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Meine Lieblingskrimis des Jahres 2018

Bislang habe ich mich immer in das Korsett der besten 10 Krimis des Jahres gepresst. Das ist einerseits gut, weil man die besten Bücher herausdestilliert. Gleichzeitig ist es jedes Jahr eine Qual, darum lege ich diesmal vier weitere Bücher drauf. Und dabei sind hervorragende Bücher wie Mick Herrons Spionageroman “Slow Horses” nicht einmal dabei! Hier also meine 14 Lieblingskrimis des Jahres.

(c) Heyne

Platz 14: Susanne Saygin – “Feinde”

Fünf Jahre lang hat Susanne Saygin für ihr Krimi-Debüt recherchiert. Das merkt man auf jeder Seite. Die Autorin mit deutsch-türkischen Wurzeln lässt in “Feinde” den Polizisten Can, der von ständigen Migräne-Attacken gequält wird, und seine lesbische Chefin Simone in einem Doppelmord im Roma-Milieu ermitteln. Die beiden stoßen auf eine Mauer des Schweigens.

Sehr authentisch erzählt Saygin davon, wie die triste Realität für Minderheiten in Deutschland aussieht: Arbeitsstrich, Prostitution, Migration, prekäre Wohnsituation. Man kann ihr dabei aber auch nicht “politische Korrektheit” vorwerfen. Sie beschreibt die Dinge, wie sie wohl sind.

Erzählerisch gibt es allerdings gerade gegen Ende hin einige Schwächen. Cans Migräne spielt plötzlich keine Rolle mehr, seine Reise in den Osten Europas wirkt irgendwie abgekoppelt vom restlichen Roman, seine Chefin Simone verschwindet sang- und klanglos aus der Handlung und der Schluss – naja. Dennoch hat mich dieses Buch beim Lesen sehr beeindruckt.

(c) Atrium

Platz 13: Hideo Yokoyama – “64”

Jeder, der diesen Blog regelmäßig liest, weiß, wie sehr ich Kriminalromane lese, deren Würze in der Kürze liegt. Nun ja, dieser ausgezeichnete japanische Thriller (das Etikett passt eigentlich nicht, dazu liest sich dieses Buch zu langsam – es ist viel mehr als das!) hat nahezu 800 Seiten. Man muss halt wissen, wann man gegen seine Vorlieben verstößt.

Mikami ist Pressedirektor eines kleinen japanischen Polizeireviers. Als wäre sein Leben nicht ohnehin schon in einem unerträglichen Ausnahmezustand, gerät die geordnete Welt auch beruflich plötzlich zu einem unübersichtlichen Schlachtfeld mit vielen Nebenfronten. Der Presseclub, die Vereinigung lokaler Medien, macht Druck, weil sich Mikamis Pressestelle weigert, die Identität einer schwangeren Frau bekannt zu geben, die einen alten Mann mit dem Auto niedergefahren hat.

Behutsam und sehr präzise erzählt Hideo Yokoyama in “64” vom Polizisten Mikami und dessen Lavieren durch das private und berufliche Minenfeld. Jedes eigene Wort will genau überlegt sein, jedes Wort der Gegenspieler richtig gedeutet werden – alles, ob ausgesprochen oder nicht, landet auf einer fein austarierten Waagschale. Hinter der Mauer von Höflichkeit bleibt viel verborgen. Das fesselt zunehmend.

(c) Droemer

Platz 12: Wolfram Fleischhauer – “Das Meer”

Auch Wolfram Fleischhauers Roman “Das Meer” ist mehr als nur ein Thriller. Ausnahmsweise kann man hier den Klappentext des Buches bedenkenlos zitieren – “Das Meer: Ursprung allen Lebens. Der Mensch: Ursprung aller Zerstörung.” Aus vielen Blickwinkeln erzählt der Autor eine spannende Geschichte über den globalen Fischfang und eine Lebensmittelindustrie, die Tiere nur noch als Biomasse begreift.

