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Stephen Greenall: Winter Traffic

(c) Suhrkamp

Stephen Greenalls “Winter Traffic” ist definitiv der außergewöhnlichste Kriminalroman des Jahres 2021. Ich weiß, das ist eine gewagte Behauptung, wir haben ja gerade einmal Anfang April – aber schon allein die leidenschaftliche Kontroverse um dieses Buch zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Culturmag-Autor Alf Mayer sucht ihresgleichen. Während FAZ-Autor Kai Spanke an “Winter Traffic” und dem “Möchtegernpoeten” Greenall kein gutes Haar lässt, verteidigt Mayer den australischen Autor in einer wütenden Replik. Mayer nennt Spanke einen “empörten Spießer”. Ein Krimi rund um einen Krimi also.

Nachdem ich kurz zuvor bereits Mayers exzellentes Interview mit Greenall gelesen hatte, war mein Interesse also endgültig geweckt. Und eines vorweg – Mayer schreibt ganz richtig: “This is not your normal Kriminalroman”. Man kann überhaupt darüber diskutieren, was “Winter Traffic” eigentlich ist. Ein Thriller, so wie es auf dem Cover steht? Oder doch ein klassischer Kriminalroman? Gar hohe Literatur (Fans griechischer Mythologie werden mit diesem Buch eine wahre Freude haben)?

Das Etikett “Thriller” tut dem Buch jedenfalls nicht gut. Da erwartet man sich dann doch etwas anderes. Einen Pageturner. Das ist “Winter Traffic” nicht. Es ist vielmehr ein kriminalliterarisches Vexierspiel im besten Sinne. Es ist ein Gedulds- und Verwirrspiel, eine Scharade folgt auf die andere. Gerade zu Beginn weiß man nicht, wohin diese Reise geht. Wird hier nach vorn oder rückwärts erzählt? Die Kapitel jedenfalls zählen wie ein Countdown nach unten (und sogar darüber hinaus). So gesehen könnte man dieses Buch durchaus auch als eine moderne, raue, verwegene Art Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie sehen.

Einer Illusion sollte man sich nicht hingeben: dass man alles verstehen wird. Übersetzerin Conny Lösch hat es Mayer gegenüber folgendermaßen ausgedrückt: “Du, ich hab auch nicht alles verstanden. Mit jedem Durchgehen erschließt sich mir mehr, aber es wird immer Reste geben. Schattenzonen. Es muss sich nicht immer alles in Wohlgefallen auflösen. In der Literatur gibt es kein Recht dazu.” Das ist ein Punkt, der mir gut gefällt. Ich selbst liebe es, von guten Autoren eine schlüssige Geschichte erzählt zu bekommen. Ich ziehe das immer noch vor, denn auch das ist große Kunst: mit klarer Sprache zu erzählen. Aber: Ich muss nicht immer alles verstehen. Das ist eine Erkenntnis, die ich nach der Lektüre von “Winter Traffic” mitnehme.

Und ja, die Lektüre war zwischendurch echt anstrengend. Das ist kein Buch zum fröhlichen Aufschnupfen, das ist mitunter echte Lesearbeit. Aber es war sie wert. Man muss sich allerdings darauf einlassen, sonst sollte man es lieber sein lassen. Da war auch Frustration dabei: Bin ich echt so daneben, dass ich keine Ahnung habe, wo das nun hinführt? Aus wessen Sicht wird da gerade erzählt? Lese ich hier wirklich aus der Sicht eines Hundes? Und was zum Teufel ist ein Inkrementaler?

Somit wäre “Winter Traffic” wohl das perfekte Buch für die Frage: “Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?”. Denn wie oft man dieses Werk wohl lesen mag, man würde immer wieder neue Dinge entdecken. Würde vermeintliches Wissen wieder über den Haufen werfen, weil doch alles anders ist.

