Tag Archives: Don Winslow

Neues von Don Winslow: “Vergeltung” erscheint im Jänner

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Ich lese am allerliebsten neue Bücher von Don Winslow. Deswegen überfällt mich auch alle paar Wochen der Zwang, mögliche Neuerscheinungen von ihm auf Deutsch/Englisch zu suchen. Und diesmal bin ich fündig geworden und das Spannende daran: Ich habe beim Suhrkamp-Verlag zwar einen deutschen Titel (“Vergeltung”) gefunden, aber weder auf der Autorenseite noch bei amazon.de/amazon.com (noch sonstwo im Internet) den entsprechenden englischen Titel.

Ich muss zugeben, das Cover macht mich ein wenig skeptisch. Das sieht so gar nicht nach Winslow aus – eher nach Nelson DeMille oder Vince Flynn. Und auch die Handlung klingt nicht wirklich typisch Winslow: “Dave Collins ist ein hochdekorierter Ex-Soldat und Sicherheitschef des JFK-Flughafens. Als Terroristen ein Flugzeug uber New York zum Absturz bringen, sterben seine Frau und sein Sohn. Dave Collins fordert Vergeltung, doch die US-Regierung handelt nicht. Also nimmt er die Sache selbst in die Hand.” (Verlagstext)

Aber: Übersetzerin Conny Lösch ist wieder mit an Bord. Und Lösch bringt Winslows unvergleichliche Sprache bislang perfekt ins Deutsche rüber. Auch der kurze Textauszug auf der Suhrkamp-Seite stimmt mich zuversichtlich. Das klingt stilistisch nach Winslow. Ich bin wirklich schon gespannt.

Ach ja, das voraussichtliche Publikationsdatum: 20. Jänner 2014.

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Wer erbt Elmore Leonards Krone?

(c) Faber & Faber

(c) Faber & Faber

“Who are the successors to Elmore Leonard’s crown?”, fragt der britische Telegraph. Meine Antwort: Niemand. Denn erstens ist der Autor kaum 48 Stunden tot und da kommt mir die Suche nach einem Erben ein wenig verfrüht vor. Und zweitens:  Was ist schon ein “King of Crime”? Es gibt gute und schlechte Krimiautoren. Den einen, der über allen anderen thront, gibt es nicht. Trotzdem finde ich die Auswahl jener fünf US-Autoren interessant, denen es Jake Kerridge in seinem Beitrag zutraut, Leonards “Flagge hochzuhalten”. Vor allem die zwei Erstgenannten sind wirklich Ausnahmetalente.

Don Winslow sei in Großbritannien einer des meistunterschätzten Autoren, schreibt Kerridge (wohl nicht nur dort!). Er nennt dessen Bücher “Zeit des Zorns” (auch als “Savages” von Oliver Stone – leider eher leidlich – verfilmt) und “Kings of Cool”. Sein eigentliches Meisterwerk ist meiner Meinung nach aber das Drogenepos “Tage der Toten” – für mich das bislang beste Stück Crime Fiction, das ich gelesen habe. Und ich warte tatsächlich immer noch auf Winslows erstes Buch, das mir nicht gefällt.

Dennis Lehane ist im deutschsprachigen Raum vor allem für “Mystic River” und “Shutter Island” bekannt. Sein Meisterwerk soll aber ähnlich wie bei Winslow ein Epos sein: Das im Boston spielende “Im Aufruhr jener Tage”. In meinem Regal steht das Buch schon, gelesen habe ich es leider noch nicht. Mit “Live by Night”, das zur Prohibitionszeit spielt, hat er heuer übrigens den begehrten Edgar Award gewonnen.

Von George Pelecanos ist die sogenannte Washington-Trilogie “Big Blowdown”, “King Suckerman” und “Eine süße Ewigkeit” auf Deutsch soeben wiederaufgelegt worden. Der erste Teil hat mich überzeugt, die beiden anderen warten ebenfalls im Regal darauf gelesen zu werden. Sein zuletzt erschienenes Buch “Ein schmutziges Geschäft” (zu meiner Rezension) ist zwar ein solider und unterhaltsamer Krimi, Meisterwerk ist es aber keines.

