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Graham Greene: Der dritte Mann

(c) Zsolnay

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Der große Graham Greene – ich konnte bislang zu ihm keinen Zugang finden. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren drei oder vier seiner Romane mit hohen Erwartungen zu lesen begonnen, bei keinem davon habe ich es aber bis zum Ende geschafft. Nun habe ich diesen Fluch endlich brechen können, mit seinem vielleicht größten Klassiker “Der dritte Mann”, an dem ich ebenfalls einmal zuvor nach nur wenigen Seiten gescheitert war.

Mein Verhältnis zu Greene bleibt aber auch nach der Lektüre des von Nikolaus Stingl neu übersetzten Buches zwiespältig. Das mag daran liegen, dass “Der dritte Mann” sicher nicht Greenes bestes Buch ist, wie schon im Vorwort des Autors klar wird: Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden.”

Ich glaube jeder, der den Film gesehen hat, wird dem zustimmen. Es ist diese unglaubliche Präsenz – bzw. eigentlich Nicht-Präsenz – von Orson Welles, der die Figur des Schiebers Harry Lime spielt. Einige der besten Szenen wurden übrigens eingespielt, weil Welles wochenlang nicht am Drehort erschien (offenbar um seine Gage hochzutreiben). Die Filmcrew improvisierte und schuf einige der heute so weltbekannten Szenen des flüchtenden, aber nicht zu sehenden Harry Lime. Aber auch einige der besten Dialoge des endlich aufgetauchten Schauspielers waren von diesem improvisiert und tauchen daher im Buch gar nicht auf. Das gibt Greene ebenfalls im Vorwort zu: “Der Film ist sogar besser als die Erzählung, weil es sich in diesem Fall um die Endfassung der Erzählung handelt.” Nicht ganz uneitel meint er auch: “Der Leser wird viele Unterschiede zwischen der Erzählung und dem Film bemerken, und er sollte sich nicht vorstellen, diese Veränderungen wären einem unwilligen Autor aufgezwungen worden: Höchstwahrscheinlich wurden sie von ihm selbst vorgeschlagen.”

Ungewöhnlich ist auf alle Fälle die etwas sperrige Erzählweise. Denn Erzähler des Romans ist eigentlich der britische Offizier Calloway, der aber große Teile der Geschichte von Harry Limes Freund Rollo Martins erzählen lässt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, warum mir Greenes Stil generell nicht zusagt. Nur so viel: Ich verliere bei ihm relativ oft den Faden, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich Seiten zurücklese, um nicht die Orientierung zu verlieren. Ich schweife bei der Lektüre auch recht leicht ab, ich bin nicht gefesselt. Greene gelingt es nicht, mich in seine Geschichten hineinzuziehen. Er hält mich nicht bei der Stange. Ich fühle mich seltsam distanziert, mir kommen seine Charaktere kaum nahe. Darüber hinaus finde ich ihn auch sprachlich nicht außergewöhnlich.

Meine ernsthafte Bitte daher: Sagt mir, warum mögt ihr Graham Greene, was gefällt euch an ihm? Was macht ihn einzigartig bzw. lesenswert? Was begreife ich bei ihm nicht? Oder geht es euch auch so?

Graham Greene: “Der dritte Mann”, übersetzt von Nikolaus Stingl, 160 Seiten, Zsolnay Verlag.

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