelesen (das schlechte Gewissen steigt wieder eine Spur), dennoch weiß ich über dessen Qualitäten spätestens seit “Knockemstiff” Bescheid. “Miss Terry” (Platz 6) habe ich ebenso wie “Bitter Wash Road” (Platz 4) zu meinen Lieblingskrimis des Jahres 2016 gezählt.

Sieger International:

  1. Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel
  2. Liza Cody: Miss Terry
  3. Garry Disher: Bitter Wash Road

 

1 Comment

Filed under Awards

Trump ist US-Präsident: Warum jetzt jeder Country Noir lesen sollte

tomatenrotDie US-Wahl ist geschlagen und das Entsetzen nicht nur in Amerika, sondern vor allem auch in Europa ist groß. Ich werde jetzt hier nicht in das allgemeine Trump-Bashing einfallen. Ich finde, man muss das nüchtern betrachten, lange genug hatte man sich über den Mann lustig gemacht. Nun ist aus dieser Witzfigur der neue US-Präsident geworden.

Um Amerika – vor allem jenes, das Trump mehrheitlich gewählt hat – besser verstehen zu können, will ich daher noch einmal kurz auf Kriminalromane des Country Noir hinweisen. Sie machen verständlich, wie viele weiße Amerikaner der Mittel- und Unterschicht in ländlichen Regionen der USA so ticken.

US-Autor Daniel Woodrell wird als “Poet des White Trash” bezeichnet. Sowohl “In Almas Augen” als auch “Tomatenrot” sind zwei außergewöhnlich literarische Kriminalromane. Woodrells Bücher spielen vor allem in West Plains in den Ozarks, einer ländlichen Region, die sich von Missouri bis nach Arkansas erstreckt. Am bekanntesten ist aber wohl “Winters Knochen”, das mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Ein weiterer namhafter Autor des Genres ist Donald Ray Pollock, der mit “Das Handwerk des Teufels” und “Knockemstiff” zwei sehr derbe und raue, aber sehr authentische Kriminalromane geschrieben hat. Pollock lebt und schreibt über Ohio, das als “Swing State” gilt. Sein neuestes Buch, “Die himmlische Tafel”, war bis vor Kurzem auch auf der KrimiZeit-Bestenliste zu finden. Auf “Spiegel Online” gibt es übrigens ein ziemlich frisches Interview mit dem Autor zu lesen, der sich gerade auf Lesereise in Deutschland befindet: “Sie finden so viel Wut wie noch nie unter den Arbeitern der USA. Da gibt es immer mehr Menschen, die kaum noch über die Runden kommen. Es sind zuletzt so viele einfache Jobs verlorengegangen. Da bleiben viele auf der Strecke. Das wahre Amerika finden sie jedenfalls nicht in New York oder San Francisco.”

Pollock war vor 2013 auch Gast bei der Kriminacht in Wien. Mich hat damals die Bescheidenheit dieses Mannes sehr beeindruck, wie auch die von Woodrell, der 2012 in Wien zu Gast war.

Benjamin Whitmers vor Kurzem erschienener Country Noir “Nach mir die Nacht” wiederum spielt im San-Luis-Valley nahe Denver. Darin erzählt der Autor auch von einem von innen heraus verrottenden Amerika: “Im Landesinneren reiht sich ein Trümmerhaufen an den nächsten, so weit das Auge reicht. Zwischen Orkanschäden und dem Zerfall, den man im mittleren Westen heutzutage in jeder beliebigen Stadt vorfindet, besteht kein wesentlicher Unterschied mehr.”

Auch “Ein einziger Schuss” von Matthew F. Jones gehört in diese Kategorie. Darin porträtiert der Autor seine Hauptfigur Moon als einen in seiner Sichtweise sehr beschränkten Kerl, der eigentlich nichts Böses will, aber einfach nicht aus seiner Haut heraus kann und zielstrebig seine ohnehin wenig aussichtsreiche Situation weiter verschlechtert. Auch dieses Buch wurde verfilmt.

Alles in allem lautet mein Fazit: Wer nicht nur über dieses für viele andere, unbekannte und unbegreifliche Amerika lästern will, sondern es auch begreifen will, der sollte sich Zeit für den einen oder anderen Country Noir nehmen. Das ist oft keine Wohlfühllektüre, dafür öffnet sie die Augen.

5 Comments

Filed under Krim(i)skrams

Krimis, die man 2016 lesen sollte (VII)

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

Ich weiß, ich bin mit meiner monatlichen Empfehlungslliste ziemlich in Verzug geraten. Dieser Blogsommer war nicht ganz so, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Aber der Herbst wird mir wohl wieder mehr Zeit gönnen. Die folgenden Bücher sind jedenfalls seit Juli im Handel erhältlich und klingen vielversprechend.