Tja, über meine Probleme mit Sara Gran habe ich hier schon geschrieben. Ich bin noch nicht überzeugt, dass sie tatsächlich so gut ist, wie alle meinen.

Von Elmore Leonards Sohn Peter Leonard ist auf Deutsch noch nichts erschienen. Bleibt zu hoffen, dass sich das nun ändert. Ich habe jedenfalls bei “The Thought Fox” einen feinen Beitrag von Peter Leonard gefunden, in dem er unter dem Titel “Travelling with Elmore” über seinen Vater schreibt (und übrigens auch eine nette Episode über sich, Elmore und George Pelecanos erzählt). Kerridge zufolge hat es sich jedenfalls als gut erwiesen, dass der Vater der erste Leser der Bücher seines Sohnes war: “Peter told me that when he was struggling to make a character called Dewan come to life, Elmore told him to change the spelling to DeJuan. ‘Oh my God, did that make a difference. Then the character started talking and he didn’t shut up.'” Also wenn schon unbedingt jemand erben muss, dann wohl der Sohn.

Zwei Name kommen mir noch spontan in den Sinn: Der im deutschsprachigen Raum nahezu gänzlich unbekannte Reed Farrel Coleman. Auf Deutsch ist von ihm bislang nur eine Koproduktion mit Ken Bruen, “Tower”, erschienen. Ich habe das Buch in einer Kurz-Rezension als “stimmungsvolles, kleines Meisterwerk” bezeichnet. Und Dave Zeltserman, von dem “28 Minuten” und “Paria” auf Deutsch erschienen sind.

Hätte es sich nicht nur um US-Autoren gehandelt, wären mir auch zwei irische Autoren eingefallen:  Adrian McKinty und Ken Bruen.

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (VI)

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Der Juni wartet mit hochklassigen Krimis in Hülle und Fülle auf. Der Wermutstropfen: Ich werde nicht alle lesen können. Den Anfang macht jedenfalls “Ein seltsamer Ort zu sterben” von Derek Miller, der ab 1. Juni erhätlich ist. Der 82-jährige Sheldon Horowitz steht im Zentrum der Geschichte. Er ist aus den USA zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er trauert um seine verstorbene Frau und den in Vietnam gefallenen Sohn, sein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Da befindet er sich auf einmal mit einem Kind auf der Flucht. Er weiß nur eines: Er muss das Kind beschützen. Klingt vielversprechend und steht weit oben auf meiner Leseliste.

(c) Heyne

(c) Heyne

Am 10. Juni erscheint dann “Der letzte Wille” von Denise Mina. Das Buch wurde von Conny Lösch übersetzt, was mich ehrlich gesagt erst auf die Autorin aufmerksam gemacht hat – denn ich habe bislang noch kein von Lösch übersetztes Spannungsbuch (Howard Linskey: “Crime Machine”, Ian Rankin: “Mädchengrab”, Don Winslow: “Zeit des Zorns” & “Kings of Cool”, Frank Bill: “Cold Hard Love”) gelesen, dass nicht auf irgendeine Art und Weise außergewöhnlich war. Zudem mag ich Krimis, die in Glasgow spielen. Und dieses Buch beginnt nicht einmal mit einem Wetterbericht!

(c) Argument Verlag

(c) Argument Verlag

An den Start geht auch die Französin Dominique Manotti mit “Zügellos” (17. Juni). Diesmal zeigt die Ausnahme-Autorin den Zusammenhang zwischen Drogenhandel und Immobilienspekulation auf. Und wieder einmal dürfte sie einen Finger auf die offene Wunde Korruption, also kriminelle Verbindungen zwischen Politk und Wirtschaft, legen.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Auch in Simon Mocklers “Das Midas-Kartell” (17. Juni) geht es um dubiose Finanzgeschäfte. Der Verlagstext dazu: Während der Überprüfung einer angesehenen Londoner Bank kommt Daniel Wiseman dubiosen Geldtransaktionen auf die Spur. Als der Mitarbeiter einer Wirtschaftskanzlei die Wahrheit ans Licht bringen will, wird er gefeuert. In Zeiten, in denen Geldwäsche und Steuerflucht die Schlagzeilen dominieren, vielleicht genau das Richtige. Nur die Aufmachung lässt allzu Reißerisches befürchten.