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, eine Inhaltsangabe zu versuchen. Die Geschichte spielt in Sydney im Jahr 1994. Im Zentrum der Handlung stehen zwei vom Leben gebeutelte Männer: Der korrupte Polizist Rawson und sein Kumpel Sutton, der Verbrecher. Und dann wäre da noch Karen Millar. Aber welche Rolle spielt diese aufstrebende Polizistin eigentlich? Hatte sie nun mal etwas mit Rawson oder nicht? Will sie Rawson, den alten Haudegen in Uniform, nun zu Fall bringen oder steht sie doch auf seiner Seite?

Teilweise fühlt man sich so, als würde man ständig alle Möglichkeiten der Geschichte abwägen. Man sucht als Leser immerfort nach gültigen Bedeutungen des soeben Gelesenen. Es ist fast so, als würden die Figuren ständig vor Wegkreuzungen stehen und alles wäre offen. Gehe ich nach links oder rechts oder doch geradeaus? Greenall führt mit seinem Text vor Augen, dass es so etwas wie “die eine Wahrheit” nicht gibt. Diese liegt im Auge des Betrachters.

Man könnte “Winter Traffic” auch als eine nette Zitatesammlung für alle mögliche Gelegenheiten verstehen. Hier nur zwei Beispiele:

“Überall befindet sich ein Tatort, man muss nur weit genug in der Zeit zurückgehen.”

“Menschen müssen sich gegenseitig Etiketten aufkleben, sich gegenseitig auf eine Art Essenz einkochen. Aber du hast die Vorstellung immer gehasst, auf den ersten Blick durchschaubar zu sein.”

Puuh, ich merke, ich könnte endlos weiterschreiben. So gesehen hat der Australier irgendwas wohl verdammt richtig gemacht. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich vor einigen Jahren nichts mit diesem Buch hätte anfangen können. Jetzt aber hat es mir wirklich Spaß gemacht. Wer Krimi sehr eng definiert (also: am Ende steht die Lösung des Falls), sollte wohl tunlichst die Finger davon lassen. Greenall zeigt jedenfalls, wozu gute Kriminalliteratur fähig ist.

Die übliche Punkte-Bewertung unterlasse ich diesmal bewusst. Dieses Buch entzieht sich jeder Art von Kategorie.

Stephen Greenall: “Winter Traffic”, übersetzt von Conny Lösch, Suhrkamp Verlag, 493 Seiten.

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William Shaw: Kings of London

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

William Shaws “Abbey Road Murder Song” war für mich eines der Krimi-Highlights des Jahres 2013. Mit Cathal Breen und Helen Tozer hat Shaw eines der charmantesten Ermittlerpaare der modernen Kriminalliteratur erschaffen.

Was mich am Nachfolger “Kings of London” am meisten beeindruckt: Der Autor geht sehr einfühlsam mit all seinen Figuren um – sie sind bis zur letzten Randfigur extrem differenziert und glaubwürdig gezeichnet. Da gibt es kein Schwarz und Weiß. Das mag wieder einmal auch an der genialen Übersetzung durch Conny Lösch liegen.

In “Kings of London” wird nun in einem abgebrannten Haus die Leiche eines Mannes gefunden. Schon bald stellt sich heraus, dass es sich um den Sohn eines einflussreichen Politikers handelt. Breen und Tozer begeben sich wieder auf die Suche nach der Wahrheit, die nach den Wünschen vieler nicht ans Licht kommen soll. Zwischendurch verliert Shaw die Ermittlungen auch ein wenig aus dem Auge. Er lässt vor allem Cathal Breen, der nach dem Tod seines Vater nur schwer zurecht kommt, alle möglichen privaten Erfahrungen machen. Das schmälert den Lesegenuss aber nicht, im Gegenteil. Seine feine Art der Beschreibung, sein ganz feiner Humor geben dem Buch die richtige Würze. “Kings of London” ist so auch ein gelungener Gesellschaftsroman.