Urteile überlässt Fleischhauer dankenswerterweise aber dem Leser. Das ist nicht unbedingt ideale Lektüre für den Strand, weil sie wütend macht – aber absolut empfehlenswert.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 11: Adrian McKinty – “Dirty Cops”

“Dirty Cops” ist bereits der sechste Kriminalroman rund um den katholischen Polizisten Sean Duffy, der sich im Nordirland der 1980er Jahre behaupten muss. Obwohl sich der Autor diesmal mit Bezügen zu real existierenden Personen bzw. zu fiktiven Ereignissen mit realen Personen (der niemals stattgefundene Auftritt Muhammed Alis in “Rain Dogs”) zurückhält, hat sein Buch wieder vieles zu bieten.

McKintys Mix zwischen überzeugender Krimihandlung, unvergleichlichem Setting, feiner Charakterzeichnung, subtilem Humor und dem Spiel mit Genre-Konventionen sucht seinesgleichen. McKinty schreibt klassische Krimis, die dann doch ganz etwas Neues sind. Sie sind stets ausgeklügelt, wirken aber nicht konstruiert.

“Cold Water”, Band 7 der Serie, erscheint übrigens im Juni 2019.

(c) Unionsverlag

Platz 10: Garry Disher – “Leiser Tod”

Der australische Krimiautor Garry Disher gehört zu den Besten seines Fachs, was er mit “Leiser Tod” eindrucksvoll bestätigt. Ich liebe seine Figur des Berufsverbechers Wyatt (“Dirty Old Town”), aber auch mit seinem Stand-alone “Bitter Wash Road” wusste Disher zuletzt zu überzeugen.

Diesmal muss sich sein Ermittler, Hal Challis, mit einem heiklen Fall herumschlagen: Ein Vergewaltiger in Polizeiuniform sorgt im australischen Buschland für Schrecken.

Disher begnügt sich nicht mit der Polizistensicht, er lässt den Leser die Welt auch durch die Augen einer Profi-Einbrecherin sehen. Beide Erzählstränge lesen sich spannend und glaubwürdig, aber vor allem wie Disher diese verknüpft und auflöst, ist einfach große Klasse.

(c) Ullstein

Platz 9: Jordan Harper – “Die Rache der Polly McClusky”

Dem erfolgreichen Drehbuchautor Jordan Harper ist mit “Die Rache der Polly McClusky” ein überzeugendes Debüt gelungen: Die 11-jährige Polly McClusky und ihren Stoffbären, die beiden vergisst man auch nach der Lektüre nicht.

Es gibt Szenen, in denen Nate seine Tochter in die Geheimnisse der Anwendung von überlebenswichtiger Gewalt einführt. Das ist schon ungewöhnlich und erinnert teilweise an den Film “Leon, der Profi”, in dem Natalie Portman als Mathilda in die Kunst des Tötens eingewiesen wird. Jordan Harper trifft aus meiner Sicht aber immer den Ton. Es ist nicht unheikel, derartige Szenen zu schreiben, doch der Autor tut das mit feinem Gespür für seine Charaktere. Sie sind schräg, aber nicht zu schräg. Es ist nachvollziehbar, dass Polly, die mit Brutalität und Gewalt konfrontiert wird, nicht wie ein braves, liebes Mädchen auf die Situation reagiert.

(c) Pendragon

Platz 8: Wallace Stroby – “Fast ein guter Plan”

Wallace Stroby wird von Buch zu Buch ( Teil 1: “Kalter Schuss ins Herz”, Teil 2: “Geld ist nicht genug”) besser, seine angenehm unheroische Hauptfigur erhält immer mehr Konturen. Er erzählt zurückhaltend und unglaublich puristisch von einer Frau, die sich im beinharten Milieu der männerdominierten Unterwelt ständig neu beweisen muss.

Auch wenn ich mich wiederhole, aber Crissa ist eine Seelenverwandte von Richard Starks Antihelden Parker und Garry Dishers Berufsverbrecher Wyatt. Diese drei Figuren gehören definitiv zu meinen liebsten des Genres. Das Feine aber ist, dass Crissa nicht nur irgendein billiger Abklatsch ist.