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Am meisten gespannt bin ich allerdings auf Adrian McKintys “Der katholische Bulle” (17. Juni), den Auftakt zu seiner Serie rund um Detective Sergeant Sean Duffy. Seit seiner “Dead”-Trilogie und “Ein letzter Job” steht der Autor bei mir ganz hoch in der Gunst. Und wer McKintys Meinung über “15 Dinge, die nichts in einem Krimi verloren haben” wissen will: Hier geht es zu meinem entsprechenden Beitrag.

(c) Suhrkamp

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Von meinem absoluten Lieblingsautor Don Winslow erscheint ein älteres Werk wieder auf Deutsch (erstmals 1997 mit dem Titel Manhattan Blues auf Deutsch publiziert). “Manhattan” (17. Juni) erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1958 rund um JFK, CIA und Intrigen. Vor 15 Jahren kannte den Autor im deutschen Sprachraum kaum jemand. Mal sehen, wie sein Buch in der zweiten Runde ankommt.

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Und dann wäre da noch Donald Ray Pollock, von dem nach dem gefeierten “Das Handwerk des Teufels” nun “Knockemstiff” (24. Juni) erscheint. Das Buch ist Pollocks eigentlicher Debütroman, weil sich der deutsche Verlag nicht an die Reihenfolge gehalten hat. Für mich ist diese Crime-Saga absolute Pflicht. Das vielklingende “Knockemstiff” ist übrigens ein 400-Seelen-Kaff in Ohio. Ich habe das Buch seit heute und mir haben die ersten zwei Sätze gereicht, um meine Neugier deutlich zu steigern:

“Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte.”

(c) Luchterhand

(c) Luchterhand

Ähnlich knochenhart dürfte es in Benjamin Percys “Wölfe der Nacht” (24. Juni) zugehen. Der Verlagstext verrät dabei, dass es hier Existenziell zugeht: Die Natur überlässt den modernen Zeiten ihr Terrain nicht kampflos. Und die grausamste Wildnis lauert im Menschen selbst. Na mal schauen: Das klingt, als würden Daniel Woodrell und der oben erwähnte Pollock grüßen lassen.

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Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

(c) Tropen

(c) Tropen

Das Beispiel Joe R. Lansdale zeigt gut, dass Kriminalliteratur und Literatur nicht wirklich zu trennen sind. Es gibt einfach gute und schlechte Bücher. Und gute und schlechte Autoren. Punkt. Lansdale ist auf alle Fälle ein außergewöhnlich guter Autor, der sich um Genre-Grenzen ohnehin nicht schert. Und sein aktueller Krimi “Dunkle Gewässer” ist ebenfalls außergewöhnlich gut. Das zeigt sich bereits beim ersten Satz, wie ich hier schon eimal erwähnt habe – und hält 320 Seiten lang an. “Dunkle Gewässer” ist eine bluttriefende Noir-Interpretation des Mark-Twain-Klassikers Huckleberry Finn, den ich übrigens für eines der besten literarischen Werke überhaupt halte, obwohl es gern als Jugendbuch eingeordnet wird.

Worum geht es in dem Buch, das in der Zeit der Großen Depression in den USA spielt? Ich zitiere mich dazu kurz selbst: In Lansdales Buch stirbt die Hoffnung gleich zu Beginn: in Gestalt von May Lynn, dem schönsten Mädchen der Gegend. Sie träumte von einer Karriere in Hollywood, das in den 1930er-Jahren wie ein magischer Ort, eine Art Oz, erschienen sein muss. Doch ihre Freunde Sue Ellen, Terry und Jinx finden, dass die Tote etwas Besseres verdient hat, und wollen ihre Asche in Hollywood verstreuen. Als sie sich auf die Suche nach der Beute aus einem Banküberfall machen, beginnt ihre verhängnisvolle Reise entlang des Sabine River.