Von Donald Ray Pollocks Qualitäten konnte ich mich schon mit dem knochenharten und knochentrockenen “Knockemstiff” überzeugen. Leicht war diese Lektüre damals nicht: “In knappen Sätzen erzählt er mehr als viele “Literaten” in hundertseitigen Büchern. Und manchmal empfiehlt es sich auch, das Buch nach einem Kapitel wegzulegen. Um durchzuatmen und sich in seiner eigenen Welt wohlzufühlen”, schrieb ich 2013. “Die himmlische Tafel” klingt nun aber viel mehr nach einem klassischen Kriminalroman. Mal sehen.

Verlagstext: Georgia, 1917. Der Farmer Pearl Jewett will sich durch seine Armut auf Erden einen Platz an der himmlischen Tafel verdienen – und seine drei Söhne darben mit ihm, ob sie wollen oder nicht. Nachdem Pearl von den Entbehrungen ausgezehrt stirbt, müssen sich die jungen Männer allein durchs Leben schlagen. Auf gestohlenen Pferden und schwer bewaffnet plündern sie sich ihren Weg durchs Land. Dabei folgen sie den Spuren ihres großen Helden »Bloody Bill Bucket«, einem Bankräuber aus einem Groschenroman, neben der Bibel das einzige Buch, das die Jewett-Brüder kennen … Einige Hundert Meilen entfernt, im Süden Ohios, wird Ellsworth Fiddler von einem Trickbetrüger um sein ganzes Geld gebracht. Als sein Weg den der schießwütigen Jewetts kreuzt, wendet sich sein Schicksal unerwartet zum Guten. Die Brüder hingegen müssen einsehen, dass der Himmel, den man sich gemeinhin ausmalt, oft schlimmer ist als die Hölle, der man entfliehen will.

(c) Polar

(c) Polar

Der Polar-Verlag fehlt nur selten bei den monatlichen Empfehlungen und auch diesmal gräbt der Verlag wieder einen Kriminalroman aus, der sonst in Vergessenheit geraten würde. Das nicht mehr ganz neue “Ein einziger Schuss” von Matthew F. Jones hat es sogar zu Filmehren geschafft. Das klingt ganz nach einer Geschichte, die einfach nicht gut ausgehen kann. Gut so 😉

Nach dem Verlust seiner Farm ist John Moon ein verzweifelter Mann. Um nicht zum Sozialfall zu werden, schlägt er sich als Wilderer durch. Bei einem seiner Waldgänge hört er ein Rascheln hinter sich und feuert einen verhängnisvollen Schuss ab. Er folgt der Blutspur, stößt in einem Steinbruch auf eine tote junge Frau, die er durch seinen verirrten Schuss getötet hat, und findet eine Box mit Geld und eine Waffe. Er sieht sich plötzlich dem Dilemma gegenüber, das Geld an sich zu nehmen, die Tote zu ignorieren oder die Polizei zu rufen und seine Tat zu gestehen. Was bei seinem Strafregister zu einer Verurteilung führen wird. Bevor er sich entscheiden kann, befindet er sich bereits auf der Flucht vor denjenigen, denen das Geld gehört. Männern, die sich nicht um Recht und Gesetz kümmern und nur seinen Tod wollen.

(c) Tropen

(c) Tropen

Auch Patrícia Melos “Leichendieb” war ein Krimi-Highlight des Jahres 2013. Bleibt zu hoffen, dass das aktuell erschienene Werk der Brasilianerin “Trügerisches Licht” da mithalten kann. Die Meinungen, die ich bisher gelesen habe, gehen da ein wenig auseinander.

Sensationslust folgt überall den gleichen Regeln: Schön ist interessanter als hässlich, reich spannender als arm, und nichts geht über einen ermordeten Star. Ein abgründiger Krimi über den Kontrast zwischen glamouröser Fernsehwelt und einem Brasilien, das im Chaos versinkt.