Vor allem mag ich aber Shaws in den 1960er Jahren angesiedeltes Setting in London. Es sind einzigartige Zeitreisen, auf die er den Leser mitnimmt. Frauen im Polizeidienst taugten aus Sicht der Männer damals eigentlich nur zum Befragen von Kindern, sie durften nicht einmal ans Steuer des Dienstwagens. Viele Probleme oder zeitgeistige Erscheinungen der Jetzt-Zeit tauchten schon damals auf: Drogen, Arbeitsmigration und Veganismus.

Seine Wurzeln als Musikjournalist kann Shaw nicht verleugnen. Wie schon im Vorgänger taucht auch hier John Lennon wieder als Randfigur auf – allerdings ohne dass es erzwungen wirkt. Shaw trifft bei mir einen Nerv, ich folge jedem seiner Sätze mit Begeisterung. Da ist wirklich ein großer Könner am Werk.

8 von 10 Punkten

William Shaw: “Kings of London”, übersetzt von Conny Lösch, 472 Seiten, Suhrkamp Nova.

 

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11 Wege, zu guten Krimis zu kommen (IV): Die Macht der Übersetzer

(c) Arrow Books

(c) Arrow Books

Eine Diskussion hat vor wenigen Wochen die Krimi-Welt bestimmt: Sollen Blogger die Übersetzer von Krimis erwähnen oder nicht? Ich muss da jetzt nicht besonders leidenschaftlich werden, um zu sagen: Ja, keine Frage. Das ist eine Frage der Fairness. Ich will mich jetzt aber nicht in diese Diskussion einmischen (mehr dazu hier), sondern die Gelegenheit nutzen, meine “11 Wege, zu guten Krimis zu kommen”-Serie endlich fortzusetzen. Ich wollte gerade diesen Teil schon seit langer Zeit schreiben, nun habe ich endlich einen guten Anlass. Es ist ein Plädoyer für Übersetzer.

Ich will das am Beispiel von Conny Lösch festmachen, die tatsächlich ein Garant für gute – nein, für außergewöhnlich gute – Krimis ist. Spannungsliteratur, die sie übersetzt, steht für Qualität (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sowohl Don Winslow, William McIlvanney, Ian Rankin, Howard Linskey, Denise Mina und William Shaw zählen zu den echten Könnern des Genres und meinen persönlichen Lieblingsautoren. Ich gebe alle paar Woche mit Vorfreude den Namen dieser Übersetzerin ein, um nach Neuerscheinungen zu suchen.

Wer mehr über “Die Frau hinter den großen Namen” wissen will, sollte auf den Link klicken. Dann wird auch nachvollziehbar, warum sie vor allem Briten übersetzt. Als Beatles-Liebhaberin muss ihr die Übersetzung von William Shaw ja ein besonderes Anliegen gewesen sein. Sie selbst sagt in einem Interview: “Am liebsten übersetze ich gute Bücher, wobei ein Buch natürlich aus ganz unterschiedlichen Gründen gut sein kann. Nur für die Miete mache ich eigentlich nichts. Aber da ich die Bücher vorher nicht lese, kann auch mal eine Niete dabei sein. Ich hatte bisher aber großes Glück: von den inzwischen über vierzig Büchern, die ich übersetzt habe, fand ich nur zwei richtig schlecht.”

Ähnlich verhält es sich übrigens mit Peter Torberg, der etwa Adrian McKinty oder Daniel Woodrell übersetzt. Oder Daniel Ray Pollock. In meiner intensiven Thriller-Phase bin ich andererseits immer wieder bei Büchern gelandet, die von Wulf Bergner (z.b. Jack-Reacher-Serie von Lee Child) übersetzt wurden. Das ist bestimmt kein Zufall.

Welch außergewöhnliche Arbeit Übersetzer leisten, zeigt auch das Beispiel Don Winslow, der nicht nur von der genialen Conny Lösch übersetzt wird, sondern auch von Chris Hirte. Hirte hat etwa “Tage der Toten”, “Frankie Machine” und “Die Sprache des Feuers” übersetzt, während Lösch “Zeit des Zorns”, “Kings of Cool” sowie die Surfer-Krimis rund um Boone Daniels und neuerdings die Serie um Neal Carey übersetzt hat. Beide Übersetzer werden Winslow absolut gerecht.

