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André Pilz: Der anatolische Panther

(c) Haymon

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Warum der gebürtige Vorarlberger André Pilz nicht schon längst zu den ganz großen deutschsprachigen Krimiautoren zählt, ist mir ein Rätsel. Er ist bestimmt einer der meistunterschätzten Autoren von Spannungsliteratur. Vermutlich hat es damit zu tun, dass seine Geschichten von Skinheads, Drogendealern und wie nun in “Der anatolische Panther” von vorbestraften, türkischstämmigen Kleinkriminellen handeln. Wer sich davon abschrecken lässt, ist aber selbst schuld. Raus aus den Wohfühlzonen, ab ins Leben der Anderen!

Nur kurz zur Handlung: Nachdem in seiner Wohnung ein gestohlener Flachbildfernseher gefunden wird, hat ein Polizist den jungen Tarik, der in diesem Fall allerdings gänzlich unschuldig ist, in der Hand. Er soll sich in die Moschee des Hasspredigers Derwisch einschleusen. Tarik, der selbst über sich sagt, er sei “nur ein Kanake”, muss mitspielen, um den schwerkranken Baba – seinen Großvater, der für ihn aber wie ein Vater ist – zu beschützen. Schließlich sieht sich der Verzweifelte gezwungen, die Hilfe eines weiteren gesellschaftlichen Außenseiters, des “Zigeuners” Ibo, anzunehmen. Tja, und dann gibt es da noch den kleinen Fonso, der eigentlich nicht Fußballspielen kann, aber die ungarische Fußball-Legende Ferenc Puskás vergöttert. Wie schön das allein schon ist: Kein Ronaldo, kein Messi – nein: Puskás. Außerdem noch zu erwähnen: Sugo-Joe, Doogie und Yiannis. Gemeinsam mit Tarik sind sie die Möchtegern-Bad-Boys des Münchener Stadteils Giesing.

Pilz siedelt seine Geschichte im München des Vorjahres an, das sich mit massiven Flüchtlingsströmen konfrontiert sieht. Sehr spannend ist in diese Zusammenhang auch eine kleine Debatte, die sich nach einer Rezension von Eva Erdmann in “Der Freitag” entwickelt hat. Denn “Der Schneemann” wird nicht ganz schlau aus dem Text. Wirft die Autorin Pilz nun “spätbürgerliche Sozialromantik” vor, oder nicht? Vermutlich schon. Doch selbst wenn: Wen stört das schon? Gute, harte Kriminalliteratur muss nicht nur dem reinen Realismus frönen. Alles in allem ist die Lektüre keine übliche Underdogüberhöhung, sondern ein mit Sympathie für seine Figuren erzählter Kriminalroman, verknüpft mit einer wunderbar altmodischen Liebesgeschichte. Tarik und seine Begleiter bleiben über die Lektüre hinaus haften.

Mich überrascht aber noch mehr eine andere Feststellung in dem Text: “Die Aktualität dieses Krimis liegt in der spannenden Verschiebung fort vom Auftakt einer vollstreckten Tat, die möglicherweise nicht einmal statttgefunden hat, zu einem hpyothetischen Verbrechen ans Ende der Geschichte.” 

Viele der herausragenden Kriminalromane der letzten Jahre tun doch genau das: Sie fokussieren nicht traditionell auf ein Verbrechen zu Beginn, das am Ende auch immer gelöst wird. Der moderne Kriminalroman hat sich davon meiner Meinung nach aber schon seit Jahren höchst erfolgreich gelöst. Er ist kein Gefäß mehr, um sich ein bisschen Grusel zwischendurch abzuholen, bloß um sich am Ende dann doch einfach wieder wohl zu fühlen (weil Täter gefasst, bestraft oder getötet). Der Kriminalroman ist längst nicht mehr berechenbar – übliche Whodunnits, Wohlfühl-Regiokrimis, Psycho- und Serienkiller-Thriller ausgenommen.

