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Alex Beer: Die rote Frau

(c) Limes Verlag

Alex Beer hat mit “Der zweite Reiter” einen der besten Kriminalromane abgeliefert, die ich im Vorjahr gelesen habe. Ihr Polizeiagent August Emmerich ist bei mir haften geblieben. Groß war daher die Freude, so schnell einen zweiten Teil lesen zu können.

“Die rote Frau” ist sehr penibel recherchiert. Das merkt man auf jeder Seite. Das verkommene und arme Wien aus dem Jahr 1920 wird lebendig, angreifbar. Emmerich, mittlerweile wohnhaft im Männerheim in der Meldemannstraße (ja, hier wohnte auch Adolf Hitler), muss sich diesmal im wahrsten Sinn des Wortes durch die Wiener Unterwelt boxen – und das auf durchaus amüsante Weise. Ein Stadtrat wurde ermordet und ein Täter allzu leicht gefunden. Emmerich, der sich beruflich auf einem Abstellgleis befindet, hat aber seine Zweifel.

Überhaupt: Dieses Ermittler-Gespann aus Emmerich und seinem Assistenten Ferdinand Winter wächst einem zunehmend ans Herz. Von den beiden will man einfach mehr lesen.

Fasziniert hat mich, wie gekonnt die gebürtige Vorarlbergerin den Wiener Schmäh und vor allem den Wiener Grant zu Leben erweckt. Viele alte, fast schon ausgestorbene Ausdrücke tauchen da auf. Wie angenehm. Das liest sich authentisch, obwohl es manchmal fast eine Spur zu viel wird. Wie das Nicht-Wiener empfinden, würde mich auch interessieren: Ist das reizvoll oder steigt man da irgendwann einfach aus?

Wenn sich die “Wertlosen” aus der Meldemannstraße gegen die “Wohltäter” der Gesellschaft verbünden, ist das natürlich sympathisch. Aber das Ende des Buches war für mich dann doch ein wenig zu konstruiert und die Gut-und-Böse-Rollen letztlich zu klar verteilt. Da hätte ich es gern eine Spur abgründiger. Dennoch bin ich schon sehr gespannt auf den dritten Teil, der in den nächsten Monaten erscheinen soll.

7 von 10 Punkten

Alex Beer: “Die rote Frau”, 416 Seiten, Limes Verlag.

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Alex Beer: Der zweite Reiter

(c) Limes Verlag

Autorin Alex Beer hat vor wenigen Tagen den mit 5000 Euro dotierten Leo-Perutz-Preis für Wiener Kriminalliteratur 2017 gewonnen. Wie gut, dass mein Text zu ihrem Buch so gut wie fertig war!

Wien im Jahr 1919. Polizeiagent August Emmerich hat es ohnehin nicht leicht: Nicht nur muss er mit den Folgen einer schweren Kriegsverletzung kämpfen, gleichzeitig muss er diese im Polizeidienst auch verheimlichen, weshalb er zu Schmerzmitteln aller Art (auch Heroin) greift. Und auch sein privates Glück löst sich plötzlich in Luft auf. Dem nicht genug:

“Denn sein neuer Vorgesetzter, Abteilungsinspektor Leopold Sander, ein ehemaliger hochdekorierter Offizier der K.-u.-k.-Armee, der viel Ahnung von Kriegsführung, aber keinen blassen Schimmer von Polizeiarbeit hatte, war auf die glorreiche Idee gekommen, ihm einen Assistenten beizustellen – Ferdinand Winter, einen Neuling, der seine Ausbildung gerade beendet hatte und mehr Bürde denn Entlastung darstellte.”

Als er die Leiche eines angeblichen Selbstmörders entdeckt, hat Emmerich erhebliche Zweifel. Das wird ihm noch mehr Probleme bescheren.

Es sind die alltäglichen Kleinigkeiten, die in “Der zweite Reiter” neben einer spannenden Geschichte für hohe Authentizität sorgen: Ob es nun die geheizten, strombetriebenen Straßenbahnen sind, in die sich die Wiener an kalten Wintertagen flüchten oder jene Kleinkriminellen, die günstige Schiffsreisen ins paradiesische Exil versprechen, um sich daran zu bereichern. Man saugt Seite für Seite neues historisches Wissen auf.

Zudem zeichnet Beer ihre Figuren sehr fein, mit viel Sympathie. Kaum zu glauben, dass es sich hier um das Debüt der Autorin handelt. Das liest sich eher wie das Buch einer Autorin, die bereits vier, fünf Bücher lang geübt hat.

Am besten hat mir definitiv der letzte Satz im Buch gefallen: “Diese Geschichte war noch nicht vorüber.” Gut so, ich will mehr davon lesen!

8 von 10 Punkten

Alex Beer: “Der zweite Reiter”, Limes Verlag, 384 Seiten.

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