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Meine Lieblingskrimis des Jahres 2018

Bislang habe ich mich immer in das Korsett der besten 10 Krimis des Jahres gepresst. Das ist einerseits gut, weil man die besten Bücher herausdestilliert. Gleichzeitig ist es jedes Jahr eine Qual, darum lege ich diesmal vier weitere Bücher drauf. Und dabei sind hervorragende Bücher wie Mick Herrons Spionageroman “Slow Horses” nicht einmal dabei! Hier also meine 14 Lieblingskrimis des Jahres.

(c) Heyne

Platz 14: Susanne Saygin – “Feinde”

Fünf Jahre lang hat Susanne Saygin für ihr Krimi-Debüt recherchiert. Das merkt man auf jeder Seite. Die Autorin mit deutsch-türkischen Wurzeln lässt in “Feinde” den Polizisten Can, der von ständigen Migräne-Attacken gequält wird, und seine lesbische Chefin Simone in einem Doppelmord im Roma-Milieu ermitteln. Die beiden stoßen auf eine Mauer des Schweigens.

Sehr authentisch erzählt Saygin davon, wie die triste Realität für Minderheiten in Deutschland aussieht: Arbeitsstrich, Prostitution, Migration, prekäre Wohnsituation. Man kann ihr dabei aber auch nicht “politische Korrektheit” vorwerfen. Sie beschreibt die Dinge, wie sie wohl sind.

Erzählerisch gibt es allerdings gerade gegen Ende hin einige Schwächen. Cans Migräne spielt plötzlich keine Rolle mehr, seine Reise in den Osten Europas wirkt irgendwie abgekoppelt vom restlichen Roman, seine Chefin Simone verschwindet sang- und klanglos aus der Handlung und der Schluss – naja. Dennoch hat mich dieses Buch beim Lesen sehr beeindruckt.

(c) Atrium

Platz 13: Hideo Yokoyama – “64”

Jeder, der diesen Blog regelmäßig liest, weiß, wie sehr ich Kriminalromane lese, deren Würze in der Kürze liegt. Nun ja, dieser ausgezeichnete japanische Thriller (das Etikett passt eigentlich nicht, dazu liest sich dieses Buch zu langsam – es ist viel mehr als das!) hat nahezu 800 Seiten. Man muss halt wissen, wann man gegen seine Vorlieben verstößt.

Mikami ist Pressedirektor eines kleinen japanischen Polizeireviers. Als wäre sein Leben nicht ohnehin schon in einem unerträglichen Ausnahmezustand, gerät die geordnete Welt auch beruflich plötzlich zu einem unübersichtlichen Schlachtfeld mit vielen Nebenfronten. Der Presseclub, die Vereinigung lokaler Medien, macht Druck, weil sich Mikamis Pressestelle weigert, die Identität einer schwangeren Frau bekannt zu geben, die einen alten Mann mit dem Auto niedergefahren hat.

Behutsam und sehr präzise erzählt Hideo Yokoyama in “64” vom Polizisten Mikami und dessen Lavieren durch das private und berufliche Minenfeld. Jedes eigene Wort will genau überlegt sein, jedes Wort der Gegenspieler richtig gedeutet werden – alles, ob ausgesprochen oder nicht, landet auf einer fein austarierten Waagschale. Hinter der Mauer von Höflichkeit bleibt viel verborgen. Das fesselt zunehmend.

(c) Droemer

Platz 12: Wolfram Fleischhauer – “Das Meer”

Auch Wolfram Fleischhauers Roman “Das Meer” ist mehr als nur ein Thriller. Ausnahmsweise kann man hier den Klappentext des Buches bedenkenlos zitieren – “Das Meer: Ursprung allen Lebens. Der Mensch: Ursprung aller Zerstörung.” Aus vielen Blickwinkeln erzählt der Autor eine spannende Geschichte über den globalen Fischfang und eine Lebensmittelindustrie, die Tiere nur noch als Biomasse begreift.