Und vielleicht habe ich ein anderes Buch gelesen, aber die verübten Verbrechen am Ende der Geschichte sind eigentlich nicht nur hypothetisch…

Die Aktualität des Krimis liegt aus meiner Sicht vielmehr im gekonnten Verweben der Krimihandlung mit den prägenden Geschehnissen unserer Tage: Migration und die mögliche Gefahr durch Islamismus bis hin zur zweifelhaften Rolle von Geheimdiensten (Unterwanderung von radikalen Islamisten, aber auch der NSU). Und gerade angesichts der tragischen Geschehnisse von Berlin kam mir zwangsläufig der von allen gesuchte und gejagte “Terror-Tarik” in Erinnerung. Wer damit jetzt nichts anfangen kann: Lest das Buch!

André Pilz: Der anatolische Panther, Haymon Verlag, 448 Seiten.

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Filed under Rezensionen

Krimis, die man 2016 lesen sollte (IX)

(c) Haymon

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“Der anatolische Panther” von André Pilz steht ganz oben auf meiner Leseliste. Sein Vorgänger “Die Lieder, das Töten” steht leider seit Jahren bei mir ungelesen herum, obwohl dieses Buch nach einer außergewöhnlichen Krimilektüre (ein Super-Gau in Deutschland, mann stelle sich das einmal vor! Was für ein Szenario) klingt.

Verlagstext: Kleiner Gangster, großes Herz: Seit der junge Türke Tarik seine Fußballkarriere aufgegeben hat, schlägt er sich in München mit kleinen Einbrüchen und Drogendeals durch. Er verbringt viel Zeit auf der Straße, mit seinen Freunden Doogie, Sugo-Joe und Yiannis, allesamt einigermaßen gescheiterte Existenzen. Als sie bei einem Einbruch erwischt werden, hat die Polizei Tarik am Haken – und schlägt einen Deal vor: Tarik soll sich ins Umfeld eines Hasspredigers einschleichen, der sich “Derwisch” nennt und im Verdacht steht, einen Terroranschlag zu planen. Das geht schief, und plötzlich ist neben der Polizei auch noch der Derwisch hinter ihm her – und Tarik muss nicht nur sich selbst retten, sondern auch seinen geliebten Großvater, der von den Islamisten bedroht wird ...

(c) Heyne

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“American Blood” von Ben Sanders klingt ein bisschen nach Jack Reacher. Vielleicht bahnt sich hier eine vielversprechende Thriller-Serie an, so wie es zuletzt auch mit “Orphan X” von Gregg Hurwitz der Fall war (im August 2017 erscheint übrigens “Projekt Orphan”).

Marshall Grade hat zwei Leben. Früher war er undercover für das New York City Police Department im Einsatz. Nachdem er enttarnt wurde, hat das organisierte Verbrechen ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Jetzt sitzt er im Zeugenschutzprogramm in New Mexico fest und soll sich unauffällig verhalten. Doch dann verschwindet eine junge Frau, die jemandem aus seinem ersten Leben zum Verwechseln ähnlich sieht. Grade schlägt alle Warnungen in den Wind und begibt sich auf ihre Spuren. Wird es ihm diesmal gelingen, die Frau zu retten?

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Malla Nunn befindet sich mit “Zeit der Finsternis” momentan auf Platz zwei der KrimiZeit-Bestenliste. Viel mehr Empfehlungen braucht es da eigentlich nicht mehr.

Im zutiefst korrupten Apartheidstaat Südafrika geht das Jahr 1953 zu Ende. Fünf Tage vor Weihnachten wird im Johannesburger Villenviertel ein weißes Ehepaar überfallen und bewusstlos geprügelt. Dann verschwinden die Täter mit dem neuen Automobil der Familie Brewer. Die fünfzehnjährige Tochter Cassie hatte sich versteckt und blieb unversehrt. Der Vater erliegt noch in derselben Nacht seinen Verletzungen.
Detective Sergeant Emmanuel Cooper hat sich nach Johannesburg versetzen lassen, um hier mit seiner heimlichen Familie ein Doppelleben zu führen, von dem keiner seiner Kollegen etwas ahnen darf, schon gar nicht sein argwöhnischer Vorgesetzter Lieutenant Walter Mason. Andernfalls droht Cooper Berufsverbot und Gefängnis, ganz zu schweigen von den Repressalien, die seine farbige Frau und ihre kleine Tochter zu erwarten hätten: Die Rassentrennungsgesetze sind gnadenlos. Er muss also extrem behutsam lavieren.

