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Spät, aber doch: Meine Lieblingskrimis 2019

Da dieser Blog Anfang des Jahres fast das Zeitliche gesegnet hätte, habe ich auch meine Lieblingskrimis des Vorjahres niemals zusammengefasst. Ich will das nun nachholen. Es wäre wirklich schade, diese Liste nicht verfasst zu haben, es waren so viele tolle Krimis dabei!

Ein Detail noch: die Bücher auf Platz eins bis drei habe ich eigentlich gleich geliebt – würde ich die Liste morgen verfassen, wäre die Reihenfolge wohl eine andere, und übermorgen wieder eine andere …

(c) Unionsverlag

Platz 10 – Garry Disher: “Kaltes Licht”

Als eine giftige Schlange unter einer Betonplatte vor ihrem Haus verschwindet, ruft eine besorgte Melbourner Familie einen Schlangenfänger, der prompt eine Leiche zu Tage befördert. Krimiautor Garry Disher greift in “Kaltes Licht” auf keine seiner beiden Serienfiguren – den Polizisten Hal Challis und den Berufsverbrecher Wyatt (siehe Platz 9) – zurück, sondern auf Alan Auhl, einen in die Jahre gekommenen Polizisten, der sich boshafte Scherze seiner Kollegen gefallen lassen muss. Ein feinfühliger Kriminalroman mit dem zentralen Thema (Un-)Gerechtigkeit.

(c) Pulp Master

Platz 9 – Garry Disher: “Hitze”

Mit dem Berufskriminellen Wyatt hat Garry Disher eine Figur ganz in der Tradition von Richard Starks “Parker” geschaffen. Beide Männer haben keinen Vornamen, sind knallharte Verbrecher und verabscheuen nichts mehr als Stümperei.

In “Hitze” soll Wyatt ein Bild stehlen, und wieder einmal kann er seinen Komplizen nicht trauen.

(c) Pendragon

Platz 8 – Wallace Stroby: “Der Teufel will mehr”

“Der Teufel will mehr” ist der vierte Teil um die nüchtern kalkulierende Berufsverbrecherin Crissa Stone. US-Autor Wallace Stroby hat sich von Band zu Band gesteigert und seiner Antiheldin, die sich unter den Unterweltalphamännchen beweisen muss, zunehmend Ecken und Kanten verliehen. Wer Stones kriminellen Werdegang verfolgt, kann aber nur zu einer Erkenntnis kommen: Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Vor allem aber darf man Komplizen niemals trauen. Mit anderen Worten: Verbrechen lohnt sich nicht. Lesen schon.

(c) Ars Vivendi

Platz 7 – George Pelecanos: “Prisoners”

Michael Hudson entdeckt im Gefängnis das Lesen und will, endlich wieder in Freiheit, seinem Leben eine positive Wendung geben.  US-Autor George Pelecanos hat einen überzeugenden Kriminalroman über zwei Männer geschrieben, die versuchen, das Richtige zu tun. So ganz nebenbei ist “Prisoners” eine Hommage an die Macht guter (Kriminal-)Literatur.

(c) Edition Raetia

Platz 6 – Clementine Skorpil: “Max Leitner, Ausbrecherkönig”

Clementine Skorpil kann also nicht nur historische China-Krimis (“Gefallene Blüten”, “Guter Mohn, du schenkst mir Träume”, Kurztext zu “Langer Marsch”), sondern auch zeitgenössischen Südtirol-True-Crime-Krimi. So könnte man es nach der Lektüre von “Max Leitner, Ausbrecherkönig” formulieren. Vor allem zeigt das Buch aber, wie man Dichtung und Wahrheit perfekt miteinander verbinden kann.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 5 – Adrian McKinty: “Cold Water”

Band sieben der genialen Sean-Duffy-Reihe: Eigentlich geht der “katholische Bulle” Duffy in “Cold Water” in die wohlverdiente Altersteilzeit.

Mit Frau und Kind zieht er im Jahr 1990 aus dem politisch gebeutelten Nordirland nach Schottland, um nur mehr sieben Tage im Monat für die Polizei im nordirischen Carrickfergus zu arbeiten.