(c) Ariadne

Platz 7: Anne Goldmann – “Das größere Verbrechen”

Anne Goldmann hat sich mit ihren bisherigen Kriminalromanen (vor allem “Lichtschacht”, “Triangel”) einen tollen Ruf erarbeitet. Es war also schwer an der Zeit, diese österreichische Autorin endlich kennenzulernen. Und eines vorweg: Sie versteht ihr Handwerk perfekt und präsentiert eine fein konstruierte Geschichte mit glaubwürdigen Wendungen.

Im Zentrum der Handlung stehen drei – Theres, Ana und eine Frau Sudic – vom Leben gebeutelte Frauen. Sie werden von den Geistern ihrer Vergangenheit verfolgt. Mitleid ist aber nicht angebracht, nichts läge der Autorin ferner. Sie porträtiert sie als starke Persönlichkeiten, die gelernt haben, ihre Päckchen zu schultern.

“Sachte verstärkt sie den Druck, bis schon die Bewältigung des Alltags zum Action-Szenario gerät”, schreibt ihre Herausgeberin Else Laudan. Tatsächlich hat sich die Beschreibung von alltäglichen Dingen noch selten so spannend gelesen. Und das vor allem deswegen, weil die von ihr erschaffenen Figuren wie ganz normale Menschen agieren.

(c) KiWi

Platz 6: Tom Hillenbrand – “Hologrammatica”

Wir schreiben das Jahr 2088: Galahad Singh arbeitet als Quästor, eine Art Privatdetektiv der Zukunft, in London. Neuartige Technologien wie Holonets und Mind Uploading machen es den Menschen einfacher denn je, die eigene Identität zu wechseln und zu verschwinden.

Überraschenderweise spielt Privatsphäre in dieser neuen Welt, in der das beliebteste Migrationsziel der Welt Sibirien heißt (in Westeuropa ist es bereits unglaublich heiß und kaum lebenswert), wieder eine größere Rolle. Daten werden nur sehr kurzzeitig gespeichert, was Singhs Job nicht gerade erleichtert. Dazu kommt: Kaum etwas ist so, wie es erscheint. Mithilfe von Holonets machen sich die Menschen die Welt schöner, als sie tatsächlich ist. Gebäude erstrahlen in einem Glanz, den es gar nicht gibt, und sogar Menschen können sich durch Holo-Masken aufhübschen.

Bei all der modernen Technologie bleiben die Fragen immer dieselben: In wen verliebe ich mich da eigentlich? Wie sieht der Menschen unter seinem Holo-Make-up aus? Ist er ein Mann oder eine Frau? Schwarz oder weiß? Das führt zurück zu der Frage nach Identität: Wer bin ich? Wer bist du? Und was macht es mit uns, wenn wir anders sind, als uns alle wahrnehmen? “Hologrammatica” ist eigentlich ein Muss.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 5: Simone Buchholz – “Mexikoring”

Simone Buchholz sticht durch ihre eigenwillige Erzählerinnenstimme momentan in der Krimi-Szene hervor wie kaum eine andere. Obwohl: Auch Anne Goldmann (siehe oben) und Gudrun Lerchbaum könnte man hier nennen! So gesehen sind es vor allem die “Crime Ladys”, die das oft sehr konventionelle Genre am besten durchschütteln.

Diesmal brennen in Hamburg Autos. Man beginnt sich daran zu gewöhnen, doch dann sitzt in einem dieser Autos ein Mann: Nouri Saroukhan, Angehöriger eines gefürchteten Clans. Sein Tod interessiert die ermittelnde Staatsanwältin Chastity Riley mehr als dessen Familie.

Mein Fazit: Man muss sich auf diese Autorin einlassen. Nach “Blaue Nacht” war ich noch skeptisch, “Beton Rouge” fand ich schon großartig – und “Mexikoring” fasziniert erneut.

(c) Tropen

Platz 4: James Rayburn – “Fake”

“Fake” ist für mich die positive Überraschung des Krimijahres. Eigentlich hatte ich mir nur einen soliden, wendungsreichen Politthriller erhofft, aber dieses Buch von James Rayburn, übrigens ein Pseudonym des Autors Roger Smith, ist mehr.

