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Massimo Carlotto: Am Ende eines öden Tages

(c) Tropen Verlag

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Giorgio Pellegrini ist ein echtes Prachtexemplar von einem Widerling. Er gehört zu jenen Menschen, denen man im Leben niemals begegnen sollte. Der italienische Ex-Terrorist ist berechnend, böse, brutal, unsympathisch, unmoralisch, kaltherzig – um nur ein paar seiner negativen Eigenschaften zu nennen. Wie soll man einen Mörder, Erpresser und Vergewaltiger auch sonst bezeichnen? Dennoch ist es Massimo Carlotto mit “Am Ende eines öden Tages” im dritten Anlauf endlich gelungen, mich zu überzeugen – diesmal aber so richtig.

Der Sardinien-Krimi “Tödlicher Staub” hat mich 2013 inhaltlich zwar angesprochen, aber handwerklich nicht überzeugt. Irgendwie war das unrund zu lesen. Auch sein autobiografischer Krimi “Der Flüchtling” hat mich nicht wirklich begeistert, irgendwie kam mir Carlottos Schicksal nicht so richtig nahe, zu sprunghaft, zu selbstverliebt war mir das.

Doch mit “Am Ende eines öden Tages” spielt Carlotto seine Qualitäten voll aus. Man muss seine Hauptfigur Pellegrini nicht mögen – das fällt auch denkbar schwer – um zu erkennen, dass der Autor einen selten authentischen Einblick in die düstere Welt eines Berufskriminellen gewährt, der seine Wurzeln auch dann nicht verleugnen kann, als er endlich ein “bürgerliches” Leben führt. “Verbrechen war meine Wissenschaft und Töten meine Kunst”, sagt Pellegrini. Dabei tötet er nicht einmal so oft, wie dieses Zitat vermuten lässt. Aber er hat auch kein Problem damit, es gehört einfach dazu, fühlt sich sogar gut an. Genauso wie seine erniedrigenden und sadistischen Spielchen mit Frauen – egal ob Ehefrau oder Geliebte.

Spannend wie ein Krimi ist auch die Entstehungsgeschichte des Romans, der eigentlich aus zwei Romanen mit einem neu geschriebenen Mittelstück besteht, wie Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung schreibt: “Der erste Teil wurde in Deutschland bereits 2007 unter dem Titel “Arrivederci amore, ciao” veröffentlicht. Der zweite Teil erschien 2011 in Italien unter dem Titel “Alla fine di un giorno noioso”, also unter dem, den nun das Gesamtkonvolut auf Deutsch trägt. Nur für die deutsche Fassung hat Carlotto auch noch ein Scharnierstück eingefügt, es heißt “Einige Monate später” und bildet eine Überleitung zwischen den Teilen.”

Zum ersten Mal liest sich Carlotto aus meiner Sicht flüssig. Nur zu Beginn des dritten Teils des Buches merkt man kurz, dass es sich hier eigentlich um ein eigenständiges Buch handelt, weil hier in kurzen Passagen Wiederholungen aus dem ersten Teil stattfinden. Das hat mich ein wenig verwirrt, bis ich um die Entstehung erfahren habe.

Das Erschreckendste: Es macht sogar Spaß, die Welt aus den Augen dieses verachtenswerten Bastards zu sehen. Wie er seine nicht minder skrupellosen Gegner provoziert und reinlegt, ist faszinierend. Da wartet Carlotto stellenweise sogar mit unerwartetem und sehr subtilem Humor auf und präsentiert sich von einer Seite, die mir bisher fremd war. Abstoßend und anziehend zugleich porträtiert er Pellegrini, ohne diesen eiskalten Kerl hochzustilisieren. Das hat schon Klasse. Darüber hinaus zeichnet er ganz nebenbei auch noch ein wenig schmeichelhaftes Sittenbild eines durch und durch korrupten Landes. Sauber zu bleiben, scheint hier nicht einmal eine Option zu sein.

Buchkultur hat das Buch übrigens auf Platz fünf der besten Krimis der Saison gewählt.

Dem Tropen-Verlag gratuliere ich an dieser Stelle zudem zu dem vermutlich coolsten und stilvollsten Krimi-Cover des vergangenen Jahres.

9 von 10 Punkten

Massimo Carlotto: “Am Ende eines öden Tages”, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Katharina Schmidt und Barbara Neeb, Tropen Verlag, 381 Seiten.

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Krimis, die man 2016 lesen sollte (II)

(c) Suhrkamp

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Der Verlag lässt Autor Tom Franklin “Bull Mountain” (seit 8. Februar im Handel) allen Fans von Dennis Lehane und Daniel Woodrell empfehlen. Das klingt ja schon einmal ausgezeichnet. Kann da noch was schiefgehen? Ich werde es wohl bald wissen.

Verlagstext: Der Burroughs-Clan ist der größte Anbieter von Schwarzgebranntem, Hasch und Crystal Meth in Georgia und Umgebung. Seit Generationen hat er Bull Mountain fest im Griff. Und er verteidigt seine Stellung mit allen Mitteln. Um sich aus diesem Familiensumpf zu ziehen, wurde Clayton Burroughs Sheriff. Doch er weiß, dass er und Bull Mountain erst dann Frieden gefunden haben werden, wenn es ihm gelingt, seinen Brüdern endgültig das Handwerk zu legen.

(c) Unionsverlag

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Garry Dishers “Dirty Old Town” hat mich vor zwei Jahren begeistert. Berufsverbrecher Wyatt, so etwas wie der australische Cousin oder Bruder von Richard Starks Kultfigur Parker, ist eine unvergessliche Figur. Aber umso feiner, dass in Dishers neuestem Streich “Bitter Wash Road” (seit 15. Februar) ganz anderes Personal ran darf. Noch dazu wird die Geschichte diesmal aus Polizistensicht geschildert.

