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Carlo Lucarelli: Hundechristus

(c) Folio Verlag

Bologna im Jahr 1943, Italien befindet sich im Krieg. Bei einer Razzia stürzt Commissario De Luca im Dunkeln. Das rettet ihm das Leben, denn ein Querschläger streift ihn am Nacken. “Als er aufstehen wollte, rutschten seine Hände in einer Lache aus klebrigem Zeug aus.” Vermutlich hat er beim Hinfallen einen Topf mit Zuckersirup umgestoßen, sind die ersten Gedanken des Polizisten. Doch kurz darauf wird klar, dass er auf etwas anderes gefallen ist: Eine Leiche – ohne Kopf.

De Luca muss feststellen, dass in Zeiten des Krieges das Interesse an einem Toten mehr oder weniger nicht allzu groß ist. Daran ändert sich auch nichts, als er es schon bald mit vier Leichen zu tun hat. Zumal die Spur zu einer einflussreichen Allianz von Gegnern führt: Schwarzhändlern, der faschistischen Miliz und Kokainhändlern mit Beziehungen zum Adel. Als dann auch noch Benito Mussolini gestürzt wird, besteht plötzlich Hoffnung, dass der Krieg rasch enden könnte. Doch im Endeffekt wird die Lage noch unübersichtlicher.

Was ist der Preis für die Suche nach der Wahrheit?

Der italienische Krimiautor Carlo Lucarelli porträtiert mit seiner Hauptfigur De Luca einen Aufrechten, der sich der Frage stellen muss, welchen Preis er für die Suche nach der Wahrheit zu zahlen bereit ist. Denn eines ist klar: Sauber bleiben kann hier niemand. Lucarelli beleuchtet auch das Privatleben des Polizisten, der in einer Liebesbeziehung steckt. An dieser Nebenfront wird er letztlich ebenfalls vor die Wahl gestellt, was ihm wichtiger ist: Sein Beruf, der ihm alles bedeutet – oder die Liebe.

Der Autor liefert keine einfachen Antworten. Vielmehr zeigt er auf, welch schmerzhaften Entscheidungen De Luca unweigerlich treffen muss. Unbehagen ist das bestimmende Gefühl bei der Lektüre dieses Buches. Man wird es niemals los. Denn wie auch immer sich der Polizist entscheidet, er kann eigentlich nur verlieren. Es bleiben zwei zentrale Fragen: Kann man in einem faschistischen System bis zu einem gewissen Grad auch weiterhin normal und korrekt seine Tätigkeit als Polizist erledigen? Oder ist das nur eine Illusion, die man aufrecht erhalten muss, um nicht verrückt zu werden? Die Antworten muss der Leser selbst finden.

Auf eine andere Frage findet der Leser allerdings eine Antwort: Was zum Teufel ist der titelgebende Hundechristus? Lesen!

Alles in allem werde ich immer mehr zu einem Fan italienischer Kriminalliteratur. Sowohl die Bücher von Massimo Carlotto (“Am Ende eines öden Tages”) als auch Paolo Roversi (“Milano Criminale”, “Schwarze Sonne über Mailand”) wirken bei mir auch Jahre nach der Lektüre immer noch nach.

7 von 10 Punkten

Carlo Lucarelli: “Hundechristus”, übersetzt von Karin Fleischanderl, Folio Verlag, 270 Seiten.

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Camilleri, De Cataldo, Lucarelli: Richter

 

(c) Klett-Cotta

(c) Klett-Cotta

“Richter” ist eine Hommage der drei italienischen Krimiautoren Andrea Camilleri, Giancarlo De Cataldo und Carlo Lucarelli an diesen titelgebenden Berufsstand. Jeder der drei hat in dem Erzählband eine Kurzgeschichte beigetragen. Herausgekommen ist eine lesenswerte Anthologie, die Leben, Leiden und Leidenschaft italienischer Richter nachvollzieht. Und das auf nur 172 Seiten, die aber umso eindringlicher wirken. Das liegt auch an den unterschiedlichen Zugängen der drei Autoren.

Camilleri lässt mit “Richter Surra” einen Kämpfer für Gerechtigkeit in Sizilien gegen die Mafia antreten. Mit Charme und Witz erzählt er von dem naiven Richter, der nur durch Glück Anschläge auf sein Leben überlebt und unbeirrt seinen Weg geht.

Lucarelli erzählt in “Bambina” von einer Ermittlungsrichterin in Bologna um das Jahr 1980. Aus seiner Geschichte in realistischem Erzählstil stammt auch das folgende Zitat:

“Wenn ein Richter zu viel weiß, aber noch nichts in der Hand hat, kommt es vor, dass sie ihn abknallen.”

De Cataldo, selbst Richter, schildert wiederum den “dreifachen Traum des Staatsanwalts”. Es ist die Geschichte eines unbeugsamen Staatsanwalts, der seinen Kampf gegen die Korruption einfach nicht aufgeben kann. Nie ist aber ganz klar, was er träumt und was er nun tatsächlich erlebt.

Die drei Geschichten eint der Glaube an das Wirken der wenigen Unbeugsamen da draußen, die gegen alle Widerstände versuchen, für Gerechtigkeit zu sorgen – und dieses Unterfangen immer wieder mit privaten Turbulenzen (Beziehungsproblemen…) oder sogar dem Tod (siehe Falcone) bezahlen. Und sie sind, wie bereits eingangs erwähnt, eine literarische Hommage an den Berufsstand der Richter. Ideal für den Italien-Urlaub.

6 von 10 Punkten

Andrea Camilleri, Giancarlo De Cataldo, Carlo Lucarelli: Richter, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Klett-Cotta, 172 Seiten.

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