Ich habe gerade Winslows “Tage der Toten” zum zweiten Mal gelesen, um mich auf “Das Kartell” einzustimmen – abwechselnd ein paar Seiten auf Deutsch, dann wieder auf Englisch. Und da sieht man schon, dass das große Kunst ist. Der Übersetzer kann ja nicht einfach nur zusammenhangslos einen Satz nach dem anderen ins Deutsche übersetzen, sondern muss viel mehr leisten. Er muss die Atmosphäre transportieren, muss das einzigartige Gefühl zwischen den Zeilen vermitteln, muss dem Original-Autor gerecht werden. Natürlich kann man jetzt diskutieren, wie originär die Leistung des Übersetzers ist. Aber eines steht fest: Ein schlechter Übersetzer kann ein wirklich gutes Buch zerstören. Dann wirkt alles unrund, passt nicht so ganz, die Atmosphäre fehlt.

Kann also der Übersetzer sogar das Originalwerk verbessern? Diese Frage stellte die Deutsche Welle 2006 dem Umberto-Eco-Übersetzer Burkhart Kroeber. Dieser hat meiner Meinung nach eine sehr schöne Antwort gegeben: “Denn wie Umberto Eco es selbst einmal so schön beschrieben hat: Ein Autor, der einen Roman schreibt, muss zunächst eine ganze Welt erfinden – nicht nur die Sprache, in der sich diese Welt ausdrückt, sondern das gesamte Konstrukt. Erst wenn die Architektur dieser Welt vollständig entwickelt ist, wenn das Gebäude steht, erst dann kann er sich der Fassade – der Sprache – widmen. Wir Übersetzer müssen kein ganzes Haus neu bauen, wir können uns gleich voll und ganz der Fassade widmen. Insofern kann es durchaus in bestimmten Konstellationen dazu kommen, dass ein für sich wunderbarer Roman in einer übersetzten Fassung sprachlich eine kleine Spur gelungener erscheinen mag.”

Ich finde das auch nicht anmaßend, es ist ein wunderbares Bild für die Arbeit des Übersetzers.

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Howard Linskey: Gangland

(c) Knaur

(c) Knaur

Mit seinem starken Krimidebüt “Crime Machine” hat Howard Linskey die Latte sehr hoch gelegt. Ich wählte das Buch daher auf Platz drei meiner Lieblingskrimis des Jahres 2012. In seinem Debüt wandelte sich David Blake vom Berater und Saubermann in der Truppe rund um den Newcastler Gangster Bobby Mahoney zum obersten Verbrecherboss. Das las sich mitunter brutal, gleichzeitig überzeugte Linskey durch starke Dialoge und trockenen Humor.

Nun liegt Teil zwei der Gangster-Saga rund um David Blake vor: “Gangland”. Übersetzt hat das Buch erneut Conny Lösch – für mich ist das ein Qualitätsmerkmal schlechthin, wie ich hier ohnehin immer wieder betone, da sie bislang fast nur außergewöhnliche Bücher des Krimigenres übersetzt hat. Es mag sein, dass manche, die von “Crime Machine” begeistert waren, dies nun bei “Gangland” nicht mehr sein werden. Das liegt vor allem daran, dass die Originalität des ersten Buches nur schwer ein zweites Mal wiederholt werden kann. Denn nun geht es Blake um die Absicherung seiner Macht – mit allen Mitteln. Das wirkt wenig sympathisch – und ist es ja auch nicht.

Blake geht einem blutigen Gewerbe nach. Und genau als ein solches empfindet er sein verbrecherisches Dasein. Zwischendurch hat man das Gefühl, Blake sei ohnehin nur so etwas wie ein Firmenchef – fast schon ein Guter unter Bösen. Die Ökonomie der Newcastler Unterwelt nimmt einen großen Platz in dem Gangsterkrimi ein:

“Je mehr Geld man verdient, desto schwieriger wird es, da muss man den Behörden über jeden Penny Rechenschaft ablegen. Das Problem ist so alt wie mein Beruf. Ich sage nur: Al Capone. Hätte er seine Steuern gezahlt, hätten sie ihn niemals drangekriegt.”