Was mich an “Dunkle Gewässer” am meisten begeistert hat, ist die Erzählkraft des Autors. Er versteht es, Bilder zu schaffen, mit Sprache kreativ umzugehen und Charaktere innerhalb nur weniger Seiten so zu erschaffen, dass man sie lange bei sich behält. Es macht wirklich Spaß, dem Autor von Seite zu Seite zu folgen. Da ist kein Wort zu viel oder ungewollt. Der Text fließt – wie der oben erwähnte Sabine River – auf sein dramatisches Ende zu.

Ich will Lansdale kurz zitieren, um zu zeigen, wie traumwandlerisch er sein Handwerk versteht: “May Lynn hatte keine Mama mehr, weil ihre Mama sich im Sabine River ertränkt hatte. Sie war zum Fluss runtergegangen, um Wäsche einzuweichen, aber stattdessen hatte sie sich ein Hemd um den Kopf gewickelt und war reingelaufen, bis das Wasser über ihr zusammenschlug”, heißt es zu Beginn des zweiten Kapitels. Wenige Zeilen später verknüpft der Autor das mit dem Schicksal von May Lynns Vater: “May Lynn hat oft erzählt, dass ihr Vater nicht mehr derselbe war, nachdem ihre Mutter sich ertränkt hat. Ihrer Meinung nach lag das daran, dass sie sich dabei sein Lieblingshemd um den Kopf gewickelt hatte. Wahre Liebe kann man da nur sagen.” Wie Lansdale hier eine tragische Geschichte mit nur wenigen Sätzen erzählt, zeugt von seiner Meisterschaft. Die Frau hat sich nicht einfach nur umgebracht, sondern hat mit der Wahl des Hemdes auch noch ein Zeichen gesetzt… Er tut es zudem mit einem humorvollen Unterton, der aber niemals deplatziert wirkt. Ähnlich begeistert war ich zuletzt nur von Don Winslow.

(c) Suhrkamp

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Mir persönlich ist die Geschichte nur manchmal doch ein wenig zu blutig – da kann Lansdale einfach seine Vorliebe für das Trashige des Horrorgenres nicht verhehlen. Auch die unheimliche Figur des Skunk hätte ich nicht unbedingt gebraucht.

(c) Suhrkamp

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Ansonsten aber freue ich mich schon auf mein nächstes Lansdale-Buch: Die Taschenbuch-Ausgabe von “Kahlschlag” (zur Rezension von zeilenkino.de) habe ich bereits im Regal stehen und im Juni erscheint “Gluthitze” ebenfalls als Taschenbuch.

Joe R. Lansdale: “Dunkle Gewässer”, übersetzt von Hannes Riffel, Tropen, 320 Seiten.

9 von 10 Punkten

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Ian Rankin: Mädchengrab

(c) Manhattan

(c) Manhattan

17 John-Rebus-Romane hat der Schotte Ian Rankin geschrieben und sich damit Kultstatus erarbeitet. Der Autor musste seine Figur aber erst nach fünfjähriger Pause wiederauferstehen lassen und den 18. Band seiner Reihe schreiben, ehe ich es nun geschafft habe, mit “Mädchengrab” meine Rankin-Rebus-Premiere zu feiern. Und ich muss zugeben: Ich bin begeistert. Das Buch mag sich zwar nicht genial auflösen, aber ich habe selten ein derart atmosphärisch dichtes Werk gelesen, das auch mit gekonnter Charakterzeichnung auftrumpft. Rankin ist weit weg von der schwedischen Krimi-Tristesse, mit der ich persönlich meine Probleme habe. Da schwingt auch immer wieder feiner Humor einer Art durch, wie ihn wohl wirklich nur Briten haben.