Urteile überlässt Fleischhauer dankenswerterweise aber dem Leser. Das ist nicht unbedingt ideale Lektüre für den Strand, weil sie wütend macht – aber absolut empfehlenswert.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 11: Adrian McKinty – “Dirty Cops”

“Dirty Cops” ist bereits der sechste Kriminalroman rund um den katholischen Polizisten Sean Duffy, der sich im Nordirland der 1980er Jahre behaupten muss. Obwohl sich der Autor diesmal mit Bezügen zu real existierenden Personen bzw. zu fiktiven Ereignissen mit realen Personen (der niemals stattgefundene Auftritt Muhammed Alis in “Rain Dogs”) zurückhält, hat sein Buch wieder vieles zu bieten.

McKintys Mix zwischen überzeugender Krimihandlung, unvergleichlichem Setting, feiner Charakterzeichnung, subtilem Humor und dem Spiel mit Genre-Konventionen sucht seinesgleichen. McKinty schreibt klassische Krimis, die dann doch ganz etwas Neues sind. Sie sind stets ausgeklügelt, wirken aber nicht konstruiert.

“Cold Water”, Band 7 der Serie, erscheint übrigens im Juni 2019.

(c) Unionsverlag

Platz 10: Garry Disher – “Leiser Tod”

Der australische Krimiautor Garry Disher gehört zu den Besten seines Fachs, was er mit “Leiser Tod” eindrucksvoll bestätigt. Ich liebe seine Figur des Berufsverbechers Wyatt (“Dirty Old Town”), aber auch mit seinem Stand-alone “Bitter Wash Road” wusste Disher zuletzt zu überzeugen.

Diesmal muss sich sein Ermittler, Hal Challis, mit einem heiklen Fall herumschlagen: Ein Vergewaltiger in Polizeiuniform sorgt im australischen Buschland für Schrecken.

Disher begnügt sich nicht mit der Polizistensicht, er lässt den Leser die Welt auch durch die Augen einer Profi-Einbrecherin sehen. Beide Erzählstränge lesen sich spannend und glaubwürdig, aber vor allem wie Disher diese verknüpft und auflöst, ist einfach große Klasse.

(c) Ullstein

Platz 9: Jordan Harper – “Die Rache der Polly McClusky”

Dem erfolgreichen Drehbuchautor Jordan Harper ist mit “Die Rache der Polly McClusky” ein überzeugendes Debüt gelungen: Die 11-jährige Polly McClusky und ihren Stoffbären, die beiden vergisst man auch nach der Lektüre nicht.

Es gibt Szenen, in denen Nate seine Tochter in die Geheimnisse der Anwendung von überlebenswichtiger Gewalt einführt. Das ist schon ungewöhnlich und erinnert teilweise an den Film “Leon, der Profi”, in dem Natalie Portman als Mathilda in die Kunst des Tötens eingewiesen wird. Jordan Harper trifft aus meiner Sicht aber immer den Ton. Es ist nicht unheikel, derartige Szenen zu schreiben, doch der Autor tut das mit feinem Gespür für seine Charaktere. Sie sind schräg, aber nicht zu schräg. Es ist nachvollziehbar, dass Polly, die mit Brutalität und Gewalt konfrontiert wird, nicht wie ein braves, liebes Mädchen auf die Situation reagiert.

(c) Pendragon

Platz 8: Wallace Stroby – “Fast ein guter Plan”

Wallace Stroby wird von Buch zu Buch ( Teil 1: “Kalter Schuss ins Herz”, Teil 2: “Geld ist nicht genug”) besser, seine angenehm unheroische Hauptfigur erhält immer mehr Konturen. Er erzählt zurückhaltend und unglaublich puristisch von einer Frau, die sich im beinharten Milieu der männerdominierten Unterwelt ständig neu beweisen muss.

Auch wenn ich mich wiederhole, aber Crissa ist eine Seelenverwandte von Richard Starks Antihelden Parker und Garry Dishers Berufsverbrecher Wyatt. Diese drei Figuren gehören definitiv zu meinen liebsten des Genres. Das Feine aber ist, dass Crissa nicht nur irgendein billiger Abklatsch ist.

