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Candice Fox: Hades

(c) Suhrkamp

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2016 ist bisher ein sehr gutes Krimijahr. Ausnahmen bestätigen die Regel, heißt es. Tja, bei “Hades” handelt es sich für mich um einen solchen Ausreißer.

Dabei ist “Hades” der Auftakt einer hochgelobten Krimitrilogie, die bereits im September mit “Eden” ihre Fortsetzung finden wird. Mit Verwunderung habe ich daher auch zur Kenntnis genommen, dass es das Buch auf Platz sieben der aktuellen KrimiZeit-Bestenliste geschafft hat. Warum nur?

Aber beginnen wir damit, worum es geht: Hades ist ein mächtiger Unterweltboss in Sydney, der vor vielen Jahren zwei Kinder vor dem sicheren Tod gerettet hat. Nun sind die Geschwister erwachsen und versehen ihren Dienst bei der Polizei.

Hier möchte ich gleich einhaken: Wer meint, dass das an den Haaren herbeigezogen klingt, hat recht. Teilweise habe ich fassungslos weitergeblättert, weil ich es gar nicht glauben konnte.

Konkret lässt sich das an drei Punkten festmachen. Die Figuren funktionieren aus meiner Sicht überhaupt nicht. Das sind einfach keine lebensechten Charaktere, ich habe keinen Draht zu ihnen gefunden. Das beginnt schon bei dem unsympathischen Ich-Erzähler Frank, betrifft aber vor allem die drei Hauptfiguren Hades sowie Eden und Eric Archer. Alle drei sind mehr oder weniger Psychopathen. Wenn wenigstens Ironie wie bei Ken Bruen an Bord wäre – aber nein, Fehlanzeige.

Die Handlung ist unglaubwürdig. Zwei wohlbehütete Kinder, die Grausames ansehen müssen und denen Furchtbares angetan wird, geraten in die Obhut des Unterweltbosses von Sydney. Dieser wird dann ihr Lehrer, der diese beiden durch und durch psychisch kranken Kinder in den Dienst der Allgemeinheit zwingt, indem er sie zur Polizei schickt. Puuh, echt jetzt? Klingt ein bissl nach “Departed”.

Gewalt dient der Effekthascherei. Man könnte diese Geschichte auch anders erzählen, aber es geht wohl vor allem darum für Gänsehaut zu sorgen, Tabus zu brechen und Gewalt als Stilmittel einzusetzen. Früher hat mich das nicht so gestört, doch angesichts der Gewalt, die uns nun schon fast tagtäglich heimsucht, habe ich keinen Bedarf an zusätzlichen Gewaltphantasien.

Hier zeigt sich meiner Meinung nach gut, was passiert, wenn der Plot zu absurd ist: Das killt schlicht die Spannung. Irgendwann hat mich das alles nicht mehr interessiert, ich war genervt und ich habe das Buch nur mehr fertiggelesen, in der Hoffnung, ich könnte meine Meinung noch durch irgendeine geniale Wendung ändern.

Vielleicht tue ich dem Buch ja unrecht, aber ich fand einfach keinen Zugang. Zumindest bin ich nicht der einzige, dem es so ergangen ist. “Wortgestalt” spricht mir aus der Seele: “Was mag da wohl kommen, dachte ich mir, so eine schöne Ausgangssituation, es geht um Rache, Vergeltung, Gerechtigkeitsdefinitionen, alles nicht unbekannt, aber voller Optionen! Dabei blieb es dann aber auch. Bei den Optionen. Groß genutzt wurden keine.” Auch der “Schneemann” bricht in keine Begeisterungsstürme aus, ihm gelingt es aber, sich mit dem Buch zu versöhnen.

Ich finde aber, man deutet da einfach zu viel hinein. Ich kann nicht erkennen, dass Fox ein geniales Spiel mit Versatzstücken treibt. Sie nimmt sich mal von da und mal von dort. Ich finde das in diesem konkreten Fall nicht gelungen, es wirkt billig. Aber letztlich ist das ja auch alles legitim. Fox will Bücher verkaufen und das soll sie auch. Nur werde ich zumindest diese Trilogie nicht weiterlesen. Ich finde im Interview, das Alf Mayer mit der Autorin geführt hat, wird ganz gut klar, wie dieses Buch entstanden ist. Da sagt sie: “Ich schrieb, was ich wollte, ob ich nun veröffentlicht würde oder nicht. In dieser Phase trotziger innerer Freiheit entstand ‘Hades’ – und es zu schreiben war ein großer, glorioser Spaß.” Das glaube ich ihr. Nach über 200 Ablehnungen muss das ein erhabenes Gefühl sein, das ich ihr absolut gönne.

