Lisa McInerney: Blutwunder

(c) Liebeskind

Voriges Jahr ist Lisa McInerneys Debüt “Glorrreiche Ketzereien” erschienen. Ich habe das Buch nicht gelesen – definitiv ein Fehler. Denn “Blutwunder”, Band zwei ihrer in Cork spielenden Unterwelt-Trilogie, hat mich auf allen Ebenen überzeugt. Die Irin blickt vor allem tief in das Herz ihrer Figuren, da ist nichts Schablonenhaftes dabei.

Es beginnt schon mit dem ersten Satz:

„Wie so vieles, was Ryan verkackt, geht es mit Ecstasy los.“

Und so viel sei verraten, Kleindealer Ryan Cusack wird so gut wie alles verkacken. Die Hauptfiguren sind weitgehend dieselben wie bei “Glorreiche Ketzereien”, deren chaotische Lebensumstände ebenfalls. Wer geglaubt hat, dass Cusack, der schon im Debütroman immer tiefer abgerutscht ist, nicht noch weiter sinken kann, der wird sein Wunder erleben.

Denn als ihn Langzeitfreundin Karine abserviert, torkelt Ryan noch vor der Tür des Nachtclubs in die Arme von Natalie, mit der er umgehend Sex haben wird. Beziehungsprobleme werden aber schon bald seine geringste Sorge sein. Ein paar Beispiele gefällig? Sein Boss, der aufstrebende Drogendealer Dan Kane, übt Druck auf ihn aus. Ein mit der neapolitanischen Camorra eingefädelter Ecstasy-Deal läuft schief. Und ausgerechnet Kanes Konkurrent Jimmy Phelan, der die Drogengeschäfte in Cork kontrolliert, will Ryan, über den er belastende Dinge weiß, für seine Interessen nutzen. Von der Lebensmüdigkeit nach dem Tod seiner Mutter sowie dem schwierigen Verhältnis zu seinem dahinvegetierenden Vater, Tony, gar nicht erst zu reden.

Ryan, der nette Dealer von nebenan

Herausragend ist, dass McInerney zwar von trostlosen Milieus erzählt, niemals aber das Gefühl von Tristesse aufkommt. Ihre Bücher als Krimigrotesken zu bezeichnen, würde ihnen aber ebenso wenig gerecht werden wie irgendwelche anderen verkaufsträchtigen Image-Stempel. McInerney hat die irische Hafenstadt Cork auf die Krimi-Landkarte geholt und damit Ähnliches geleistet wie Adrian McKinty für das nordirische Belfast. Während McInerneys Bücher für den lokalen Tourismusverband aber eher das Worst-Case-Szenario darstellen dürften, profitieren die Leser von ihrem feinen Gespür für Menschen und Details. Empathisch porträtiert sie Dealer, Prostituierte und Sozialhilfeempfänger als facettenreiche Persönlichkeiten, die einen zweiten Blick wert sind – mit all ihren hässlichen wie liebenswerten Seiten.

Lisa McInerney beschreibt präzise und verurteilt nicht. Das alles geschieht mit einer Lässigkeit und Leichtigkeit, die staunen lässt. Ryan betreibe „das Geschäft junger, wilder Kerle überall auf der Welt“, heißt es an einer Stelle, „das Verschieben illegaler Rauschmittel aus seinen prekären Kreisen in die Hände, Münder und Nasen derer, die es besser wissen sollten“. Er gebe sich „großkotzig, um den Umstand zu verbergen, dass er weder frei atmen noch gut schlafen kann“.

Es ist der ganz eigene, schräge Blick der Schriftstellerin auf die Dinge, der so angenehm abweicht von all den durch Creative-Writing-Schulen gegangenen, angepassten Kriminalschriftstellern, die vorhersehbare, nach immer gleichen Formeln und Mustern funktionierende Spannungsromane produzieren. Die Figuren sind nicht auf Funktionen reduziert. Die Irin porträtiert Unterweltbosse als Söhne, Dealer als verliebte Narren und Frauen generell als selbstbewusste Störenfriede männlich dominierter Gesellschafts- und Unterweltstrukturen.

Lisa McInerney bei der Wiener Kriminacht

Vor wenigen Tagen, am 15. Oktober, hat Lisa McInerney im Zuge der Kriminacht in Wien in der Hauptbücherei aus ihrem Buch gelesen – in Anwesenheit des irischen Botschafters übrigens, der betonte, beide Bücher gelesen zu haben. Es ist immer wieder spannend, Autoren und Autorinnen, die man nur von irgendwelchen kleinen Fotos im Buch kennt, tatsächlich aus ihren Werken lesen zu hören/sehen. Das macht deren Bücher einfach noch einmal begreifbarer.

McInerney betonte ihr Prinzip: “Character first”, der Plot sei nur zweitrangig. Das kann man beim Lesen spüren, wobei ich auch den Plot überzeugend fand. Sehr interessant auch, dass sich die Autorin ihrer Figur Maureen am nähesten fühlt – diese könnte eine ältere, hexenhafte Ausgabe von ihr selbst sein, meinte sie scherzend. An ihrer Hauptfigur Ryan verzweifle auch sie selbst immer wieder, dennoch mache es Spaß ihn bei seiner literarischen Abwärtsspirale zu begleiten. Über das Schreiben generell sagte sie, das schönste Gefühl sei das abschließende, ein Buch geschrieben zu haben. Das Schreiben selbst sei schwere Arbeit, sie zwinge sich daher auch tagtäglich zu den gleichen Zeiten an den Schreibtisch. Zum Glück! Ach ja, der abschließende Teil der Trilogie sei so gut wie fertig und liege in den Händen ihres Lektors. Noch eine gute Nachricht also.

10 von 10 Punkten

Lisa McInerney: “Blutwunder”, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind, 336 Seiten.

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