Bei einem Drohnenangriff in Syrien kommt nicht nur das eigentliche Ziel ums Leben, sondern auch eine amerikanische Geisel. Doch um den Friedensprozess im Nahen Osten nicht zu gefährden, soll Catherine Finch weiter am Leben erhalten werden.

Der Titel des Buches ist Programm. Hier wird etwas vorgetäuscht, aber schon bald wird klar, dass Wahrheit und Legende zunehmend verschwimmen. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. “Fake” ist eine sehr zeitgemäße Geschichte, die auf vielen Ebenen zu überzeugen weiß.

(c) Rowohlt Polaris

Platz 3: Ryan Gattis – “Safe”

Ricky Mendoza, Spitzname Ghost, hat den Weg aus dem Ghetto geschafft und verdingt sich als Safeknacker für die Drogenbehörde DEA. Jahrelang hat er diesen Job erledigt und ist dabei anständig geblieben. Doch dann beschließt er, Geld aus einem dieser Safes abzuzweigen – allerdings nicht in die eigene Tasche. Fortan hat er Gangmitglied Rudy Reyes, Straßenname Glasses, an seinen Fersen.

Es mag Thriller auf dem Cover stehen, dieses Etikett wird “Safe” aber nicht gerecht. Denn Gattis erzählt aus der Perspektive zweier Männer, die einander durchaus ähnlich sind, eine sentimentale, aber niemals pathetische Geschichte über zwei (und eigentlich noch viel mehr) Leben unter widrigen Umständen. Der Autor überzeugt, weil er keine Ghettotristesse serviert, sondern Realismus mit fast märchenhaften Elementen, Kapitalismuskritik und einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte (zu der er vor Kapitel 1 auch gleich noch den passenden Mixtape-Soundtrack liefert) verbindet. Gattis anerkennt Genregrenzen nur, um sie zu verschieben. Ihm ist damit wohl der herzzerreißendste Kriminalroman des Jahres gelungen.

(c) Diogenes

Platz 2: Bill Beverly – “Dodgers”

Wie der große Mark Twain schickt auch Bill Beverly in “Dodgers” seine Hauptfigur auf eine ungewöhnliche Reise durch Amerika. Der 15-jährige East kennt nichts von der Welt – nur sein Drogenviertel The Boxes in Los Angeles. Als er einen Auftrag versaut, muss er Buße tun – indem er einen Mordauftrag ausführt. Dafür muss er die gewohnte Umgebung verlassen und beginnt mit drei Kumpanen eine Fahrt, die ihr Leben verändern wird.

Der Autor überzeugt durch seine unaufgeregte und unsentimentale Erzählweise. Ganz wunderbar die Idee, dass East ausgerechnet in das rückständige Ohio reisen muss, um die große Welt zu verstehen. Während Twains Figur Huck Finn am Ende in Richtung Westen aufbricht, zieht es East namensgerecht in den Osten.

Nicht umsonst hat Beverly für sein Buch übrigens auch den “Mark Twain American Voice in Literatue”-Award erhalten.

(c) Suhrkamp

Platz 1: André Georgi – “Die letzte Terroristin”

Ein Krimi über die RAF? Interessiert das überhaupt noch irgendjemanden? Das habe ich mir zuerst auch gedacht. Aber wer so denkt, der sollte unbedingt “Die letzte Terroristin” lesen – und die misslungene ZDF-Verfilmung “Der Mordanschlag” ignorieren (inhaltlich hält sich der TV-Zweiteiler zwar sehr an das Buch, kommt aber furchtbar platt rüber).

Mit seinem Krimidebüt “Tribunal” war “Tatort”-Drehbuchautor André Georgi 2015 in Ansätzen außergewöhnlich, diesmal kann der Autor das Niveau über die volle Länge halten. Er erzählt eine spannende Geschichte, hat aber darüber hinaus ein wunderbares Auge für all die kleinen Dinge, die das Menschsein ausmachen. Großartig.