(c) Ariadne

Platz 7: Anne Goldmann – “Das größere Verbrechen”

Anne Goldmann hat sich mit ihren bisherigen Kriminalromanen (vor allem “Lichtschacht”, “Triangel”) einen tollen Ruf erarbeitet. Es war also schwer an der Zeit, diese österreichische Autorin endlich kennenzulernen. Und eines vorweg: Sie versteht ihr Handwerk perfekt und präsentiert eine fein konstruierte Geschichte mit glaubwürdigen Wendungen.

Im Zentrum der Handlung stehen drei – Theres, Ana und eine Frau Sudic – vom Leben gebeutelte Frauen. Sie werden von den Geistern ihrer Vergangenheit verfolgt. Mitleid ist aber nicht angebracht, nichts läge der Autorin ferner. Sie porträtiert sie als starke Persönlichkeiten, die gelernt haben, ihre Päckchen zu schultern.

“Sachte verstärkt sie den Druck, bis schon die Bewältigung des Alltags zum Action-Szenario gerät”, schreibt ihre Herausgeberin Else Laudan. Tatsächlich hat sich die Beschreibung von alltäglichen Dingen noch selten so spannend gelesen. Und das vor allem deswegen, weil die von ihr erschaffenen Figuren wie ganz normale Menschen agieren.

(c) KiWi

Platz 6: Tom Hillenbrand – “Hologrammatica”

Wir schreiben das Jahr 2088: Galahad Singh arbeitet als Quästor, eine Art Privatdetektiv der Zukunft, in London. Neuartige Technologien wie Holonets und Mind Uploading machen es den Menschen einfacher denn je, die eigene Identität zu wechseln und zu verschwinden.

Überraschenderweise spielt Privatsphäre in dieser neuen Welt, in der das beliebteste Migrationsziel der Welt Sibirien heißt (in Westeuropa ist es bereits unglaublich heiß und kaum lebenswert), wieder eine größere Rolle. Daten werden nur sehr kurzzeitig gespeichert, was Singhs Job nicht gerade erleichtert. Dazu kommt: Kaum etwas ist so, wie es erscheint. Mithilfe von Holonets machen sich die Menschen die Welt schöner, als sie tatsächlich ist. Gebäude erstrahlen in einem Glanz, den es gar nicht gibt, und sogar Menschen können sich durch Holo-Masken aufhübschen.

Bei all der modernen Technologie bleiben die Fragen immer dieselben: In wen verliebe ich mich da eigentlich? Wie sieht der Menschen unter seinem Holo-Make-up aus? Ist er ein Mann oder eine Frau? Schwarz oder weiß? Das führt zurück zu der Frage nach Identität: Wer bin ich? Wer bist du? Und was macht es mit uns, wenn wir anders sind, als uns alle wahrnehmen? “Hologrammatica” ist eigentlich ein Muss.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 5: Simone Buchholz – “Mexikoring”

Simone Buchholz sticht durch ihre eigenwillige Erzählerinnenstimme momentan in der Krimi-Szene hervor wie kaum eine andere. Obwohl: Auch Anne Goldmann (siehe oben) und Gudrun Lerchbaum könnte man hier nennen! So gesehen sind es vor allem die “Crime Ladys”, die das oft sehr konventionelle Genre am besten durchschütteln.

Diesmal brennen in Hamburg Autos. Man beginnt sich daran zu gewöhnen, doch dann sitzt in einem dieser Autos ein Mann: Nouri Saroukhan, Angehöriger eines gefürchteten Clans. Sein Tod interessiert die ermittelnde Staatsanwältin Chastity Riley mehr als dessen Familie.

Mein Fazit: Man muss sich auf diese Autorin einlassen. Nach “Blaue Nacht” war ich noch skeptisch, “Beton Rouge” fand ich schon großartig – und “Mexikoring” fasziniert erneut.

(c) Tropen

Platz 4: James Rayburn – “Fake”

“Fake” ist für mich die positive Überraschung des Krimijahres. Eigentlich hatte ich mir nur einen soliden, wendungsreichen Politthriller erhofft, aber dieses Buch von James Rayburn, übrigens ein Pseudonym des Autors Roger Smith, ist mehr.