Blake will kein blutdurstiger Gangster sein, vielmehr spricht er von “Umstrukturierungsmaßnahmen” und weltweiten Operationen. Er “sorgt” sich um seine Angestellten. Er hat es gern zivilisiert – zögert aber gleichzeitig nicht, harte Entscheidungen mit brutalen Konsequenzen zu treffen. Und gerade hier liegt eine der Stärken des Buches. Blake eignet sich nicht wirklich zum Sympathieträger – er widerlegt vielmehr die Mär vom guten Gangster. Umso mehr er seine Taten vor sich selbst als notwendig rechtfertigt, umso mehr wird er zu jenem kaltherzigen Gangster, der er nie sein wollte.

Zugegeben, “Gangland” ist nicht so gut wie “Crime Machine”. Zu oft springt Blake dem Tod in allerletzter Sekunde von der Schaufel und auch über Linskeys Frauenbild ließe sich streiten. Das ändert aber nichts daran, das mich auch Teil zwei in den Bann gezogen hat und ich gespannt auf Teil drei (im Original: “The Dead” – ob uns der Titel etwas verraten soll?) warte.

7 von 10 Punkten

Howard Linskey: “Gangland”, übersetzt von Conny Lösch, 412 Seiten, Knaur.

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Krimis, die man 2014 lesen sollte (VIII)

(c) Metrolit

(c) Metrolit

Es freut  mich besonders, dass ausgerechnet mein Geburtsmonat August viele wirkliche Crime-Fiction-Highlights zu bieten hat. Gleichzeitig zeigt sich an folgenden Bücher auch wieder einmal, wie vielseitig dieses Genre ist. Nic Pizzolatto ist mit “Galveston” (ab 18. August erhältlich) ein absolutes Pflichtbuch für mich. Der Drehbuchautor der HBO-TV-Serie “True Detective” hat diesen Noir – der Noir angeblich neu definiert – kurz vor seinem großen TV-Erfolg geschrieben. Dem Metrolit-Verlag ist da ein großer Coup gelungen, denn offenbar sicherte er sich die Rechte bereits vor dem großen Hype.

toetedeinenchefUnd wieder einmal vertraue ich auf die Übersetzerin Conny Lösch. Sie hat Shane Kuhns “Töte deinen Chef” (ab 20. August im Handel) übersetzt. Der Verlagstext: “Als Killer ist John Lago einer der besten. Angestellt ist er bei einer »Personalagentur«, die ihre Leute in Firmen einschleust, um dort die richtig dicken Fische auszuschalten. Für ihre Aufträge haben die Killer die beste Tarnung – sie sind Praktikanten. So kommt man an Informationen, erhält Zugang zu den wichtigen Bereichen und kann nach Erledigung des Jobs spurlos verschwinden. Denn wer wird sich schon an den Namen des unscheinbaren Praktikanten erinnern? Mit fünfundzwanzig ist John nun im Rentenalter seiner Profession und soll seinen letzten Auftrag in einer von Manhattans renommiertesten Anwaltskanzleien erledigen.” Klingt vielversprechend, kann aber auch genial scheitern…

(c) Tropen

(c) Tropen

Wo der Name Joe R. Lansdale draufsteht, kann eigentlich nichts schiefgehen. Ab 23. August ist sein neues Buch “Das Dickicht” erhältlich. Der Verlagstext: “Allein in einer gewalttätigen Welt, muss Jack schnell erwachsen werden, wenn er seine Schwester retten will. Und er braucht dringend Hilfe, die beste, die er kriegen kann. Aber die einzigen Kopfgeldjäger, die zur Verfügung stehen, sind Shorty, der Zwerg, und Eustace, der Sohn eines ehemaligen Sklaven. Zusammen mit Jimmie Sue, einer genauso klugen wie käuflichen Dame, nehmen sie die Verfolgung in eine berüchtigte Gegend auf: das Dickicht. Dort sprudelt aus den ersten windschiefen Bohrtürmen illegal das flüssige Gold, doch Jack ist fest davon überzeugt: Blut ist dicker als Öl.” Das klingt nach einer spannenden Ausgangssituation.

