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S. A. Cosby: Blacktop Wasteland

(c) Ars Vivendi

Noir nennt sich heutzutage schnell etwas. Doch “Blacktop Wasteland” ist wirklich ein überzeugendes Stück Noir. Wenn man will, kann man diesen harten Genreknochen auch als Neo-Noir titulieren. Denn noch selten hat man einen derartig actiongeladenen Noir gelesen. Die Auto-Verfolgungsjagden erinnern frappant an die Action-Filmreihe “Fast and Furious”. Und noch ein uramerikanischer Wert eint Filmserie und Buch: family – Familie ist alles.

Zoomen wir gleich in das Buch. “Wenn du in Amerika schwarz bist, trägst du jeden Tag die Last der niedrigen Erwartung anderer Leute mit dir herum.” So klingt es, wenn Beauregard “Bug” Montage seinen zwölfjährigen Sohn Javon davon überzeugen will, dass Bildung wichtig ist. Der selbst großteils vaterlos aufgewachsene Bug weiß, wovon er spricht. Er saß mehrere Jahre im Jugendgefängnis und versucht verzweifelt, als Automechaniker ein ehrliches Leben zu führen.

Doch das ist einfacher gesagt als getan. Eine neue Konkurrenz-Werkstatt und dadurch ausbleibende Kunden führen zu notorischer Ebbe in der Kasse, das Pflegeheim seiner Mutter wiederum saugt das spärlich hereinkommende Geld wie ein Schwamm auf. Als der wenig vertrauenserweckende Ronnie auftaucht und ihm einen Job als Fluchtwagenfahrer bei einem Überfall auf ein Juweliergeschäft anbietet, hat er, genau genommen, keine Wahl.

Bug ist nicht naiv, er weiß wie der Hase läuft: Unter Dieben gibt es keine Ehre. Und natürlich wird nichts so laufen wie geplant. Doch Bug ist gewappnet – wie aussichtslos die Situation auch gerade sein mag. Und das wird sie des öfteren sein.

Seziermesserscharfe Porträts

S. A. Cosby porträtiert seine Figuren punktgenau. Rasiermesserscharf, nein: seziermesserscharf. Über Ronnies Herkunft schreibt er etwa: “Wenn man in Armut aufwuchs, gewöhnte man sich ans Warten. Warten auf den Sozialhilfescheck in der Posten, warten auf die Almosen der Kirche, Warten, dass die Gemeindemitglieder einen mit ihrer säuerlichen Mitleidsmiene ansahen (…).”

Der Autor erzählt aber auch viel über Söhne und Väter und deren nicht immer einfaches Verhältnis. Bug etwa gerät letztlich in das ganze furchtbare Schlamassel nur, weil er sich von jenem Auto nicht trennen kann, das einst seinem Vater Anthony, der schließlich spurlos verschwand, gehörte. Dabei wusste der von seinem Sohn vergötterte Vater nicht einmal die wichtigsten Dinge aus dem Leben seines Filius. “Alles klar. Wir besorgen dir den größten Erdbeershake, den sie haben”, sagt Anthony einmal. Dabei ist Bugs Lieblingssorte Schoko, wie er enttäuscht flüstert. Als er später in der Geschichte einen Schokoshake haben will, antwortet der Vater: “Klar. Immer wieder was Neues.” Er weiß einfach nichts über seinen Sprößling.

Bug will daher bei seinen Söhnen alles richtig machen. “Ich habe mich sehr angestrengt, ein besserer Vater zu sein. Aber es ist fast so, als hätte ich meine Jungs mit einer Krankheit angesteckt”, muss er resigniert feststellen, nachdem sein zwölfjähriger Sohn Mist gebaut hat – letztlich auch, weil er so handelt, wie er glaubt, dass Bug handeln würde. Welche Krankheit? “Neigung zu gewalttätiger Konfliktlösung.” Eine Erkenntnis bleibt aber am Ende: Auch ein schlechter Vater ist besser als kein Vater.

10 von 10 Punkten

S. A. Cosby: “Blacktop Wasteland”, übersetzt von Jürgen Bürger, Ars Vivendi, 320 Seiten.

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