Ein kurzer Exkurs: Besonders hervorheben will ich hier auch die Übersetzerin Conny Lösch, die bereits einige Werke von Don Winslow, aber auch “Crime Machine” von Howard Linskey übersetzt hat. Ich würde sogar sagen: Ein Buch, das Lösch übersetzt hat, kann man eigentlich blind kaufen. Ich habe noch keines gelesen, das nicht gut war. Ich werde daher demnächst hier auch mal einen Beitrag über die Bedeutung von Übersetzern am Beispiel Lösch schreiben.

Nun aber zurück zu Rankin und Rebus. Das Buch ist dem 2011 verstorbenen Folk-Sänger Jackie Leven, einem guten Freund Rankins, gewidmet. Das spiegelt sich auch im Originaltitel “Standing in Another Man’s Grave”, eine Anspielung an einen Levin-Songtitel, wieder. Wenn Rebus am Beginn des Buches am Rand eines Grabes steht, ist das ein wenig wohl auch eine literarische Verbeugung Rankins vor seinem singenden Freund. Übrigens wird sich auch der Titel von Rebus-Roman Nummer 19 – der im November 2013 auf Englisch erscheint – auf einen Song von Levin beziehen: “Saints of the Shadow Bible”.

Zur Handlung: Der ehemalige Detective Inspector John Rebus ist in Rente gegangen. In einer “Cold Case”-Abteilung der Polizei geht er aber ungelösten Fällen nach. So stößt er auch auf den Fall vier verschwundener Mädchen. Im Zuge der Ermittlungen hat Rebus auch mit seiner ehemaligen Kollegin Siobhan Clarke zu tun, die ihm hilft, obwohl sich das für ihre Karriere eher als hinderlich erweist. Ein großer Teil des Charmes des Buches wurzelt in der spannungsgeladenen Beziehung zwischen Rebus und Clarke – Rankin-Fans wissen sicher viel mehr über die Entwicklung und die Geschichte der beiden. Man kann das aber auch ganz gut lesen, ohne die Vorgeschichte zu wissen.

Rankin hat zudem den internen Ermittler Malcolm Fox, der korrupten Polizisten das Handwerk legt, in die Handlung von “Mädchengrab” eingebaut. Nachdem Rankin Rebus in Rente geschickt hatte, erschuf er mit Fox eine neue Figur. Nun führt er diese beiden zusammen. Fox bleibt aber ziemlich farblos, die Sympathien liegen ganz eindeutig bei Rebus.

Rankin hat mit “Mädchengrab” einen packenden Krimi mit viel Lokalkolorit, dichter Atmosphäre und glaubwürdigen Charakteren geschrieben. Das Buch mag zwar nicht sein Meisterwerk sein, aber aus der Krimi-Publikationsflut strahlt es immer noch wie ein Leuchtturm hervor. Für mich steht fest: Das war sicher nicht mein letzter Rankin-Roman und auch nicht mein letzter Rebus-Roman. Da ich Rankin aber noch von anderen Seiten kennenlernen will, habe ich mir “Bis aufs Blut” (geschrieben als Jack Harvey) bestellt. In dem Buch steht ein Killer im Zentrum der Geschichte.

Einziger Kritikpunkt: Das Cover mit dem toten Vogel steht in keinem Zusammenhang mit dem Buch. Ich zitiere dazu aus der Rezension der Krimibuchhandlung Hammett, die es auf den Punkt bringt: “Wieder ein toter kleiner Vogel auf weißem Grund, natürlich noch mit ein paar Blutstropfen drapiert. Warum nur? Warum sind die Covergestalter seit Jahren nur so von diesen Tieren besessen?”

Ian Rankin: “Mädchengrab”, übersetzt von Conny Lösch, Manhattan, 507 Seiten.