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

Dazu passend erscheint von Bruce Holbert “Einsame Tiere” (ab 25. August). Der Verlagstext: “Okanogan County, Anfang der 1930er Jahre. Eigentlich hat sich Sheriff Russel Strawl zur Ruhe gesetzt. Er ist müde geworden, seine Hände zittern beim Schießen. Doch dann kommt es im Indianerreservat zu einer Reihe grausamer Ritualmorde, und Strawl soll ermitteln. Ein letztes Mal noch steigt er in den Sattel – und begibt sich in einen Abgrund der Gewalt. Dort holt ihn auch seine eigene Vergangenheit ein.” Das klingt jetzt nicht weniger spannend und könnte eine feine Abrundung zu Lansdales Buch sein.

(c) Kriminalroman Nautilus

(c) Kriminalroman Nautilus

Declan Burke hat sich als Mitherausgeber von “Books to die for” für mich ohnehin fast unsterblich gemacht. Nun erscheint sein Krimi “Absolute Zero Cool” (ab 27. August), der perfekt mit dem Genre spielt. Der Verlag schreibt: “Absolute Zero Cool stellt alle Traditionen des Krimigenres auf den Kopf und begeistert und verstört in gleichem Maße. Der Roman ist ein witziger selbstreflexiver Angriff auf das Genre selbst, eine einfallsreiche Story über die Fähigkeit des menschlichen Geistes, nicht nur schöpferisch, sondern auch zerstörerisch zu sein.” Und noch so ein Pflichtbuch 😉

(c) Polar

(c) Polar

Und auch um das letzte Buch, das ich hier vorstelle, werde ich nicht herumkommen. Gene Kerrigans “Die Wut” (ab 25. August) wurde 2012 mit dem “Golden Dagger Award” ausgezeichnet. Das allein wäre Grund genug, das Buch zu lesen. Ein anderer gewichtiger Grund ist der Verlag Polar, der in den nächsten Monaten (zur Verlagsvorschau) eine Reihe spannender Bücher herauszugeben scheint. Nicht vorenthalten will ich ein Zitat von Polar-Verleger Wolfgang Franßen, weil es ziemlich gut meinen momentanen Lesegeschmack trifft:

“Wir suchen keine reinen Whodunitautoren, bei denen der Kniff, der Clou, das Rätsel im Mittelpunkt steht. Keine kriminell aufgehübschte Comedy. Keine Dörfer, um zu zeigen wie schön es auf dem Land doch ist. Keine Ideologie, keine Morde auf Rezept, keine Weinprobe mit anschließendem Ersticken. Kein Schwelgen in Melancholie, Sehnsüchten oder Happy Ends, die das Jetzt ausklammern Auch keinen Soziokrimi, kein ödes Nachstellen der realen Ereignisse, keine Kolportage und keine Agitprop. Der Polar erzählt von den Umständen eines Verbrechens, nicht vom bloßen Töten als Blutorgie. Der Polar ist und bleibt die Literatur der Krise.”

 

 

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Ian Rankin: Mädchengrab

(c) Manhattan

(c) Manhattan

17 John-Rebus-Romane hat der Schotte Ian Rankin geschrieben und sich damit Kultstatus erarbeitet. Der Autor musste seine Figur aber erst nach fünfjähriger Pause wiederauferstehen lassen und den 18. Band seiner Reihe schreiben, ehe ich es nun geschafft habe, mit “Mädchengrab” meine Rankin-Rebus-Premiere zu feiern. Und ich muss zugeben: Ich bin begeistert. Das Buch mag sich zwar nicht genial auflösen, aber ich habe selten ein derart atmosphärisch dichtes Werk gelesen, das auch mit gekonnter Charakterzeichnung auftrumpft. Rankin ist weit weg von der schwedischen Krimi-Tristesse, mit der ich persönlich meine Probleme habe. Da schwingt auch immer wieder feiner Humor einer Art durch, wie ihn wohl wirklich nur Briten haben.