(c) Selbstverlag

(c) Selbstverlag

Unbedingt unterstützen will ich auch Lawrence Blocks Akt kriminalliterarischer Selbstverteidigung. Mit “Drei am Haken” liegt nun auch der zweite Teil der Matthew-Scudder-Serie vor. Soeben bei mir eingelangt 😉

Der Spitzel und Kleingauner Jake »Schnipser« Jablon macht sich eine Menge neuer Feinde, als er die Laufbahn wechselt und von Informant auf Erpresser umsattelt. Früher oder später, vermutet er, wird einer seiner neuen Kunden handgreiflich werden, und wen wird das kümmern? Er sitzt an einem Tisch mit Matthew Scudder, schnipst einen Silberdollar an und lässt ihn auf dem Tisch kreiseln. Schließlich ist das die Gewohnheit, die ihm seinen Spitznamen eingebracht hat. Dann heuert er Scudder an, einen Mord aufzuklären, der sich noch nicht ereignet hat. Niemand ist sonderlich überrascht, als Schnipser mit eingeschlagenem Schädel im East River treibend gefunden wird. Noch schlimmer: Es kümmert niemanden – außer Matthew Scudder. Der Ex-Cop und Privatdetektiv ist kein pflichtversessener Racheengel. Aber er ist willig, Leib und Leben zu riskieren, um Schnipsers mörderisch-aggressive Kunden zur Rede zu stellen. Schließlich ist ein Job ein Job – und Scudder wurde bezahlt, einen Mörder zu finden. Bezahlt vom Opfer … im Voraus.

(c) Ars Vivendi

(c) Ars Vivendi

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ich spontan in der Buchhandlung zugeschlage. Nun war das bei John Harveys “Unter Tage” der Fall. Wer nach David Peaces “GB84” vom englischen Bergarbeiterstreik 1984 nicht genug hat, kann sich hier weiter spannend informieren lassen.

England, 1984: Der Bergarbeiterstreik spaltet das ganze Land. Die Gewerkschaft und die Thatcher-Regierung stehen sich unversöhnlich gegenüber, und in Bledwell Vale verläuft der Riss mitten durch die Familie Hardwick. Vater Barry lässt sich als Streikbrecher beschimpfen, doch er braucht das Geld, um die Familie durchzubringen. Mutter Jenny ist Aktivistin im Streikkomitee – bis sie kurz vor Weihnachten spurlos verschwindet. Dreißig Jahre später wird im Dorf eine einbetonierte Leiche gefunden. Charlie Resnick ist zwar schon im Ruhestand, wird aber der Ermittlerin Catherine Njoroge als Berater zur Seite gestellt; schließlich war er damals mit dem Auftrag vor Ort, die Streikszene auszuspionieren. Alles verdammt lang her, aber jetzt muss die Wahrheit auf den Tisch: Ausgrenzung, Hass, Korruption, Liebe in Zeiten bitterster Not. Und es gibt noch zwei weitere Cold Cases aus jener Zeit …

(c) Penguin

(c) Penguin

Und dann hätten wir wieder einmal einen Australier. Zwar konnte ich mit Peter Temple bislang nicht so recht warm werden, “Die Schuld vergangener Tage” klingt aber nach einer Lektüre, die mich verleiten könnte, es noch einmal zu probieren.

Mac Faraday glaubt nicht, dass sich sein Freund Ned das Leben genommen hat. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, denn wenn es nicht Selbstmord war, muss es Mord gewesen sein. Faradays Nachforschungen führen ihn zu einer Erziehungsanstalt. Dabei entdeckt er eine Mädchenleiche in einem stillgelegten Bergwerksschacht. Nach und nach kommt Faraday denen auf die Spur, die zahllose Mädchen aus der Erziehungsanstalt missbraucht haben. Je näher er der Wahrheit kommt, desto mehr bringt ihn seine Recherche selbst in Gefahr.

 

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