(c) Ariadne

Platz 4 – Tawni O’Dell: “Wenn Engel brennen”

Dove Carnahan, vor Kurzem 50 Jahre alt geworden, ist Polizeichefin von Buchanan, einem Ort mitten in einer vom exzessiven Kohleabbau zerstörten Landschaft. Verwüstet sind hier aber vor allem die Menschen: Sie sind feindselig, verhärmt und wortkarg. Doch Autorin Tawni O’Dell porträtiert ihre gewöhnungsbedürftigen, oft unsympathischen Figuren ausgewogen. “Wenn Engel brennen” überrascht bei allem Realismus mit trockenem Humor und unverhofftem Optimismus.

(c) Ariadne Verlag

Platz 3 – Sarah Schulman: “Trüb”

Maggie Terry, eine Ex-Polizistin, wäre an ihrer Alkohol- und Drogensucht fast zugrunde gegangen. Man will dieser Maggie Terry aufmunternd auf die Schulter klopfen, um im nächsten Moment an ihr zu verzweifeln. Selten war Trostlosigkeit so hoffnungsvoll, und auch Komik und Ernst sind in diesem Roman eineiige Zwillinge. Das Buch ist intim, fesselnd, komisch, traurig, aufwühlend – kurz: “Trüb” ist grandios.

(c) Liebeskind

Platz 2 – Lisa McInerney: “Blutwunder”

Lisa McInerney erzählt in “Blutwunder” zwar von trostlosen Milieus, allerdings kommt niemals das Gefühl von Tristesse auf. Sie hat jedenfalls die irische Hafenstadt Cork auf die Krimi-Landkarte geholt. Während McInerneys Bücher für den lokalen Tourismusverband aber eher das Worst-Case-Szenario darstellen dürften, profitieren die Leser von ihrem feinen Gespür für Menschen und Details. Empathisch porträtiert sie Dealer, Prostituierte und Sozialhilfeempfänger als facettenreiche Persönlichkeiten, die einen zweiten Blick wert sind – mit all ihren hässlichen wie liebenswerten Seiten.

(c) Ariadne Verlag

Platz 1 – Hannelore Cayre: “Die Alte”

Die Mittfünfzigerin Patience Portefeux hört als Dolmetscherin tagtäglich für die französische Kriminalpolizei Telefonate ab, um diese zu übersetzen. Da erfährt sie eines Tages aufgrund eines abgehörten Telefonats von Dingen, die ihre Geldsorgen mit einem Schlag beseitigen könnten.

Sie lässt diese Chance nicht ungenützt verstreichen, gerät aber in einen Strudel unabsehbarer Folgen, die sie selbst bald in Gefahr bringen. “Die Alte” erinnert ein wenig an “The Wire” und “Breaking Bad”, allerdings hat Autorin Hannelore Cayre etwas ganz Eigenständiges geschaffen, mit dem man möglicherweise in Zukunft andere Kriminalromane wird vergleichen können: Eine realistische Krimikomödie.

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Lisa McInerney: Blutwunder

(c) Liebeskind

Voriges Jahr ist Lisa McInerneys Debüt “Glorrreiche Ketzereien” erschienen. Ich habe das Buch nicht gelesen – definitiv ein Fehler. Denn “Blutwunder”, Band zwei ihrer in Cork spielenden Unterwelt-Trilogie, hat mich auf allen Ebenen überzeugt. Die Irin blickt vor allem tief in das Herz ihrer Figuren, da ist nichts Schablonenhaftes dabei.

Es beginnt schon mit dem ersten Satz:

„Wie so vieles, was Ryan verkackt, geht es mit Ecstasy los.“

Und so viel sei verraten, Kleindealer Ryan Cusack wird so gut wie alles verkacken. Die Hauptfiguren sind weitgehend dieselben wie bei “Glorreiche Ketzereien”, deren chaotische Lebensumstände ebenfalls. Wer geglaubt hat, dass Cusack, der schon im Debütroman immer tiefer abgerutscht ist, nicht noch weiter sinken kann, der wird sein Wunder erleben.

