Ryan Gattis: Das System

(c) Rowohlt Hundert Augen

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich einen Autor nach nur zwei erschienenen Büchern zu einem meiner Lieblingsautoren zähle. Bei Ryan Gattis ist das aber der Fall. Sowohl “In den Straßen die Wut” als auch sein Nachfolger “Safe” haben mich perfekt auf Lesereise mitgenommen. Und gleich vorweg: Auch bei seinem neuesten Buch “Das System” war das nicht anders. Auf diesen Autor ist Verlass.

Spielt “In den Straßen die Wut” direkt zur Zeit der Unruhen im April 1993 in Los Angeles nach den Vorfällen rund um die Misshandlung von Rodney King durch Polizisten, handelt das aktuelle Buch von Geschehnissen im Dezember 1993. Im Zentrum der Handlung steht “Dreamer”, der unschuldig im Gefängnis landet, weil er eines Mordversuchs bezichtigt wird. Wie schon in seinen beiden Büchern davor erzählt Gattis aus multiperspektivischer Sicht: neben jener von Dreamer aus jener der Ex-Freundin, seines vermeintlich besten Freundes Wizard, des Anwalts, der Staatsanwältin, eines Polizisten, eines Junkies und jenes Bewährungshelfers, aufgrund dessen Falschaussage Dreamer im Gefängnis sitzt. Diese Art der Erzählweise hat sich der Autor zu einer Art Markenzeichen gemacht.

Das erbarmungslose Gefängnissystem der USA

Anschaulich schreibt Gattis vor allem über eines: Das titelgebende “System” – das erbarmunglose Gefängnissystem in den USA. In den 1990er Jahren beginnt sich die Macht der Gangs von der Straße in die Haftanstalten zu verlegen. Dort wird bestimmt, was zu geschehen hat. Als Dreamer ins Gefängnis wandert, hat er – will er überleben – keine andere Wahl, als die Regeln dieses Systems zu akzeptieren. Er muss seine Rolle einnehmen, ob er will oder nicht. Er muss sich unterordnen und auch Gewalt anwenden. Anderenfalls wird er tot sein, ehe vor Gericht seine Unschuld bewiesen werden kann. Sein knasterfahrener Kumpel Wizard steht ihm zur Seite, und dennoch wird Dreamer erkennen müssen, dass sich der Begriff Freund im Gefängnis relativiert. Wenn er Schwächen zeigt oder sich auf die falsche Seite stellt, kann ihm auch der beste Freund nichts helfen. Nicht zufällig ist einem der Kapitel ein Zitat von Charles Bukowski vorangestellt: “Wenn du wissen willst, wer deine Freunde sind, dann lass dich einbuchten.”

Dreamer reift hinter Gittern zu einem jungen Mann heran, der schnell lernen muss, wie hart die Realität aussehen kann. Als Individuum wirst du im Gefängnis ausgelöscht, du bist Teil deiner Gang. Etwas anderes gibt es nicht. Gewalt ist nicht nur eine Option, sondern Überlebensbedingung. Er erkennt dabei, was wichtig ist, was zählt. Dennoch stellt sich ihm die Frage: Wird er so lange überleben können, bis er wieder selbstbestimmt darüber entscheiden kann, was er mit seinem restlichen Leben macht? Wird er seine zweite Chance überhaupt erhalten?

Gattis neigt dabei niemals zu Sentimentalitäten, sein Buch will auch keine beherzte Anklageschrift gegen das Gefängnissystem sein. Durch seine Perspektivenwechsel will er nicht die eine Wahrheit erzählen, sondern zeigen, aus wie vielen unterschiedlichen Puzzleteilen die Wahrheit besteht. Er seziert das “System” messerscharf und offenbart es als das, was es ist: Ein unbarmherziges, ungerechtes System zur Aufbewahrung schuldiger, aber oft auch unschuldiger Menschen. Oder, wie es an einer Stelle des Buches heißt: “Zellen sind einfach große Schließfächer, bloß für Menschen.”

9 von 10 Punkten

Ryan Gattis: “Das System”, übersetzt von Ingo Herzke und Michael Kellner, Rowohlt Hundert Augen, 542 Seiten.

Leave a comment

Filed under Rezensionen

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s