Tag Archives: 6 Punkte

Lawrence Osborne: Welch schöne Tiere wir sind

(c) Piper

Naomi ist die Tochter eines wohlhabenden englischen Kunstsammlers, die wie jedes Jahr den Sommer auf der griechischen Insel Hydra verbringt. Der Insel-Idylle, auch Fadesse genannt, kann sie sich erst entziehen, als sie sich mit Sam, einer Amerikanerin, anfreundet. Als die beiden eines Tages beschließen, einem gestrandeten syrischen Flüchtling zu helfen, setzen sie eine fatale Kettenreaktion in Gang.

Der Brite Lawrence Osborne erzählt in “Welch schöne Tiere wird sind” kühl von unbedachten Handlungen, die unvorstellbare Folgen nach sich ziehen. Gesellschaftsstudie und Krimi in einem – perfekt für den Urlaub. Aber halt leider auch nicht mehr. Denn so richtig wollte der Funken bei mir nicht überspringen. Man fühlt sich unweigerlich an Patricia Highsmith und “Der talentierte Mr. Ripley” erinnert, was mich aber eher störte.

Das eigentliche Problem bringt Tobias Gohlis auf den Punkt: “Die Tragödie im Mittelmeer produziert willige Spielzeuge für, so gesehen, läppische Kriminalintrigen.” Es liest sich irgendwie konstruiert, inszeniert: Das Bild der idyllischen Insel, auf der plötzlich ein Flüchtling landet. Das belebt die Phantasien der beiden Mädchen (oder wohl eher des Autors). Es wirkt nicht echt, sondern so, als wäre es ein cooles Setting für eine Geschichte, der es letztlich an Empathie mangelt.

Also wie gesagt, eine ideale Urlaubslektüre, aber allzu viel darüber nachdenken sollte man dann auch wieder nicht.

6 von 10 Punkten

Lawrence Osborne: “Welch schöne Tiere wir sind”, übersetzt von: Stephan Kleiner, Piper, 336 Seiten.

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Reinhard Kleindl: Stein

(c) Goldmann

Der österreichische Krimiautor Reinhard Kleindl tanzte bereits auf einer Slackline über die Victoriafälle. Wenn er in “Stein” über Angst schreibt, weiß er also, wovon er spricht. In dem Thriller geht es um einen Bankier, der viele Jahre zuvor entführt wurde und nun in einzelnen Körperteilen wieder auftaucht. Anja Grabner ermittelte ursprünglich in dem Fall, damals führten alle Spuren zu dem kleinen Ort Stein. Fünf Jahre später ist Anja zwar keine Polizistin mehr, aber immer noch auf der Suche nach der Wahrheit.

Mich hat der Thriller sehr an Kleindls österreichischen Kollegen Andreas Gruber (u.a. “Racheherbst”) erinnert. Kleindl mag im Vergleich noch ein wenig die Routine fehlen, aber das störte nicht unbedingt. Wer einen soliden Thriller erwartet, der wird mit “Stein” zufrieden sein. Mehr will das Buch auch nicht sein und von daher passt das ganz gut. Ich würde mir wünschen, dass sich die Figur der Anja Grabner in möglichen Folge-Bänden noch weiterentwickelt. Die Basis ist gut.

Mein größter Kritikpunkt: Dieses österreichische Kellerklischee (alles Böse scheint hierzulande dort stattzufinden) nervt mich schon etwas.

6 von 10 Punkten

Reinhard Kleindl: “Stein”, Goldmann Verlag, 447 Seiten, 10,30 Euro

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Andreas Pittler: Die Spur der Ikonen

(c) Gmeiner

Der Österreicher Andreas Pittler ist zweifellos einer der Vielschreiber der deutschsprachigen Krimizunft. Der Historiker hat sich vor allem mit seiner zeithistorischen Bronstein-Serie, die in Wien spielt, einen Namen gemacht. Aber damit nicht genug: 2016 ist dann sein umfassender historischer Roman “Der göttliche Plan” erschienen, Anfang 2017 “Wiener Kreuzweg”, der Auftakt seines Triptychons, und im März 2017 “Die Spur der Ikonen”. Im April erscheint nun “Wiener Auferstehung”, Teil zwei des Triptychons.