Tatort São Paulo: Bei einer Theatervorstellung erschießt sich der Serienstar Fábbio Cássio auf der Bühne. Schnell ist der Kriminaltechnikerin Azucena klar, dass dieser Selbstmord in Wahrheit ein geschickt inszenierter Mord ist. Zunächst fällt ihr Verdacht auf die Ehefrau des Toten, die zur Tatzeit Kandidatin einer Reality-Show ist und deren Beliebtheitswerte beim Publikum nach Fábbios Tod in die Höhe schnellen. Und während Azucena noch um das Sorgerecht für ihre Töchter kämpft, wird sie mit einem skrupellosen Mörder konfrontiert, der es am Schluss auf die Ermittlerin selbst abgesehen hat.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Von Charlie Stella habe ich bislang noch überhaupt nichts gehört gehabt. “Johnny Porno” klingt aber durchaus vielversprechend. Kann aber auch Schrott sein. Da muss man sich wohl selbst überzeugen.

John Albano schlägt sich als Geldeinsammler für die New Yorker Cosa Nostra durch. Er kassiert die Tageseinnahmen, die beim Abspielen des von der Mafia produzierten Pornofilms und späteren Welthits Deep Throat in schmuddeligen Hinterzimmern anfallen. Bezahlt wird hauptsächlich mit 5-Dollar-Scheinen, die Johnny Porno (so nennt man den Mann, der diesen Job macht) in seinem Schrottauto durch die Gegend fährt. Das erweckt Begehrlichkeiten, und so sind sie alle hinter Johnny Porno her: korrupte Cops, neurotische Killer, freischaffende Schurken, das FBI und seine sehr gierige Ex-Frau. New Yorker Streetlife im Jahr 1973. Sehr komisch, gemein und knallhart.

(c) Fischer

(c) Fischer

Malcolm Mackays “Der Killer  hat genug vom Töten” ist der Abschluss einer Trilogie, die durchaus vielversprechen begann (“Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter”), deren Mittelteil (“Der Killer hat das letzte Wort”) aber wenig überzeugte. Ich weiß nicht, ob ich den Schlussteil nun lesen werde. So richtig Lust habe ich momentan nicht darauf.

Coole Spannung vom neuen Star der schottischen Krimiautoren.
Mit zwei Toten beginnt es: ein Kredithai und ein Informant. Tote, die für Calum MacLean der Anfang vom Ende sein sollen. Denn er hat genug vom Töten. Doch die zwei wichtigsten Organisationen von Glasgow liefern sich gerade einen stillen, tödlichen Verdrängungskampf. Die blutigsten Schachzüge stehen noch aus und Calum gerät zwischen die Fronten … Es ist das atemberaubende Finale der Glasgow-Trilogie, die mit dem »Scottish Crime Book of the Year Award« ausgezeichnet wurde und Malcolm Mackay für die Presse als die wichtigste neue Krimistimme Schottlands etabliert.

2 Comments

Filed under Krimis, die man lesen sollte

Kriminacht in Wien: Donald Ray Pollock im Cafe Landtmann

(c) Kriminacht

(c) Kriminacht

Die Kriminacht am 17. September in Wien war auch heuer wieder ein Pflichttermin. Und wie schon im Vorjahr hat es mich ins Cafe Landtmann gezogen. Las dort 2012 Daniel Woodrell aus “Der Tod von Sweet Mister”, war diesmal Donald Ray Pollock zu Gast. Er gab Textstellen aus seinen beiden Büchern “Knockemstiff” (zu meiner Rezension) und “Das Handwerk des Teufels” zum Besten. Die beiden Autoren gelten ja als die Speerspitze des Subgenres “Country Noir” (Woodrell schreibt über Missouri, Pollocks Bücher spielen in Ohio).

Aber die beiden Autoren haben noch mehr gemeinsam: Mit Peter Torberg haben sie den selben Übersetzer. Und dann wäre da dieses zurückhaltende, bescheidene Auftreten der beiden Ausnahmeautoren. Die deutsche Übersetzung hat übrigens der Schauspieler Karl Markovics gelesen, der Pollock wesentlich authentischer rübergebracht hat als im Vorjahr Adi Hirschal Woodrell.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte Teresa Schaur-Wünsch in der Presse ein Gespräch mit Pollock geführt. Darin gibt er zu: “Nette Geschichten kann ich nicht”. Weil er über das schreibe, was bei ihm früh Eindruck hinterlassen hat. Wie zum Beispiel sein Vater. “Ich habe immer aufgepasst, nichts zu tun, das ihn reizen könnte. Ich habe die Gewalt immer sehr genau beobachtet, weil ich Angst vor ihr hatte. Und wenn man mit so etwas aufwächst, ist es immer da.”

Vom “bad temper” seines Vaters sprach Pollock dann auch bei der Lesung. Und er sagte, er wisse, dass die Leute ein Happy End wollen. Aber es gäbe genug Autoren am Markt, die dieses Bedürfnis befriedigen könnten. Im wirklichen Leben wären Happy Ends eben rar.

