Frank Göhre: Verdammte Liebe Amsterdam

„Am zwanzigsten kurz nach neun nahm Schorsch den Anruf entgegen.“ Mit diesem unprätentiösen Satz beginnt Frank Göhres nur 168 Seiten schmaler Kriminalroman „Verdammte Liebe Amsterdam“. Es ist ein Telefonat, das das Leben von Schorsch Köster verändern wird. Denn der Anrufer setzt ihn darüber in Kenntnis, dass sein Bruder Michael tot auf einem Rastplatz aufgefunden wurde. „Nah stand er ihm schon lange nicht mehr, aber wie auch immer, er war das einzige noch lebende Familienmitglied gewesen.“ Schorsch begibt sich also auf eine Spurensuche, die ihn auch mit seinen eigenen düsteren Geheimnissen konfrontieren wird.

In Rückblenden erzählt der Autor von der Beziehung zweier Brüder, die niemals eine einfache war. Er schreibt davon, wie sie sich nach dem Tod der Mutter gegen die neue Frau an der Seite des Vaters zur Wehr setzen mussten und wie es sie beide, als Jugendliche und auch als Erwachsene, zur gleichen egoistischen Frau hinzog.

Beeindruckendes Krimi-Destillat

Zehn Jahre sind vergangen, seit Göhres letzter Roman „Der Auserwählte“ erschienen ist. Anderen Krimiautoren könnte man angesichts der geringen Seitenanzahl vielleicht vorwerfen, dass ihnen nichts eingefallen sei, doch der 76-jährige Autor ist ein Meister der wenigen Worte. Er braucht keine 400 oder 600 Seiten, um zu beweisen, was er kann. Sein Buch ist ein beeindruckendes Krimi-Destillat, das im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht. Vergleichbar ist es vielleicht am ehesten mit den Werken des außergewöhnlichen US-Autors James Sallis.

Der deutsche Krimi-Veteran befreit sich von jeglichem Wörterballast und bleibt immer am Punkt. Er treibt seine Geschichte voran, die Köster zur soeben zur Polizistenwitwe gewordenen Martina, deren neuem Freund Klaus – noch dazu einem Kollegen des Verstorbenen – und deren verschwundener Tochter Suse führt. Hat der Tod seines Bruder mit dem Verschwinden des 15-jährigen Mädchens zu tun? Und wo ist das Mädchen jetzt?

Göhre verbindet die Leben dieser Figuren und erzählt aus mehreren Perspektiven. Es sind vor allem seine präzisen Beschreibungen, sein Gespür für das Detail, die seine schlichten Sätze zu kriminalliterarischen Leckerbissen machen. Er muss nicht endlos das Aussehen von Martinas goldenem Kleingarten-Käfig schildern, um die alltägliche Ödnis begreifbar zu machen. „Die Gartenstühle waren mit der Lehne an die Tischplatte gekippt, der Grill musste gesäubert werden, und auch sonst gab es draußen wie drinnen einiges zu tun.“ Und ihr Sexleben? „Blömke drang in sie ein, erschlaffte rasch und knutschte sie wild ab, Mund, Hals, Brüste.“

Fast ein lupenreiner Noir

Dennoch frönt das Buch keineswegs der gepflegten Tristesse. Milieustark schreibt der Autor über Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise zu überleben versuchen. Liebe wird, wenn sie nicht überhaupt unausgesprochen bleibt, durch wenige Worte und kleine Gesten erkennbar.

Und zwischendurch leuchten immer wieder Sätze wie folgender: „Schorsch kippte den lauwarmen Wodka runter, Vergangenes wurde gegenwärtig, Gegenwärtiges wurde zum Spiegel des Vergangenen.“ Wunderbar.

Das Fazit? Wären da nicht die letzten beiden Sätze, man könnte „Verdammte Liebe Amsterdam“ als lupenreines Stück Noir bezeichnen. Doch die letzten Zeilen warten dann eben doch mit einem wohligen Gefühl bösartiger Gerechtigkeit auf.

10 von 10 Punkten

Frank Göhre: “Verdammte Liebe Amsterdam”, CulturBooks Verlag, 168 Seiten.

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