8 von 10 Punkten

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Meine Meinung: Winslow statt Whodunit

Die britische Zeitung “The Independent” widmet sich in einem aktuellen Beitrag dem beliebten Genre des Whodunit. Mein Fall sind diese “Wer hat es getan?”-Krimirätsel ja nicht so ganz. Hat man mal ein paar davon gelesen, wird diese Puzzlespiel doch langweilig. Der Hauptverdächtige war es letztlich nie. Denn letztlich ist immer jemand der Mörder, mit dem man nicht gerechnet hat. Da sind mir echte Thriller schon lieber, wo man durchaus auch mal mit dem Täter mitzittert, ober er entkommt. 1929 hat Ronald Knox sogar “zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman” (was immer das sein soll?) aufgestellt. Regel Nummer eins lautet etwa “The criminal must be someone mentioned in the early part of the story, but must not be anyone whose thoughts the reader has been allowed to follow”. Naja…

Kathryn Johnson von der British Library sagt daher auch dazu: “In the 1920s and 30s the prevalent form of detective fiction was the puzzle, which was presented almost like an intellectual exercise. It’s no accident that the heyday of the puzzle mystery was at the same time as crosswords became extremely popular.” Johnson ist jedoch überzeugt, dass sich das klassische “Whodunit” weiterentwickelt hat: “It’s became a whydunit or a howdunit.”

Stav Sherez, der sich mit “A Dark Redemption” auf der Shortlist für den CWA John Creasy Dagger befindet, ist aber überzeugt, dass das klassische Whodunit auch heute noch Platz hat: “That can work very well in modern fiction as it is an essential puzzle that drives us through the text. It also creates a nice claustrophobic atmosphere and makes you suspect every character that appears. But, unlike in the past, it has to be counter-balanced by psychology and good prose.”

Auf krimi-couch.de habe ich dazu übrigens auch einen interessanten Beitrag von Dieter Paul Rudolph gefunden. Er vergleicht darin Angelika Lauriels Whodunit-Krimi “Bei Tränen Mord” mit Merle Krögers “Grenzfall” – das Whodunit-Elemente beinhaltet (geehrt mit dem Deutschen Krimipreis 2013): “Bei Lauriel sind die Opfer Opfer, weil die Geschichte Opfer braucht, während sie bei Kröger Opfer sind, weil das Leben sie zu Opfern gemacht hat. In Bei Tränen Mord haben sie keine andere Aufgabe als die, möglichst effektvoll zu sterben oder wenigstens zu Schaden zu kommen.” Und: “Hier der nach Freizeitgesichtspunkten gebaute Kriminalroman, dessen Geschichte nur dazu dient, einen »echten« Whodun(n)it zu inszenieren, gewissermaßen das Sahnehäubchen auf dem Ratelustmord; dort der Kriminalroman als Mittel zur Beobachtung von Mensch und Gesellschaft, wobei das Whodun(n)it-Element lediglich eine Hilfskonstruktion sein soll.”

Dazu passt auch Don Winslows Aussage im “DiePresse.com”-Interview. Der erfolgreiche US-Autor (“Tage der Toten”, “Zeit des Zorns”, “Kings of Cool”) wird ständig mit dem Vorwurf konfrontiert, über Gewalt zu anschaulich zu schreiben. Er sagt dazu: “Entweder man befreit sich von der Gewalt oder man schreibt anschaulich darüber. Zu einem großen Teil habe ich mich für die zweite Option entschieden, weil ich will, dass der Leser die ungeschminkte Welt sieht. Das ist sehr verstörend für manche Leser – und ich verstehe das. Gleichzeitig habe ich Morde nie wirklich als eine Art von Gesellschaftsspiel verstanden. Ich denke, das ist anstößiger.”

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Don Winslows “Tage der Toten” wird verfilmt

(c) Suhrkamp

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Das Drogen-Epos “Tage der Toten” (“Power of the Dog”) ist Don Winslows Meisterwerk. Angesichts der drei Jahrzehnte umfassenden Zeitspanne eigentlich fast unmöglich zu verfilmen – das meinte auch Winslow selbst. “Ich möchte das Buch nicht zerstückelt sehen”, sagt er noch 2010 im Gespräch mit der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Deshalb habe er die Filmrechte bislang nicht verkauft. Im E-Mail-Interview mit “DiePresse.com” im Oktober 2012 klang er der Idee schon weniger abgeneigt. “Ich könnte es mir sowohl am großen als auch am kleinen Schirm vorstellen. Ich glaube, Fernsehen hat großes Potential. Es gibt einem so viel Zeit, Charaktere zu entwickeln”, sagte er damals.