Ein kurzer Exkurs: Besonders hervorheben will ich hier auch die Übersetzerin Conny Lösch, die bereits einige Werke von Don Winslow, aber auch “Crime Machine” von Howard Linskey übersetzt hat. Ich würde sogar sagen: Ein Buch, das Lösch übersetzt hat, kann man eigentlich blind kaufen. Ich habe noch keines gelesen, das nicht gut war. Ich werde daher demnächst hier auch mal einen Beitrag über die Bedeutung von Übersetzern am Beispiel Lösch schreiben.

Nun aber zurück zu Rankin und Rebus. Das Buch ist dem 2011 verstorbenen Folk-Sänger Jackie Leven, einem guten Freund Rankins, gewidmet. Das spiegelt sich auch im Originaltitel “Standing in Another Man’s Grave”, eine Anspielung an einen Levin-Songtitel, wieder. Wenn Rebus am Beginn des Buches am Rand eines Grabes steht, ist das ein wenig wohl auch eine literarische Verbeugung Rankins vor seinem singenden Freund. Übrigens wird sich auch der Titel von Rebus-Roman Nummer 19 – der im November 2013 auf Englisch erscheint – auf einen Song von Levin beziehen: “Saints of the Shadow Bible”.

Zur Handlung: Der ehemalige Detective Inspector John Rebus ist in Rente gegangen. In einer “Cold Case”-Abteilung der Polizei geht er aber ungelösten Fällen nach. So stößt er auch auf den Fall vier verschwundener Mädchen. Im Zuge der Ermittlungen hat Rebus auch mit seiner ehemaligen Kollegin Siobhan Clarke zu tun, die ihm hilft, obwohl sich das für ihre Karriere eher als hinderlich erweist. Ein großer Teil des Charmes des Buches wurzelt in der spannungsgeladenen Beziehung zwischen Rebus und Clarke – Rankin-Fans wissen sicher viel mehr über die Entwicklung und die Geschichte der beiden. Man kann das aber auch ganz gut lesen, ohne die Vorgeschichte zu wissen.

Rankin hat zudem den internen Ermittler Malcolm Fox, der korrupten Polizisten das Handwerk legt, in die Handlung von “Mädchengrab” eingebaut. Nachdem Rankin Rebus in Rente geschickt hatte, erschuf er mit Fox eine neue Figur. Nun führt er diese beiden zusammen. Fox bleibt aber ziemlich farblos, die Sympathien liegen ganz eindeutig bei Rebus.

Rankin hat mit “Mädchengrab” einen packenden Krimi mit viel Lokalkolorit, dichter Atmosphäre und glaubwürdigen Charakteren geschrieben. Das Buch mag zwar nicht sein Meisterwerk sein, aber aus der Krimi-Publikationsflut strahlt es immer noch wie ein Leuchtturm hervor. Für mich steht fest: Das war sicher nicht mein letzter Rankin-Roman und auch nicht mein letzter Rebus-Roman. Da ich Rankin aber noch von anderen Seiten kennenlernen will, habe ich mir “Bis aufs Blut” (geschrieben als Jack Harvey) bestellt. In dem Buch steht ein Killer im Zentrum der Geschichte.

Einziger Kritikpunkt: Das Cover mit dem toten Vogel steht in keinem Zusammenhang mit dem Buch. Ich zitiere dazu aus der Rezension der Krimibuchhandlung Hammett, die es auf den Punkt bringt: “Wieder ein toter kleiner Vogel auf weißem Grund, natürlich noch mit ein paar Blutstropfen drapiert. Warum nur? Warum sind die Covergestalter seit Jahren nur so von diesen Tieren besessen?”

Ian Rankin: “Mädchengrab”, übersetzt von Conny Lösch, Manhattan, 507 Seiten.

8 von 10 Punkten

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