In der Nähe von Tiverton, einer Kleinstadt in Australiens Nirgendwo, wird ein Mädchen tot am Straßenrand gefunden. Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, übernimmt den Fall. Er glaubt nicht an einen Unfall mit Fahrerflucht. Einsam und isoliert durchquert der Constable die unwirtliche Landschaft, vorbei an mageren Schafen, schäbigen Höfen, stellt unbeirrt seine Fragen und lernt eine Kleinstadt kennen, unter deren Oberfläche Enttäuschung und Wut, Rassismus und Sexismus brodeln. Hirsch rüttelt an der trügerischen Stille und wirbelt nicht nur den Staub der ausgedörrten Straßen auf.

(c) dtv premium

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Lyndsay Fayes Auftakt “Der Teufel von New York” zu dieser historischen Trilogie habe ich 10 von 10 Punkten gegeben. Das war einfach fabelhaft. Dennoch habe ich Teil zwei, “Die Entführung der Delia Wright” verpasst. Nun liegt mit “Das Feuer der Freiheit” (19. Februar) der Abschluss der Trilogie vor. Da ich die Bücher chronologisch lesen will, wird es noch eine Weile dauern, bis ich mich Fayes neuem Krimi widmen werde.

In den Straßen des historischen New York geht ein Feuerteufel um – oder ist es womöglich eine Teufelin …? Der ausbeuterische Unternehmer und Abgeordnete Robert Symmes lässt Näherinnen unter unerträglichen Bedingungen arbeiten: Hat eine von ihnen Drohbriefe verfasst und seine Fabrik in Brand gesetzt? Oder war es die Frauenrechtlerin Sally Woods, die sich höchst verdächtig benimmt? Ein halbverhungertes Waisenkind scheint den Schlüssel zu dem Geheimnis zu besitzen, doch niemand weiß seine Äußerungen richtig zu deuten. Es ist an Timothy Wilde, dem Polizisten wider Willen, Schlimmeres zu verhindern – indem er möglichst schnell den Täter findet.

(c) Tropen Verlag

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Massimo Carlotto hingegen konnte mich bislang nicht so wirklich überzeugen. Sowohl “Der Flüchtling” als auch der Sardinien-Umweltkrimi “Tödlicher Staub” hinterließen mich mit einem zwiespältigen Gefühl. Der Autor mit bewegender Biografie (er war jahrelang flüchtig, weil er in Italien unter Mordverdacht stand) hat mich einfach erzählerisch biser nicht packen können. Naja, ich habe in die Textprobe des Verlags reingeschmökert und das klingt heftig, aber sehr interessant.

Es gibt nichts, was Giorgio Pellegrini fremd ist: Vergewaltigung, Erpressung, Flucht, Verrat, Knast, Mord. Je mehr Verbrechen er begeht, desto näher kommt er seinem Ziel, eine bürgerliche Existenz zu führen. Als er dieses Ziel erreicht hat, will er es nicht mehr aufgeben – koste es, was es wolle.

(c) Liebeskind

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Daniel Woodrell habe ich ja schon einmal erwähnt. “In Almas Augen” war ein kleines Meisterwerk. Nicht viel weniger erwarte ich mir von “Tomatenrot”, das am 25. Februar erschienen ist.

Sammy Barlach ist ein Verlierer, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Eigentlich will er nur irgendwo dazugehören – und stolpert so zielsicher ins Verderben. Bei einem Einbruch in eine Villa trifft er auf zwei andere, ebenso planlose Wohlstandsplünderer: die neunzehnjährige Jamalee mit ihren kurzen, tomatenroten Haaren und ihren bildschönen jüngeren Bruder Jason. Endlich hat Sammy, was er immer gesucht hat: Familienanschluss – und ein bisschen mehr. Mit der Mutter der beiden, Bev, die sich ihren Unterhalt als Escortdame und gelegentlich als Polizeispitzel verdient, beginnt er eine Affäre, aber auch von Jamalee kann er die Augen nicht lassen. Doch die hat andere Pläne und will hoch hinaus, zumindest raus aus dem Sumpf von Venus Holler.

(c) Goldmann

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Zum Schluss will ich noch einen Thriller empfehlen, der für sich vielleicht nicht so aufregend ist. Aber die Reihe rund um den Auftragskiller Victor ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Da mir das mit Lee Childs Jack Reacher auch lange passiert ist, will ich hier nicht so lange warten. Vermutlich ist “Dark Day” (15. Februar) nicht unbedingt der beste Teil, aber ich will damit auf diese Serie aufmerksam machen, die immer wieder sehr gelobt wird. Und der Aspekt mit dem Blackout klingt gut. Wer weiß mehr über Wood? Schreibt mir doch.

Raven ist Profikillerin. Lautlos wie ein Schatten eliminiert sie ihre Opfer, bevor diese ihre Anwesenheit auch nur erahnen. Doch diesmal könnte sie das falsche Ziel im Auge haben: Victor. Ein Killer wie sie. Ein Profi so paranoid wie rücksichtslos und perfekt darin, jeden Verfolger auszuschalten. Er spürt Raven rund um den Globus nach, nicht nur, um die Gefahr zu beseitigen, sondern um herauszufinden, wer ihr den Auftrag zu seiner Ermordung gab. In New York treffen die beiden schließlich aufeinander – ausgerechnet, als dort ein Blackout die Stadt ins Chaos stürzt. Inmitten von Plünderungen und Gewalt kommt es zwischen Raven und Victor zu einem Katz-und-Maus-Spiel, das Manhattan nie mehr vergessen wird.

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