Nun wird es konkret: Auf Twitter schreibt er offen davon, dass sein Buch noch im Herbst 2013 verfilmt werden soll. Anlaufen soll der Film 2014. Und: Er bittet um Casting-Vorschläge. Mehr Details zur Umsetzung des Films findet ihr auf deadline.com. Demnach werden Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg, die bereits das Drehbuch für den schwedischen Film “Verblendung” (nach dem Bestseller von Stieg Larsson) geschrieben haben, das Projekt gemeinsam mit Winslow-Freund und Drehbuch-Autor Shane Salerno umsetzen. Arcel und Heisterberg wurden mit “Die Königin und der Leibarzt” (“A Royal Affair”) übrigens auch für den Fremdsprachen-Oscar nominiert. Salerno schrieb zuletzt mit Winslow selbst das Drehbuch für die Verfilmung von Winslows Buch “Zeit des Zorns” (“Savages”). Der Film unter der Regie von Oliver Stone lief im Herbst unter dem Titel “Savages” in den Kinos und erscheint noch im Februar auf DVD.

Update, 3. August 2015: Das Filmprojekt dürfte nicht so recht vom Fleck kommen, dafür soll nun Winslows Nachfolger “Das Kartell” verfilmt werden…

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Rick de Marinis: Götterdämmerung in El Paso

marinis

US-Autor Rick de Marinis ist hierzulande beinahe unbekannt – zu Unrecht. Mit “Götterdämmerung in El Paso” ist nun nach “Kaputt in El Paso” ein weiterer Pulp-Krimi von ihm auf Deutsch erschienen. Dem Verlag pulp master sei Dank. Nur die Rückentext-Beschreibung, wonach der Autor “Hardcore mit Metaphysik versöhnt” hätte man sich sparen sollen. Denn die Geschichte rund um Detektiv J.P. Morgan (ja, er heißt wie die US-Bank) ist überzeugend. De Marinis liefert ein messerscharfes Porträt der US-Gesellschaft ab. Dabei geizt er auch nicht mit einer guten Portion trockenen Humors.

Eindrucksvoll beweist de Marinis, dass der überragende Don Winslow kein Privileg auf das Schreiben über die problembeladene Grenzregion zwischen den USA und Mexiko besitzt. “Todos somos ilegales” – wir sind alle Illegale, heißt es an einer Stelle. Der Spruch steht auf der mexikanischen Seite einer Brücke an der Grenze und soll die “Gringos” daran erinnern, dass auch sie nur Besetzer sind, “die das Land nördlich des Flusses mit Gewalt oder Waffen oder Geld genommen hatten”.

Wenn er bissig über den Bewässerungswahn der Bevölkerung der Wüstenstadt El Paso lästert, läuft er zu Hochform auf. Dann wird J.P. Morgan zum selbsgerechten Kämpfer gegen die Wasserverschwendung: “Sie ziehen hierher, ihre im Norden geprägten Vorstellungen von einer Landschaft im Umzugskarton. Sie begreifen es nicht: Im Südwesten ist Wasser der kostbarste Schatz.” Auch seine Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb machen Spaß. Dass Morgans Mutter gegen ihren Willen in staatliche Obsorge gesteckt werden soll, macht wiederum nachdenklich. Die entsprechenden Szenen sind einfühlsam geschrieben. Auch was diesen Wechsel zwischen Ernsthaftigkeit und Verspieltheit betrifft, steht de Marinis seinem Kollegen Winslow kaum nach.

Wie es sich für einen ordentlichen Pulp-Krimi gehört, fließt natürlich auch eine ganze Menge Blut. De Marinis weidet sich aber nicht darin, er handelt die Szenen lakonisch ab. Und er bietet einen versöhnlichen Schluss.

Alles in allem: Hut ab und 9 von 10 Punkten.

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