Denn als ihn Langzeitfreundin Karine abserviert, torkelt Ryan noch vor der Tür des Nachtclubs in die Arme von Natalie, mit der er umgehend Sex haben wird. Beziehungsprobleme werden aber schon bald seine geringste Sorge sein. Ein paar Beispiele gefällig? Sein Boss, der aufstrebende Drogendealer Dan Kane, übt Druck auf ihn aus. Ein mit der neapolitanischen Camorra eingefädelter Ecstasy-Deal läuft schief. Und ausgerechnet Kanes Konkurrent Jimmy Phelan, der die Drogengeschäfte in Cork kontrolliert, will Ryan, über den er belastende Dinge weiß, für seine Interessen nutzen. Von der Lebensmüdigkeit nach dem Tod seiner Mutter sowie dem schwierigen Verhältnis zu seinem dahinvegetierenden Vater, Tony, gar nicht erst zu reden.

Ryan, der nette Dealer von nebenan

Herausragend ist, dass McInerney zwar von trostlosen Milieus erzählt, niemals aber das Gefühl von Tristesse aufkommt. Ihre Bücher als Krimigrotesken zu bezeichnen, würde ihnen aber ebenso wenig gerecht werden wie irgendwelche anderen verkaufsträchtigen Image-Stempel. McInerney hat die irische Hafenstadt Cork auf die Krimi-Landkarte geholt und damit Ähnliches geleistet wie Adrian McKinty für das nordirische Belfast. Während McInerneys Bücher für den lokalen Tourismusverband aber eher das Worst-Case-Szenario darstellen dürften, profitieren die Leser von ihrem feinen Gespür für Menschen und Details. Empathisch porträtiert sie Dealer, Prostituierte und Sozialhilfeempfänger als facettenreiche Persönlichkeiten, die einen zweiten Blick wert sind – mit all ihren hässlichen wie liebenswerten Seiten.

Lisa McInerney beschreibt präzise und verurteilt nicht. Das alles geschieht mit einer Lässigkeit und Leichtigkeit, die staunen lässt. Ryan betreibe „das Geschäft junger, wilder Kerle überall auf der Welt“, heißt es an einer Stelle, „das Verschieben illegaler Rauschmittel aus seinen prekären Kreisen in die Hände, Münder und Nasen derer, die es besser wissen sollten“. Er gebe sich „großkotzig, um den Umstand zu verbergen, dass er weder frei atmen noch gut schlafen kann“.

Es ist der ganz eigene, schräge Blick der Schriftstellerin auf die Dinge, der so angenehm abweicht von all den durch Creative-Writing-Schulen gegangenen, angepassten Kriminalschriftstellern, die vorhersehbare, nach immer gleichen Formeln und Mustern funktionierende Spannungsromane produzieren. Die Figuren sind nicht auf Funktionen reduziert. Die Irin porträtiert Unterweltbosse als Söhne, Dealer als verliebte Narren und Frauen generell als selbstbewusste Störenfriede männlich dominierter Gesellschafts- und Unterweltstrukturen.

Lisa McInerney bei der Wiener Kriminacht

Vor wenigen Tagen, am 15. Oktober, hat Lisa McInerney im Zuge der Kriminacht in Wien in der Hauptbücherei aus ihrem Buch gelesen – in Anwesenheit des irischen Botschafters übrigens, der betonte, beide Bücher gelesen zu haben. Es ist immer wieder spannend, Autoren und Autorinnen, die man nur von irgendwelchen kleinen Fotos im Buch kennt, tatsächlich aus ihren Werken lesen zu hören/sehen. Das macht deren Bücher einfach noch einmal begreifbarer.

McInerney betonte ihr Prinzip: “Character first”, der Plot sei nur zweitrangig. Das kann man beim Lesen spüren, wobei ich auch den Plot überzeugend fand. Sehr interessant auch, dass sich die Autorin ihrer Figur Maureen am nähesten fühlt – diese könnte eine ältere, hexenhafte Ausgabe von ihr selbst sein, meinte sie scherzend. An ihrer Hauptfigur Ryan verzweifle auch sie selbst immer wieder, dennoch mache es Spaß ihn bei seiner literarischen Abwärtsspirale zu begleiten. Über das Schreiben generell sagte sie, das schönste Gefühl sei das abschließende, ein Buch geschrieben zu haben. Das Schreiben selbst sei schwere Arbeit, sie zwinge sich daher auch tagtäglich zu den gleichen Zeiten an den Schreibtisch. Zum Glück! Ach ja, der abschließende Teil der Trilogie sei so gut wie fertig und liege in den Händen ihres Lektors. Noch eine gute Nachricht also.

10 von 10 Punkten

Lisa McInerney: “Blutwunder”, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind, 336 Seiten.

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