Ich befasse mich hier kurz mit “Die Spur der Ikonen”. In diesem Kriminalroman schreibt Pittler einfach die Geschichte Österreichs um: Was wäre geschehen, wenn es die Österreichische Demokratische Republik (ÖDR), nach dem Vorbild der DDR, gegeben hätte? Mit einer Mauer zwischen den Wiener Bezirken Wieden und Margareten!

Es mag nicht gerade ein besonders realistisches Szenario sein, aber Pittler ist nun einmal gelernter Historiker und er hat gut recherchiert. Daher macht dieser dünne Kriminalroman auch ziemlich viel Spaß. Denn Pittler nimmt alles nicht ganz so ernst. Es ist amüsant, wie er reale Personen wie Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer in seine fiktive Welt integriert und gleichzeitig eine solide Krimi-Handlung bietet. Denn seine Geschichte ist alles andere als lächerlich. Er erschafft sympathische Figuren in einer Welt, die es so (zum Glück) nie gegeben hat. Perfekte Unterhaltung für zwischendurch.

6 von 10 Punkten

Andreas Pittler: “Die Spur der Ikonen”, 281 Seiten, Gmeiner.

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Claus Probst: Die Jagd

(c) Fischer Taschenbuch

“Die Jagd” von Claus Probst ist ein klassischer Thriller, der sich aber auch nicht allzu ernst nimmt. Das einzige, was der Autor ernst nimmt: Seine Leser zu unterhalten. Das ist ihm meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Das Buch ist schnell verschlungen, allerdings wirkt es auch nicht großartig nach. Was aber ebenfalls nichts macht, denn manchmal ist es einfach schön, durch ein Buch zu rasen. Ob es klug ist, Vergleiche mit “Breaking Bad” und “Jason Bourne” aufzudrängen? Ich glaube eher nicht. Da kann man nur verlieren. Aber irgendwie will der Verlag das Buch natürlich vermarkten.

Worum es geht? Als ein harmloser Typ Zeuge eines grausamen Verbrechens wird, gerät sein Leben aus den Fugen. Claus Probst macht daraus allerdings kein ernstes Stück Kriminalliteratur, sondern ein komisches. Nein, was da abgeht, ist nicht realistisch. Und: Ja, der Autor überzieht mit seinem lockeren, humorvollen Erzählstil mitunter.

Manche Dialoge, Szenen und Bilder sind echt gelungen. Manche dann wieder weniger. Gegen Ende geht ihm auch ein wenig die Luft aus. Der Schluss ist ohnehin auch ein Kapitel für sich, wobei das auch viel Geschmackssache ist. Aber wie gesagt: Die perfekte Lektüre für zwischendurch.

6 von 10 Punkten

Claus Probst: “Die Jagd”, Fischer Verlag, 344 Seiten.

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Lee Child: Der letzte Befehl

(c) Blanvalet

Lee Childs Jack-Reacher-Thriller sind die perfekte Lektüre für den Urlaub. Ich bin da beim Lesen nicht ganz so anspruchsvoll und genieße gern Reachers politisch unkorrekte, leicht machomäßige (“Ich meine, die Kerle waren anfangs zu viert, und ich habe ihnen die Chance gegeben, mit Verstärkung zurückzukommen. Und was tun sie? Sie kreuzen mit zwei Mann mehr auf. Das war’s schon. Die Kerle sind nur zu sechst angetreten. Was hat das zu bedeuten? Das ist bewusste Respektlosigkeit.”) Welt. “Der letzte Befehl” zeigt uns laut Rückentext des Buches “die Geburt einer Thriller-Legende: Jack Reacher – wie alles begann!”.