Bei einem Drohnenangriff in Syrien kommt nicht nur das eigentliche Ziel ums Leben, sondern auch eine amerikanische Geisel. Doch um den Friedensprozess im Nahen Osten nicht zu gefährden, soll Catherine Finch weiter am Leben erhalten werden.

Der Titel des Buches ist Programm. Hier wird etwas vorgetäuscht, aber schon bald wird klar, dass Wahrheit und Legende zunehmend verschwimmen. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. “Fake” ist eine sehr zeitgemäße Geschichte, die auf vielen Ebenen zu überzeugen weiß.

(c) Rowohlt Polaris

Platz 3: Ryan Gattis – “Safe”

Ricky Mendoza, Spitzname Ghost, hat den Weg aus dem Ghetto geschafft und verdingt sich als Safeknacker für die Drogenbehörde DEA. Jahrelang hat er diesen Job erledigt und ist dabei anständig geblieben. Doch dann beschließt er, Geld aus einem dieser Safes abzuzweigen – allerdings nicht in die eigene Tasche. Fortan hat er Gangmitglied Rudy Reyes, Straßenname Glasses, an seinen Fersen.

Es mag Thriller auf dem Cover stehen, dieses Etikett wird “Safe” aber nicht gerecht. Denn Gattis erzählt aus der Perspektive zweier Männer, die einander durchaus ähnlich sind, eine sentimentale, aber niemals pathetische Geschichte über zwei (und eigentlich noch viel mehr) Leben unter widrigen Umständen. Der Autor überzeugt, weil er keine Ghettotristesse serviert, sondern Realismus mit fast märchenhaften Elementen, Kapitalismuskritik und einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte (zu der er vor Kapitel 1 auch gleich noch den passenden Mixtape-Soundtrack liefert) verbindet. Gattis anerkennt Genregrenzen nur, um sie zu verschieben. Ihm ist damit wohl der herzzerreißendste Kriminalroman des Jahres gelungen.

(c) Diogenes

Platz 2: Bill Beverly – “Dodgers”

Wie der große Mark Twain schickt auch Bill Beverly in “Dodgers” seine Hauptfigur auf eine ungewöhnliche Reise durch Amerika. Der 15-jährige East kennt nichts von der Welt – nur sein Drogenviertel The Boxes in Los Angeles. Als er einen Auftrag versaut, muss er Buße tun – indem er einen Mordauftrag ausführt. Dafür muss er die gewohnte Umgebung verlassen und beginnt mit drei Kumpanen eine Fahrt, die ihr Leben verändern wird.

Der Autor überzeugt durch seine unaufgeregte und unsentimentale Erzählweise. Ganz wunderbar die Idee, dass East ausgerechnet in das rückständige Ohio reisen muss, um die große Welt zu verstehen. Während Twains Figur Huck Finn am Ende in Richtung Westen aufbricht, zieht es East namensgerecht in den Osten.

Nicht umsonst hat Beverly für sein Buch übrigens auch den “Mark Twain American Voice in Literatue”-Award erhalten.

(c) Suhrkamp

Platz 1: André Georgi – “Die letzte Terroristin”

Ein Krimi über die RAF? Interessiert das überhaupt noch irgendjemanden? Das habe ich mir zuerst auch gedacht. Aber wer so denkt, der sollte unbedingt “Die letzte Terroristin” lesen – und die misslungene ZDF-Verfilmung “Der Mordanschlag” ignorieren (inhaltlich hält sich der TV-Zweiteiler zwar sehr an das Buch, kommt aber furchtbar platt rüber).

Mit seinem Krimidebüt “Tribunal” war “Tatort”-Drehbuchautor André Georgi 2015 in Ansätzen außergewöhnlich, diesmal kann der Autor das Niveau über die volle Länge halten. Er erzählt eine spannende Geschichte, hat aber darüber hinaus ein wunderbares Auge für all die kleinen Dinge, die das Menschsein ausmachen. Großartig.

 

 

 

 

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