 

 

 

 

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André Pilz: Der anatolische Panther

(c) Haymon

(c) Haymon

Warum der gebürtige Vorarlberger André Pilz nicht schon längst zu den ganz großen deutschsprachigen Krimiautoren zählt, ist mir ein Rätsel. Er ist bestimmt einer der meistunterschätzten Autoren von Spannungsliteratur. Vermutlich hat es damit zu tun, dass seine Geschichten von Skinheads, Drogendealern und wie nun in “Der anatolische Panther” von vorbestraften, türkischstämmigen Kleinkriminellen handeln. Wer sich davon abschrecken lässt, ist aber selbst schuld. Raus aus den Wohfühlzonen, ab ins Leben der Anderen!

Nur kurz zur Handlung: Nachdem in seiner Wohnung ein gestohlener Flachbildfernseher gefunden wird, hat ein Polizist den jungen Tarik, der in diesem Fall allerdings gänzlich unschuldig ist, in der Hand. Er soll sich in die Moschee des Hasspredigers Derwisch einschleusen. Tarik, der selbst über sich sagt, er sei “nur ein Kanake”, muss mitspielen, um den schwerkranken Baba – seinen Großvater, der für ihn aber wie ein Vater ist – zu beschützen. Schließlich sieht sich der Verzweifelte gezwungen, die Hilfe eines weiteren gesellschaftlichen Außenseiters, des “Zigeuners” Ibo, anzunehmen. Tja, und dann gibt es da noch den kleinen Fonso, der eigentlich nicht Fußballspielen kann, aber die ungarische Fußball-Legende Ferenc Puskás vergöttert. Wie schön das allein schon ist: Kein Ronaldo, kein Messi – nein: Puskás. Außerdem noch zu erwähnen: Sugo-Joe, Doogie und Yiannis. Gemeinsam mit Tarik sind sie die Möchtegern-Bad-Boys des Münchener Stadteils Giesing.

Pilz siedelt seine Geschichte im München des Vorjahres an, das sich mit massiven Flüchtlingsströmen konfrontiert sieht. Sehr spannend ist in diese Zusammenhang auch eine kleine Debatte, die sich nach einer Rezension von Eva Erdmann in “Der Freitag” entwickelt hat. Denn “Der Schneemann” wird nicht ganz schlau aus dem Text. Wirft die Autorin Pilz nun “spätbürgerliche Sozialromantik” vor, oder nicht? Vermutlich schon. Doch selbst wenn: Wen stört das schon? Gute, harte Kriminalliteratur muss nicht nur dem reinen Realismus frönen. Alles in allem ist die Lektüre keine übliche Underdogüberhöhung, sondern ein mit Sympathie für seine Figuren erzählter Kriminalroman, verknüpft mit einer wunderbar altmodischen Liebesgeschichte. Tarik und seine Begleiter bleiben über die Lektüre hinaus haften.

Mich überrascht aber noch mehr eine andere Feststellung in dem Text: “Die Aktualität dieses Krimis liegt in der spannenden Verschiebung fort vom Auftakt einer vollstreckten Tat, die möglicherweise nicht einmal statttgefunden hat, zu einem hpyothetischen Verbrechen ans Ende der Geschichte.” 

Viele der herausragenden Kriminalromane der letzten Jahre tun doch genau das: Sie fokussieren nicht traditionell auf ein Verbrechen zu Beginn, das am Ende auch immer gelöst wird. Der moderne Kriminalroman hat sich davon meiner Meinung nach aber schon seit Jahren höchst erfolgreich gelöst. Er ist kein Gefäß mehr, um sich ein bisschen Grusel zwischendurch abzuholen, bloß um sich am Ende dann doch einfach wieder wohl zu fühlen (weil Täter gefasst, bestraft oder getötet). Der Kriminalroman ist längst nicht mehr berechenbar – übliche Whodunnits, Wohlfühl-Regiokrimis, Psycho- und Serienkiller-Thriller ausgenommen.