Nun ja, allzu viel Neues erfährt man über Jack Reacher nun auch wieder nicht. Interessant ist vielmehr, dass das nun auf Deutsch vorliegende Buch eigentlich Nummer 16 der Reacher-Reihe ist, aber erst nach Abschluss der sogenannten Susan-Turner-Tetralogie als 18. Band erscheint. Zumindest dürfte ab nun die richtige Reihenfolge wiederhergestellt sein.

Aber zurück zu Reacher: Wie gesagt, viel Neues erfährt man nicht über ihn. Bloß die Ursprünge seiner Verhaltensweisen werden hier noch einmal erklärt. Etwa: Warum kauft sich Reacher immer wieder neue T-Shirts statt sie waschen zu lassen, wenn sie schmutzig sind? Ein wenig Reacher-Nostalgie sozusagen.

Auch spielt der Autor gekonnt mit Erwartungen. Zwar wird Reachers Bruder immer wieder erwähnt. Aber Child versteht es gekonnt, den Leser mit wenig neuen bis gar keinen Informationen zurückzulassen. Hier foppt er die Leser genußvoll, das sind schöne Schmähs für echte Reacher-Fans. Natürlich dürfen auch die oben erwähnten Schlägereien nicht fehlen.

Allerdings war mir das diesmal doch ein wenig zu schablonenhaft runtergeschrieben, über die ideenlosen Sexszenen will ich erst gar kein Wort verlieren. Recht phantasielos.

6 von 10 Punkten

Lee Child: “Der letzte Befehl”, übersetzt von Wulf Bergner, Blanvalet, 448 Seiten.

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Steve Hamilton: Das zweite Leben des Nick Mason

(c) Droemer

“Der Mann aus dem Safe” von Steve Hamilton ist bestimmt einer der herausragenden Kriminalromane des Jahrzehnts. Meine Vorfreude auf das Erscheinen von “Das zweite Leben des Nick Mason” war dementsprechend groß. Noch dazu, weil sich die Veröffentlichung über ein Jahr verzögert hatte. Mit Erwartungen ist das immer so eine Sache, wie sich das auch hier bestätigt.

Ich will nach der Lektüre nicht von einer Enttäuschung sprechen. Der Auftakt zu der Serie rund um Nick Mason ist solide. Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Man merkt, dass Hamilton ein Meister der Spannungsliteratur ist. Bloß im Vergleich zu dem eingangs erwähnten Buch fehlt etwas. “Der Mann aus dem Safe” hatte Charme. “Das zweite Leben des Nick Mason” wirkt dagegen glatt, kühl, konstruiert.

Aber worum geht es eigentlich? Nick Mason wandert nach einem misslungenen Coup für 25 Jahre im Gefängnis. Da macht ihm Darius Cole, der kriminelle Pate von Chicago, im Gefängnis ein Angebot, dem er nicht widerstehen kann. Wenn Nick sich verpflichtet, alles für ihn zu tun, paukt er ihn im Gegenzug rasch aus dem Gefängnis.

Kaum außerhalb der Gefängnismauern muss Nick rasch erkennen, dass er alles andere als frei ist. Quintero, Coles Handlanger, erklärt es Nick: “Das ist nicht die Freiheit. Das ist nur Bewegungsfreiheit. Verwechsel beides nicht.” Noch weiß Nick nicht, was er für Cole tun soll. Er denkt vor allem an seine Familie, bestehend aus seiner Ex-Frau und seiner Tochter. Doch diese gehören mittlerweile zu einer anderen Familie.

Nick wird in der Folge Dinge tun, die er nicht für möglich gehalten hätte. Er wird sich vom professionellen Verbrecher, der immer Gewalt scheute, in einen Killer verwandeln. Hier tun sich für mich auch Schwächen auf. Für mich ist diese Wandlung nicht ganz glaubwürdig. Das Überschreiten dieser Schwelle zum Töten geschieht meiner Meinung nach zu leicht. Nick fügt sich allzu leicht in seine neue Rolle, da gibt es zu wenig inneren Widerstand.