Beim abschließenden Signieren habe ich Pollock nach seinen Lieblingautoren im Genre Crime Fiction gefragt. Er hat dabei zwei hierzulande eher vergessene Altmeister, James Cain (“Wenn der Postmann zweimal klingelt”, “Abserviert”) und David Goodis (“Schießen Sie auf den Pianisten”), namentlich genannt. Außerdem hat er Cormac McCarthys “No Country for Old Men” besonders gelobt.

2 Comments

Filed under Altmeister, Krim(i)skrams

Donald Ray Pollock: Knockemstiff

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Vor zwei Wochen habe ich in der “Presse am Sonntag” einen Beitrag über das Genre “Country Noir” geschrieben. Als einer der wichtigsten Vertreter gilt neben Daniel Woodrell (“Winters Knochen”, “Der Tod von Sweet Mister”) und Frank Bill (“Cold Hard Love”, “Der Geschmack der Gewalt” – erscheint im Oktober) vor allem ein Autor: Donald Ray Pollock. Sein soeben auf Deutsch erschienenes Buch “Knockemstiff” war eigentlich sein Debüt, obwohl der Verlag liebeskind seinen Nachfolger “Das Handwerk des Teufels” im Jahr 2012 zuerst publiziert hat.

“Knockemstiff”, das 18 lose miteinander verbundene Geschichten umfasst, beginnt ohne Vorgeplänkel: “Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut.” Was auf knapp 250 Seiten folgt, tut oft sehr weh. Denn Pollock schreibt realistisch – bis zur Unerträglichkeit. Sein Werk kann man auch als Antithese zu den boomenden Regiokrimis verstehen. Da bleibt kein Platz für Nostalgie, Harmonie und Tourismus-Idylle.

Der Autor stammt übrigens selbst aus dem titelgebenden Ort im US-Bundesstaat Ohio. Er weiß also genau worüber er schreibt. Und das ist auch eine Besonderheit seines Buches. Er schreibt schonungslos mitten aus seiner Welt über seine Welt. Jürgen Priester hat bei krimicouch.de über “Das Handwerk des Teufels” folgendes geschrieben: “Ebenso unprätentiös ist seine Sprache. Da ist nichts Kalkül, nichts Showelement. Seine teilweise drastischen Bilder von Mord und Totschlag wirken wie ein Teil des Alltags, der Normalität.” Das trifft auch auf “Knockemstiff” hundertprozentig zu.

Ein Beispiel gefällig: “Als ich aufwachte, dachte ich erst, ich hätte mal wieder ins Bett gepisst, aber da war nur eine feuchte Stelle, wo Sandy und ich in der Nacht gevögelt hatten.” Das ist wahrlich nicht schön zu lesen, aber sehr authentisch. Kurz darauf schreibt Pollock über ein blaues Knockemstiff-Ohio-Straßenschild, das sich die erwähnte Sandy auf den Hintern hat tätowieren lassen. Der Ich-Erzähler kommentiert das so:

“Warum manche Leute Tinte brauchen, um sich daran zu erinnern, woher sie kommen, wird mir stets ein Rätsel bleiben.”

Pollock ist kein Illusionist. Im Kapitel “Von vorn anfangen” schreibt er: “Ich träume manchmal nachts davon, noch mal ganz von vorn anzufangen. Dann wache ich auf, und die Werbemusik bohrt mir Löcher ins Herz. Wie schon gesagt, alles Schwachsinn.” Aus Pollocks Welt gibt es kein Entkommen. Träume sind sentimentaler Luxus, der nur Kraft kostet.

Ich ziehe jedenfalls den Hut. In knappen Sätzen erzählt er mehr als viele “Literaten” in hundertseitigen Büchern. Und manchmal empfiehlt es sich auch, das Buch nach einem Kapitel wegzulegen. Um durchzuatmen und sich in seiner eigenen Welt wohlzufühlen. Pollock ist aber unbestritten ein echter Könner. Dabei hat Pollock (geboren 1954) erst im Alter von 45 Jahren zu schreiben begonnen, nachdem er über 30 Jahre in einer Papiermühle gearbeitet und spät aber doch seinen Schulabschluss nachgeholt hatte.

8 von 10 Punkten

Donald Ray Pollock: “Knockemstiff”, übersetzt von Peter Torberg, 256 Seiten, liebeskind.