Und vielleicht habe ich ein anderes Buch gelesen, aber die verübten Verbrechen am Ende der Geschichte sind eigentlich nicht nur hypothetisch…

Die Aktualität des Krimis liegt aus meiner Sicht vielmehr im gekonnten Verweben der Krimihandlung mit den prägenden Geschehnissen unserer Tage: Migration und die mögliche Gefahr durch Islamismus bis hin zur zweifelhaften Rolle von Geheimdiensten (Unterwanderung von radikalen Islamisten, aber auch der NSU). Und gerade angesichts der tragischen Geschehnisse von Berlin kam mir zwangsläufig der von allen gesuchte und gejagte “Terror-Tarik” in Erinnerung. Wer damit jetzt nichts anfangen kann: Lest das Buch!

André Pilz: Der anatolische Panther, Haymon Verlag, 448 Seiten.

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Krimis, die man 2016 lesen sollte (IX)

(c) Haymon

(c) Haymon

“Der anatolische Panther” von André Pilz steht ganz oben auf meiner Leseliste. Sein Vorgänger “Die Lieder, das Töten” steht leider seit Jahren bei mir ungelesen herum, obwohl dieses Buch nach einer außergewöhnlichen Krimilektüre (ein Super-Gau in Deutschland, mann stelle sich das einmal vor! Was für ein Szenario) klingt.

Verlagstext: Kleiner Gangster, großes Herz: Seit der junge Türke Tarik seine Fußballkarriere aufgegeben hat, schlägt er sich in München mit kleinen Einbrüchen und Drogendeals durch. Er verbringt viel Zeit auf der Straße, mit seinen Freunden Doogie, Sugo-Joe und Yiannis, allesamt einigermaßen gescheiterte Existenzen. Als sie bei einem Einbruch erwischt werden, hat die Polizei Tarik am Haken – und schlägt einen Deal vor: Tarik soll sich ins Umfeld eines Hasspredigers einschleichen, der sich “Derwisch” nennt und im Verdacht steht, einen Terroranschlag zu planen. Das geht schief, und plötzlich ist neben der Polizei auch noch der Derwisch hinter ihm her – und Tarik muss nicht nur sich selbst retten, sondern auch seinen geliebten Großvater, der von den Islamisten bedroht wird ...

(c) Heyne

(c) Heyne

“American Blood” von Ben Sanders klingt ein bisschen nach Jack Reacher. Vielleicht bahnt sich hier eine vielversprechende Thriller-Serie an, so wie es zuletzt auch mit “Orphan X” von Gregg Hurwitz der Fall war (im August 2017 erscheint übrigens “Projekt Orphan”).

Marshall Grade hat zwei Leben. Früher war er undercover für das New York City Police Department im Einsatz. Nachdem er enttarnt wurde, hat das organisierte Verbrechen ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Jetzt sitzt er im Zeugenschutzprogramm in New Mexico fest und soll sich unauffällig verhalten. Doch dann verschwindet eine junge Frau, die jemandem aus seinem ersten Leben zum Verwechseln ähnlich sieht. Grade schlägt alle Warnungen in den Wind und begibt sich auf ihre Spuren. Wird es ihm diesmal gelingen, die Frau zu retten?

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Malla Nunn befindet sich mit “Zeit der Finsternis” momentan auf Platz zwei der KrimiZeit-Bestenliste. Viel mehr Empfehlungen braucht es da eigentlich nicht mehr.

Im zutiefst korrupten Apartheidstaat Südafrika geht das Jahr 1953 zu Ende. Fünf Tage vor Weihnachten wird im Johannesburger Villenviertel ein weißes Ehepaar überfallen und bewusstlos geprügelt. Dann verschwinden die Täter mit dem neuen Automobil der Familie Brewer. Die fünfzehnjährige Tochter Cassie hatte sich versteckt und blieb unversehrt. Der Vater erliegt noch in derselben Nacht seinen Verletzungen.
Detective Sergeant Emmanuel Cooper hat sich nach Johannesburg versetzen lassen, um hier mit seiner heimlichen Familie ein Doppelleben zu führen, von dem keiner seiner Kollegen etwas ahnen darf, schon gar nicht sein argwöhnischer Vorgesetzter Lieutenant Walter Mason. Andernfalls droht Cooper Berufsverbot und Gefängnis, ganz zu schweigen von den Repressalien, die seine farbige Frau und ihre kleine Tochter zu erwarten hätten: Die Rassentrennungsgesetze sind gnadenlos. Er muss also extrem behutsam lavieren.