Mir ist das alles ein wenig zu konstruiert. Als wäre Hamilton nach einem Handbuch vorgegangen. Nick erhält ein Handy, auf dem er immer erreichbar sein muss, egal wo er gerade ist. Läutet dieses, muss er sofort aufbrechen. Das kennt man alles, etwa aus der TV-Serie “Nikita”. Der Handlanger Quintero hat offenbar seine eigene Vorgeschichte, von der man noch wenig erfährt. Zu sehr merkt man dem Buch an, dass es nur der Auftakt zu einer Serie ist. Vieles bleibt offen. Wie will sich Nick aus der aussichtslosen Situation befreien? Will er wirklich jahrelang für den Gangster weitermorden? Was ist mit seiner Tochter? Und wird ihm Quintero womöglich helfen?

Hamilton macht nichts falsch, handwerklich kann man ihm nichts vorwerfen. Aber es bleibt dieses Gefühl, dass etwas fehlt. Das war auch der Grund, warum ich gleich darauf “Ein kalter Tag im Paradies”, den Auftakt zu Hamiltons alter McKnight-Serie, gelesen habe – auch weil Stefan und Giesbert über diese Bücher sehr geschwärmt haben. Darüber erfahrt ihr in meinem nächsten Beitrag mehr.

6 von 10 Punkten

Steve Hamilton: “Das zweite Leben des Nick Mason”, übersetzt von Karin Diemerling, Droemer, 333 Seiten.

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Bernhard Aichner: Interview mit einem Mörder

(c) Haymon

(c) Haymon

Bernhard Aichners Krimis machen Spaß. Daran gibt es keinen Zweifel. Egal ob die Totenfrau-Thriller-Trilogie (der abschließende dritte Teil erscheint im Jänner 2017) oder die Max-Broll-Krimis. Egal ob Bestatterin oder Totengräber, Aichner hat seine stakkatohafte Sprache gefunden, die seine Geschichten rasant voranpeitscht. Gepaart mit vielen weißen Leerseiten entsteht das Gefühl, seine Bücher richtiggehend zu verschlingen.

Wow, schon wieder zehn Seiten geschafft. Und schon wieder zehn! Aichner hat das zur Perfektion getrieben. Das ist handwerklich eigentlich nicht mehr zu überbieten – das können nicht viele. Wer von einem Krimi unterhalten werden will, der ist bei Aichner absolut richtig.

Wem das allerdings nicht genügt, der sollte nun weiterlesen. Denn jetzt kommt das “Aber”.

Für mich ist das zu glatt, zu kalkuliert. Da reist Max Broll, der als einziger von der Schuld des Täters (der noch dazu auf seinen besten Freund geschossen hat) überzeugt ist, diesem zuerst per Zug und dann per Kreuzfahrtschiff nach, um ihn zu überführen. Ideal für jeden Buchhändler: Das empfiehlt sich als Lektüre für Zug- und Schiffsreisende. Und natürlich ist der Täter ein Deutscher, auch das erhöht die Leserschaft. Zudem soll jeder Dialog ein Knaller sein. Das unterhält und amüsiert, ermüdet aber auch. Denn manchmal ist weniger mehr.

Letztlich ist die Welt, die Aichner erschafft, künstlich. Das sind keine echten Menschen, keine echten Dialoge. Die Wahrhaftigkeit fehlt. Zu sehr ist Aichner auf überraschende Wendungen und das Außergewöhnliche fokussiert. Das driftet dann mitunter ins Comicartige ab. “Interview mit einem Mörder” liest sich stellenweise fast wie eine Abenteuerreise mit Tim und Struppi. Immer amüsant, immer unterhaltsam, aber auch völlig unglaubwürdig. Wie gesagt: Perfekte Realitätsflucht, perfekt für den Urlaub.

Letztlich geht es mir aber eben wie Marcus Müntefering, der auf “Spiegel Online” schreibt: “Auch mit Achterbahnfahrten werden Aichners Romane gern verglichen. Weil: ähnlich aufregend. Aber Achterbahnen werden irgendwann langweilig. Weil: fahren immer im Kreis.”

6 von 10 Punkten

Bernhard Aichner: “Interview mit einem Mörder”, Haymon Verlag, 288 Seiten.

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