Ich bin ohnehin überzeugt, dass diese Trilogie ihre Leser finden wird. Für Fans wilder Serienkiller- oder Horror-Thriller ist das wohl das gefundene Lesevergnügen – und vermutlich wird sogar ein Hollywood-Vielteiler daraus. Aber für mich ist das Kapitel erledigt.

2 von 10 Punkten

Candice Fox: “Hades”, übersetzt von Anke Caroline Burger, Suhrkamp, 343 Seiten, 15,50 Euro.

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Anthony Horowitz: Trigger Mortis

(c) Cross Cult

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Pure Fan-Fiction. So könnte man den neuen James-Bond-Roman “Trigger Mortis” von Anthony Horowitz zusammenfassen. Aber auch nur, wenn man etwas Positives darüber sagen will. Wer mehr erwartet, wird enttäuscht. Ja, dieses Buch trifft Ton und Stil von 007-Schöpfer Ian Fleming perfekt, aber gleichzeitig ist das auch seine große Schwäche. Denn während man Flemings Bücher im Kontext der Zeit verstehen kann, bleibt man bei “Trigger Mortis” ein wenig fraglos zurück. Ist das jetzt wirklich ernst gemeint? Die böse Organisation Smersch im Jahr 2015 – und das ganz ohne Ironie? Flemings offener Rassismus?

Ja, das ist ernst gemeint, wie Horowitz im Nachwort erklärt: “Das bedeutet, dass es sich bei einigen der Beschreibungen und Dialoge in Kapitel zwei tatsächlich um Flemings eigene Arbeit handelt. Es waren nicht mehr als vier oder fünfhundert Worte, aber für mich war es sowohl eine Inspiration als auch ein Ausgangspunkt.”

Blicken wir also in Kapitel zwei – und ich kann nur hoffen, dass auch folgende Zeilen aus Flemings Feder stammen:

“Es war nur ein weiteres Beispiel für die unglaubliche Kaltblütigkeit und Verachtung, die so typisch für die slawische Rasse zu sein schienen.”

Eigentlich unglaublich, aber so steht es im Buch. Da ist das simple Frauenbild, das hier gezeichnet wird, noch verkraftbar (“Bond hätte einen tieferen Ausschnitt und etwas weniger Stoff am Oberteil bevorzugt”). Der Superböse, (dessen Namen ich längst vergessen habe, ach ja, Nordkoreaner ist er auch noch) nervt mit seinen Karten, die darüber bestimmen, welche Todesart seine Gegner erleiden müssen. Er sagt superböse Sätze wie “Ich bestrafe Sie, weil Sie bestraft werden müssen, aber ich persönlich empfinde dabei nichts”. Das ist schon alles furchtbar einfallslos, das hat man schon so oft gesehen und gelesen.

Der Plot ist bestenfalls platt, die Sportwagen-Rennszene am Nürburgring ließ mich sogar kurz daran denken, die Lektüre zu beenden. Das ist einfach nur lächerlich. Fast schon lustig, wenn es sich nicht doch irgendwie ernst nehmen würde.

Die Lebendig-begraben-Szene endet mit viel Pathos und Moral: “Bond war der Hölle eines Grabs entkommen, in das man ihn lebendig gesteckt hatte, und hatte weder etwas von seinem inneren Selbst noch von seiner Menschlichkeit eingebüßt. Das war der Unterschied zwischen ihnen. Und der Grund, warum er gewinnen würde.” Fein, wenn sich Gut und Böse so leicht trennen lassen und dann noch solche Dinge daraus ableiten lassen.

Und nein, ich habe kein generelles James-Bond-Problem. Ganz im Gegenteil, William Boyds Versuch “Solo” hat mich 2013 durchaus begeistert. Boyd konnte James Bond (als Menschen, nicht als überlebensgroße Figur) und seinem ewigen Dilemma neue Facetten abgewinnen. Auch Jefferey Deavers Bond-Abstecher konnte ich einiges abgewinnen.

Ach ja, dass Pussy Galore auftaucht, macht es auch nicht besser, im Gegenteil. Aber wenn ich mir die Amazon-Bewertungen ansehe, habe ich das Gefühl, ein anderes Buch gelesen zu haben. Dort bekommt das Buch durchwegs gute Noten. Also macht euch am besten selbst ein Bild.

2 von 10 Punkten

Anthony Horowitz: “Trigger Mortis”, übersetzt von Stephanie Pannen, 380 Seiten, Cross Cult.

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