(c) Selbstverlag

(c) Selbstverlag

Unbedingt unterstützen will ich auch Lawrence Blocks Akt kriminalliterarischer Selbstverteidigung. Mit “Drei am Haken” liegt nun auch der zweite Teil der Matthew-Scudder-Serie vor. Soeben bei mir eingelangt 😉

Der Spitzel und Kleingauner Jake »Schnipser« Jablon macht sich eine Menge neuer Feinde, als er die Laufbahn wechselt und von Informant auf Erpresser umsattelt. Früher oder später, vermutet er, wird einer seiner neuen Kunden handgreiflich werden, und wen wird das kümmern? Er sitzt an einem Tisch mit Matthew Scudder, schnipst einen Silberdollar an und lässt ihn auf dem Tisch kreiseln. Schließlich ist das die Gewohnheit, die ihm seinen Spitznamen eingebracht hat. Dann heuert er Scudder an, einen Mord aufzuklären, der sich noch nicht ereignet hat. Niemand ist sonderlich überrascht, als Schnipser mit eingeschlagenem Schädel im East River treibend gefunden wird. Noch schlimmer: Es kümmert niemanden – außer Matthew Scudder. Der Ex-Cop und Privatdetektiv ist kein pflichtversessener Racheengel. Aber er ist willig, Leib und Leben zu riskieren, um Schnipsers mörderisch-aggressive Kunden zur Rede zu stellen. Schließlich ist ein Job ein Job – und Scudder wurde bezahlt, einen Mörder zu finden. Bezahlt vom Opfer … im Voraus.

(c) Ars Vivendi

(c) Ars Vivendi

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ich spontan in der Buchhandlung zugeschlage. Nun war das bei John Harveys “Unter Tage” der Fall. Wer nach David Peaces “GB84” vom englischen Bergarbeiterstreik 1984 nicht genug hat, kann sich hier weiter spannend informieren lassen.

England, 1984: Der Bergarbeiterstreik spaltet das ganze Land. Die Gewerkschaft und die Thatcher-Regierung stehen sich unversöhnlich gegenüber, und in Bledwell Vale verläuft der Riss mitten durch die Familie Hardwick. Vater Barry lässt sich als Streikbrecher beschimpfen, doch er braucht das Geld, um die Familie durchzubringen. Mutter Jenny ist Aktivistin im Streikkomitee – bis sie kurz vor Weihnachten spurlos verschwindet. Dreißig Jahre später wird im Dorf eine einbetonierte Leiche gefunden. Charlie Resnick ist zwar schon im Ruhestand, wird aber der Ermittlerin Catherine Njoroge als Berater zur Seite gestellt; schließlich war er damals mit dem Auftrag vor Ort, die Streikszene auszuspionieren. Alles verdammt lang her, aber jetzt muss die Wahrheit auf den Tisch: Ausgrenzung, Hass, Korruption, Liebe in Zeiten bitterster Not. Und es gibt noch zwei weitere Cold Cases aus jener Zeit …

(c) Penguin

(c) Penguin

Und dann hätten wir wieder einmal einen Australier. Zwar konnte ich mit Peter Temple bislang nicht so recht warm werden, “Die Schuld vergangener Tage” klingt aber nach einer Lektüre, die mich verleiten könnte, es noch einmal zu probieren.

Mac Faraday glaubt nicht, dass sich sein Freund Ned das Leben genommen hat. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, denn wenn es nicht Selbstmord war, muss es Mord gewesen sein. Faradays Nachforschungen führen ihn zu einer Erziehungsanstalt. Dabei entdeckt er eine Mädchenleiche in einem stillgelegten Bergwerksschacht. Nach und nach kommt Faraday denen auf die Spur, die zahllose Mädchen aus der Erziehungsanstalt missbraucht haben. Je näher er der Wahrheit kommt, desto mehr bringt ihn seine Recherche selbst in Gefahr.

 

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