4 Comments

Filed under Erste Seiten, Rezensionen

Krimis, die man 2013 lesen sollte (VI)

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Der Juni wartet mit hochklassigen Krimis in Hülle und Fülle auf. Der Wermutstropfen: Ich werde nicht alle lesen können. Den Anfang macht jedenfalls “Ein seltsamer Ort zu sterben” von Derek Miller, der ab 1. Juni erhätlich ist. Der 82-jährige Sheldon Horowitz steht im Zentrum der Geschichte. Er ist aus den USA zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er trauert um seine verstorbene Frau und den in Vietnam gefallenen Sohn, sein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Da befindet er sich auf einmal mit einem Kind auf der Flucht. Er weiß nur eines: Er muss das Kind beschützen. Klingt vielversprechend und steht weit oben auf meiner Leseliste.

(c) Heyne

(c) Heyne

Am 10. Juni erscheint dann “Der letzte Wille” von Denise Mina. Das Buch wurde von Conny Lösch übersetzt, was mich ehrlich gesagt erst auf die Autorin aufmerksam gemacht hat – denn ich habe bislang noch kein von Lösch übersetztes Spannungsbuch (Howard Linskey: “Crime Machine”, Ian Rankin: “Mädchengrab”, Don Winslow: “Zeit des Zorns” & “Kings of Cool”, Frank Bill: “Cold Hard Love”) gelesen, dass nicht auf irgendeine Art und Weise außergewöhnlich war. Zudem mag ich Krimis, die in Glasgow spielen. Und dieses Buch beginnt nicht einmal mit einem Wetterbericht!

(c) Argument Verlag

(c) Argument Verlag

An den Start geht auch die Französin Dominique Manotti mit “Zügellos” (17. Juni). Diesmal zeigt die Ausnahme-Autorin den Zusammenhang zwischen Drogenhandel und Immobilienspekulation auf. Und wieder einmal dürfte sie einen Finger auf die offene Wunde Korruption, also kriminelle Verbindungen zwischen Politk und Wirtschaft, legen.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Auch in Simon Mocklers “Das Midas-Kartell” (17. Juni) geht es um dubiose Finanzgeschäfte. Der Verlagstext dazu: Während der Überprüfung einer angesehenen Londoner Bank kommt Daniel Wiseman dubiosen Geldtransaktionen auf die Spur. Als der Mitarbeiter einer Wirtschaftskanzlei die Wahrheit ans Licht bringen will, wird er gefeuert. In Zeiten, in denen Geldwäsche und Steuerflucht die Schlagzeilen dominieren, vielleicht genau das Richtige. Nur die Aufmachung lässt allzu Reißerisches befürchten.

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Am meisten gespannt bin ich allerdings auf Adrian McKintys “Der katholische Bulle” (17. Juni), den Auftakt zu seiner Serie rund um Detective Sergeant Sean Duffy. Seit seiner “Dead”-Trilogie und “Ein letzter Job” steht der Autor bei mir ganz hoch in der Gunst. Und wer McKintys Meinung über “15 Dinge, die nichts in einem Krimi verloren haben” wissen will: Hier geht es zu meinem entsprechenden Beitrag.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Von meinem absoluten Lieblingsautor Don Winslow erscheint ein älteres Werk wieder auf Deutsch (erstmals 1997 mit dem Titel Manhattan Blues auf Deutsch publiziert). “Manhattan” (17. Juni) erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1958 rund um JFK, CIA und Intrigen. Vor 15 Jahren kannte den Autor im deutschen Sprachraum kaum jemand. Mal sehen, wie sein Buch in der zweiten Runde ankommt.

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Und dann wäre da noch Donald Ray Pollock, von dem nach dem gefeierten “Das Handwerk des Teufels” nun “Knockemstiff” (24. Juni) erscheint. Das Buch ist Pollocks eigentlicher Debütroman, weil sich der deutsche Verlag nicht an die Reihenfolge gehalten hat. Für mich ist diese Crime-Saga absolute Pflicht. Das vielklingende “Knockemstiff” ist übrigens ein 400-Seelen-Kaff in Ohio. Ich habe das Buch seit heute und mir haben die ersten zwei Sätze gereicht, um meine Neugier deutlich zu steigern:

“Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte.”

(c) Luchterhand

(c) Luchterhand

Ähnlich knochenhart dürfte es in Benjamin Percys “Wölfe der Nacht” (24. Juni) zugehen. Der Verlagstext verrät dabei, dass es hier Existenziell zugeht: Die Natur überlässt den modernen Zeiten ihr Terrain nicht kampflos. Und die grausamste Wildnis lauert im Menschen selbst. Na mal schauen: Das klingt, als würden Daniel Woodrell und der oben erwähnte Pollock grüßen lassen.

1 Comment

Filed under Erste Seiten, Krimis, die man lesen sollte